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The Commuter

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kritiken.de Redaktion 11.01.2018
The Commuter© Bildrechte beim jeweiligen Verleiher / Promotional Material (siehe Impressum)
A ca. 1432 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

The Commuter - Ein urbaner Alptraum zwischen Kontrolle, Routine und moralischer Zäsur

Einleitung

Mit The Commuter tritt ein Film in den Vordergrund, der weniger durch Neuheit als durch die Zuspitzung bekannter Motive überzeugt: Das pendelnde Individuum als Schauplatz existenzieller Entscheidungen, die über die Dauer einer Fahrt hinausreichen. Der Film setzt auf das, was gegenwärtige Thrillerdynamiken prägt - Verdichtung von Zeit und Raum, die Entfesselung eines persönlichen Dilemmas inmitten anonymer Urbanität - und stellt damit eine prägnante Stimme innerhalb des populären Kinos der späten 2010er Jahre dar.

Für den Regisseur fungiert der Film als konsequente Fortführung einer Handschrift, die sich oft um isolierte Protagonisten und klaustrophobische Settings dreht. Das Werk findet seine Relevanz nicht zuletzt in der Frage, wie mainstreamtaugliche Spannung mit sozialer Beobachtung kombiniert werden kann: Der Pendlerzug wird zur Mikrokosmos-Bühne, auf der ökonomische Unsicherheit, Überwachungsangst und zwischenmenschliche Entfremdung zur dramatischen Ladung werden.

Im gesellschaftlichen Kontext lässt sich The Commuter als Spiegelbild einer Zeit lesen, in der Mobilität und Prekarität zusammenfallen. Pendeln ist hier nicht bloß physische Bewegung, sondern Symbol für die Verlagerung von Verantwortung und Risiko. Der Film greift Stimmungen auf, die im urbanen Alltag omnipräsent sind: die Anonymität der Masse, das sensible Gleichgewicht zwischen Ordnung und Chaos und die Verwundbarkeit des Einzelnen in technisierten Systemen.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Jaume Collet-Serra, ein Europäer im Hollywoodbetrieb, der sich in den letzten Jahren als Spezialist für spanndichte, publikumswirksame Thriller etabliert hat. Collet-Serra pflegt eine Ökonomie der Mittel, die auf starken Konzepten und enger Siegelung des Erzählraums basiert. Seine Filme arbeiten häufig mit einer präzisen Handhabung von Tempo und Suspense, wobei die Kamera häufig dazu dient, Bekanntes zu entstellen und Vertrautes als potenzielle Bedrohung auszuweisen.

Die Produktion wurde von einem großen Studio getragen und im kommerziellen Segment angesiedelt. Ausgesprochen opulente Effekte stehen nicht im Zentrum; stattdessen dominiert ein pragmatischer und routinierter Produktionsstil, der auf lockere Effizienz zielt und den Anspruch verfolgt, Spannung ohne unnötige Exzesse zu erzeugen. Innerhalb des Gesamtwerks des Regisseurs steht der Film für eine konsequente Fortführung seiner Zusammenarbeit mit Schauspielern, die eine starke Präsenz und ein etabliertes Action-Image mitbringen.

Die formale Stringenz des Films zeigt sich in der Konzentration auf ein begrenztes Setting und die daraus resultierende Dramaturgie. In dieser Hinsicht nimmt The Commuter eine vergleichbare Position ein wie frühere Arbeiten des Regisseurs: Die Beschränkung auf wenige Orte und die Ausnutzung zeitlicher Verdichtung sind als ästhetische Strategien offensichtlich und bestimmen die Produktionsentscheidungen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht ein Ensemble etablierter Darsteller, deren frühere Rollen Erwartungen aufbauen, die der Film bewusst thematisiert. Liam Neeson, dessen Karriere in den letzten Jahren von einer spezifischen Action-Männlichkeit geprägt ist, fungiert als Protagonist, dessen routinierte Alltagsrolle auf eine existenzielle Probe gestellt wird. Seine Präsenz bringt eine vertraute Erwartungshaltung mit sich, die der Film produktiv nutzt, um Identifikation und Spannung zu koppeln.

Vera Farmiga tritt als figurative Gegenkraft auf, eine Schauspielerin, die in dramatischen und psychologisch komplexen Rollen erfahren ist und deren Darstellung häufig eine unterschwellige Ambivalenz einbringt. Patrick Wilson und Sam Neill bringen unterschiedliche Register ins Spiel: Der eine mit der Fähigkeit zur zurückhaltenden Intensität, der andere mit der Erfahrung als souveräne Autoritätsfigur. Elizabeth McGovern und Jonathan Banks erweitern das Spektrum um Nuancen des Bürgertums und der raueren Realität, während Dean-Charles Chapman als jüngere Präsenz einen Generationenkontrast einführt, der die soziale Spannweite des Films spürbar macht.

Die Figurenzeichnung arbeitet mit archetypischen Zügen, die von den Darstellern getragen werden: routinierte Gewissheiten, latente Bedrohungen und die Möglichkeit von Verrat oder Solidarität in Momenten extremer Belastung. Die Besetzung als solcher fungiert weniger als Überraschungscoup denn als kalkuliertes Setting bekannter Fassungen des Publikums, auf die der Film dramaturgisch reagiert.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Erzählung verlagert sich überwiegend in das Alltagssetting eines Pendlerzugs und entfaltet dort einen dichten Spannungsbogen. Ein vermeintlich banaler Arbeitsweg entwickelt sich zu einer Abfolge von Verwicklungen, in deren Zentrum die Entscheidung einer einzelnen Figur steht. Die Dramaturgie basiert auf einem klaren, aber effektiven Mechanismus: ein Angebot oder Ultimatum, das innerhalb eines definierten Zeitrahmens eine Reaktion verlangt und damit die Handlung vorantreibt.

Der dramatische Konflikt entspringt weniger einer äußeren Weltkatastrophe als einem persönlichen Dilemma, das sowohl moralische als auch praktische Konsequenzen hat. Zentrale Figuren sind der Pendler-Protagonist, dessen Vergangenheit Spuren hinterlässt, und eine Reihe von Mitreisenden sowie Autoritätspersonen, deren Motivationen Stück für Stück sichtbar werden. Ton und Atmosphäre sind geprägt von zunehmender Beklemmung, nächtlicher Beleuchtung und der akustischen Präsenz der sich fortbewegenden Maschine Zug, deren Rhythmus zum Takt der Spannung wird.

Zentrale Themen und Motive

Der Film stellt grundlegende Fragen nach Verantwortung, Identität und der Rolle von Institutionen in Situationen akuter Unsicherheit. Die Frage, ob das Individuum unter äußerem Druck moralische Kompromisse eingeht oder sich an einem ethischen Kern orientiert, steht im Mittelpunkt. Dabei geht es nicht nur um die klassische Option zwischen Gut und Böse, sondern um die Spielräume, die in einem durchgetakteten urbanen Alltag verbleiben.

Ein wiederkehrendes Motiv ist die Anonymität der Masse: In einem öffentlichen Verkehrsmittel kann sich das Individuum verbergen und zugleich entblößen. Die technische Durchdringung des Alltags, die Präsenz von Überwachung und die Funktionslogik moderner Systeme liefern den Hintergrund für eine Auseinandersetzung mit Kontrolle und Freiheit. Zugleich reflektiert der Film die Angst vor dem Verlust gesellschaftlicher Sicherheiten und stellt die Frage, wie soziale Bindungen in kritischen Momenten organisiert sind.

Psychologisch interessiert sich der Film für die Mechanik von Entscheidungsfindung unter Zeitdruck und für die Art und Weise, wie Identität durch die Erinnerung an frühere Rollen - etwa berufliche Sozialisation - geprägt wird. In der Summe ergibt sich ein Bild, das populäre Thrillerelemente nutzt, um existenzielle Fragestellungen der Gegenwart filmisch zu verdichten und in einem kompakten, formal straffen Rahmen zur Diskussion zu stellen.

Filmkritik von Bianka Piringer

Ein unmoralisches Angebot

Michael (Liam Neeson) ist 60 alt und pendelt jeden Tag vom New Yorker Vorort Westchester in die Innenstadt. Er arbeitet als Versicherungsmakler, muss die Hypotheken für das Haus abbezahlen und will seinem Sohn das College finanzieren. Aber nun wird ihm gekündigt, einfach so, fünf Jahre vor der Rente. Auf dem Heimweg setzt sich im Regionalzug eine Fremde, die sich als Joanna (Vera Farmiga) vorstellt, zu ihm und bietet ihm eine Art Psychotest an. Wäre er bereit, für 100.000 Dollar etwas zu tun, ohne die Folgen für andere abschätzen zu können? Auf der Toilette seien 25.000 Dollar für ihn versteckt, den Rest gebe es später, sagt Joanna. Er müsse nur eine Person im Zug finden, die Prynne heißt und an der Haltestelle Cold Spring aussteigt. Sie führe etwas Gestohlenes im Gepäck. Joanna steigt aus und lässt Michael mit seiner Entscheidung, ob er mitmachen will, allein.

Michael findet auf der Toilette tatsächlich das Geld und nimmt es an sich. Aber nun gibt es für ihn kein Zurück mehr: Ein Bote bringt ihm zur Warnung den Ring seiner Ehefrau und Joanna meldet sich bald auf dem Handy. Das Leben seiner Familie steht auf dem Spiel, wenn Michael die Aufgabe nicht löst. Dass die mysteriöse Auftraggeberin und ihre Helfer es tödlich ernst meinen, demonstrieren sie ihm am Schicksal eines Mitreisenden, den Michael um Hilfe bittet und der nach dem Aussteigen nicht mehr weit kommt.

Im Regionalzug mit seinen Pendlern baut dieser Thriller von Regisseur Jaume Collet-Serra („Unknown Identity“) systematisch Spannung auf. Die Kamera bleibt nun an diesem Ort, an dem der faustische Pakt seinen Tribut fordert. Die Geschichte folgt der Perspektive des in existenzielle Bedrängnis geratenen Mannes und wird praktisch in Echtzeit gefilmt, während sich der Zug Station um Station Cold Spring nähert. Die Anonymität der bösen Strippenzieher spiegelt Michaels Erfahrung, im gesellschaftlich-wirtschaftlichen Gefüge keine Stimme, keine Bedeutung zu haben. Serras Film übt Kritik an der Skrupellosigkeit eines profitorientierten Systems, das mit den hart arbeitenden Menschen umspringt, als wären sie Schachfiguren.

Der Zug der Pendler wird zu einem Raum, in dem Solidarität entstehen könnte, aber erst einmal verständigt jemand wegen Michaels auffälligem Interesse an anderen Passagieren die Polizei. Michael, der früher selbst bei der Polizei war, begreift die schiere Ausweglosigkeit der Situation, in der er dennoch versuchen muss, möglichst viel Schaden abzuwenden. Dieser Charakter erweist sich als schöne Rolle für den alternden Liam Neeson, der schon öfter harte Kerle mit Herz spielte. Es gibt spektakuläre Actionsequenzen und die Kamera bewahrt sich in der Enge der Zugwaggons auf zuweilen verblüffende Weise den Handlungsspielraum.

Aber die Figur der Joanna ist zu symbolisch angelegt, sie scheint mit ihrer unerklärlichen Machtfülle weniger eine reale Person zu sein, als ein Symbol für das Böse, die Versuchung, die überall mitfährt. Dass die Handlung so sehr um eine philosophisch-moralische Grundsatzfrage kreist, verträgt sich nicht besonders gut mit der Wahrscheinlichkeit und Glaubwürdigkeit des Geschehens. Dieses Problem offenbart sich besonders in der rätselhaft verhuschten finalen Szene. So haftet diesem an sich gut gemachten Actionthriller mit sozialkritischem Einschlag auch der merkwürdige Eindruck einer Kopfgeburt an.

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