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Pride

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kritiken.de Redaktion 30.10.2014
Pride© Senator Filmverleih
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Pride: Ein Ensemble über Solidarität, Identität und Politik im Schatten der Thatcherzeit

Einleitung

Pride, erschienen im Oktober 2014, rekonstruiert einen Moment kollektiver Selbstermächtigung in Großbritannien und stellt dabei die Frage nach den Bedingungen politischer Solidarität. Der Film nimmt einen realen historischen Einschnitt zum Ausgangspunkt - die ungewöhnliche Allianz zwischen Aktivistinnen und Aktivisten der LGBTQ+-Bewegung und den streikenden Bergarbeitern der 1980er Jahre - und verwandelt ihn in eine Erzählung über Gemeinschaftsbildung, kulturelle Überschneidungen und die Praxis des Bündnisses.

Das Werk ist insofern relevant, als es nicht nur ein historisches Ereignis nacherzählt, sondern die Spannungen zwischen Moral, Identität und Klassenpolitik verhandelt, die auch gegenwärtig wieder virulent sind. In einer Zeit, in der Debatten um Repräsentation, Allianzen und politische Legitimität neu entfacht werden, bietet Pride ein Narrativ, das sowohl die Errungenschaften als auch die Kompromisse kollektiven Handelns thematisiert.

Regisseur Matthew Warchus, dessen Wurzeln im Theater liegen, bringt eine ensemblespezifische Sensibilität in die filmische Form. Sein Ansatz betont die Chorik des Kinos: mehrere Stimmen, sich verschränkende Biografien und ein Gespür für dialektische Momente zwischen Komik und Tragik. Das Ergebnis ist ein Film, der mehr als nur eine historische Anekdote serviert; er untersucht Aufbau, Risse und Performanz sozialer Beziehungen in einer Ära neoliberaler Umbrüche.

Kurzüberblick zur Produktion

Pride entstand als britische Produktion mit einem deutlich independent geprägten Ansatz. Statt auf epische Produktionsmittel zu setzen, vertraut der Film auf präzise Besetzung, penible Ausstattung und die Rekonstruktion der 1980er Jahre durch Kostüm, Setdesign und eine sorgfältig gewählte zeitgenössische Musikspur. Diese konzentrierte Form unterstützt die Intimität der Erzählung und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Interaktion zwischen Figuren statt auf großflächige Effekte.

Warchus vermeidet demonstrativ filmische Effekthascherei zugunsten einer registischen Klarheit, die sich in ruhigen Beobachtungen, gestaffelten Ensemblesequenzen und einem dramaturgischen Gespür für Timing zeigt. Die Produktionsumstände - begrenztes Budget, britischer Standort, Fokus auf Schauspielensemble - prägen den Film deutlich: Pride wirkt wie ein Kollektivprojekt, das spielerische Energie mit politischem Ernst verbindet. In Warchus’ Schaffen nimmt der Film die Funktion einer Brücke ein zwischen der theatralen Inszenierkunst und filmischer Erzählökonomie.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung von Pride ist bewusst ensemblehaft und setzt auf die heterogene Präsenz erfahrener Charakterdarsteller und junger Talente. Bill Nighy bringt seine markante Würde und eine artifizielle Zurückhaltung in die Rolle des reiferen Aktivisten, dessen Erfahrung und Melancholie eine wichtige emotionale Achse bilden. Imelda Staunton wiederum verkörpert die lokale Verbundenheit und Standhaftigkeit der Bergarbeitersfrau, eine Figur, die Gemeinschaft verhandelt und repräsentiert.

Andrew Scott steht für eine nervöse, politisch suchende Jugendlichkeit; seine Präsenz fügt dem Ensemble eine lärmere, introspektive Energie hinzu. Dominic West übernimmt eine ambivalente Rolle als Vertreter der konservativen Provinz - skeptisch, aber nicht unveränderlich. Besonders markant ist die Besetzung von Ben Schnetzer als Mark Ashton, der historische Figur wird hier als treibende Kraft der Aktivistengruppe porträtiert: idealistisch, kompromissbereit und zugleich konfrontativ in seiner Überzeugung.

Die Nebenrollen, dargestellt von Schauspielerinnen und Schauspielern wie Paddy Considine oder George MacKay, schaffen ein dichtes soziales Panorama. Ihre Figuren fungieren als Katalysatoren für Konflikte und Versöhnungen gleichermaßen; ihre Präsenz macht das Dorf und die Bewegung als soziale Räume fühlbar. Insgesamt arbeitet der Film mit Typen, die immer wieder durch Momentaufnahmen individueller Tiefe aufbrechen.

Handlung (spoilerfrei!)

Pride erzählt von der Begegnung zweier ursprünglich getrennter Milieus: queere Aktivistinnen und Aktivisten aus London und walisische Bergbaucommunities, die während des langwierigen Bergarbeiterstreiks Unterstützung suchen und anbieten. Aus einer anfänglichen Solidaritätsgeste entsteht ein kompliziertes Bündnis, das kulturelle Differenzen, Misstrauen und strukturelle Machtverhältnisse überwindet und zugleich neue Spannungen offenlegt.

Der dramatische Konflikt speist sich weniger aus individuellen Intrigen als aus dem Widerstreit zwischen politischem Anspruch und lokalem Überlebensdruck. Auf der einen Seite steht die Mutterbewegung, die sich um Sichtbarkeit und Gerechtigkeit bemüht, auf der anderen die heimatlichen Lebenswelten, die von ökonomischer Existenznot geprägt sind. Die zentralen Figuren treten als Repräsentanten beider Seiten auf: sie verhandeln Ressourcen, Stolz und die Frage, wie man gemeinsam Widerstand formt.

Tonal liegt Pride zwischen leichter Satire, warmherziger Ensemblekomödie und ernsthafter Dramatik. Atmosphärisch dominiert ein Sinn für Gemeinschaftsrituale - Versammlungen, Benefizaktionen, gemeinsames Musizieren - die dem Film eine fast feierliche Dimension geben, ohne die politischen Risse zu übertünchen.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum des Films steht die Frage nach Solidarität: Was bedeutet es, Verbündeter zu sein? Wie verhalten sich Identitätspolitik und Klassenkämpfe zueinander? Pride lotet die Grenzen und Möglichkeiten von Allianzen aus, ohne einfache Antworten zu liefern. Der Film interessiert sich für die Praxis des Zusammenstehens - für die kleinen Kompromisse, die strategischen Abwägungen und die emotionalen Investitionen, die politische Verbindungen erfordern.

Eng verknüpft damit ist das Motiv der Performanz: Aktivismus erscheint hier als kollektive Theateraufführung mit eigenen Ritualen, Symbolen und Öffentlichkeitsstrategien. Warchus zeigt, wie Repräsentation und Inszenierung politisches Kapital erzeugen können, aber auch wie sie in Konflikt mit authentischen Lebensrealitäten geraten. Klasse und Sexualität werden nicht als getrennte Sphären behandelt, sondern als ineinandergreifende Machtfelder, deren Überkreuzungen neue Formen sozialen Widerstands ermöglichen.

Schließlich geht es um Erinnerung und Aneignung: Pride thematisiert, wie historische Narrative gebildet werden, wer darin vorkommt und wer marginalisiert bleibt. Der Film fragt nach dem Recht auf Sichtbarkeit und danach, welche Geschichten erzählt werden, wenn unterschiedliche Gruppen beginnen, gemeinsam Geschichte zu schreiben.

Filmkritik von Peter Osteried

Pride, der Stolz, definiert nicht nur Minenarbeiter, sondern auch Lesben und Schwule

Was vordergründig eine politische Geschichte über die Margaret-Thatcher-Jahre und den großen Konflikt zwischen Regierung und Minenarbeiter-Gewerkschaft in den Jahren 1984 und 1985 ist, ist in Wahrheit weit mehr als das. Es geht um Vorurteile in einer Zeit, in der Schwulsein noch echte Gefahren mit sich bracht.e

Es ist der Sommer 1984: In England steht das Treffen zweier Gruppen an, die wenig Berührungspunkte haben. Eine Schwulen- und Lesbentruppe will Spenden für streikende Minenarbeiter sammeln, hat dabei aber auch mit reichlich Vorurteilen zu kämpfen, wollen sich doch nur die wenigsten Streikenden von „so einer“ Gruppe helfen lassen. Die Arbeiter eines Waliser Dorfes lassen sich aber auf ein Treffen ein. Das führt zu Irritationen, aber auch zu einem gegenseitigen Verständnis und einer Freundschaft, die nicht nur die harten Thatcher-Jahre übersteht.

Pride ist ein komisches Drama oder eine dramatische Komödie, eine Geschichte, die wahr ist, und die genau darum umso nachhaltiger wirkt. Es ist auch und gerade der Kontrast, den die Figuren hier erleben, der interessant ist. Denn man mag kaum glauben, wie weit unsere Gesellschaft – und da ist die deutsche nicht anders als die britische – in gerade mal 30 Jahren gekommen ist. Die Minenarbeiter sind im Grunde die homophobste Gruppe, die sich nur finden lässt, weswegen die LGSM, die Gruppe Lesbians and Gays Support Mineworkers, auch einen schweren Stand hat, weil sich keiner von Schwulen und Lesben helfen lassen will. Indem diese Menschen aber nicht aufgaben, auf andere zugingen und versuchten, mit einer positiven Botschaft nicht nur anderen, sondern auch sich selbst zu helfen.

Das ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, wie es Mitte der 1980er Jahre wirklich war. Aids war gerade in aller Munde, die „Schwulenpest“ war ein Todesurteil, dem zuvor jedoch schon der gesellschaftliche Tod vorauseilte. Das thematisiert man auch mit der Figur Jonathan, dem zweiten Briten, der mit HIV diagnostiziert wurde, aber zum Zeitpunkt der Geschichte des Films noch lebt – obwohl das keiner erwartet hätte.

Nicht nur seine Figur, auch seine Mitstreiter und die Waliser Bergarbeiter sind lebendig gestaltet. Der Humor des Films ist fein, die ernsten Momente sind es aber, die wirklich nachhaltig wirken. Bis hin zu dem grandiosen Gay-Pride-March, der dazu angetan ist, eine ganze Gesellschaft zu verändern. Pride ist großes Feel-Good-Kino mit einem grandiosen Ensemble. Ein Film, den man nicht verpassen sollte.

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