Wolf Creek 2 - Brutalität und australische Weite als Spiegel einer zerrissenen Männlichkeit
Einleitung
Wolf Creek 2 tritt an als Fortsetzung eines Films, der sich längst jenseits seines Genre-Status als starker kultureller Befund etabliert hat. Die Rückkehr des Protagonisten-„Antagonisten“ funktioniert nicht nur als Horrorsequenz, sondern als narbige Projektion kollektiver Ängste: über das Fremde, über die Einsamkeit der Landschaft und über die Persistenz gewalttätiger Männlichkeitsentwürfe. Insofern ist der Film relevant, weil er an einem neuralgischen Punkt der Popkultur ansetzt, an dem Sensationslust und die Auseinandersetzung mit realer Brutalität sich unvermeidlich berühren.
Regisseur Greg McLean, der bereits den ersten Wolf Creek verantwortete, nutzt die Fortsetzung, um seine filmische Handschrift zu präzisieren. Wo der erste Film noch als klaustrophobische, beinahe dokumentarisch süffisante Entdeckung des Bösen im australischen Outback gelesen werden konnte, sucht die zweite Episode eine Intensivierung der Erfahrung - in Tempo, in Brutalität und in der Auslotung einer Landschaft, die zugleich Horizont und Falle ist. McLeans Arbeit bleibt dabei dem Prinzip praktischer Effekte und einer unverblümten Inszenierung von Gewalt verpflichtet - ein Formwillen, der sowohl konfrontiert als auch provoziert.
Die Veröffentlichung 2014 fiel in eine Phase, in der Horrorfilme wieder verstärkt als soziale Kommentatoren gelesen wurden. Wolf Creek 2 verhandelt, ohne vordergründige Moralisierungen, Voraussetzungen des Tourismus, die Verletzlichkeit von Reisenden und die Folgen einer Staatsferne in dünn besiedelten Regionen. Damit spricht der Film über ein spezifisch australisches Problem hinaus und wird zu einer Reflexion über öffentliche Räume, Verantwortlichkeit und die mediale Instrumentalisierung von Angst.
Kurzüberblick zur Produktion
Wolf Creek 2 entstand als australische Produktion unter der Leitung von Greg McLean, der das Stoff-Universum des Originals weiterführte. Charakteristisch für McLeans Regie ist eine reduzierte, auf Landschaft und Körperlichkeit fokussierte Bildsprache: lange Einstellungen, die die Weite der Umgebung dokumentieren, werden durch intensive Nahaufnahmen von Verletzung und Erschöpfung gebrochen. Die Produktion operierte mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln; statt großer Spezialeffekte setzt der Film auf praktische Tricks, jeweilige Orte im Outback und ein klares, fast dokumentarisches Produktionsdesign.
Die Dreharbeiten profitierten von dieser ökonomischen Präzision, weil sie die realen Härten des australischen Hinterlandes nutzbar machten: Hitze, Staub und endlose Horizontlinien werden zu dramaturgischen Mitteln. In der Werkbiografie McLeans nimmt Wolf Creek 2 die Rolle einer konsequenten, wenn auch eskalierenden Fortschreibung des ersten Films ein. Er ist weniger Neuanfang als Zuspitzung, eine Fortführung, die das zentrale Motiv - die Begegnung mit einem irrationalen, aber organisierten Bösen - in physischer und narrativer Hinsicht schärft.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
John Jarratt kehrt als Mick Taylor zurück, eine Figur, die sich in der modernen Horrorliteratur als Archetyp des charmant-bösartigen Täters etabliert hat. Jarratt gibt Taylor eine lakonische, berechenbare Präsenz; sein Spiel ist weniger von Gestik als von einem subkommunikativen Selbstverständnis der Figur geprägt. Dieses wiederkehrende Rollenbild hat Jarratt international sichtbar gemacht und fungiert hier als magnetischer Dreh- und Angelpunkt des Films.
Ryan Corr verkörpert eine der zentralen Gegenspielerfiguren. Corr, in der australischen Filmszene längst kein Unbekannter, steht für die junge Generation, die in der Fremde auf die Härte der Welt trifft. Shannon Ashlyn und Philippe Klaus vervollständigen das Ensemble der Reisenden; ihre Figuren repräsentieren unterschiedliche soziale und kulturelle Zugänge zum Outback und werden dadurch zu Trägern verschiedener Perspektiven, die der Film systematisch gegeneinander ausspielt. Veteranen wie Gerard Kennedy fügen eine lokale, ambivalente Autoritätsebene hinzu, ohne dass das Ensemble in stereotype Gegensätze zerfällt.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film setzt auf ein simples, aber effektives dramaturgisches Prinzip: eine Gruppe von Menschen kommt in eine entlegene Region des Landes, und die Idylle verwandelt sich Schritt für Schritt in ein Terrain der Gefahr. Im Zentrum steht der Konflikt zwischen den Fremden - Touristen oder Reisende - und einem Einheimischen, dessen Handeln sich von den etablierten Normen der Zivilgesellschaft entfernt hat. Das aufeinanderprallen dieser beiden Welten generiert eine eskalierende Spannung, die weniger aus Überraschungen als aus der Unentrinnbarkeit der Situation gewonnen wird.
Wichtig ist, dass der Film die Dynamik des Verfolgtwerdens mit einer ästhetischen Ruhe versieht: Die Kamera verweilt auf Landschaftsbildern, aber auch auf Momenten intimer Angst. Die Struktur ist episodisch, dialektisch zwischen Ruhephasen und exzessiven Gewaltmomenten. Damit wird eine konstante atmosphärische Doppelbödigkeit erzeugt - die unermüdliche Weite des Outbacks als Kontrapunkt zur Enge der unmittelbaren Bedrohung.
Zentrale Themen und Motive
Wolf Creek 2 stellt Fragen nach Verantwortung, Sichtbarkeit und der Grenze zwischen Recht und persönlicher Entscheidung. Der Film arbeitet mit dem Motiv der Reise als Zerreißprobe - nicht nur körperlich, sondern auch moralisch. Die outback-Landschaft fungiert als Chiffre für nationale Mythen: Unabhängigkeit, Härte, aber auch Vernachlässigung. In dieser Landschaft wird Gewalt nicht nur als affektives Ereignis, sondern als kulturelles Symptom inszeniert.
Ein weiteres zentrales Thema ist die Inszenierung des Bösen als Alltäglichkeit. Mick Taylor ist kein übernatürlicher Schrecken, sondern ein Produkt von Normalität - eine Aussage, die die Zuschauer in die Nähe der Mitverantwortung rückt. Der Film lotet zudem die Faszination des Zuschauers an der Gewaltdarstellung aus und konfrontiert ihn mit der Frage, wie viel Voyeurismus in der Rezeption solcher Filme liegt. Schließlich thematisiert Wolf Creek 2 die Grenzen institutioneller Schutzsysteme in peripheren Räumen und die Fragilität jener Normen, auf die man sich im urbanen Leben zu verlassen glaubt.
Filmkritik von Peter Osteried
Wer sich in den Wolf Creek National Park begibt, kommt darin um
Pro Jahr verschwinden in Australien 30.000 Menschen. Mehr als 90 Prozent von ihnen werden innerhalb eines Monats wiedergefunden, doch der Rest bleibt verschwunden. Schon mit Wolf Creek fand man heraus, wer für einen Großteil der fehlenden 3.000 Menschen verantwortlich ist: Mick Taylor macht Jagd auf Touristen und lässt sie, nachdem er Monatelang mit ihnen „Spaß“ hatte, im Outback verschwinden. Und nun ist er zurück.
Zwei deutsche Touristen trampen durch den Wolf Creek National Park und treffen nachts auf Mick Taylor. Er bietet ihnen an, sie mitzunehmen, aber irgendwas erscheint den beiden Deutschen an ihm nicht koscher zu sein. Sie haben Recht, denn Mick rammt dem Mann ein Messer in den Leib und möchte danach die Frau vergewaltigen. Sie kann jedoch entkommen und trifft auf der Straße den Briten Paul, der versucht, ihr zu helfen. Aber da er damit Mick sein Spielzeug genommen hat, zieht er den Zorn des irren Jägers auf sich. Was folgt, ist eine Tortur, die Paul bis an seine Grenzen bringt.
Greg McLean, der schon den ersten Film verantwortet hat, dreht bei seinem Sequel noch mal kräftig auf. Wo das Original recht langsam begann und sich Zeit nahm, um die Figuren vorzustellen, geht Wolf Creek 2 gleich in die Vollen. Eine Notwendigkeit, die daraus resultiert, dass es gar keinen Zweifel mehr gibt, was für ein Schlag Mensch Mick Taylor eigentlich ist. Augenscheinlich hatte McLean auch ein größeres Budget zur Verfügung, was er für eine Sequenz nutzt, die in irrlichterndem Irrsinn ausartet, dem Film langsam aber sicher den realistischen Boden unter den Füßen wegreißt, aber ein echter Hingucker ist. Als Mick mit einem Lastwagen sein armes Opfer verfolgt, erinnert das in erster Linie an Duell – bis dann eine ganze Herde von Känguruhs die Straße kreuzt!
Den Regeln eines Sequels folgend ist hier alles größer, härter und auch brutaler. Im letzten Drittel spielt Mick sein Spielchen mit Paul, eine Art „Wer wird Millionär?“, aber ohne Joker, dafür mit fiesen Strafen, wenn die falschen Antworten gegeben werden – oder Mick die Antworten schlichtweg nicht gefallen. Das ist harter Tobak, wirkt aber bei weitem nicht mehr so authentisch wie beim ersten Film, weil der von John Jarratt gespielte Mick immer mehr zum fast schon mythisch verbrämten Monster á la Freddy Krueger wird. Dass weder die Performance noch der Film gänzlich kippen und dennoch einen bitteren Grundton bewahren, liegt vor allem an Jarratt, der es versteht, Mick wie eine Art bösen Zwilling von Crocodile Dundee erscheinen zu lassen. Er ist die Quintessenz dessen, wie man sich klischeehaft einen Australier vorstellt, aber vielleicht lässt er seine Opfer auch gerade deswegen so bluten. Mehr noch als im Original kommt hier Micks ausländerfeindliche Ader zum Ausdruck. Das war eine bewusste Entscheidung der Autoren, die dem Zuschauer damit zusätzlichen Grund liefern, den Jäger zu verabscheuen.
Wer mit Wolf Creek 2 noch nicht genug hat – und des Englischen mächtig ist – kann sich zudem in zwei Prequel-Romane vertiefen, die Greg McLean, Aaron Sterns und Brett McBean geschrieben worden sind. „Origin“ erzählt davon, wie Micks Schwester starb und er wurde, wer er ist, während er in „Desolation Game“ im Vietnamkrieg in Grausamkeit geschult wird und das Neuerlernte nach der Rückkehr in die Heimat auch umsetzt. Deutsche Veröffentlichungen dieser Romane scheinen momentan nicht angedacht zu sein.
Hiesige Fans des Mannes, den Quentin Tarantino „einen der großartigsten Horrorfilm-Schurken der letzten 25 Jahre“ genannt hat, müssen vorerst also mit Wolf Creek 2 vorliebnehmen, einem Film, der wie schon sein Vorgänger die trostlose Leere des australischen Hinterlandes effektiv einsetzt, um die tragischen Protagonisten immer weiter zu isolieren. Das ist rau und spannend umgesetzt, auch wenn es in diesem Film im Gegensatz zum Original schon einige Szenen gibt, deren Logik zumindest angezweifelt werden darf. Das ist einerseits in der Szene zu bemerken, als Paul in einem Haus Zuflucht findet, andererseits im Finale, das eine ungewöhnliche Überraschung parat hält, aber natürlich auch die Glaubwürdigkeit strapaziert. Immerhin ist es höchst unwahrscheinlich, dass Mick Taylor noch lange auf freiem Fuß bliebe, so wie er hier agiert, aber dass ihm das gelingt, mag das mythische Ambiente dieser Figur unterstreichen. Mick Taylor ist ein Mann, den man liebt zu hassen. Er ist der Stoff, aus dem nicht nur die Albträume, sondern auch große Horror-Schurken gemacht sind.

