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Verräter wie wir

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kritiken.de Redaktion 07.07.2016
Verräter wie wir© StudioCanal Deutschland
A ca. 1447 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Verräter wie wir - Moral im Grenzbereich staatlicher Macht und persönlicher Schuld

Einleitung

Verräter wie wir betritt die Arena des politischen Thrillers mit der gelassenen äußeren Kühle eines traditionsbewussten britischen Films und der unterschwelligen Unruhe eines Romans, der das Misstrauen zur Disziplin erhoben hat. Die Adaption eines John le Carré-Stoffs auf die Leinwand ist immer ein Signal: Hier geht es weniger um spektakuläre Action als um Verhandlungsszenen, moralische Grauzonen und die feinen Risse in den Fassaden von Macht. Der Film ist relevant, weil er jene Routinen des westlichen Sicherheitsdiskurses auseinandersetzt, die nach der Finanzkrise und den geopolitischen Erschütterungen der letzten Dekade verstärkt unter Beobachtung geraten sind.

Regisseurin Susanna White, die aus dem britischen Fernsehen kommt und bereits mit sensiblen Adaptionen und konventionell elegantem Erzählen Aufmerksamkeit erzeugte, wählt für Verräter wie wir eine tonale Mitte: zurückhaltend inszeniert, aber aufmerksam für Gesten, Blicke und die Situationen, in denen sich Loyalität herausbildet oder verrät. Die filmische Sprache vermeidet Pathos; sie baut Spannung durch Figurenkonstellationen und das kontinuierliche Verschieben von Machtverhältnissen.

Im gegenwärtigen Zeitgeist spricht der Film damit ein doppeltes Bedürfnis an. Einerseits sucht das Publikum nach Erzählungen, die komplexe globale Verflechtungen greifbar machen. Andererseits verlangt eine nüchterne, postheldenhafte Kinoästhetik nach Geschichten, in denen moralische Entscheidungen nicht als klare Alternativen präsentiert, sondern als unaufgelöste Fragmente existenzieller Zerrissenheit gezeigt werden. Verräter wie wir positioniert sich genau in diesem Zwischenraum.

Kurzüberblick zur Produktion

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman des britischen Spionageromanautors John le Carré und wurde für die Leinwand adaptiert von Hossein Amini, der schon mehrfach literarisches Material für das Kino kondensiert hat. Susanna White übernahm die Regie und brachte damit ihre Erfahrung aus seriellen Adaptionen und character-driven Dramen ein. Als britische Produktion bewegt sich der Film in einem mittleren Budgetrahmen, was sich in der konzentrierten, eher intim bemessenen Inszenierung bemerkbar macht - Mittel, die zugunsten der Handlung in präzise gestaltete Sets und sorgfältig komponierte Außenaufnahmen investiert wurden.

Die Produktionsbedingungen betonen klassische Filmwerte: Drehorte, die zwischen urbanen europäischen Metropolen und sonnigeren, exotisierten Kulissen wechseln, eine Kamera, die zwischen distanzierter Beobachtung und punktueller Nähe moduliert, sowie ein Sounddesign, das mehr auf unterschwellige Spannung als auf demonstrative Effekte setzt. Innerhalb des Gesamtwerks von White ist Verräter wie wir eine konsequente Fortführung ihrer Vorliebe für Figuren, die in moralischen Widersprüchen agieren, und für ein Erzählen, das Spannung aus psychologischer Verdichtung bezieht.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung ist eines der stärksten Argumente des Films. Ewan McGregor übernimmt die zentrale, tragende Rolle des unaufgeregten Protagonisten - eines britischen Intellektuellen von bescheidener Herkunft, in dessen Alltag plötzlich die Mechanismen der internationalen Politik eindringen. McGregor bringt die gewünschte Mischung aus Zugänglichkeit und innerer Verunsicherung; sein Spielstoff ist die stille Verwandlung eines Alltagsmenschen, dem Verantwortung und Gefahr auf einmal zugemutet werden.

Stellan Skarsgård bildet den Gegenpol in Gestalt eines russischen Vermögenden, dessen Aura zwischen Bedrohung und verletzlicher Offenbarung oszilliert. Skarsgård, bekannt für seine Vielseitigkeit und seine Fähigkeit, Ambivalenz darzustellen, verleiht der Figur eine glaubwürdige Mischung aus Eleganz, moralischer Verzweiflung und kalkulierter Selbstbehauptung. Damian Lewis steht für die Professionalität des Nachrichtendienstes: sein Part ist das verkörperte Kalkül, die rationale Kälte, hinter der sich gelegentlich Risse zeigen. Naomie Harris komplettiert das Ensemble als Figur mit eigenem ethischen Kompass - sie ist weniger die reine Agentin als eine Vertraute, deren Entscheidungen das Gefüge zusätzlich destabilisieren.

Das übrige Ensemble, darunter international aufgestellte Darsteller, strukturiert die Handlung zu einem Netz aus Interessen und Loyalitäten. Gemeinsam schaffen die Schauspielerinnen und Schauspieler ein Klima, in dem die Machtspiele weniger durch laute Konfrontation als durch Nuancen und Blickregime vermittelt werden.

Handlung (spoilerfrei!)

Verräter wie wir erzählt von einem scheinbar zufälligen Kontakt, der einen bürgerlichen Protagonisten in die Welt der internationalen Geldströme und der Geheimdienste hineinsaugt. Aus einer Begegnung entsteht ein Bündnis, das religiöse, familiäre und loyale Bindungen testet, während politische Interessen und finanzielle Macht eine zunehmend bedrohliche Präsenz entwickeln. Der dramatische Konflikt ergibt sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen persönlicher Verantwortung und staatlicher Instrumentalisierung: Wer entscheidet, wem vertraut wird, und welche Wahrheiten der erlebten Realität glauben geschenkt werden?

Die zentralen Figuren agieren auf zwei Ebenen: auf der privaten, in der intime Fragen von Vertrauen, Schuld und Selbstschutz verhandelt werden, und auf der öffentlichen, in der geopolitische und ökonomische Interessen die Entscheidungen zu überlagern drohen. Ton und Atmosphäre sind von einer zurückhaltenden, manchmal elegisch anmutenden Spannung geprägt; der Film vermeidet schnelle Antworten und setzt stattdessen auf atmosphärische Dichte und eine langsame, aber unaufhaltsame Zuspitzung der Verhältnisse.

Zentrale Themen und Motive

Verräter wie wir stellt Fragen nach der Grenze zwischen persönlicher Integrität und der Zweckmäßigkeit staatlichen Handelns. Der Film lotet das moralische Terrain aus, auf dem Individuen von Institutionen eingespannt werden, und zeigt, wie leicht Loyalität zu einem Verhandlungsgegenstand werden kann. Themen wie Korruption, Geldwäsche und die Verflechtung globaler Finanzströme mit politischer Macht dienen weniger als bloße Plotmaschinen denn als Kulisse für existenzielle Entscheidungen.

Auf einer philosophischen Ebene geht es um die Bedingtheit von Wahrheit: Welche Zeugnisse gelten, wenn Interessen divergieren? Psychologisch interessiert sich der Film für die Mechanik des Vertrauens - wie es aufgebaut, wozu es missbraucht und woran es zerbricht. Motive wie Spiegelungen zwischen Innen- und Außenräumen, das wiederkehrende Bild von Türen und Verhandlungen sowie die Gegenüberstellung von nächtlichen Urbanitären und sonnenhellen Fluchten verstärken die Idee, dass Verrat kein singuläres Ereignis, sondern eine Folge kumulierter kleiner Kompromisse ist.

Verräter wie wir bleibt im besten Sinne ein Film, der nicht belehrt, sondern Fragen offenhält. In seiner nüchternen, genau beobachtenden Art lädt er dazu ein, über die Bedingungen von Loyalität und die Rolle des Einzelnen in einem global vernetzten Machtgefüge nachzudenken - ein politischer Thriller, der seine Spannung aus der komplexen Moral seiner Figuren bezieht.

Filmkritik von Gregor Ries

Der Erfolg von „Der ewige Gärtner“ (2001) gab den Adaptionen von John le Carrés gefeierten Agententhriller für Kino und TV neuen Antrieb, zumal die Filme ebenso bei der Kritik oft auf positive Resonanz stießen. Mit „Verräter wie wir“ legt die vertraute Produktionsfirma Potpoiler eine weitere Verfilmung vor, die mit einem Blick auf die Schattenseiten des schmutzigen Spionagegeschäfts einen realistischeren Ansatz als die „James Bond“-Reißer sucht. Auf der anderen Seite baut man ebenfalls auf internationale Schauplätze wie Marrakesch, Bern, Paris oder die französischen Alpen und eine multinationale Besetzung, wobei mit Naomie Harris alias „Miss Moneypenny“ erneut eine Darstellerin aus der 007-Riege auftaucht.

Inhaltlich griffen Regisseurin Susanna White und Drehbuchautor Hossein Amini, der zuletzt zahlreiche Krimis wie „Drive“ oder „Die zwei Gesichter des Januar“ adaptierte, das faustische Motiv des verhängnisvollen Pakts zwischen einem Biedermann und einem charismatischen Verführer wieder auf. Doch hier sucht der Mafia-Geldwäscher Dima (Stellan Skarsgård) nicht aus intriganten Motiven, sondern aus Furcht um sich und seine Familie die Nähe zu Oxford-Dozent Perry Makepeace (Ewan McGregor). Um seine Ehekrise zu kitten, verbringt der Poetikprofessor einige Tage mit seiner Frau Gail Perkins (Naomie Harris) in Marrakesch. Aus seinem Hotel wird der Urlauber von dem auffälligen Oligarchen zu einer prunkvoll-protzigen Party in einer Villa im Atlasgebirge gelockt.

Dabei verfolgt der bullige Russe durchaus andere Ziele, als nur mit seinem illegal erworbenen Luxus angeben zu wollen. Nach der Ermordung eines ausstiegswilligen Vertrauten und seiner Familie befürchtet der oberste Geldwäscher, dass es ihm nach dem bevorstehenden Vertragsabschluss zwischen der Sowjetmafia und der britischen Finanzwelt genauso ergehen könnte. Nachdrücklich überredet Dima den Briten, einen USB-Stick mit wichtigen Informationen nach England zu schmuggeln und ihn dem Geheimdienst zu übergeben. Obwohl MI6-Agetn Hector Meredith (Damian Lewis) darauf mit Skepsis reagiert, sieht er in der Affäre die Möglichkeit, einen unliebsamen korrupten Kollegen zu kompromittieren. Doch relativ rasch steht er auf verlorenem Posten.

TV-Regisseurin Susanna White, die nach „Eine zauberhafte Nanny – Knall auf Fall in ein neues Abenteuer“ erst ihre zweite Kinoarbeit vorlegt, kann sich ganz auf die versierten Darsteller verlassen, wobei der zwischen Arthouse und Mainstream wechselnde Stellan Skarsgård als bulliger Mafiahandlanger mit langsam zerfallendem Machtgefüge das Zentrum der Verwicklungen darstellt. Etwas ins Hintertreffen gerät dabei die Ehekrise des britischen Paars. Daneben baut White auf die versierte Bildgestaltung von Danny Boyles Stammkameramann Anthony Dot Mantle, der häufig den Blick der Überwachungskameras oder eines distanzierten Beobachters einnimmt. Dies unterstreicht die Stäbe des goldenen Käfigs, in denen sich Dima und seine Entourage stets bewegen. Dank dieser unsichtbaren, aber greifbaren Bedrohung versteht es White, den Spannungsbogen lange aufrecht zu halten.

Allerdings handelt es sich nicht gerade um den originellsten Stoff von John Le Carré, der als Museumsangestellter gegen Ende einen Cameo-Auftritt absolviert. Wie beim Vorgänger „A Most Dangerous Man“ verlaufen die Versuche, Dima und sein wertvolles Wissen vor seinen Gegnern zu retten, zunächst allzu reibungslos. Als Zuschauer ahnt man bald, dass einige unvorhersehbare Faktoren die Mechanik ins Stoppen bringen werden. „Verräter wie wir“ entpuppt sich als solider Agentenreißer vor dem glaubwürdig getroffenen Hintergrund aus persönlichen und politischen Intrigen sowie dem Einfluss des illegalen Geldflusses auf die britische Finanzwelt, der aber von der Qualität der meisterlichen le Carré-Klassiker weit entfernt ist.

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