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Dritte Person

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kritiken.de Redaktion 04.12.2014
Dritte Person© Sony Pictures Germany
A ca. 1324 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Dritte Person - Verflochtene Intimitäten und moralische Scherben im urbanen Ensemble des Paul Haggis

Einleitung

Dritte Person ist ein filmisches Geflecht, das die vertraute Ambition eines erzählerischen Ensembles mit der Intimität psychologischer Dramen verbindet. Der Film behauptet nicht, einfache Antworten anzubieten; vielmehr inszeniert er Beziehungsfragmente als kaleidoskopische Perspektiven, in denen Wahrheit, Schuld und Vergebung ständig verschieben. In einer Zeit, in der das Publikum zunehmend an vernetzte Erzählformen gewöhnt ist, reiht sich Dritte Person in eine Welle von Kinoarbeiten ein, die die Komplexität moderner Nähe thematisieren.

Für sein Publikum bleibt der Film deshalb relevant, weil er Symptome einer postmodernen Beziehungsordnung untersucht: medial vermittelte Identitäten, juristische wie emotionale Verdächtigungen und die Schwierigkeit, Intimität in urbanen Räumen zu stabilisieren. Paul Haggis nutzt das Ensemble nicht als bloßes Stilmittel, sondern als prismatischen Zugang zu moralischen Fragen, die über die einzelnen Affären hinausweisen. Der Film fordert zur Lesart heraus, die Chronologie und Kausalität weniger als lineare Mechanismen denn als interpretative Konstruktionen begreift.

In der Konstellation von Starbesetzung und europäischen Drehorten reflektiert Dritte Person zugleich einen Filmmarkt, der zunehmend international und koproduktiv arbeitet. Diese Verflechtung von US-amerikanischer Erzähltradition mit einem europäischen Sinn für Kontemplation erzeugt eine Tonalität, die zwischen Hollywood-Politur und arthausiger Zurückhaltung oszilliert. Das Resultat ist ein Werk, das sich bewusst an ein kultiviertes Publikum wendet, das narrative Mehrdeutigkeit nicht als Schwäche, sondern als dramaturgische Herausforderung liest.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Paul Haggis, ein Autor-Regisseur, der sich durch seine Vorliebe für ensemblehafte Großformate und moralisch aufgeladene Stoffe auszeichnet. Bekannt geworden ist Haggis vor allem durch seine Arbeit an Crash, einem Film, der Kollisionslinien zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft zeichnete. Haggis setzt in Dritte Person seine methodische Neugier fort, indem er mehrere Liebesgeschichten parallelisiert und das Publikum zum aktiven Montage-Leser macht.

Produziert als internationale Koproduktion zwischen den USA, Großbritannien, Deutschland und Belgien, orientiert sich die Produktion an einem Modell, das grenzüberschreitende Finanzierung und europäische Drehs favorisiert. Die Mahlzeit aus großstädtischen Schauplätzen, prominenter Besetzung und formaler Ambition verweist auf ein mittleres Budget, das ausreichend Spielraum für Locationwechsel und anspruchsvolle Schauspielerdekonstruktionen ließ, ohne die Ökonomie eines reinen Indie-Produkts zu beanspruchen. Innerhalb von Haggis' Gesamtwerk steht Dritte Person für eine späte, reflektiertere Phase, in der das Genre des Liebesfilms in Richtung analytischer Gesellschaftsbeobachtung verschoben wird.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung verbindet junge und etablierte Namen zu einem Ensemble, das die vorgesehenen Spannungen zwischen Nähe und Distanz trägt. Mila Kunis bringt hier die Fähigkeit zur sensiblen Ambivalenz ein, die sie in Rollen gezeigt hat, in denen Komik und Verletzlichkeit dicht beieinander liegen. James Franco positioniert sich als emotional komplexer Protagonist, der bereits früher eine Vorliebe für Rollen zeigte, in denen Selbstdarstellung und innere Zerrissenheit kollidieren. Olivia Wilde ergänzt das Bild als Figur, deren äußerer Pragmatismus von innerer Unruhe unterminiert wird.

Liam Neeson liefert die ruhige Autorität eines Schauspielers, der in Dritte Person eine weniger actiongeladene, dafür psychologisch dichte Seite ausspielt. Kim Basinger und Adrien Brody übernehmen tragende Nebenpartien, in denen Reputation, Begehren und existentielle Einsamkeit ihre Erzähllasten tragen. Maria Bello, Caroline Goodall und weitere Ensemblemitglieder sorgen für Nuancen in den Wechselbeziehungen. Anstatt starre Typen zu spielen, interpretieren die Darstellerinnen und Darsteller Figuren, die gerade in ihrer Unsicherheit ihre Dramaturgie entfalten.

Handlung (spoilerfrei!)

Dritte Person entfaltet parallel mehrere Handlungsstränge, die in urbanen Zentren angesiedelt sind und jeweils unterschiedliche Facetten von Liebe und Verdacht ausloten. Im Zentrum stehen Paare und Einzelne, die mit Vertrauensbrüchen, juristischen Auseinandersetzungen und dem Problem politischer sowie persönlicher Integrität ringen. Die narrative Architektur ist so gebaut, dass einzelne Begegnungen und Geständnisse sich wechselseitig beleuchten, ohne die Erwartung linear aufzulösen.

Der dramatische Konflikt entsteht weniger aus äußeren Katastrophen als aus der Spannung zwischen erzählten Wahrheiten und der Realität, die den Figuren gegenübersteht. Zentrale Figuren agieren entweder als Betroffene, die um die Deutungshoheit ihrer Vergangenheit ringen, oder als Beobachter, die versuchen, ihre Rolle in fremden Geschichten zu verstehen. Atmosphäre und Ton des Films sind von einer kühlen Melancholie geprägt; Kameraführung und Schnitt betonen distanzierte Nähe, immer wieder sichtbar in Nahaufnahmen, die Intimitäten vergegenwärtigen, ohne sie vollständig preiszugeben.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern stellt Dritte Person Fragen nach der Verfügbarkeit der Wahrheit in zwischenmenschlichen Beziehungen. Wer darf eine Geschichte erzählen und inwieweit wird durch die Erzählung selbst die Wirklichkeit geformt? Haggis interessiert weniger die moralische Simplifizierung als die Ambivalenz von Schuld und Selbstrechtfertigung. Der Titel verweist auf eine Erzählperspektive, die nicht unmittelbar involviert ist und doch die Tendenz hat, Urteile zu fällen.

Weitere Motivkreise betreffen die Inszenierung von Geschlecht und Macht, die Präkarität familiärer Bindungen und die Art und Weise, wie Institutionen - von der Justiz bis zu den Medien - emotionale Konflikte kanalisieren oder verschärfen. Psychologisch betrachtet lotet der Film die Sehnsucht der Figuren nach Versöhnung mit sich selbst; philosophisch stellt er Fragen zur Bedingtheit von Erinnerung und Schuld. Formal operiert Dritte Person mit Spiegelungen und Wiederholungen, die das Thema der Perspektive nicht nur inhaltlich, sondern auch inszenatorisch durchspielen.

Filmkritik von Peter Osteried

Wer ist die Dritte Person in Paul Haggis‘ neuem Film?

Wenn Paul Haggis ruft, kommen die Stars. Seine Geschichten sind für sie im Grunde auch ideal, so mannigfaltig und zahlreich, dass sie gar nicht so viel Zeit aufwenden müssen. Wie bei seinem großen Hit L.A. Crash erzählt Haggis auch mehrere Geschichten, die, wenn man es genau betrachtet, eigentlich nur eine sind.

Der Schriftsteller Michael (Liam Neeson) ist in einem Hotel in Paris, wo er sein neuestes Buch beenden will. Er hat seine Frau Elaine (Kim Basinger) verlassen und trifft sich mit seiner Affäre Anna (Olivia Wilde), einer ambitionierten Journalistin, die Ambitionen hat, selbst Schriftstellerin zu werden. Zur selben Zeit trifft der amerikanische Geschäftsmann Scott (Adrien Brody) in Italien auf eine Frau, deren Geld gestohlen wird, das sie aber benötigt, um ihr Kind nachzuholen. Scott will ihr unbedingt helfen, aber ist alles so, wie es scheint? Julia (Mila Kunis) ist eine ehemalige Daily-Soap-Schauspielerin, die so abgebrannt ist, dass sie als Zimmermädchen arbeiten muss. Sie befindet sich in einem hässlichen Sorgerechtsstreit mit ihrem Ex Rick (James Franco), einem berühmten Künstler. Aber sie droht, diesen Rechtsstreit zu verlieren.

Haggis, der seinen Film in den Cinecitta-Studios gedreht hat, wo man auch die New Yorker Szenen doubeln musste, hat mit seinem neuesten Film nicht unbedingt viel Lob eingestrichen. Die Kritik war, um es gelinde zu sagen, nicht sehr gnädig mit Dritte Person. Es ist leicht erkennbar, warum das so ist, hat der Film doch offensichtliche Schwächen, nicht zuletzt die, dass die drei Geschichten keine echte Verbindung zueinander haben.

Stattdessen laufen sie parallel nebeneinander her, sind dabei aber auch von unterschiedlicher Güte. Die eine ist interessanter als die andere, aber allen ist gemein, dass sie über die Laufzeit von mehr als zwei Stunden etwas Leerlauf mit sich bringen. Interessant wird Dritte Person erst, wenn man ihn nicht als Episodenfilm liest, sondern sich auf die von Haggis intendierte Metaebene einlässt. Denn dies ist kein gewöhnlicher Episodenfilm, es ist eine einzige Geschichte, die eines Mannes, der mit seiner Phantasie versucht, die eigene Schuld zu verarbeiten.

Alles, was man zwischen der ersten und letzten Szene sieht, ist nicht real, es ist alles nur ein Produkt der Phantasie des von Liam Neeson gespielten Schriftstellers, der erfundene Figuren, vielleicht auch echte Menschen, denen er begegnet ist, in seine Geschichte einfließen lässt. Eine Geschichte, in der es um Vertrauen und Verlust geht, die für ihn aber vor allem dazu da ist, die eigene Schuld zu rationalisieren. In einer Schlüsselszene zwischen Neesons und Wildes Figuren wird erklärt, dass der Autor an einer Geschichte über einen Autor schreibt, der seine Gefühle nur durch die von ihm erfundenen Charaktere ausdrücken kann. Nichts anderes geschieht bei Dritte Person, bei dem die Figuren Transformationen durchlaufen, teilweise auch ganz aus der Narrativen getilgt werden, wenn der Autor sie nicht mehr benötigt.

Haggis‘ Film ist nicht das Meisterwerk, das er sich wohl erträumt hat, aber er ist weit interessanter, als es auf den ersten Blick erscheint. Der Filmemacher nutzt den Umstand, dass das Publikum diese Art Film von ihm erwartet, nur um eine gänzlich andere Gangart einzuschlagen. Ein cleverer Schachzug, der Dritte Person letzten Endes doch sehenswert macht.

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