The Hateful Eight - Tarantinos lakonische Studie von Gewalt, Verrat und amerikanischer Schuld
Einleitung
The Hateful Eight erscheint als ein Spätwerk, das mehr nach sezierender Diagnose als nach plakativem Westerngefühl verlangt. Quentin Tarantino nutzt das Genre nicht zur nostalgischen Verklärung, sondern als scharfes Instrument, um Machtverhältnisse, Erinnerung und die nachwirkenden Risse eines Bürgerkriegs zu befragen. Die Relevanz des Films liegt weniger in seinem Plot als in seiner Verweigerung einfacher Gewissheiten - ein dichter, dialoggeprägter Raum, in dem Figuren zu Sprechern einer gespaltenen Nation werden.
Im Kontext von Tarantinos Karriere markiert The Hateful Eight eine Rückbesinnung und gleichzeitig eine Raffung. Nach den opulenten und erzählerisch weitgespannten Erkundungen von Django Unchained wirkt der Film wie eine bewusst reduzierte Versuchsanordnung: ein Kammerspiel auf verschneiter Bühne, das seine Dramaturgie aus suspekten Allianzen und der Eskalation menschlicher Abgründe gewinnt. Die Inszenierung verschiebt das Augenmerk von Spektakel zu Mechanik - wie Figuren einander testen, entlarven und instrumentalisieren.
Die Veröffentlichung 2016 fiel in eine Phase gesellschaftlicher Polarisierung in den Vereinigten Staaten, in der Fragen nach historischer Verantwortung, Rassenverhältnissen und Erinnerungspolitik virulenter denn je diskutiert wurden. Tarantinos Material - ein Western-Set nach dem Bürgerkrieg, bevölkert von Veteranen, Gesetzeshütern und Verurteilten - bietet einen Mikrokosmos, in dem diese Debatten als interpersonelle Konflikte sichtbar werden.
Formal ist der Film zugleich Tribut und Revision. Tarantinos cinephile Referenzen sind gut sichtbar, doch sie dienen weniger dem bloßen Zitieren als der Kontextualisierung: Das Genre wird zum Prüfstand für ethische Ambivalenzen, die sich nicht auf konventionelle Helden- und Schurkenkodizes reduzieren lassen.
Kurzüberblick zur Produktion
Quentin Tarantino steht als Regisseur und Co-Autor für eine markante Handschrift - dialogintensiv, genrebewusst und zugleich geschichtsbewusst. Für The Hateful Eight ging Tarantino den ungewöhnlichen Weg einer Roadshow-Aufführung in 70 mm Ultra Panavision 70 - ein seltener, aufwändiger Formatwahl, die dem Film kinotechnische Präsenz und eine theatralische Aura verschafft. Als Kameramann fungierte Robert Richardson, der mit Tarantino bereits mehrfach zusammenarbeitete und die Bildkomposition in kalten, klaustrophobischen Innenräumen wie auch in der bleichen Weite der Schneelandschaft akzentuiert.
Produziert wurde der Film in Zusammenarbeit mit The Weinstein Company; die Produktion zeichnete sich durch einen mittleren Großbudgetrahmen aus, der dem engen Setting und der Besetzungsspielraum gewährte. Musikalisch ist die Zusammenarbeit mit Ennio Morricone bemerkenswert - ein Komponist, der dem Western-idiom eine eigene, klangliche Schärfe verleiht und dessen Beitrag dem Film eine eigentümliche Mischung aus Elegie und Bedrohung verleiht.
Im Gesamtwerk Tarantinos nimmt The Hateful Eight die Position eines konzentrierten, beinahe experimentellen Abstechers ein - weniger blockbustertauglich als manch andere Werke, dafür als intellektuelles Exempel über Mechanik von Erzählung, Mythos und Gewalt. Als achtes abendfüllendes Werk des Regisseurs reiht er sich in die Serie von Genre-Studien ein, die stets historiographische Elemente neu verhandeln.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Die Ensemblebesetzung liest sich wie ein Who is Who des amerikanischen Charakterkinos. Samuel L. Jackson übernimmt die Rolle des Major Marquis Warren - ein ehemaliger Unionssoldat, der sein rhetorisches Geschick als Waffe führt; Jacksons Darstellung baut auf der bekannten Mischung aus Eloquenz und latentem Zorn, die er seit Pulp Fiction und Django Unchained kultiviert hat. Kurt Russell spielt den knorrigen Kopfgeldjäger John Ruth - eine Figur, die an klassische Westernprotagonisten erinnert, jedoch mit Tarantinos zynischer Kanten versehen ist.
Jennifer Jason Leigh bringt eine krafterfüllte, physisch intensive Präsenz als Daisy Domergue in den Film - eine Leistung, die im Repertoire der Schauspielerin als radikal und bruchstückhaft wahrgenommen werden muss. Walton Goggins, Tim Roth, Demián Bichir, Michael Madsen und Bruce Dern vervollständigen das Ensemble mit variierenden Abstufungen von Autorität, Ambivalenz und Verletzlichkeit; ihre früheren Rollen in Fernseh- und Filmproduktionen geben den Figuren Vorstrafen in der Wahrnehmung des Publikums, die Tarantino gezielt nutzt. Channing Tatum und Zoë Bell treten in Nebenrollen auf, die durch körperliche Präsenz und genretypische Funktionalität geprägt sind.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film spielt in einem Wyoming kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg und konzentriert sich auf eine Gruppe von Fremden, die während eines schweren Schneesturms in einer abgelegenen Hütte zusammenkommen. Aus anfänglicher Zweckgemeinschaft wird ein Spannungsfeld, in dem Misstrauen, alte Rechnungen und konkurrierende Vorstellungen von Recht und Rache in den Vordergrund treten. Die narrative Dynamik speist sich weniger aus Ortswechseln als aus der sukzessiven Enthüllung von Motiven und Identitäten.
Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Aufeinanderprallen von persönlicher Agenda und öffentlicher Ordnung - Figuren beanspruchen Autorität, legen Masken ab oder bauen strategische Allianzen. Die Atmosphäre ist gedrungen, oft claustrophobisch; Tarantino arbeitet mit langen Dialogsequenzen, engen Einstellungskompositionen und einer inszenatorischen Ruhe, die das Gewaltpotenzial jederzeit spürbar hält.
Zentrale Themen und Motive
The Hateful Eight stellt Fragen nach Wahrheit, Erinnerung und Legitimation von Gewalt. Der Film verhandelt, wie Geschichten über die Vergangenheit konstruiert werden und wem das Recht zusteht, Gerechtigkeit zu sprechen. Rasse, militärische Loyalität und Klassenzugehörigkeit fungieren als seismographische Linien, an denen sich narrative Spannungen entladen. Tarantino interessiert weniger die moralische Belehrung als das Aufdecken von Widersprüchen in nationalen Mythen.
Auf philosophischer Ebene geht es um Inszenierung - die Performativität von Autorität und die theatrale Natur von Rechtsprechung in gesetzlosen Räumen. Psychologisch beobachtet der Film, wie Gruppen unter Druck Mechanismen von Manipulation und Konformität entwickeln. Gesellschaftlich lässt sich die Geschichte als Spiegel einer Nation lesen, die mit ihren historischen Vergehen hadert und deren Gegenwart von den Entscheidungen vergangener Generationen mitgeformt wird.
Formal ist das Motiv der Isolation zentral - die äußerliche Kälte und das begrenzte Setting forcieren eine analytische Schärfe, in der Dialoge zur Waffe werden. So entsteht ein Werk, das den Western nicht nur als Genre zelebriert, sondern als intellektuelles Feld, in dem Fragen nach Vergeltung, Verantwortung und Erzählmacht unablässig verhandelt werden.
Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger
„The Hateful 8“ ist nicht nur der lang ersehnte neue Film von Quentin Tarantino, sondern vor allem ein virtuos orchestriertes filmisches Epos. Material, Dramaturgie, Belichtung, Besetzung – all diese Instrumente greifen nahtlos ineinander und bilden zusammen ein echtes Kunstwerk.
Bereits die klassische, nämlich primär akustische Ouvertüre etabliert den epischen Charakter des folgenden Leinwandschauspiels. Eine in dieser Form aus der Mode gekommene Titelsequenz bildet gemeinsam mit dem 70mm Ultra Panavision Format die Optik einer vergangenen Ära, an deren flimmernde Bilder sich die Fans digitaler Projektion wohl erst einmal gewöhnen müssen. Einer vergangenen Ära entstammt im Grunde auch das Western-Genre, das hier jedoch nicht in der glühenden Steppe, sondern in einem Schneesturm angesiedelt ist.
Schritt für Schritt, Kapitel für Kapitel, folgt nach dieser Einleitung die Zusammenkunft ungleicher Charaktere, die doch durch eins geeint sind: Gewalt. Der Kopfgeldjäger John Ruth transportiert mit einem Sechsspänner die Gesetzlose Daisy Domergue nach Red Rock. Unfreiwillig wird seine einsame Reise jedoch zu einer Gruppenunternehmung als sowohl der afroamerikanische Headhunter-Kollege Major Marquis Warren wie auch der zukünftige, wenn auch nicht ernstzunehmende Sheriff von Red Rock, Chris Mannix, dazu stoßen. Die vier Reisenden sowie der Kutscher O.B. Jackson müssen wegen des Sturms in einer Hütte Unterschlupf suchen, wo sie jedoch nicht wie erwartet die Wirtin Minnie antreffen, sondern vier unbekannte Männer. Und die führen nichts Gutes im Schilde.
Wirkt „The Hateful 8“ in den ersten Minuten auf Grund seiner Dialoglast und dem stark limitierten Spielort in der Kutsche bereits theatral, entwickelt sich der Film mit dem Eintreffen der Kutsche an „Minnies Kleinwarenladen“ endgültig zum Kammerspiel.
Diese von Natur aus restriktive Erzählform wird durch die achronologische Dramaturgie jedoch aufgelockert. Rückblicke und Perspektivwechsel decken nach und nach die Zusammenhänge der vermeintlich zufälligen Begegnungen auf. Zudem nutzt Quentin Tarantino auf innovative Weise die Projektions-Pause als Stilmittel. Was in großen Blockbustern meist lästig wirkt, erhält hier eine Funktion und wird in die Handlung miteinbezogen. Da die Erzählzeit sich in „The Hateful 8“ der erzählten Zeit annähert, läuft die Geschichte während der Pause quasi weiter und wird beim Wiedereinstieg in den Film für das Publikum durch einen Erzähler rekapituliert.
Quentin Tarantino nutzt die Bühne der schneeumwehten Hütte gekonnt, um hier sowohl eine Komödie, wie auch einen Krimi und eine trashige Gewaltorgie zu inszenieren.
Getragen wird der Film jedoch nicht durch sein Drehbuch, das sich mit den langen, zuweilen sinnarmen Dialogen für das Publikum durchaus strapaziös gestaltet, sondern von seinen Charakteren. Tarantino bringt einen großartigen Cast zusammen, der durch das Charisma erfahrener Schauspieler besticht. In den Gesichtern von Kurt Russel, Samuel T. Jackson, Tim Roth, Michael Madsen, Bruce Dern sowie der hier bezaubernd derben Jennifer Jason Leigh spielen sich ganze Geschichten ab, ihre oft in Großaufnahmen inszenierten Blicke sagen mehr als die beiläufigen Dialoge. Nicht zuletzt entwickelt Quentin Tarantino aus seinen verschrobenen Charakteren auch einen subtilen Humor, der niemals aufgesetzt wirkt und sich organisch aus dem Zusammentreffen der einzelnen Persönlichkeiten ergibt.
Die Anordnung seiner Figuren erfolgt wie auf einem Schachbrett, das nicht umsonst eine wichtige Requisite in „Minnies Kleinwarenladen“ darstellt. Das breite Bild ermöglicht neben den intensiven Close Ups vor allem einen Überblick über die Figuren im Raum. Die gezielt eingesetzt Lichtführung rückt dabei immer wieder einzelne Elemente in den Mittelpunkt, markiert den Fokus eines Bildausschnitts oder lädt Requisiten mit Bedeutung auf.
„The Hateful 8“ ordnet sich nicht nur durch das Setting im verschneiten Wyoming in das Wester-Genre ein, sondern auch durch die Frage nach Recht und Unrecht, die sich motivisch durch die gesamte Handlung zieht. Anhand der Figur des afroamerikanischen Majors reflektiert Tarantino hier vor allem das Thema Rassismus. Wie schon bei „Django Unchained“ fällt dabei die – im Kontext der amerikanischen Geschichte stereotype - Sexualisierung des „schwarzen Mannes“ auf, denn nicht umsonst spielen Major Warrens Genitalien gleich zweimal eine entscheidende Rolle. In der Kutsche wie auch im Kleinwarenladen drehen sich die Dialoge um die Auslieferung Daisys, um den Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd, um Rache, Vergeltung und das Recht der „Frontier“, also jener Moral, die sich der zivilisatorischen überlegen fühlt. Fiese Arschlöcher müssen gehängt werden, darin sind sich alle einig. Die Frage ist nur: Wer ist ein fieses Arschloch?
In gewohnt brutaler Manier, mit Bächen erbrochenen Kunstbluts und explodierenden Schädelplatten, stellt „The Hateful 8“ eine verstörende Gleichberechtigung der Gewalt her. Egal ob Mann oder Frau, ob weiß ob schwarz, ob Amerikaner oder Mexikaner – im Grunde sind alle acht Hauptfiguren gleichermaßen von Hass und Brutalität getrieben. Die moralischen Urteile, ob sie nun der Frontier- oder der Zivilisationsmoral entspringen, werden damit als beliebig entlarvt, nicht ohne dabei noch den einen oder anderen Meta-Seitenhieb auf die amerikanische Vorliebe für Kriegsführung auszuteilen. Der genregemäße Shootout entbehrt schließlich jeglicher Veredelung durch Rache oder Gerechtigkeit.
So wird die fetischisierte Gewalt auch in diesem Film Tarantinos wieder zum Mahnmal, amüsiert in ihrer Drastik und bleibt doch als bitterer Nachgeschmack erhalten. Damit kann es „The Hateful 8“ definitiv mit den frühen Werken Tarantinos aufnehmen, wenn auch mit gebührendem Respektabstand von Kultfilmen wie „Pulp Fiction“ oder „Reservoir Dogs“.
Filmkritik von Peter Osteried
Der achte Film von Quentin Tarantino hätte auch die Halbgaren Acht heißen können
Das Problem mit Tarantino ist, dass er sich nicht immer im Griff hat. Er neigt dazu, dem eigenen Nimbus der Genialität zu erliegen. Wenn das geschieht, dann ist das Ergebnis ein Film wie The Hateful Eight, eine prätentiöse Produktion, die überlang ist, weil der Autor und Regisseur nicht in der Lage ist, sich zu mäßigen. Stattdessen feiert er sich und seine Darsteller ab, das aber in nichtssagenden und überflüssigen Szenen, die die Geduld des Zuschauers strapazieren.
John Ruth (Kurt Russell) ist ein Kopfgeldjäger und auf dem Weg, seine Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) in Red Rock abzuliefern. Auf dem Weg gabelt er den Kollegen, den Major (Samuel L. Jackson), und den künftigen Sheriff von Red Rock, Chris Mannix (Walton Goggins) auf. Sie alle suchen wegen eines Blizzards Unterschlupf in einer Schänke. Dort haben sich auch schon andere eingefunden. Niemand vertraut niemandem, immerhin geht es um 10.000 Dollar, die Daisy wert ist. Aber diese Männer sind für ein paar Tage zusammengepfercht – eine brenzlige Situation.
Es ist die epische Laufzeit von fast drei Stunden, die dem Film im Weg steht. Weniger wäre hier mehr gewesen. Oder anders gesagt: Nach etwa 90 Minuten nimmt der Film Fahr auf, das, was zuvor gekommen ist, hätte man auch auf 15 oder 20 Minuten komprimieren können. Im Ergebnis wäre The Hateful Eight dann ein hervorragender Film gewesen. So jedoch zerfällt er in zwei Teile. Der langweiligen, mehr als die Hälfte der Laufzeit einnehmenden Einführung und der eigentlichen Geschichte.
Das ist das Traurige, denn nach der Länge eines normalen Films beginnt Tarantinos achtes Werk tatsächlich zu unterhalten. Die Dramatik steigert sich dann, die Konflikte brechen hervor, Überraschungen gibt es, kurz: plötzlich sieht man sich einem richtig guten Film gegenüber. Aber um den sehen zu können, muss man das Tal der Langeweile durchschreiten.
Der Film gaukelt vor, den Figuren eine Art von Tiefe zu verleihen, tatsächlich bleibt aber alles an der Oberfläche. Die Dialoge sind zwar geschliffen, sie haben aber nichts auszusagen. Man merkt ihnen schon an, dass Tarantino daran lange herumgetüftelt hat, aber er hätte sich mehr auf die narrative Struktur konzentrieren sollen. Dann hätte er seinem durchwegs guten Ensemble – ausgenommen vielleicht Tim Roth, der hier versucht, Christoph Waltz zu imitieren – vielleicht auch ein paar richtige Filetstücke präsentieren können, aber im jetzigen Zustand sind es nur zwei, drei Schauspieler, die sich wirklich über das Material erheben. Am besten ist dabei Walton Goggins, der so etwas wie die Heldenfigur ist – falls man das bei einem Film wie diesem überhaupt sagen kann.
Denn unterm Strich gilt: Praktisch jeder Handlungsträger ist verkommen, es gibt keine positive Figur. Niemand, mit dem man sich identifizieren könnte, so dass man dem Treiben auch einigermaßen unbeteiligt beiwohnt. Auch daher resultiert die bleierne Langeweile, die sich erst dann legt, als das Ensemble in diesem Quasi-Kammerspiel langsam ausgedünnt wird.
The Hateful Eight hätte großartig sein können, in der jetzigen Form ist er aber nur eine Geduldsprobe und ein Beweis dafür, dass es auch selbsternannten Genies ganz gut zu Gesicht steht, sich bei der Entwicklung einer Geschichte Feedback zu besorgen.

