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The Virgin Suicides

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kritiken.de Redaktion 16.11.2000
The Virgin Suicides© Bildrechte beim jeweiligen Verleiher / Promotional Material (siehe Impressum)
A ca. 1761 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

The Virgin Suicides: Sofia Coppolas poetische Rekonstruktion von Vorstadttod und jugendlicher Erinnerung

Einleitung

The Virgin Suicides steht am Schnittpunkt von Coming-of-Age-Erzählung und kollektivem Erinnerungsbild. Als filmische Adaption eines populären Romans rekurriert der Film weniger auf narrative Erklärung als auf atmosphärische Verdichtung: Er verwandelt die Wahrnehmung einer Vorstadtgemeinschaft in ein ästhetisches Feld, in dem Fragen von Begehren, Fremdheit und Verlust resonieren. Gerade deshalb blieb der Film in der kulturellen Debatte präsent - nicht als dokumentarische Rekonstruktion eines Ereignisses, sondern als Untersuchung dessen, wie Gruppenereignisse mythisch werden.

Für die Regisseurin Sofia Coppola markiert der Film den Ausgangspunkt einer Handschrift, die sich seither wiederholt: eine Präferenz für Stimmungsräume, die Arbeit mit Pastelltönen, eine distanzierte, fast sakrale Kamera, und die Betonung der Innenperspektive jugendlicher Protagonistinnen. In diesem frühen Werk sind bereits die Themen angelegt, die Coppola in späteren Filmen weiter auslotet - Entfremdung in privilegierten Milieus, die Problematik weiblicher Sichtbarkeit und die Spannung zwischen Oberfläche und Innenleben.

Der zeitliche Kontext des Films spielt dabei eine doppelte Rolle. Formal positioniert er sich in der Indie-Ästhetik der späten 1990er Jahre, simultan aber blickt er nostalgisch auf eine amerikanische Vorstadt der 1970er Jahre zurück. Diese doppelte Perspektive - nostalgische Verklärung und kritische Distanz - macht den Film relevant für eine Diskussion über die kulturelle Verarbeitung von Jugend, Traumata und medialer Erinnerung in einer postmodernen Kultur.

Kurzüberblick zur Produktion

Als Spielfilmdebüt einer Tochter des etablierten Hollywood-Kinos weckt The Virgin Suicides besondere Erwartungshaltungen. Coppola wandelt diese Erwartung in eine souveräne, eigenwillige Regiearbeit um: weniger durch spektakuläre Inszenierung als durch minutiöse Komposition. Die filmische Sprache setzt auf langsame Einstellungen, sorgfältig komponierte Interieurs und ein Klangbild, das Stimmungen mehr transportiert als Handlungsdetails. Die Zusammenarbeit mit kommerziell wie ästhetisch sensiblen Musikern und einer präzisen Kameraarbeit trägt entscheidend zur Tonalität bei.

Produziert im Rahmen eines unabhängigen Umfelds, positioniert sich der Film zwischen Arthouse und zugänglichem Erzählen. Die Festivalaufführungen des Films trugen dazu bei, die Arbeit Coppolas als ernstzunehmende Regisseurin zu etablieren. Innerhalb ihres Gesamtwerks fungiert The Virgin Suicides als Grundriss: viele später wiederkehrende Motive und formale Entscheidungen lassen sich hier erstmals in kristallisierter Form beobachten.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum des Films steht ein Ensemble, das die Ambivalenz seiner Figuren durch präzise Zurückhaltung ausdrückt. Kirsten Dunst, bereits als Jugendliche in größeren Produktionen präsent, tritt hier als prägnante, sinnlich aufgeladene Figur hervor und wird zur ikonischen Verkörperung einer jugendlichen Erscheinung, die zugleich Objekt und Subjekt von Blicken ist. Ihre Darstellung arbeitet weniger mit dramatischem Pathos als mit nuancierten Gesten und einer charisma geladenen Präsenz.

James Woods und Kathleen Turner bringen in den Elternfiguren eine distanzierte Autorität ein, die das familiäre Setting prägt. Ihre Figuren wirken weniger als individuelle Charakterstudien denn als symbolische Träger von Normen und Beschränkungen. Josh Hartnett, zu jener Zeit im Aufbruch als junger Schauspieler, steht für die externen Projektionen der Nachbarschaft - die männliche Faszination, die nicht in ästhetischer Symmetrie zur Innenwelt der Mädchen tritt, sondern sie spiegelt und mythologisiert.

Die übrigen Darstellerinnen, darunter mehrere junge Schauspielerinnen, formen ensemblehaft die Figurengruppe, deren kollektive Präsenz der Film von Anfang an als rätselhaft und schwer zugänglich inszeniert. Das bewusste Spiel mit anonymisierter Mehrstimmigkeit - die Mädchen als Gruppe ebenso wie die Erzähler als Kollektiv - ist eine zentrale performative Geste der Besetzung.

Handlung (spoilerfrei!)

Vor dem Hintergrund einer amerikanischen Vorstadt der 1970er Jahre zeichnet der Film in konzentrierten Bildern ein soziales Feld nach, in dem das Unerklärliche und das Begehren aufeinander treffen. Die narrative Achse ist weniger linearer Plot als die Beobachtung eines Geschehens, das die Bewohner einer Nachbarschaft auf ganz unterschiedliche Weise berührt. Zentrale Figuren sind eine Gruppe von Schwestern und die Jugendlichen aus der Nachbarschaft, die sowohl Zeugen als auch Erzähler werden.

Der dramatische Konflikt entsteht aus der Spannung zwischen innerer Autonomie und äußerer Regulation: Familien- und Gemeinschaftsnormen, jugendliche Sehnsüchte und die Unzugänglichkeit persönlicher Innenwelten kollidieren. Die Erzählhaltung bleibt dabei häufig beobachtend und retrospektiv - ein kollektives Erzählen, das versucht, Bedeutung aus Distanz herzustellen und zugleich seine eigene Manipulation der Erinnerung offenlegt.

Ton und Atmosphäre des Films sind durchdrungen von Melancholie und ästhetisierter Traurigkeit. Die Bildsprache schafft Räume, in denen Alltägliches wie symbolisch aufgeladen wirkt, und in denen die Wahrnehmung der Jugendlichen zur Projektionsfläche der Gemeinschaft wird.

Zentrale Themen und Motive

Der Film stellt Fragen nach Sichtbarkeit, Verantwortung und der Struktur von Erinnerung. Wie bildet eine Gemeinschaft das Narrativ um ein traumatisches Ereignis? In welchem Maße bleibt das Innenleben von Mädchen für Außenstehende unzugänglich und wird deshalb mystifiziert? Coppola interessiert sich weniger für kausale Erklärungen als für die Mechanismen von Zuschreibung und Mythologisierung.

Philosophisch und psychoanalytisch lässt sich der Film als Untersuchung des Begehrens lesen: nicht nur als sexuelles, sondern als epistemisches Begehren - das Verlangen zu wissen, zu besitzen, zu verstehen. Gesellschaftlich lotet der Film die Ideale und Beschränkungen der amerikanischen Vorstadt aus: Sauberkeit und Ordnung stehen neben Unsicherheit und Verdrängung. Psychologisch geht es um die Differenz zwischen äußerer Rolle und innerer Erfahrung und um die Schwierigkeit von Empathie, wenn die andere Seite nicht frei zugänglich ist.

Formale Motive - Wiederholung, Spiegelungen, musikalische Leitmotive und die Chorform des Erzählens - verstärken diese Themen. Sie zeigen, wie Erinnerung konstruiert wird und wie filmische Mittel selbst Teil jener Mythologisierung werden, die der Film zugleich beobachtet und kritisiert. Insofern ist The Virgin Suicides nicht nur eine Geschichte über Jugend und Verlust, sondern auch ein reflexives Werk über das filmische Erinnern selbst.

Filmkritik von Sven Weidner

Tödliches Frühlings Erwachen

The Virgin Suicides – Eine traumwandlerische Coming of Age Story von todessehnsüchtigen Mädchen

Filmadaptionen von großartigen Romanen sind bisweilen ein heikles Unterfangen. 2008 gelang Sam Mendes ein Coup mit seiner beeindruckenden wie gleichnamigen Verfilmung von Richard Yates Roman Revolutionnary Road, in dem er ein weit gefächertes Panorama der ambivalenten 50er Jahre entwickelt. Stanley Kubrick realisierte 1962 mit Vladimir Nabokovs damals kontrovers aufgenommenen Roman Lolita ein virtuoses Vexierspiel der Wünsche und Begehren. Mit filmästhetischer Wucht und schauspielerischer Brillanz transportieren diese Regisseure komplexe Stoffe auf die Leinwand. Baz Luhrmann führt 2013 wiederum vor, dass man trotz hochtechnisierter Möglichkeiten, und tiefer Griffe in die Filmtechniktrickkiste eine zeitlose Geschichte nämlich die des Great Gatsby samt und sonders verhunzen kann. Flugse Schnittfrequenzen, rasante Kamerafahrten, ein hyperagierender Leonardo di Caprio, opulente Bilder und prahlerische Szenerien: all diese Ingredienzien machen noch lange keinen guten wie schönen Film.

Sofia Coppola -Tochter des Maestro sui generis Francis Ford Coppola- debütierte 1999 mit ihren ersten Langspielfilm The Virgin Suicides, basierend auf den gleichlautenden Erfolgsroman von Jeffrey Eugenides. Die Story führt uns ins beschaulich wie betuliche Michigan, Mitte der 70er Jahre, in dem das Ehepaar Lisbon – verkörpert von den Serienstars James Woods und Kathleen Turner – mit ihren fünf Töchtern leben. Die Familie hat sich der braven Konformität und der soliden Aufgeräumtheit, jenen Merkmalen der US-amerikanischen Suburbs dieser Zeit gemütlich eingerichtet. Eine gewisse Ereignis- wie Sorglosigkeit spiegelt das Leben in den schmucken Vorstadtsiedlungen wieder, und stehen genau besehen in deutlichem Wiederspruch zu einer Gesellschaft, die tief gespalten durch den Vietnam Krieg dringend neue Wertesysteme entwickeln und diskutieren musste.

In einer traumwandlerischen Allmählichkeit, die enthoben und distanziert zugleich anmutet, wird der Prozess des Aufbegehrens der jungen Mädchen, sowie gleichsam der Anfang von ihrem tragischem Ende erzählt. Trotz der warmen Farbgebung, der idyllischen Bilderreigen, der fluiden Kamerabwegungen, der lässigen wie pubertären Verspieltheiten der Mädchen, die sich für reifer halten als sie eigentlich sind, impliziert der Film einen schwer zu benennenden Fatalismus von Anfang an. Mittels eines Erzählers, der in einem wohligen Voice-Over das Geschehen gleichsam kommentiert wird die Geschichte in der Rückschau aufgerollt. Dazwischen gestreut sind einzelne interviewartige Gespräche mit Trip (Josh Hartnett), den Freund von Lux (Kirsten Dunst), der ebenfalls im Rückblick von den Ereignisse berichtet.

Die Konfrontation zwischen der bigotten Mutter (Kathleen Turner), die in ihrer Hedonismusfeindlichkeit und verbohrten Religiosität gefangen ist, und dem erotischen und sexuelle Begehren ihrer pubertierenden Töchter, ist unausweichlich; mit allen Mitteln versucht sie die Bündel an Lebenslüste ihrer Mädchen zu unterminieren. Fatal, wollen diese doch nur allzu verständlich das satte Leben und noch viel mehr das andere Geschlecht schmecken, riechen und fühlen, also jenen Regungen der Adoleszenz nachgehen.

Das Schicksal biegt spätestens auf der Zielgeraden ein, als Cecilia (Hanna Hall), die Jüngste der fünf, aus dem Fenster springt, nachdem ihr erster Selbstmordversuch gescheitert war und stirbt. Kirsten Dunst, die später noch mit Sofia Coppola, in Marie Antoniette (2006) und in Bling Ring (2013) zusammenarbeiten wird, zeigt schon als 17-Jährige ihr schauspielerisches Talent, in dem sie die jugendliche Neugier, die pubertierende Überheblichkeit, aber ebenso die unschuldige Verlorenheit der jungen Lux verkörpert. Die erweckte und fortan allgegenwärtige Erotik und Laszivität ihrer Filmfigur setzt sie fulminant, ungeziert und plausibel um.

Die Schwestern bilden gleichsam eine fest eingeschworene wie tief verwurzelte Einheit, die aber nicht mächtig genug ist, dem enggezurrten Korsett, das in ihre Mutter unnachgiebig angelegt hat, dauerhaft zu entkommen. Selbst der Vater –gespielt von Serienstar James Woods- der als typisch verkopfter und als von den eigentlichen Lebensfragen etwas entrückter Mathematiklehrer an der Schule der Mädchen arbeitet und bevorzugt über die Photosynthese referiert und mit seinen Pflanzen spricht, kann den Ereignissen keine andere Wendung geben.

Coppola arbeitet mit vielen Slowmotions, oder auch mit Nahaufnahmen, die die Sinnlichkeit der Mädchen, aber ebenso ihr erotisches Begehren und ihre jeweilige psychische Verfasstheit untermalen. Ihre Lebensfreude, ihre Unvernunft, aber ebenso ihre Verzweiflung werden durch die vielen Nahaufnahmen plastisch, ohne aufdringlich zu sein.

Vielfach eingesetzte horizontale Kameraschwenks, die für einen ruhigen Erzählfluss sorgen, bebildern die Unaufgeregtheit vorstädtischen Zusammenlebens und suggerieren eine vermeintliche Zufriedenheit, die es im Grunde nicht gibt. Überdeutliche Ausleuchtungen, etwa von Traumsequenzen und von den wenigen Momenten des Glücks und der Hoffnung im Leben der Mädchen, überhöhen diese zu beinahe sakralen Figuren. Die Bildkader werden wechseln in ein nüchternes wie kühles Blau getaucht, wenn das reale wie emotionale Eingesperrtsein der Mädchen immer realer wird, wenn die Hoffnungslosigkeit und Tristesse ihr Leben bestimmt und von diesem Besitz ergreift. Auf der Ebene des Sounds, der bei diesem Film eine elementare Rolle spielt, sind es die synthetisierten wie sphärischen Klänge der französischen Gruppe Air die das bereits anzitierte traum- wie schlafwandlerische Element des Films noch einmal mehr durchwirken lassen. Die Gruppe hat einzelne Stücke für den Film im Vorfeld komponiert. Als Gegensatz hierzu die rockigen Stücke der kanadischen Band Sloan, deren Musik stellvertretend für die innere Rebellion der Mädchen steht; oder die Wohlfühlmusik der Hollies, die das Nicht-Sehen-Wollen einer saturierten Gesellschaft, deren Anhaften an einer euphemistischen Oberfläche zur Maxime geworden ist, in ihren Songs reflektieren.

Sofia Coppola verhandelt in ihrem Film nicht nur die Themen einer jugendlichen lost generation, die Todessehnsucht von jungen Menschen, die an den fragwürdigen gesellschaftlichen normativer Kräfte, die auf sie einwirken wortwörtlich zu Grunde gehen; sie seziert auch kleinteilig die Hoffnungen und Wünsche, und auch Enttäuschungen und Täuschungen junger Menschen und liefert mithin miniaturhafte Psychogramme.

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