Vacation - Wir sind die Griswolds: Nüchterne Rekonstruktion einer amerikanischen Familienkatastrophe im Komödienkanon
Einleitung
Vacation - Wir sind die Griswolds tritt in einen doppelten kulturellen Spannungsbogen: Einerseits ist er Teil einer ikonischen US-Komödienreihe, die seit den 1980er Jahren mit der Figur des Clark Griswold ein Bild von amerikanischer Familienidylle und deren Skurrilitäten gezeichnet hat. Andererseits erscheint der Film in einer Dekade, die von Remakes, Reboots und ironischer Nostalgie geprägt ist. Das Produkt ist weniger ein Versuch, das Original zu kopieren, als vielmehr ein Kommentar auf dessen Fortleben im Zeitalter fragmentierter Erinnerungen und medialer Selbstreferenz.
Regie führten John Francis Daley und Jonathan Goldstein, deren Hintergrund im skriptbasierten, modernen Studiokino liegt. Beide haben sich als Drehbuchautoren einen Namen gemacht, bevor sie zu Regisseuren wurden, und ihr Zugang ist geprägt von einem Gleichgewicht aus handwerklicher Präzision und popkulturellem Selbstbewusstsein. In Vacation offenbaren sich ihre Vorlieben für straffes Timing, situative Eskalation und das Spiel mit Genreerwartungen.
Die Relevanz des Films liegt weniger in der Erfindung neuer komödiantischer Formen als in der Spiegelung gegenwärtiger gesellschaftlicher Befindlichkeiten. Familienbilder, Konsumkultur und die Sehnsucht nach authentischer Erfahrung werden hier als Fundstücke einer vergangenen Popkultur entfaltet und zugleich ironisiert. In einem medial übersättigten Klima fungiert Vacation als Versuch, die komische Energie der Vorlage in ein zeitgenössisches Format zu übersetzen, das mit Selbstironie und genretypischen Eskalationen arbeitet.
Kurzüberblick zur Produktion
Vacation ist eine studiogestützte Wiederbelebung einer etablierten Marke und wurde innerhalb der großen Produktions- und Vertriebsstrukturen realisiert. Regie führten John Francis Daley und Jonathan Goldstein, für die dieser Film das erste größere Regieprojekt im Spielfilmformat darstellt; beide kannten die Mechanik amerikanischer Komödien aus ihrer Arbeit als Autoren. Die Handschrift des Regie-Duos zeigt sich in einer rhythmischen Inszenierung, die körperlichen Slapstick und dialogische Pointe verbindet, sowie in einer Vorliebe für komische Set-Pieces, die visuelle Klarheit erfordern.
Die Produktionsumstände orientieren sich an klassischem Studio-Know-how: klares Genreprofil, starbesetzte Nebenrollen und ein Budgetrahmen, der es erlaubt, aufwendigere Sequenzen wie Road?Movie?Episoden und Show?Setups zu realisieren. Der Film positioniert sich damit als kommerziell kalkulierte, zugleich kreativ handwerklich umgesetzte Fortsetzung, die sowohl Anhänger der Originalreihe als auch ein jüngeres Kinopublikum ansprechen soll. Innerhalb des Griswold-Kanons markiert er eher eine zeitgenössische Fortschreibung als eine radikale Neudefinition.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Im Zentrum steht Ed Helms, der als erwachsener Rusty Griswold den Generationenwechsel symbolisiert. Helms ist dem Publikum als präzise getimter Komiker aus Serien- und Kinokontexten bekannt und bringt die Mischung aus Unsicherheit und bemühtem Optimismus mit, die seine Figur benötigt. Christina Applegate verkörpert die Ehepartnerin, deren pragmatischer Gegenpol dem zentralen Antrieb des Protagonisten eine Bodenhaftung verleiht; Applegate trägt eine professionelle Erfahrung im ambivalenten Spiel zwischen Komik und Pathos in die Rolle.
Die erneute Präsenz von Chevy Chase und Beverly D'Angelo fungiert als verbindendes Element zur frühen Franchisegeschichte: Ihre Cameo-Auftritte lesen sich als Echo der Originalfiguren, die nun als mythische Vorstufen der gegenwärtigen Familienkonstellation auftreten. Daneben bereichern eine Reihe bekannter Gesichter aus dem Komödien- und Charakterfach das Ensemble. Chris Hemsworth liefert eine kurzzeitige, aber markante Erscheinung, die mit dem Erwartungsraum großer Starauftritte spielt. Komiker wie Keegan-Michael Key, Nick Kroll und Michael Peña bringen unterschiedliche komödiantische Register ein, von improvisatorischer Energie bis zu parodistischen Überzeichnungen.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film erzählt, ohne ins Detail zu gehen, von einer modernen Familie, die sich auf einen klassischen Road-Trip begibt. Ausgangspunkt ist das Bestreben des Familienvaters, ein nostalgisch aufgeladenes Ideal zu reproduzieren - ein bewusstes Motiv, das die Reise als Prüfung und Projektion zugleich ausweist. Auf dem Weg entstehen Begegnungen, Missverständnisse und Eskalationen, die weniger eine stringente Handlung im dramatischen Sinn verfolgen, als vielmehr die Mechanik der Komödie durch eine Reihe von Konfrontationen und Set-Pieces vorantreiben.
Der dramatische Konflikt liegt nicht in einem einzelnen Antagonisten, sondern in der Spannung zwischen Erwartung und Realität: zwischen dem Bild, das der Protagonist von der perfekten Familienerfahrung hat, und den chaotischen, oft peinlichen Bedingungen der Wirklichkeit. Die zentralen Figuren sind die Kernfamilie und die wieder auftauchenden Figuren aus ihrer Vergangenheit; sie agieren in einem Tonraum, der zwischen slapstickhafter Überzeichnung und melancholischer Subtilität oszilliert. Die Atmosphäre ist laut, bunt und gelegentlich derb, doch immer auf eine Weise inszeniert, die den Momenten von Menschlichkeit Raum gibt.
Zentrale Themen und Motive
Vacation verhandelt Fragen nach Erinnerung, Repräsentation und dem Gewicht familiärer Mythen. Nostalgie fungiert hier nicht als reiner Komfort, sondern als Prüfstein, der die Widersprüche einer konsumorientierten Gesellschaft freilegt: Die Suche nach echtem Erleben kollidiert mit dem Setting kommerzieller Vergnügungsorte und orchestrierter Erinnerungsangebote. Der Road-Trip als Motiv bleibt dabei eine Semantik der Suche - nach Identität, nach Anschluss an eine verlorene Form von Authentizität und nach dem Beziehungsgefüge innerhalb der Familie.
Psychologisch betrachtet beschäftigt sich der Film mit der Inszenierung von Vaterschaft und Männlichkeit in einer Zeit, in der traditionelle Rollenbilder zunehmend hinterfragt werden. Die Figur des Rusty fungiert als Projektionsfläche für Hoffnungen, Versäumnisse und die Komik persönlicher Fehlversuche. Formal wiederkehrende Motive wie das Auto, der Highway und der Vergnügungspark arbeiten als Symbole für Mobilität, Konsum und die Ambivalenz des amerikanischen Traums.
Filmisch nutzt Vacation das Mittel der Self?Reflexivität: Cameos, Anspielungen und die bewusste Wiederaufnahme ikonischer Bilder aus der Franchisegeschichte erzeugen ein Spiel mit Erwartung und Erinnerung. Die Regie funktioniert dabei wie ein Übersetzer zwischen den komödiantischen Gesten vergangener Jahrzehnte und den kodierten Erwartungen eines heutigen Publikums, das gleichzeitig Sehnsucht nach Vertrautem und Lust an der Dekonstruktion hegt.
Filmkritik von Peter Osteried
Wir sind die Griswolds – und darum versinkt jeder Urlaub im Chaos
Es ist schon einige Jahre her, seit die Familie Griswold zuletzt auf Reisen war. Nun geht es mit Vacation – Wir sind die Griswolds weiter, nicht aber in Form eines Remakes oder Reboots, sondern einer echten Fortsetzung. Die nächste Generation ist unterwegs. Clarks Sohn Rusty (Ed Helms) möchte an alte Zeiten anknüpfen, packt seine Familie in ein Auto und auf geht es auf die 2.500 Meilen lange Fahrt nach Walley World.
Man könnte dementsprechend argumentieren, dass dieser neue Film nur wiederholt, was es seinerzeit bei Die schrillen Vier auf Achse(1983), dem ersten Teil der Reihe, gab, aber es sind doch reichlich Unterschiede vorhanden. Das fängt schon mit der Familie selbst an, die nun eben aus Rusty, seiner Frau Debbie (Christina Applegate) und zwei Jungs bestehen. Die Dynamik ist damit eine andere, insbesondere, wenn man sieht, wie die Jungs sich bekriegen. Davon abgesehen funktioniert dieser Streifen natürlich schon nach demselben Muster wie die Vorgänger. Das heißt: Überdrehter Humor ist in rauen Mengen vorhanden. Die Struktur ist dabei episodisch, da die Griswolds auf ihrer Reise immer wieder zum Stopp kommen und dann etwas passiert.
Nicht jeder Gag funktioniert, manche verpuffen im Nichts (der Großteil dessen, was mit dem albanischen Auto der Griswolds geboten ist), aber dafür gibt es mehr als genug Lacher, die das locker ausgleichen. Ed Helms erweist sich als würdiger Nachfolger von Chevy Chase, auch Christina Applegate hat die Lacher auf ihrer Seite. Die Söhne sind hingegen schauspielerisch durchwachsen, aber auch das hat gute Tradition – die Kids in den früheren Filmen waren auch nicht immer perfekt.
Dafür gibt es das erwartbare Wiedersehen mit Chevy Chase und Bevery D’Angelo zum Ende des Films, das kurz, aber herzlich und lustig ist, und einen grandiosen Cameo-Auftritt, der mit dem Subplot rund um den Trucker zu tun hat, der die Griswolds durchs ganze Land jagt. Die humoristisch größte Überraschung stellt aber wohl Chris Hemsworth dar, der als Audreys Ehemann und damit Rustys Schwager zwar nur wenige Szenen hat, die aber ganz und gar beherrsch. Der Mann ist lustig, der kann weit mehr als nur Action-Helden spielen!
Der Humor ist natürlich nie subtil, hier wird mit der groben Kehle einschenkt. Aber das war früher nicht anders und funktioniert auch hier bestens. Vacation – Wir sind die Griswolds ist ein großer Spaß für die ganze Familie!

