kritiken.de› Filme›
Filme

The Tribe

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 15.10.2015
The Tribe© Rapid Eye Movies
A ca. 872 Worte Lesezeit ca. 3 Minuten  📋 Inhalt

The Tribe: Eine erschütternde Studie von Hierarchien, Sprache und sozialer Desintegration im Postsozialismus

Einleitung

The Tribe ist ein filmisches Ereignis, das schon bei seinem Erscheinen die Erwartungshaltung gegenüber ukrainischem Kino neu kalibrierte. Mit seiner radikalen formalen Entscheidung, die Handlung ausschließlich in ukrainischer Gebärdensprache zu erzählen, konfrontiert der Film das Publikum nicht nur mit einer marginalisierten Lebenswelt, sondern auch mit den Bedingungen des Sehens selbst. Dadurch gewinnt der Film an Relevanz als ästhetische Provokation und als gesellschaftliches Dokument zugleich.

Der Film markiert den Durchbruch von Myroslav Slaboshpytskiy als Filmemacher, der bewusst mit Konventionen bricht und die Grenzen zwischen Narration, Dokument und provokativer Inszenierung auslotet. In einer Filmkultur, die oft auf dialogische Vermittlung vertraut, zwingt The Tribe das Publikum, Bild, Mimik und Körperlichkeit neu zu lesen. Das macht den Film zu mehr als einer dramatischen Erzählung: Er ist eine Reflexion über Sprache, Ausschluss und Wahrnehmung.

In einem weiteren Sinn spiegelt The Tribe auch einen gesellschaftlichen Zeitgeist. In der Nachfolge des sowjetischen Systems stehen zahlreiche postsozialistische Gesellschaften vor Fragen staatlicher Dekonstruktion, ökonomischer Verwahrlosung und der Herausbildung subversiver Ökonomien. Slaboshpytskiys Film operiert in dieser Spannungszone und zeigt, wie junge Menschen in abgeschotteten Institutionen eigene Ordnungen, Regeln und Gewaltmechanismen entwickeln.

Die Tonalität des Films ist dabei wenig erläuternd und umso eindringlicher in ihrer Beobachtung. Slaboshpytskiy verzichtet auf moralische Kommentierung und überlässt es dem Betrachter, die Bilder zu befragen. Dies verlangt ein intensiveres, reflektiertes Kinoerleben - eine Herausforderung, die den Film zu einem festen Thema in kulturjournalistischen Debatten machte.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Myroslav Slaboshpytskiy; The Tribe ist sein erster abendfüllender Spielfilm nach Erfahrungen im Kurzfilm und als Autor. Seine Handschrift zeichnet sich durch eine kompromisslose Formensprache aus: reduzierte narrative Erklärungen, eine starke Konzentration auf Körpersprache und eine oftmals dokumentarisch anmutende Bildsprache. Formal zielt Slaboshpytskiy darauf ab, die Grenzen zwischen Schauspiel und Lebensrealität zu verwischen.

Die Produktion ist als ukrainisch-niederländische Ko-Produktion konzipiert und arbeitete mit vergleichsweise kleinem Budget. Wesentlich für die Wirkung des Films ist die Rekrutierung vorwiegend nichtprofessioneller und tauber Schauspielerinnen und Schauspieler sowie das Drehen an authentischen Schauplätzen, was dem Werk einen kaum zu simulierten Realismus verleiht. Die Kameraarbeit und der Schnitt schaffen eine dichte, oft beklemmende Atmosphäre, ohne die Bilder erklärend zu überfrachten.

In der filmischen Landschaft markiert The Tribe einen radikalen Einstieg, der Slaboshpytskiy schnell international bekannt machte. Das Werk erhielt auf Festivals große Aufmerksamkeit und ist heute ein Bezugspunkt für Diskussionen über Inklusion im Kino, die Ethik filmischer Darstellung von Gewalt und die Möglichkeiten nonverbaler Narration in narrativen Formen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Grigoriy Fesenko übernimmt die zentrale Rolle und steht mit seiner körperlichen Präsenz im Zentrum der Aufmerksamkeit. Seine Darstellung lebt von einer Mischung aus Zurückhaltung und impulsiver Energie; Fesenko verkörpert den außenstehenden Zugang zur Gemeinschaft und fungiert als Sinnstifter für die Zuschauer, die ohne gesprochene Sprache interpretieren müssen.

Yana Novikova und Rosa Babiy sind prägnante Gegenkräfte im Ensemble. Ihre Figuren strukturieren Beziehungen innerhalb der Gruppe, sie artikulieren Macht, Nähe und Rivalität durch Gestik und Blicke. Die übrigen Darsteller - darunter Alexander Dsiadevich, Yaroslav Biletskiy und Ivan Tishko - bilden ein Ensemble, dessen interne Rangordnungen und Codes den Kern des Films ausmachen.

Viele der Mitwirkenden stammen aus der Gemeinschaft tauber Menschen oder sind nichtprofessionelle Schauspielerinnen und Schauspieler. Diese Besetzungsentscheidung verleiht den Figuren eine Authentizität, die konventionelle Darstellungen kaum erreichen würden. Die Performances sind weniger psychologisch ausgearbeitet als körperlich und ritualisiert; sie orientieren sich an sozialer Praxis statt an psychologischer Explikation.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film spielt in einer abgeschotteten Institution für taube Jugendliche, deren Alltag von eigenen Regeln bestimmt wird. Ein junger Neuankömmling tritt in diese Gemeinschaft ein und wird mit einem System konfrontiert, das ökonomische, sexuelle und soziale Hierarchien miteinander verwebt. Die Erzählung entfaltet sich episodisch und konzentriert sich auf Begegnungen, Initiationsriten und Machtverschiebungen innerhalb der Gruppe.

Im Zentrum steht der dramatische Konflikt zwischen dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und den moralischen Kosten jener Zugehörigkeit. Die Figuren bewegen sich in einem Milieu, in dem Solidarität und Ausbeutung dicht aneinanderliegen und in dem persönliche Entscheidungsspielräume durch strukturelle Bedingungen massiv eingeschränkt sind. Slaboshpytskiy erzählt ohne erklärende Kommentare, so dass Spannung aus der Beobachtung sozialer Prozesse entsteht.

Tonal ist The Tribe rau, unversöhnlich und oft klinisch in seiner Darstellung. Die Atmosphäre ist von Nähe und Distanz zugleich: Nah an den Körpern und Gesten der Figuren, distanziert gegenüber einfachen Lesarten oder moralischen Verurteilungen. Diese Ambivalenz hält die narrative Spannung und verweigert dem Publikum eine einfache Identifikation.

Zentrale Themen und Motive

Der Film fragt nach den Funktionen von Sprache und Stille. Indem er gesprochene Kommunikation ausschließt, thematisiert er Übersetzung, Ausschluss und die Bedingungen, unter denen Gemeinschaften Bedeutungen aushandeln. Sprache wird zum materiellen Element sozialer Ordnung: Nicht das gesprochene Wort, sondern Gestik, Blick und Ritual setzen Normen und Machtverhältnisse durch.

Institutionelle Gewalt, Jugend und die Herausbildung subkultureller Ökonomien sind zentrale Motive. The Tribe zeigt, wie marginalisierte Orte häufig eigene Legalitäten entwickeln, in denen Ausbeutung, Solidarität und Gewalt nebeneinander existieren. Der Film verhandelt die Frage nach Verantwortlichkeit - nicht primär als individuelle Schuld, sondern als Produkt sozialer Mechanismen.

Neben diesen gesellschaftspolitischen Ebenen arbeitet der Film ästhetische Fragen aus: Wie viel Verständnis verlangt ein Text von seinem Publikum? Wie verändert das Ausbleiben verbaler Vermittlung die Rolle des Zuschauers? Slaboshpytskiys Werk bleibt stilistisch provokant, weil es Beobachtung, Reflexion und visuelle Empathie in einen Spannungsraum bringt, der nachwirkt und zum Diskurs einlädt.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de