kritiken.de Filme
Filme

Rico, Oskar und die Tieferschatten

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 10.07.2014
Rico, Oskar und die Tieferschatten© Fox Deutschland
A ca. 1364 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Rico, Oskar und die Tieferschatten - Eine Kartografie kindlicher Ängste im urbanen Raum

Einleitung

Rico, Oskar und die Tieferschatten tritt an als eine filmische Verhandlung über Kindheit, Verwundbarkeit und die Mechanismen des Erwachsenwerdens. Als Adaption eines populären Kinderbuchs bedient der Film nicht nur familiäre Unterhaltungserwartungen, sondern beansprucht einen subtilen, literarisch fundierten Ton, der für das deutsche Kino der 2010er Jahre charakteristisch ist. Die Relevanz des Stoffes liegt weniger in einer spektakulären Handlung als in seiner Fähigkeit, kindliche Wahrnehmung als ernstzunehmende Sicht auf die Gesellschaft zu markieren.

Der Film positioniert sich innerhalb einer Tradition deutschsprachiger Kinder- und Jugendfilme, die Humor und Melancholie verbinden, ohne die Intelligenz des jungen Publikums zu unterschätzen. Diese Haltung spiegelt eine ästhetische Tendenz, die in mehreren zeitgenössischen Adaptionen von Kinderliteratur sichtbar wird: das Bestreben, die Innenwelt Heranwachsender filmisch zu respektieren und zugleich die Ambivalenzen der Erwachsenenwelt offenzulegen.

Auf der Ebene des filmischen Stils bedeutet das eine Konzentration auf Perspektive, Tempo und Tonalität. Die erzählerische Stimme privilegiert Beobachtung und Nähe statt spektakulärer Effekte; der urbane Raum wird nicht nur Kulisse, sondern Gegenspieler und Prüfstand kindlicher Identität. Damit beantwortet der Film ein Bedürfnis nach sensibler, jedoch narrativ klar strukturierter Familienunterhaltung, die gesellschaftliche Unsicherheiten spiegeln kann.

Kurzüberblick zur Produktion

Die Produktion von Rico, Oskar und die Tieferschatten folgt dem Format einer sorgfältig vorbereiteten Literaturverfilmung: die Rechte an einer bekannten Vorlage, ein Drehbuch, das die Balance zwischen Originaltext und filmischer Ökonomie sucht, sowie ein Budget, das auf qualitätsorientierte Mittelsetzung statt auf spektakuläre Effekte setzt. Solche Projekte zeichnen sich durch Zusammenspiel von etablierten Filmschaffenden und engagierten Nachwuchsdarstellern aus, ergänzt durch die Verpflichtung namhafter deutscher Schauspieler in Nebenpartien.

Die Regie zeigt eine zurückhaltende Hand, die auf atmosphärische Verdichtung setzt - eine Handschrift, die stärker die Figurenbeobachtung als das actionbetonte Erzählen in den Vordergrund stellt. Das Produktionsdesign nutzt städtische Topographie als narrativen Raum: enge Straßen, Hinterhöfe und Wohnblocks werden zur Bühne für kindliche Erkundungen und die Begegnung mit der Komplexität der Erwachsenenwelt. Solch eine Anlage positioniert den Film als festen Bestandteil des zeitgenössischen deutschsprachigen Kinderfilmkanons.

Innerhalb des Gesamtwerks der beteiligten Filmschaffenden lässt sich der Film als Fortführung eines Interesses an menschlicher Nähe und realistischer Figurenzeichnung lesen. Die Absicht, eine literarische Vorlage sinngemäß und doch filmisch eigenständig zu übersetzen, ist prägend für die Produktionsentscheidungen und erklärt die akzentuierte Wahl von Besetzung und Bildsprache.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum stehen zwei junge Darsteller, deren natürliches Spiel die Achse des Films bildet. Juri Winkler übernimmt die Rolle der Titelfigur Rico und bringt eine Mischung aus Verletzlichkeit und unerschütterlicher Neugier mit, die den emotionalen Kern des Films trägt. An seiner Seite steht Can Mansuroglu als Oskar, dessen Kontrastfigur den Blick auf Freundschaft und Differenz schärft. Das Zusammenspiel der beiden schafft die nötige Glaubwürdigkeit, damit die erzählerischen Prüfsteine funktionieren.

Das Ensemble der Erwachsenen besteht aus einer Reihe profilierter Darstellerinnen und Darsteller, die in sorgfältig konturierten Nebenrollen den Horizont der Kinderfiguren formen. Karoline Herfurth bringt ihre bekannte Fähigkeit zu nuanciertem Figurenaufbau ein, während Ronald Zehrfeld und David Kross als Vertreter unterschiedlicher serieller und kinogängiger Archetypen für Spannung und Ambivalenz sorgen. Veteranen wie Katharina Thalbach und Axel Prahl stiften Verlässlichkeit und Tiefenschärfe, und Komödiantisches Potenzial wird durch Stimmen wie Anke Engelke ergänzt. Diese Besetzungstechnik - junge Neuentdeckung flankiert von etablierten Profis - ist bewusst gewählt, um die Erzählwelt sicher und vielschichtig zu tragen.

Handlung (spoilerfrei!)

Ohne ins Detail zu gehen, lässt sich die Handlung als die Geschichte zweier ungewöhnlicher Freunde beschreiben, die in einem urbanen Milieu aufeinanderprallen mit Fragen nach Vertrauen, Verantwortung und Mut. Der erzählerische Motor ergibt sich aus einem Rätsel und den Konsequenzen, die dessen Lösung für die beteiligten Figuren hat. Anstelle linearer Spannungskurven dominiert ein episodischer Aufbau, in dem kleine Entdeckungen und zwischenmenschliche Momente den Takt bestimmen.

Der dramatische Konflikt ist weniger konfrontativ als moralisch und psychologisch: Es geht um die Frage, wie Kinder in einer komplexen, oft widersprüchlichen Welt Anerkennung und Sicherheit finden. Die zentralen Figuren agieren aus ihren jeweiligen Beschränkungen heraus - das ist die Grundlage für die emotionale Dynamik des Films. Ton und Atmosphäre bewegen sich zwischen heiterer Leichtigkeit und ernsthafter Beklemmung; so entsteht ein ambivalenter Klangraum, der kindliche Unmittelbarkeit und die Schwere erwachsener Entscheidungen zusammenführt.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum des Films stehen Fragen nach Identität, Anderssein und der Bedeutung von Freundschaft als Schutzraum. Der Stoff verhandelt Intelligenzbegriffe und soziale Akzeptanz: Wie wird Begabung wahrgenommen, wenn sie nicht den Normen entspricht? Wie stabil sind Beziehungen, die auf Vertrauen in verletzlichen Momenten basieren? Diese Fragestellungen werden nicht didaktisch beantwortet, sondern in konkreten Situationen sichtbar gemacht, die den Zuschauer zur Interpretation einladen.

Philosophisch eröffnet der Film eine Perspektive auf Erkenntnis und Unwissenheit - nicht als intellektuelle Kategorie allein, sondern als existenzielle Haltung. Gesellschaftlich berührt er Fragen nach Fürsorge, Verantwortlichkeit und der Schichtung urbaner Lebenswelten: Erwachsene sind nicht bloß Helfer oder Antagonisten, sondern Ambivalenzen, die Kinder navigieren müssen. Psychologisch interessiert sich der Film für die Mechanismen von Angst, Schutz und Selbstermächtigung - Motive, die durch Bild- und Tonwahl subtil unterstützt werden.

In der Summe bleibt Rico, Oskar und die Tieferschatten weniger ein auf Effekte angelegter Abenteuerfilm als ein fein gezeichnetes Porträt kindlicher Existenz in einer komplexen Welt. Seine Bedeutung liegt in der ernsthaften Behandlung kindlicher Sichtweisen und in der filmischen Suche nach Mitteln, diese Sichtweisen glaubhaft und respektvoll abzubilden.

Filmkritik von Peter Osteried

Rico erklärt Oskar – und dem Publikum – was Tieferschatten sind

Mit Rico, Oskar und die Tieferschatten liegt nun die Verfilmung des gleichnamigen Kinderbuchs von Andreas Steinhöfel vor. Sechs Jahre hat es gedauert bis aus dem Buch, für das der Autor mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet worden ist, ein Film wurde. Die Umsetzung weiß zu gefallen.

Rico ist kein normaler Junge, er ist tiefbegabt. Ein Euphemismus seiner Mutter, die ihrem Sprössling ein besseres Gefühl geben mag. Aber als Tiefbegabter ist es schwer, Freunde zu finden. Da trifft es sich gut, dass Rico den hochbegabten Oskar kennen lernt. Beide werden Freunde, aber als Oskar am nächsten Tag nicht auftaucht, ist Rico verwirrt – bis er die Nachrichten sieht, denn Oskar wurde das jüngste Entführungsopfer von Mr. 2000, dem Schnäppchenerpresser, der Kinder verschwinden lässt und gegen Zahlung von 2.000 Euro wieder frei lässt. Rico will seinen Freund natürlich nicht im Stich lassen. Und er hat auch schon eine Idee, wer Mr. 2000 sein könnte.

Die Geschichte ist einfach gestrickt, so wie die Hauptfigur auch. Ein bisschen erinnert Rico an Forrest Gump. Beiden ist die gleiche simple Unschuld zu Eigen, wenngleich Rico aber doch deutlich weniger naiv ist. Dass er nicht ganz so schlau ist, ist weder für ihn noch für Oskar ein Problem. Für manch andere aber schon, so die Nachbarskinder. Aber das ist ein Element, das die Geschichte nur ganz nebenbei aufgreift, in erster Linie geht es schon um das Kennenlernen und Anfreunden zweier unterschiedlicher Jungs, die einander aber auch perfekt ergänzen.

Rico ist nicht so schlau, aber dafür recht furchtlos, Oskar ist ziemlich smart, aber hat vor allem Angst, weswegen er auch ständig mit einem Helm auf dem Kopf herumrennt. Es sind skurrile Figuren, die Steinhöfel erfunden hat. Ebenso setzt Regisseurin Neele Leana Vollmar (Maria, ihm schmeckt’s nicht) ihre jungen Akteure auch ein. Anton Petzold und Juri Winkler bringen eine Natürlichkeit in ihre Rollen, die nicht nur Rico und Oskar, sondern den Film augenblicklich sympathisch werden lässt. Um die Jungschauspieler sind namhafte Mimen besetzt – Karoline Herfurth als Mutter und Milan Peschel, Ursela Monn, Axel Prahl und David Kross als Nachbarn. Als griesgrämige Eisverkäuferin absolviert zudem Anke Engelke einen Gastauftritt.

Rico, Oskar und die Tieferschatten würde auch durchaus als Drama funktionieren, als Geschichte um einen Jungen, der fast immer alleine ist, weil seine Mutter arbeitet, schläft oder einfach weg ist. Der von seiner Umwelt ausgegrenzt wird, aber eigentlich ein ganz netter Kerl ist. Man spürt in dieser Geschichte, dass ein ernsthafter Ton mitschwingt, das aber eher subtil und nie aufdringlich. Selbst die Geschichte um Kindesentführungen hat einen düsteren Touch, auch wenn die Idee eines Schnäppchenentführers natürlich wieder ins Abnorm-Alberne umschlägt.

Die Verfilmung des Kinderbuchs ist ein echter Glücksfall, dank exzellenter Besetzung und beschwingter, auf Humor setzender, aber durchaus ernste Momente findender Inszenierung nicht nur ein Spaß für die Kleinen, sondern auch die Großen. Im Nachspann wird für 2015 auch gleich die Fortsetzung Rico, Oskar und das Herzgebreche angekündigt. Einen dritten Roman gibt es übrigens auch noch.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de