Spy - Susan Cooper undercover Filmkritik
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Spy - Susan Cooper undercover Filmkritik

Spy - Susan Cooper undercover: Subversive Agentinnenkomik und das Zelebrieren beruflicher Unsichtbarkeit

Einleitung

Spy - Susan Cooper undercover positioniert sich als mehr als nur eine weitere Hollywoodkomödie aus dem Ensemblebaukasten. Das 2015 erschienene Werk nutzt das vertraute Gewand des Agentenfilms, um Erwartungshaltungen zu unterlaufen und zugleich die Mechanik von Geschlechterstereotypen im Kino offenzulegen. In einer Ära, in der Blockbuster zunehmend auf Diversität und neue Figurenkonstellationen setzen, fungiert der Film als prägnantes Beispiel dafür, wie populäre Genrekonventionen produktiv aufgebrochen werden können.

Die Relevanz des Films liegt weniger in radikaler Neuerfindung als in der klaren Entscheidung, eine Komödie als Ort ernsthafter Beobachtung zu nutzen: Wer bekommt Raum und Anerkennung in gefährlichen, männlich kodierten Berufsfeldern, und wie sieht die Komik aus, die entsteht, wenn eine vermeintlich unscheinbare Nebenfigur ins Rampenlicht gezwungen wird? Diese Fragen verwebt der Film mit einer Tonalität, die körperliche Slapstick-Energie und einen feinen Sinn für ironische Beobachtung verbindet.

In kulturhistorischer Perspektive kommt Spy zum richtigen Zeitpunkt: Die Filmwelt 2015 befindet sich im Übergang von klassischen Starvehikeln hin zu projektorientierten Formaten, in denen Autorinnen und Autorinnen als gestaltende Kräfte sichtbarer werden. Der Film spiegelt diesen Zeitgeist, indem er ein weibliches komödiantisches Talent ins Zentrum rückt und gleichzeitig die Codes des Actionkinos auf ihre Mechanik befragt.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Paul Feig, ein Filmemacher, der sich in den 2010er Jahren als Architekt weiblich besetzter Komödien etabliert hat. Seine Handschrift zeichnet sich durch eine Affinität zur klassischen Screwball- und Buddy-Komödie aus, gepaart mit einem präzisen Gespür für physische Komik und der Bereitschaft, genretypische Erwartungen zu irritieren. Nach Filmen wie Bridesmaids und The Heat fungiert Spy als konsequente Fortsetzung dieser ästhetischen Linie, erweitert jedoch das Repertoire um Elemente des Agentenfilms.

Produziert im Kontext des Studiokinos steht Spy für eine konventionelle, aber sorgfältig ausgestattete Produktion. Das Budget ordnet den Film in die Kategorie mittlerer Studioinvestitionen ein, die ausreichend Raum für aufwändige Actionsequenzen und internationale Schauplätze bieten, ohne alle Ressourcen in setpiece-orientierte Effekte zu stecken. Diese Balance spiegelt sich im filmischen Ansatz wider: Effekte und Stunts werden eingesetzt, dienen jedoch primär der komödiantischen Zuspitzung und der Charakterentwicklung.

Innerhalb des Gesamtwerks von Feig nimmt Spy eine Sonderstellung ein - weniger wegen einer radikalen formalen Abkehr als wegen der klaren Ausweitung seines Themas um die Idee des Unsichtbarwerdens am Arbeitsplatz. Der Film reiht sich in eine Serie von Arbeiten ein, die humoristisch und zugleich aufmerksam gegenüber Machtverhältnissen agieren.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Melissa McCarthy trägt den Film als Susan Cooper, eine CIA-Analystin, deren Alltag bislang hinter Bildschirmen und Funkgeräten stattgefunden hat. McCarthys komödiantische Kraft liegt in der Fähigkeit, eine Figur zu spielen, die zugleich verletzlich, pragmatisch und überraschend kompetent ist. Susan ist kein glamouröser Superagent; gerade deshalb macht sie die Ernsthaftigkeit ihrer Fähigkeiten sichtbar.

Jude Law tritt als Bradley Fine auf - der prototypische, charmante Superagent, dessen Erscheinung das klassische Hollywood-Ideal bedient. Seine Rolle funktioniert als Spiegelfigur: die Auffälligkeit und das attraktive Image, gegen das Susans stille Kompetenz eingelöst wird. Die Gegenüberstellung der beiden Figuren ist bewusst konstruiert, um das Spannungsverhältnis zwischen Schein und Substanz zu illustrieren.

Jason Statham liefert in einer gegen seine üblichen Rollen gebrochenen Performance den ruppigen Feldagenten Rick Ford. Stathams Besetzungsidee ist programmatisch: Sein unerschütterliches Actionstar-Image wird ironisiert und zugleich produktiv genutzt, um mit Erwartungen zu spielen. Rose Byrne spielt Rayna Boyanov, eine Figur, die Glamour und Ambivalenz verbindet und so als katalytische Gegenspielerin fungiert.

Das Ensemble wird durch komödiantische Nebenfiguren ergänzt, deren präzise gesetzte Eigenheiten den Ton des Films schärfen. Darunter finden sich Darstellerinnen und Darsteller, die bereits in unterschiedlichen Genres profiliert sind und hier ihre Typen auf subtile Weise variieren - eine Praxis, die den Film in der Tradition ensemblebasierter Komödien verortet.

Handlung (spoilerfrei!)

Ohne ins Erzählspezifische zu gehen, lässt sich sagen: Der Film setzt eine klassische Ausgangssituation ein - ein sicher geglaubtes System wird durch eine Bedrohung erschüttert, die nach logistischer und operativer Präsenz verlangt. Susan Cooper, bisher in der Komfortzone der Analysearbeit verankert, wird in die Außenwelt der Feldoperationen geschickt. Diese Verlagerung erzeugt den dramatischen Motor des Films: die Konfrontation einer eher unscheinbaren, dafür aber kompetenten Protagonistin mit dem Spektakel der Agentenwelt.

Der zentrale Konflikt ergibt sich nicht nur aus der äußeren Mission, sondern aus der Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität: Während die Organisation und das Umfeld fest an visueller Präsenz und Selbstinszenierung orientiert sind, verlangt die Aufgabe nach nüchterner Problemlösung. Dadurch entsteht eine Tonalität, die actiongeladene Sequenzen mit komödiantischer Reflexion verbindet.

Die Atmosphäre des Films oszilliert zwischen spritziger Satire und physischer Komik. Anstelle einer düsteren Parodie bleibt der Ton leichthändig, doch nie beliebig: Komik und Spannung sind so komponiert, dass sie einander befördern und die Figuren zugleich in ihrem Innenleben zeichnen.

Zentrale Themen und Motive

Spy stellt die Frage, wie berufliche Kompetenz gesehen und bewertet wird. Der Film thematisiert die Mechanismen, durch die Leistung unsichtbar bleibt, etwa weil sie nicht dem Bild entspricht, das Institutionen erwarten. Zugleich befragt er das Genre des Agentenfilms: Welche Attribute gelten als legitim für heroisches Handeln, und wie lassen sich diese Zuschreibungen de- und rekonstruieren?

Auf einer philosophischen Ebene geht es um Authentizität versus Performance. Die Figuren navigieren zwischen tatsächlicher Expertise und der Notwendigkeit, ein Image zu liefern. Daraus erwächst eine Bandbreite an Reflexionen über Selbstwahrnehmung, Anerkennung und die Rolle von Körperlichkeit in der Darstellung von Macht.

Gesellschaftlich lässt der Film ein Licht auf Arbeitskulturen fallen, in denen Soft Skills und unspektakuläre Arbeit oft marginalisiert werden. Indem er eine unscheinbare Heldin in den Mittelpunkt stellt, fordert Spy die Rezipienten dazu auf, die normative Gewichtung von Sichtbarkeit und Autorität neu zu überdenken.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Spätestens seit „Brautalarm“ sorgt Melissa McCarthy auf der Kinoleinwand für Wirbel, erweitert sie doch die Hollywood-Damenliga durch eine ganz neue Facette. In „Spy – Susan Cooper Undercover“ arbeitet sie nun zum dritten Mal mit Regisseur Paul Feig zusammen und versucht zu beweisen, dass auch dicke Frauen ihren Platz im Agentenfilm verdient haben. (Anmerkung: Das Adjektiv „dick“ wird in diesem Text nicht wertend, sondern beschreibend verwertet. Ein verlegenes Ausweichen auf Begriffe wie „mollig“ der „kräftig“ erachte ich für weitaus wertender als eine rein sachliche Beschreibung. Das Wort „übergewichtig“ wiederum impliziert die Akzeptanz einer Norm.)

Auch Jude Law kann hier etwas beweisen, nämlich dass er für die Rolle des Superagenten geboren wurden. Als gut gekleideter Schönling Bradley Fine lässt er nicht nur die Frauenherzen im Publikum höher schlagen, sondern erobert auch seine Kollegin Susan, die seine Einsätze treu und engagiert per Knopf im Ohr am Bildschirm begleitet. Als Fine bei einem Einsatz ums Leben kommt und die Namen aller Superagenten zum Feind durchgesickern, ist Schreibtischkraft Susan die letzte Chance der CIA, um der Schurkin Raina Boyanov (Rose Byrne) das Handwerk zu legen. Und Susan selbst kann endlich zeigen, was in ihr steckt.

Bereits Titelsequenz und die ersten Minuten des Filmscores markieren die Agentenfilm-Persiflage. „Spy – Susan Cooper Undercover“ nimmt sich mit seinen Überzeichnungen und der wohl dosierten Dosis Slapstick-Humor zu keinem Zeitpunkt ernst, sondern will das Kinopublikum amüsieren und unterhalten. Insofern ist eine Erörterung der Plausibilität von Story und Charakteren an dieser Stelle hinfällig. Die Storyline ist bis auf kleine Länge im dritten Akt geschickt gestrickt und geleitet die Zuschauenden souverän durch den für eine Komödie doch recht lang geratenen Film.

Problematisch ist jedoch die Position, die „Spy – Susan Cooper Undercover“ zu seinen weiblichen Figuren – allen voran seiner Titelfigur – einnimmt. Auf der einen Seite bemüht sich Paul Feig zentrale Rollen mit Frauen zu besetzen: Eine gute Frau kämpft gegen eine böse und selbst die stellvertretende Direktorin der CIA ist eine Dame (wobei fraglich bleibt, weshalb sie nur die Stellvertreterin sein darf). Die männlichen Figuren, allen voran Jason Statham als Agenten-Großmaul Rock Ford, bekommen ordentlich ihr Fett weg, werden als Angeber, Vollidioten und verzogene Grabscher dargestellt. Aber dennoch schafft es „Spy – Susan Cooper Undercover“ nicht, sich von traditionellen Rollenmustern zu lösen.

Die Vermeidung des Wortes „dick“ ist geradezu auffällig. Auch wenn Susan von Anfang an als eine Frau charakterisiert wird, für die sich Männer in der Regel nicht interessieren und die nicht den gängigen Schönheitsidealen entspricht, wird an keiner Stelle über ihr Gewicht gesprochen. Dieser Auslassung haftet etwas Scheinheiliges an, gerät sie doch immer wieder in Situationen, in denen ihr äußeres Erscheinungsbild eine bedeutende Rolle spielt. Überhaupt kann es Paul Feig nicht lassen, Körper und Kleidung seiner weiblichen Charaktere durchgehend durch andere Figuren kommentieren zu lassen – egal ob in einem positiven oder negativen Sinne. Damit tappt er in die sexistische Falle der Reduzierung von Frauen auf ihren Körper. Bis auf einen Kommentar bezüglich Fines üppigen Brusthaars spielt das Aussehen der Männer nämlich eine stark untergeordnete Rolle.

Bedauerlich ist weiterhin der Humor, der sich aus Fremdscham über Susans Tollpatschigkeit ergibt. Nicht nur ihre Kollegen, sondern auch das Kinopublikum, sind schließlich überrascht von ihren Fähigkeiten, was ihre Position als weibliche Agentin eher schwächt als stärkt. „Schaut was eine dicke Frau alles auf dem Kasten haben kann“ ist der Subtext des Films, der das Vorurteil, dicke Frauen könnten dünnen Frauen oder Männern in irgendetwas nachstehen, somit auf unangenehme Weise untermauert.

Gleichzeitig motiviert uns Paul Feig mehrfach über die sexuelle Belästigung Susans durch einen italienischen Kollegen zu lachen und bagatellisiert damit ein reales gesellschaftliches Problem. Susan Cooper bleibt eine Witzfigur, über deren Scheitern und Missachtung wir herzlich lachen, die somit aber auch zu keinem Zeitpunkt unseren Respekt einfordert. Mit einem Rollentausch im Agentenfilm, selbst innerhalb des Komödien-Genres, hat dies nichts mehr zu tun. So kann auch die willkommene Aufwertung der Frauenfreundschaft und – loyalität hier nichts daran ändern, dass der Film aus feministischer Sicht durchfällt und beweist, dass der Bechdl-Test nicht unser einziger Maßstab sein darf. Den nämlich besteht „Spy - Susan Cooper Undercover“ mit Bravour.

Warum Melissa McCarthy sich für eine solche Rolle zur Verfügung stellt, ob der Umgang mit ihrem Leinwandcharakter ihr vielleicht nicht einmal bewusst ist, bleibe eine offene, aber sehr drängende Frage. McCarthy könnte für einen neuen Frauentyp stehen, der mit Hilfe der Leinwand Respekt für dicke Frauen einfordert, sie aus der Nische der Witzfiguren hinaushebt und zu Agentinnen ihres eigenen Lebens werden lässt. Aber wir sind wohl noch nicht so weit, dass eine Frau wie Melissa McCarthy mit vollkommener Selbstverständlichkeit eine taffe Agentin spielen kann. Und „Spy – Susan Cooper Undercover“ wird an diesem Status Quo bedauerlicher Weise auch nichts ändern.