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The Old Guard

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kritiken.de Redaktion 10.07.2020
The Old Guard
A ca. 936 Worte Lesezeit ca. 3 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

The Old Guard und die Ästhetik ewiger Krieger - Moralische Last in einer entgrenzten Moderne

Einleitung

The Old Guard tritt in einer Phase an, in der das Kino nach neuen Variationen des Superheldischen sucht - weniger in der Granierung von Kostümen und Effektkaskaden als in der Verlagerung ethischer Fragestellungen in einen globalisierten, digitalen Kontext. Der Film versammelt die vertrauten Zutaten: übermenschliche Fähigkeiten, internationale Schauplätze, choreografierte Gewalt. Doch seine Relevanz liegt weniger im Spektakel als in der insistierenden Frage, was Unsterblichkeit für Solidarität, Erinnerung und Verantwortlichkeit bedeutet. Vor diesem Hintergrund liest sich The Old Guard als Versuch, Actionkino mit einer längeren historischen Dimension zu koppeln.

Regisseurin Gina Prince-Bythewood, die sich mit Arbeiten wie Love & Basketball und Beyond the Lights bereits als Regisseurin etabliert hat, nutzt das Genre, um Figuren zu zeichnen, deren zeitliche Distanz zur Gegenwart die moralische Debatte zuspitzt. Die Entscheidung, eine Ensembleerzählung um eine zentrale, weibliche Führungspersönlichkeit zu gruppieren, markiert eine bewusste Verschiebung der Perspektive: Gewalt wird nicht nur als physischer Akt, sondern als Ergebnis historischer Kontinuitäten und emotionaler Erschöpfung verhandelt.

Im Jahr seiner Veröffentlichung fand The Old Guard ein Publikum, das mit Fragen nach Identität, staatlicher Gewalt und Kommerzialisierung des Leibes ohnehin beschäftigt war. Die Serie von globalen Krisen, technokratischen Machtkonzentrationen und der Debatte um die Ethik moderner Kriegsführung verleiht dem Film zusätzliche Dringlichkeit. Er stellt nicht nur die Frage nach der Nutzbarkeit eines unverwundbaren Körpers, sondern auch nach der seelischen Bilanz, die ein solches Dasein hinterlässt.

Kurzüberblick zur Produktion

Der auf Greg Ruckas gleichnamigem Comic basierende Film wurde als Netflix-Original produziert und erscheint als Beispiel dafür, wie Streaming-Plattformen mythologische Stoffe für ein zeitgenössisches Publikum adaptieren. Die Produktion verband die Mittel einer international angelegten Actionproduktion mit der Intention, genretypische Konventionen zu durchbrechen. Das Ergebnis ist ein Film, der den Einsatz aufwändiger Stunts, präziser Kampfchoreografien und eines klaren visuellen Stils nicht scheut, gleichzeitig aber narrative Räume für interne Konflikte offenhält.

Prince-Bythewoods Handschrift zeigt sich vor allem in der Konzentration auf Figurenbeziehungen und die psychologische Innenarbeit der Protagonisten. Technisch bleibt der Film dem Actionkino verpflichtet: eine stringente Montage, Bildkompositionen, die Körperlichkeit betonen, und eine Tonspur, die Schläge und Atem als erzählerische Elemente nutzt. In ihrer filmischen Laufbahn markiert The Old Guard eine Ausweitung des thematischen Spektrums - weg von intimeren Beziehungsdramen hin zu einem breiteren, politisch aufgeladenen Erzählraum.

Als Netflix-Produkt positioniert sich der Film zwischen Blockbusterlogik und der Suche nach Substanz: Er will sowohl ein großes Publikum unterhalten als auch Diskussionsräume öffnen. In der Werkchronik der Regisseurin nimmt er deshalb eine Doppelrolle ein - als kommerzielles Statement und als konsequente Fortführung ihres Interesses an Figuren, die sich an Grenzen zwischen persönlicher Erfahrung und gesellschaftlicher Erwartung wiederfinden.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Charlize Theron, deren Körperlichkeit und ruhige Präsenz die Rolle der Anführerin trägt. Theron hat sich in den vergangenen Jahren mehrfach als Star in körperbetonten Rollen profiliert und bringt hier eine Mischung aus stoischer Autorität und emotionaler Patina ein, die die Jahrhunderte ihres Charakters erahnbar macht. Ihr Spiel etabliert die Figur als moralischen Anker des Ensembles, ohne die komplexe Last der Vergangenheit zu vereinfachen.

An ihrer Seite steht KiKi Layne, die nach dramatischen Rollen in der jüngeren Filmlandschaft als Kontrastfigur fungiert: jung, noch historisch verwurzelt im Jetzt, und damit Vehikel für das Publikumsempfinden. Ihr Figurtypus erlaubt eine Vermittlung zwischen dem Mythos der Unsterblichkeit und der Gegenwart, in der solche Mythen wirtschaftlich und politisch verwertbar werden.

Das Ensemble wird durch international bekannte Gesichter ergänzt, deren frühere Rollen Erwartungen mitbringen und zugleich kontrapunktisch eingesetzt werden. Veteranen wie Chiwetel Ejiofor bringen eine gravitätische Autorität, während Darsteller wie Matthias Schoenaerts und Marwan Kenzari die unterschiedlich gefärbten Aspekte kameradschaftlicher Bindung und innerer Zerrissenheit repräsentieren. Die Besetzung arbeitet weniger mit star-on-a-pedestal-Inszenierung als mit relationalen Verhältnissen, in denen jede Figur durch die Präsenz der anderen definiert wird.

Handlung (spoilerfrei!)

Die narrative Prämisse verknüpft eine kleine, geheimerhaltene Gruppe unsterblicher Kämpfer mit einem modernen politischen Apparat, der nach Mittel und Wegen sucht, ihre Fähigkeiten zu instrumentalisieren. Der dramatische Konflikt entsteht an der Schnittstelle von Individualethik und kollektiver Interessenpolitik: Sollen und dürfen solche Kräfte instrumentalisiert werden, und welche Kosten trägt das menschliche Subjekt dafür?

Im Zentrum stehen sowohl die internen Dynamiken des Teams als auch die äußeren Bedrohungen durch Institutionen und Akteure, die das Geheimnis der Unsterblichkeit für eigene Zwecke nutzen wollen. Die Erzählung balanciert zwischen militärischer Aktion, Flucht und Momenten stiller Reflexion, wobei die Figur des neu in die Gruppe Aufgenommenen als Einstiegspunkt dient. Tonal bewegt sich der Film zwischen nüchterner Härte und melancholischer Nachdenklichkeit, ohne in Sentimentalität zu verfallen.

Zentrale Themen und Motive

Am deutlichsten ist das Thema der Unsterblichkeit als Bürde formuliert. The Old Guard fragt, inwiefern ewiges Leben zu Entfremdung führt - nicht nur gegenüber der eigenen Biographie, sondern gegenüber der Welt, die sich beständig wandelt. Verbunden damit ist die Erkundung von Erinnerung und Trauer: Wie hält man kollektive Erfahrung lebendig, wenn ein Leben die Zeit überdauert?

Das Werk thematisiert zudem die Ökonomie des Leibes. In einer Welt, in der militärische und wirtschaftliche Interessen zunehmend nach exklusiven Vorteilen streben, wird der unverwundbare Körper zum Objekt von Begehrlichkeiten. Daraus resultieren ethische Fragen nach Autonomie, Eigentum und Verantwortung. Schließlich moduliert der Film seine Motive entlang des Themas Bindung: Kameradschaft als Überlebensstrategie, Loyalität als ethische Kategorie und die Schwierigkeit, Menschsein gegen die Instrumentalisierung des Körpers zu behaupten.

Formal nutzt der Film die Mittel des Actionkinos - Kampfsequenzen, Tempo, Bild- und Tonschnitt - nicht nur zur Unterhaltung, sondern als Erweiterung der Themen: Gewalt wird als wiederkehrendes Ritual dargestellt, das narative und moralische Erschöpfung offenlegt. In dieser Verknüpfung von Form und Inhalt liegt die eigentliche Ambition von The Old Guard: ein populäres Genre für die Reflexion über Zeit, Ethik und Solidarität nutzbar zu machen.

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