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Wie der Wind sich hebt

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kritiken.de Redaktion 17.07.2014
Wie der Wind sich hebt© Universum Film GmbH
A ca. 1538 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Wie der Wind sich hebt: Ästhetik, Verantwortung und die Ambivalenz technischer Sehnsucht

Einleitung

Hayao Miyazakis Wie der Wind sich hebt tritt in sein spärliches Gesamtwerk als eine Art späte, kontemplative Abrechnung mit den Mitteln, die ihm sein Leben verschafften: die Erzählung vom Fliegen, vom Traum, vom technisch-künstlerischen Schaffen. Der Film ist nicht nur wegen seines Veröffentlichungszeitpunkts 2013/2014 bedeutsam, sondern weil er thematisch die Fragen bündelt, die Miyazakis langjährige Zuschauer in seinen fantastischen Bildern stets begleitet haben - nur diesmal mit einem realhistorischen Protagonisten und einer ernsteren, fast dokumentarischen Grundierung.

In der jüngeren Filmgeschichte steht Wie der Wind sich hebt als ein seltenes Beispiel dafür, wie Animationsfilm als erwachsene Reflexionsfläche fungieren kann. Die filmische Form bleibt handwerklich dem Studio Ghibli verpflichtet, zugleich öffnet Miyazaki Räume für politische und ethische Überlegungen, ohne didaktisch zu werden. Das macht den Film relevant für cineastische Debatten um die Rolle des Künstlers in kriegerischen Epochen, um die Verantwortung von Technikentwicklung und um das Verhältnis von Traum und Verantwortung.

Gleichzeitig ist der Film ein Zeugnis seines Entstehungszeitraums. In einer Phase globaler technologischer Beschleunigung und wachsender Debatten über die moralische Steuerbarkeit von Innovationen wirkt Miyazakis Meditation über Erfinder und ihre Produkte bemerkenswert zeitgemäß. Die filmische Sprache bleibt lyrisch, doch ihr Ton ist leiser, nachdenklicher und dadurch insgesamt eindringlicher als in populären, actionorientierten Animationsströmungen.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Hayao Miyazaki - ein Name, der in der Animationsgeschichte für eine unverwechselbare Mischung aus Tradition, phantastischer Bildsprache und humanistischer Erzählhaltung steht. Wie der Wind sich hebt ist von Miyazaki persönlich initiiert und realisiert worden; es handelt sich um eine Adaption seiner eigenen Manga-Interpretation eines Romans von Tatsuo Hori, lose verknüpft mit der historischen Biographie des Flugzeugkonstrukteurs Jiro Horikoshi.

Produziert wurde der Film von Studio Ghibli, das sich in diesem Projekt erneut der klassischen, handgezeichneten Animation verschrieb. Die Arbeiten zeichneten sich durch akribische Recherche an historischen Details und Flugmechanik aus - eine handwerkliche Gegenwehr gegen die vorherrschende CGI-Ästhetik. Kompositorisch und atmosphärisch trägt Joe Hisaishis Musik wesentlich zum Ton bei, indem sie die melancholische Grundstimmung und die Aufstiegsbilder kongenial begleitet.

Innerhalb von Miyazakis Oeuvre nimmt der Film eine Sonderstellung ein: Er wird oft als späte, selbstreflexive Arbeit gelesen, die die wiederkehrenden Motive seines Schaffens - Flug, Kindheit, Technik, moralische Ambivalenz - in eine realistischere, historisch verankerte Form überführt. Die Entscheidung für eine eher nüchterne, weniger fantasiereiche Inszenierung markiert zugleich einen Abschlussakkord und eine Konzentration auf die zentralen Fragestellungen seines Schaffens.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

In der internationalen Wahrnehmung des Films spielte die englischsprachige Synchronfassung eine große Rolle, wobei Joseph Gordon-Levitt dem Protagonisten Jiro Horikoshi seine Stimme leiht. Gordon-Levitt ist bekannt aus Hollywood-Produktionen, in denen er häufig ruhige, introspektive Figuren spielt, was seiner Interpretation des träumerisch-engen Ingenieursprofil gerecht wird. Emily Blunt spricht in der englischen Fassung die weibliche Hauptfigur Naoko Satomi - eine Rolle, die in ihrer stillen Präsenz den filmischen Ton der Zärtlichkeit und des Verlusts trägt.

Parallel dazu besitzt die japanische Originalfassung ein eigenes, prominentes Stimmensemble - unter anderem mit Hideaki Anno, dessen Präsenz als Sprecher eine meta-kulturelle Dimension aufruft, weil Anno selbst als Regisseur und Visionär der japanischen Anime-Landschaft bekannt ist. In beiden Sprachfassungen ist das Konzept, identitätsstarke Stimmen gegen die filigrane Bildsprache zu setzen, bewusst gewählt: Das Ensemble aus internationalen und japanischen Sprechern verleiht dem Werk eine Synchronizität von Intimität und Distanz.

Weitere namhafte Stimmen in der englischen Fassung - darunter Schauspieler mit starkem persönlichem Timbre - übernehmen Nebenrollen, die das soziale und technische Umfeld des Protagonisten zeichnen: Kollegen, Vorgesetzte, Vorbilder und Kontrahenten. Diese Figuren bleiben selten plakativ, sie dienen vielmehr als Spiegel für die Ambivalenz seiner Erfindungen und für die sozialen Mechanismen, die Technik in Gang setzen und legitimieren.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film begleitet das Leben eines jungen Mannes mit einem ungewöhnlichen Traum: er will Flugzeuge entwerfen, die Schönheit des Fliegens ermöglichen. Aus der Anfangsphase als Träumer und Student entwickelt sich eine Karriere als Konstrukteur, deren Produkte zunehmend in einen historischen Kontext eingebettet werden: militärische Nutzung und die politischen Verwerfungen der Zeit wirken auf die Gestaltung der Maschinen ein.

Im Zentrum steht der dramatische Konflikt zwischen ästhetischer Sehnsucht und moralischer Verantwortung. Die erzählerische Struktur legt Nahe an eine Dekade überspannende Biografie, ohne jedoch zum klassischen Biopic zu verkommen; stattdessen verwebt Miyazaki private Lebensbilder - Liebe, Krankheit, Freundschaft - mit der öffentlichen Dimension von Technologieentwicklung. Die Tonalität ist überwiegend melancholisch und still, durchzogen von Momenten lyrischer Erhebung, die vor allem in den Flugszenen kulminieren.

Zentrale Themen und Motive

Wie der Wind sich hebt stellt elementare Fragen nach der Stellung des Schöpfers in der Welt seiner Schöpfungen. Technik wird nicht ausschließlich als Mittel zur Emanzipation dargestellt, sondern als ambivalentes Instrument, das zugleich Schönheit und Zerstörung hervorbringen kann. Der Film thematisiert die Verantwortung des Ingenieurs - nicht als moralisch eindeutige Schuldzuweisung, sondern als komplexe Verstrickung in historische Prozesse, in denen Intention und Wirkung auseinanderfallen können.

Philosophisch berührt der Film die Spannung zwischen Traum und Wirklichkeit: die imaginären Begegnungen mit einer Gestalt von Vittorio or Giovanni Battista Caproni fungieren als innere Dialoge über das Recht und die Grenzen kreativer Sehnsucht. Gesellschaftlich artikuliert sich die Frage, wie Nationen und Industrien die Freiheitsversprechen von Technik für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren. Psychologisch untersucht der Film die Einkehr eines Einzelnen in sein Handwerk und die Folgen, die persönliche Entscheidungen für andere haben.

Formal arbeitet Miyazaki mit wiederkehrenden Motiven - dem Himmel, dem Flug, mechanischen Details und Nahaufnahmen von Händearbeit - um eine Dialektik von Intimität und Monumentalität herzustellen. Das Ergebnis ist eine Animation, die weniger das Spektakel sucht als die Reflexion, weniger das Abenteuer als die Tragik einer Epoche. In diesem Sinne bleibt der Film ein anspruchsvoller Beitrag zur Debatte über Kunst, Technik und Verantwortung - ein Werk, das zum Nachdenken einlädt, ohne einfache Antworten zu liefern.

Filmkritik von Peter Osteried

Mit Wie der Wind sich hebt verabschiedet sich Hayao Miyazaki vom Publikum

Die Wehmut ist eingebaut, denn schon im Vorfeld gab Hayao Miyazaki, der große japanische Altmeister des Zeichentricks, bekannt, dass Wie der Wind sich hebt sein letzter Film sein würde. Er hat sich dafür einen Stoff ausgesucht, der abseits der phantastischen Welten vieler seiner anderen Filme funktioniert, aber nichtsdestotrotz von der Kraft der Träume zeugt.

Jiro Horikoshi ist schon als kleiner Junge von Flugzeugen fasziniert. Doch er will sie nicht fliegen, er will sie bauen. Wie sein großes Vorbild, der italienische Ingenieur Caproni, möchte auch er wunderschöne Flugzeuge entwickeln und damit seinen Beitrag leisten, Japan aus der Rückständigkeit, in der es gefangen ist, zu befreien. Wofür die Flugzeuge, die er entwirft, genutzt werden, ist ihm dabei weniger wichtig, als die Tatsache, dass sie entstehen.

Miyazaki hat auch das Drehbuch dieses Films, der auf einem Manga und natürlich auf der wahren Geschichte des Mitsubishi-Ingenieurs Jiro Horikoshi basiert, geschrieben. Er entgeht aber den Fallstricken, die mit einer ganz normalen Film-Biographie einhergehen, sondern befasst sich mit dem, was sein Werk schon immer ausgezeichnet hat: der Fähigkeit zu träumen. So beginnt Wie der Wind sich hebt auch folgerichtig mit einem Traum und endet auch mit einem solchen. Dazwischen begibt sich Jiro immer wieder auf diese Bewusstseinsebene, die so viel mehr verheißt, als es die Realität wirklich vermag.

Miyazaki arbeitet sich nicht an den Kriegsbemühungen der Japaner ab, er lässt sie gar in den Hintergrund treten, setzt dabei aber auf die Kraft der Implikation und die Intelligenz seiner Zuschauer. Instinktiv erkennt man den Konflikt, in dem sich Jiro befindet, auch wenn er ihn selbst so bewusst gar nicht wahrnehmen kann oder will. Was er baut, sind Träume, die töten werden. Die Entwicklung der Luftfahrt war – wie so viele technologische Errungenschaften – in erster Linie auch durch die Förderung des Militärs möglich. Das macht den Erfinder zu einer tragischen Figur, da er eigentlich etwas Schönes, etwas Erhabenes, etwas Grandioses erschaffen will, das die Welt nicht nur zu einem kleineren Ort werden lässt, sondern die Menschen auch positiv beeinflussen kann. Aber unmittelbar ist das, was er ersinnt, nur ein Werkzeug des Todes, eine Erkenntnis, vor der Miyazaki nicht die Augen verschließt, sondern sie zum Ende des Films, kurz vor Jiros finalem Traum, mit schmerzhaften Bildern der Vernichtung deutlich werden lässt.

Ins Melodramatische schlittert der Film ein wenig mit der Geschichte um Jiro und seine große Liebe, die unheilbar kranke Nahoko, er findet aber die genau richtige Emotionalität, um den Zuschauer zu berühren. Darüber hinaus erzählt Miyazaki seine Geschichte mit imposanten Bildern. Das Erdbeben, das Tokio erschüttert, ist in seiner Wirkung beeindruckend umgesetzt.

Man hätte die Geschichte von Wie der Wind sich hebt auch anders erzählen können, aber Miyazaki entschloss sich zu einer Romantisierung, was Japan wie ein Märchenland erscheinen lässt. Mit dem wohlwollenden Blick es Alters sieht Miyazaki zurück, auf eine Zeit, in der die Unschuld erst noch verloren werden musste. Die düsteren Seiten von Japans Großmachtträumen verschweigt er nicht, er deutet sie stark genug an, damit sich der intelligente Zuschauer ein Bild machen kann. Aber ihm geht es weniger um die Aufarbeitung jener Ära als um das, was sie hätte sein können: Eine Zeit der Wunder, die jedoch zu Albträumen wurden.

Wie der Wind sich hebt ist vielleicht nicht Miyazakis bester, aber wohl sein reifster Film, der eine menschliche Geschichte erzählt, die so wohl nur in Japan entstehen konnte. Jedes andere Land und jedes andere Studio hätte daraus einen Realfilm gemacht, aber Miyazaki zeigt, wie immens die Möglichkeiten des Anime sind, der auch erwachsene Geschichten erzählen kann.

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