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Still The Water

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kritiken.de Redaktion 30.07.2015
Still The Water© Film Kino Text
A ca. 977 Worte Lesezeit ca. 3 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Still The Water: Eine meditative Erforschung von Trauer, Naturgewalt und jugendlicher Sinnsuche

Einleitung

Still The Water steht in der Landschaft des gegenwärtigen Autorenkinos als ein Versuch, das Unaussprechliche durch Bild und Landschaft sprechen zu lassen. Naomi Kawase, die in der internationalen Festivalwelt seit Jahren für ihre Grenzgänge zwischen Dokumentarischem und Fiktivem bekannt ist, setzt auch hier auf eine Bildsprache, die den Zuschauer in eine physische Erfahrung von Verlust und Begehren eintauchen lässt. Der Film lädt nicht zur intellektuellen Distanz ein, sondern konfrontiert unmittelbar mit Elementen - mit Wasser, Körpern, Ritualen - die jenseits verbaler Erklärung existieren.

Relevanz gewinnt der Film durch seine Konsequenz in der Themenwahl und durch seine Verankerung in einer globalen Debatte um Ökologie, Erinnerung und das Sterben. In einer Epoche, die zunehmend von Beschleunigung und digitaler Entkörperung geprägt ist, behauptet Kawase die Langsamkeit des Sehens und die Substanz des Naturraums als Träger existenzieller Fragen. Die Produktion als französisch-japanisch-spanische Koproduktion verstärkt diesen Anspruch - nicht als bloße Marketingstrategie, sondern als Hinweis auf die grenzüberschreitende Resonanz ihrer Motive.

Innerhalb des Œuvres Kawases ist Still The Water keine Abkehr, sondern eine Verdichtung bekannter Motive: die Familientrauma, die Suche nach Transzendenz, das Porträt ländlicher Gemeinschaften und der Umgang mit dem Tod. Wer Kawase kennt, erwartet keine lineare Erzählung, sondern eine filmische Praxis, die Erinnern und Gegenwart verwoben zeigt. Der Film setzt damit einen weiteren Punkt in jener Biografie des Films, die Kawase seit ihren frühen Arbeiten als Beobachterin von Innenwelten schreibt.

Der Zeitpunkt seiner Veröffentlichung - im Festivaljahr 2014 und mit Kinostart 2015 in mehreren Ländern - macht Still The Water auch zu einem Resonanzkörper jener kulturellen Fragen, die zwischen persönlicher Trauerarbeit und kollektiver Umweltangst oszillieren. Kawases Umgang mit diesen Themen ist weniger programmatisch als poetisch, was dem Film eine eigentümliche Ambivalenz verleiht - zwischen Ritual und Filmexperiment, Intimität und Mythos.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Naomi Kawase, deren Handschrift sich über Jahre herauskristallisiert hat: eine direkte Nähe zu ihren Protagonisten, die Hybridisierung von dokumentarischen Elementen mit fiktionalen Setzungen und ein beständiges Interesse an ritualisierten Umgangsformen mit Leid. Ihr Stil zeichnet sich durch zurückhaltende Kameraarbeit, lange Einstellungen und eine Vorliebe für natürliche Lichtverhältnisse aus. Diese formalen Entscheidungen sind nicht schmückendes Beiwerk, sondern Teil einer Ästhetik, die das Kino als Erfahrungsraum begreift.

Still The Water wurde als internationale Koproduktion realisiert. Die Dreharbeiten fanden vor Ort statt, was Kawases Praxis entspricht, mit dem Ort als aktiver Mitspieler zu arbeiten. Budget und Studioverhältnisse bewegen sich im Bereich des Autorenkinos, in dem ökonomische Einschränkungen oft die Produktion prägen und zugleich zu kreativen Lösungen zwingen. Bekannt wurde der Film auch durch seine Einladung in den Wettbewerb von Cannes, ein Hinweis darauf, dass Kawases patienter Zugang zu existenziellen Themen weiterhin auf internationale Resonanz stößt.

In Bezug auf die Stellung im Gesamtwerk ist Still The Water weniger radikal neu als vielmehr konsequent: Die Arbeit mit Laiendarstellern und professionellen Schauspielern, die Konzentration auf Landschaften als emotionale Reservoirs und die thematische Fixierung auf Tod und Erneuerung verankern den Film in einer Linie, die von Kawases frühen Dokumentarfilmen bis zu ihren jüngeren Spielfilmen reicht. Es ist ein Film, der ihre filmische Philosophie noch einmal in dichter Form präsentiert.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Nijirô Murakami, einer der jungen Protagonisten, tritt in Still The Water als Verkörperung einer jugendlichen Schwelle auf - zwischen Neugier und existenzieller Erschütterung. Seine Präsenz ist weniger spektakulär als kondensiert; sie funktioniert über Körperlichkeit, Blicke und eine Zerbrechlichkeit, die die Kamera aufsucht. Jun Yoshinaga bildet das Gegenüber, ihre Figur ist durch eine ähnliche Ambivalenz von Verletzbarkeit und innerer Stärke charakterisiert. Die beiden Schauspieler tragen die narrative Last eines Coming-of-Age, das eng mit Fragen des Todes, der Sexualität und des Zugehörigkeitsgefühls verknüpft ist.

Routiniers wie Miyuki Matsuda und Jun Murakami stoffieren das Gefüge des Films mit erfahrener Präsenz. Ihre Karrieren wurzeln in einer Bandbreite von arthouse-nahen und populäreren Produktionen, wodurch sie ein Spektrum an Filmvokabular mitbringen, das Kawase für die Komplexität familiärer und gemeinschaftlicher Bindungen nutzt. Die Einbindung etablierter Namen neben jungen Gesichtern erzeugt eine Schichtung von Generationen - eine formale wie inhaltliche Anlage, die für die Erzähllogik des Films elementar ist.

Handlung (spoilerfrei!)

Still The Water begleitet junge Menschen auf einer Inselgemeinde, deren Alltag von der Nähe zum Meer und von familiären Verstrickungen geprägt ist. Die Erzählung konzentriert sich auf das Erwachsenwerden zweier Heranwachsender, die mit Verlust, Begehren und der Suche nach Sinn umgehen müssen. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Zusammentreffen persönlicher Traumen mit kollektiven Ritualen und dem unablässigen, unberechenbaren Element der See.

Die zentralen Figuren sind junge Erwachsene, ihre Familien und die Gemeinschaft, in der sie leben. An die Stelle eines plotgetriebenen Voranschreitens tritt eine Serie von Szenen und Beobachtungen, die das Innenleben der Figuren in Beziehung zur Landschaft setzen. Ton und Atmosphäre des Films sind geprägt von einer lakonischen Melancholie, die nicht selten in Momente großer visueller Dichte übergeht. Kawases Kamera versteht sich als Zeugin und Medium zugleich, sie schaut ohne zu moralieren.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum von Still The Water stehen Fragen nach dem Umgang mit Sterblichkeit, nach Ritual und Erinnerung und nach der Art und Weise, wie Gemeinschaften Trauer strukturieren. Der Film fragt, wie Individuen ihre Verletzungen mit sozialen Formen - mit Religion, Tradition und gemeinschaftlichen Praktiken - in Beziehung setzen und ob solche Formen Halt bieten oder zusätzlich belasten. Wasser fungiert als zentrales Motiv: es ist Ursprung, Bedrohung und Medium der Metapher für Übergang und Unabgeschlossenheit.

Darüber hinaus lotet der Film die Grenze des filmischen Zeigens aus. Kawase interessiert sich dafür, ob und wie das Kino Trauer darstellen kann, ohne sie zu ästhetisieren. Die psychologische Dimension verbindet sich hier mit einer politischen Lesart - in der Präsenz des Meeres und der Inselgesellschaft spiegelt sich auch eine ökologische Fragilität, die das individuelle Schicksal in einen größeren Kontext stellt. Letztlich geht es um die Frage nach Versöhnung - mit dem Körper, mit der Gemeinschaft, mit der Unabgeschlossenheit des Lebens - und um die filmischen Mittel, die solche Versöhnungsversuche sichtbar machen.

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