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Sin City

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kritiken.de Redaktion 11.08.2005
Sin City
A ca. 1846 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Sin City als Noir-Architektur: Gewalt, Moral und Bildkunst im urbanen Albtraum der Moderne

Einleitung

Sin City hat sich seit seinem Kinostart 2005 als ein markantes Experiment zwischen Comicästhetik und Film noir etabliert. Anders als einfache Comic-Adaptionen beansprucht der Film eine direkte Übersetzung der Bildsprache Frank Millers - er verlagert nicht nur Figuren und Handlung, sondern die Rhythmik, die Perspektive und die Gestaltung einzelner Panels in den Bewegungsraum des Kinos. In einem Moment, in dem digitale Mittel die Grenzen des filmischen Bildes neu ausloten, tritt Sin City als Versuch auf, die Korreographie des gezeichneten Bildes filmisch zu realisieren.

Die Relevanz des Films liegt weniger in seinem Plot als in der Frage, wie Erzählung und Bild zusammenwirken: Welche Aspekte des Graphischen lassen sich in Kamera, Licht und Montage rekonstruieren, welche gehen verloren, welche erhalten dadurch neue Bedeutungen? Sin City beantwortet diese Fragen nicht dogmatisch, sondern demonstrativ - es ist ein Laboratorium für die Übersetzung von Medienlogiken.

Innerhalb der frühen 2000er Jahre reflektiert der Film zudem einen kulturellen Zustand - die amerikanische Popkultur sucht nach Archetypen von Schuld, Sühne und urbaner Zerrüttung. Diese Themen werden in der Ästhetik der Stadt reflexiv behandelt: Basin City ist Momentaufnahme und Mythos zugleich, ein urbaner Raum, der moralische Extreme ausstellt. Das macht den Film zu einem relevanten Zeugnis jener Phase, in der Genre, Stil und digitale Technologie miteinander verschmolzen.

Kurzüberblick zur Produktion

Sin City entstand als gemeinsames Projekt von Robert Rodriguez und Frank Miller, wobei Miller als Mitregisseur und als Autor der zugrunde liegenden Comics eine ungewöhnlich starke Position innehatte. Quentin Tarantino ist mit einer kurzen Gastregie beteiligt, was die Nähe des Projekts zu einem cineastischen Autorenkino unterstreicht. Produziert wurde der Film unter dem Dach von Dimension Films, wobei das vergleichsweise moderate Budget durch einen hohen Einsatz digitaler Hintergründe und aufwändige Postproduktion kompensiert wurde. Die Arbeit am sogenannten Digital Backlot erlaubte es, die kontrastreiche Schwarz-Weiß-Ästhetik mit punktuellen Farbakzenten zu verschmelzen und so die Bildsprache der Vorlage exakt nachzuzeichnen.

Die Produktionsweise - intensives Storyboarden, nahezu panelgenaue Inszenierung und die Verwendung von Green-Screen-Techniken - machte Sin City zu einem technischen Vorreiter für spätere visuelle Experimente. In Robert Rodriguezs Werk nimmt der Film eine Sonderstellung ein: Er ist weniger familiär-fun als seine Spy-Kids-Reihen und näher an einem formalistischen, genretheoretischen Projekt, dessen Primat das Bild ist. Für Frank Miller war Sin City eine seltene, direkte Adaption seines eigenen Schaffens und damit ein Versuch, die Autorschaft des Comiczeichners filmisch zu behaupten.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung versammelt etablierte Hollywood-Namen und markante Charaktergesichter, die die archetypische Dimension der Figuren unterstreichen. Bruce Willis, bekannt geworden durch das Actionkino und Ikonen wie Die Hard, schlüpft in die Rolle des John Hartigan, eines alternden Polizisten, dessen stoische Präsenz die moralische Schwere seiner Handlungen trägt. Clive Owen, dessen Laufbahn von Figuren mit grüblerischer Intensität geprägt ist, steht als Dwight McCarthy für die ambivalente männliche Gestalt zwischen Beschützerinstinkt und rücksichtsloser Gewaltbereitschaft.

Mickey Rourke, dessen raues, markantes Gesicht eine filmische Persona formt, ist als Marv eine der zentralen, körperlichen Figuren, deren physische Präsenz und stummer Aktionismus den Film in einen expressiven Spurwechsel treibt. Benicio Del Toro übernimmt die Rolle des Jackie Boy und bringt seine Neigung zu intensiven Nebenfiguren ein, während Elijah Wood als Kevin eine verstörende, fast inhuman stille Bedrohung verkörpert, die den Kontrast zwischen unschuldigem Äußeren und innerer Abgründigkeit nutzt. Rosario Dawson als Gail und Jessica Alba als Nancy Callahan repräsentieren unterschiedliche Nuancen weiblicher Präsenz in Basin City - einmal als machtvolle Ordnungskraft innerhalb einer fragilen Autonomie, einmal als Figur von Erinnerung und Sehnsucht.

Daneben nehmen Charakterdarsteller wie Michael Clarke Duncan, Rutger Hauer und Powers Boothe Schlüsselrollen ein, die institutionelle und physische Gewalt verkörpern. Devon Aoki als Miho verweist auf eine eher ikonische, fast mythische Kämpfergestalt, deren stumme Eleganz der filmischen Choreographie neue Takte verleiht. Die Besetzung ist insofern programmatisch, als sie nicht nur Figuren besetzt, sondern Typen herstellt, deren Vorleben in den bekannten Rollen der Schauspieler mitschwingt und so intertextuelle Bedeutungen erzeugt.

Handlung (spoilerfrei!)

Sin City ist in mehrere, sich überschneidende Episoden gegliedert, die unterschiedliche Protagonisten in den Mittelpunkt stellen und die Stadt aus wechselnden Perspektiven beleuchten. Es ist weniger eine lineare Erzählung als eine Collage aus kurzen Romanzen, Rachegeschichten und moralischen Konfrontationen, deren verbindendes Element die Stadt selbst ist. Die dramatischen Konflikte entstehen aus Korruption, persönlicher Schuld und dem Versuch, in einer gesetzlosen Umgebung ein Eigenrecht auf Gerechtigkeit zu etablieren.

Die zentralen Figuren bewegen sich in einem schroffen moralischen Terrain - Polizisten, Außenseiter, Gangster und jene, die ihre Ehre verteidigen wollen. Es geht um Widerstand gegen institutionalisiertes Unrecht und um die Frage, wie weit Menschen gehen, wenn Recht und Gesetz versagen. Die Tonalität ist prägnant und reduziert: Härte, Dunkelheit und punktuelle Humanität prägen das Klima, das visuell durch extreme Hell-Dunkel-Kontraste und eine reduzierte Farbpalette erzeugt wird.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum von Sin City stehen Fragen nach Gerechtigkeit, Verantwortung und der Möglichkeit von Moral in einer korrupten Ordnung. Der Film operiert mit archetypischen Motiven - der einsame Beschützer, die rächerische Wut, das Opfer, das zur Legende wird - und verhandelt sie in einem Kontext, in dem Institutionen versagen. Daraus ergibt sich eine philosophische Spannung: Ist Gewalt legitimate Antwort oder erneute Reproduktion von Machtverhältnissen? Diese Spannung bleibt produktiv unaufgelöst und wird in der Ästhetik selbst gespiegelt.

Visuell und thematisch verbindet der Film religiöse Metaphorik und städtische Theologie - Figuren wie Mitglieder mächtiger Familien oder kirchlicher Würdenträger symbolisieren die Verquickung von Macht und Sünde. Zugleich ist Sin City eine Meditation über die Medialität von Gewalt: Die graphische Darstellung wird nicht domestiziert, sondern zur Form, in der Brutalität als Bild formuliert wird. Auch die Darstellung weiblicher Autonomie - insbesondere in den Territorien von Old Town - stellt Fragen nach Körperlichkeit, Selbstbestimmung und ökonomischer Selbstverwaltung in den Vordergrund.

Insgesamt ist Sin City weniger ein moralisches Urteil als eine ästhetische Untersuchung: Es lotet die Grenzen zwischen Mythos und Realität aus und zeigt, wie Bilder selbst normative Diskurse erzeugen. Als filmisches Objekt bleibt es ein Material zur Reflexion über Genre, Medium und die poetische Kraft des Noir im digitalen Zeitalter.

Filmkritik von Tim Gieselmann

Aus Kult-Comic und Kultregisseur wird Kultfilm. Klingt erstmal nachvollziehbar. Doch ein Film, der Comic-Optik in seine Ästhetik mit einwebt? Das birgt Risiken. Fragen Sie mal Marvel und Ang Lee. Frank Miller's Sin City und Robert Rodriguez stellen die Zeichen jedoch eindeutig auf Kult.

Eingerahmt von zwei sehr kurzen Sequenzen, um einen smarten Auftragsmörder (Josh Hartnett), erzählt Sin City in drei Episoden die Geschichte von drei Männern, die in der von Korruption und Sünde überquellenden Stadt Basin City leben. Einer von ihnen ist Marv (Mickey Rourke), ein äußerlich verunstalteter Mann, der eines Nachts von der schönen Goldie verführt wird. Am nächsten Morgen liegt sie tot neben ihm und Polizisten klopfen an seine Tür. Irgendjemand hat ihn in die Falle gelockt. Marv schwört sich, den Tod seiner Traumfrau aufzuklären und zu rächen.Von da an prügelt und tötet er sich zur Wahrheit durch.

Ähnlich wie Marv ist Dwight (Clive Owen) ein Mann mit krimineller Vergangenheit. Als Mörder mit neuem Gesicht ist er immer einen Fingerabdruck davon entfernt, gefasst zu werden. Dwight verfolgt den gewaltbereiten Jackie-Boy (Benicio Del Toro) nach Old Town, den Stadtteil, der von Prostitiuierten regiert wird. Sie töten Jackie-Boy gemäß ihren Regeln. Doch als sich herausstellt, dass es sich bei ihm um einen Polizisten handelt, droht der lang anhaltende Waffenstillstand zwischen Polizei, Mafia und Prostituierten zu brechen.

John Hartigan (Bruce Willis) war sein Leben lang ein solcher Polizist, allerdings ein ehrlicher. Vor 8 Jahren, an seinem letzten Diensttag, rettete er die damals 11-Jährige Nancy Callahan vor einem Kinderschänder. Doch dieser ist Sohn des einflussreichen, korrupten Senators Rourke und somit wurden Hartigan die Verbrechen angelastet, auch wenn er nie gestand. Nun ist Nancy (Jessica Alba), mittlerweile 19 und Stripperin, erneut in Gefahr und Hartigan tut alles dafür, sie zu retten.

Sin City ist die Verfilmung der Kult–Graphic Novels von Frank Miller und hält sich sowohl inhaltlich, als auch ästhetisch recht genau an seine Vorlage. Ganz bewusst wurde der Film „Frank Miller's Sin City“ genannt, denn Regisseur Robert Rodriguez wollte laut eigener Aussage Millers Version der Geschichte und nicht etwa eine eigene verfilmen und holte Miller daher gleich als Co-Regisseur mit ins Boot. Auch als Autor wird nur er genannt, da die Comics selbst und kein Drehbuch als Vorlage des Filmes dienen sollten.

Aus diesem Umstand lässt sich vielleicht schon schlussfolgern, dass Sin City nicht unbedingt mit film-narrativer Finesse zu beeindrucken weiß. Die simplen Geschichten sind minimal durch das Striplokal miteinander verknüpft, das alle Personen an einem Punkt ihrer Geschichten gleichzeitig aufsuchen. Ansonsten verfolgen sie kompromisslos den eigenen Handlungsstrang, als seien es drei Kurzfilme im selben Setting. Dieser episodische Stil ist klar der erzählerischen Form der Vorlage geschuldet und erscheint in diesem Fall nicht nachteilig. Denn der Film wirkt dennoch wie aus einem Guss und man möchte glauben, dass jede Erweiterung der Handlung, um zum Beispiel eine verbindende, oder vielleicht eine moralisch weniger fragwürdige Komponente, überflüssig gewesen wäre. Das liegt daran, dass auch die gemeinsame Ästhetik der Comics in den Film übernommen wurde, die die verschiedenen Geschichten zu einem großen Ganzen eint.

Die Schwarz-Weiß – Optik mit extremen Kontrasten und nur sporadischem Farbeinsatz ist ein absolutes Alleinstellungsmerkmal im modernen Kino. Zur Realisierung dieses Effekts wurde zunächst in Farbe mit digitalen Kameras und zum ganz großen Teil vorm Green-Screen gedreht und in der Post-Produktion dann die meiste Arbeit verrichtet. Heraus kommen Bilder, die bei den Filmfestspielen von Cannes den Technical Grand Prize für die visuelle Umsetzung erhielten und die man wohl einfach nur als cool bezeichnen kann.

Diese Coolness gibt für die restlichen Aspekte des Films dann auch die Richtung vor, zum Beispiel in puncto Gewalt. Eigentlich müsste das Maß an expliziter Brutalität und perfiden Inhalten unerträglich sein. Doch durch die besprochene Ästhetik zum einen und die Mystifizierung des Gesehenen zum anderen, wirkt sie nicht unbedingt erträglicher, aber (je nach eigenem Standpunkt) atmosphärisch stimmig. Natürlich sind einige Szenen in ihrer Direktheit schlicht schockierend, jedoch passt genau das nach Sin City, diesen gesetzlosen Sündenpfuhl, frei von jeglichen moralischen Standards.

Der Voice-Over – Kommentar, entweder dem Film Noir oder aber den Gedankenblasen und Kommentaren der Graphic Novel-Vorlage entlehnt, trägt dann ganz dick auf. Aus Sicht der Hauptcharaktere und somit natürlich extrem subjektiv, werden die Ereignisse geschildert. Hier findet die bereits erwähnte Mystifizierung des Geschehens ihren Höhepunkt, indem die toughen Alpha-Helden ihre eigenen Taten mit coolen Sprüchen und Weisheiten unterlegen. Emotionen, Empfindungen werden zu himmelhohen Passionen aufgebauscht, als seien die Handelnden griechische Götter. Dabei hilft, dass in Sin City in Sachen Physik und Logik ebenfalls die Comic-Konventionen vorherrschen und die Protagonisten ihren selbst verfassten Legendenstatus durch Taten untermalen können. Unerklärliche Fähigkeiten, absurde Automanöver, sprechende Tote, solche Dinge sind mehr Regel als Ausnahme.

Wenn man sich auf all diese Besonderheiten einlassen kann, wird Sin City zu einem großartigen Erlebnis für den Zuschauer. Das Star-Ensemble um Bruce Willis, Michey Rourke, Clive Owen, Jessica Alba, Elijah Wood und etliche andere wird in eine extrem unmoralische Welt geschickt, die nur aus Gangstern, Cops und Rotlicht zu bestehen scheint. Entsprechend düster fällt die Atmosphäre aus. Die Stadt der Sünde kreiert ein eigenes Kinoflair. Die visuelle Umsetzung der Graphic-Novel ist einzigartig und ist das was, gepaart mit schonungslosen Inhalten, diesen Film zum Kultfilm macht.

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