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Nanny

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kritiken.de Redaktion 22.01.2022
Nanny
A ca. 850 Worte Lesezeit ca. 3 Minuten  📋 Inhalt

Nanny und die Ökonomie der Fürsorge - Intime Gewalt, Migration und Verhandlung von Würde

Einleitung

Nikiyatu Jusus Nanny setzt einen Fokus, der in seiner Schärfe ebenso politisch wie filmisch bedeutend ist: das Verhältnis von unbezahlter Zuwendung zur Macht in einem urbanen Kontext. Der Film verbindet eine präzise Beobachtung sozialer Verhältnisse mit Elementen des psychologischen Horrors und rückt damit die alltägliche Verwundbarkeit von Sorgearbeit in die Mitte des filmischen Blicks. Diese Kombination macht Nanny zu einem relevanten Gegenwartsfilm - nicht allein als Statement zur Care-Ökonomie, sondern als Versuch, die Innenwelt der Betroffenen filmisch zu leuchten.

Im Kontext der internationalen Filmlandschaft ist Nanny bemerkenswert, weil er Genregrenzen dehnt. Die Tonlage ist hybrid - dokumentarische Detailversessenheit trifft auf suggestive Bildrätsel - und erzeugt so eine Erfahrung, die sich dem einfachen Etikett entzieht. Damit spricht er Zuschauer an, die sowohl an sozialrealistischen Porträts als auch an formbewussten Genrevarianten interessiert sind.

Die Relevanz des Films liegt auch im gegenwärtigen Diskurs über Migration, Prekarität und Reproduktionsarbeit. In Zeiten wachsender sozialer Ungleichheit und einer öffentlichen Debatte über unbezahlte Care-Leistungen fungiert Nanny als kulturelles Dokument, das die Ambivalenz von Nähe und Kontrolle, von persönlichem Opfer und struktureller Ausbeutung in Bildern verhandelt.

Kurzüberblick zur Produktion

Nanny ist das gefeierte Langfilmdebüt der Regisseurin Nikyatu Jusu, die zuvor durch Kurzfilme und Theaterarbeiten Aufmerksamkeit erregte. Die Entstehung des Films lässt sich als unabhängige, auteurzentrierte Produktion lesen - mit einem klaren Schwerpunkt auf Schauspielführung und kamerabasiertem Erzählen. Nennenswerte Festivalauftritte und Auszeichnungen haben die Verbreitung des Films erleichtert und seine Position als bemerkenswerter Beitrag zur heutigen US-amerikanischen Autorenfilm-Praxis gestärkt.

Produktionstechnisch arbeitet der Film mit einer zurückhaltenden, aber präzisen Ausstattung: Wohnräume, Arbeitsorte und New Yorks urbane Dichte werden nicht als Kulisse für Spektakel, sondern als psychogeographische Karten genutzt. Budgetär ist Nanny im Bereich des unabhängigen Kinos anzusiedeln - das heißt, formale Entscheidungen wurden oft aus Notwendigkeit getroffen und zugleich als gestalterisches Prinzip genutzt. Die filmische Handschrift der Regisseurin manifestiert sich in einer sensiblen Bildführung und einer ausgeprägten Geräuschgestaltung, die Nähe und Bedrohung simultan konstruieren.

Im Gesamtwerk der Regisseurin markiert Nanny einen Ausgangspunkt - eine Ambition, soziale Themen in dichter, formbewusster Weise zu verhandeln. Sollte Jusu weitere Langfilme folgen, ist zu erwarten, dass sie ihre Arbeit an Figurenpsychologie und sozialer Präzision fortsetzt und dabei weiterhin Genregrenzen auslotet.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum des Films steht Anna Diop, die hier eine komplexe, kontemplative Figur verkörpert. Diop ist international bekannt geworden durch Arbeiten im Serienfernsehen, in denen sie eine körperlich präsente und emotional offene Energie zeigte. In Nanny verlangt die Rolle von ihr fein abgestimmte Nuancen - sie muss physische Präsenz, psychische Erschöpfung und ein verborgenes, aufgeladenes Innenleben zugleich transportieren. Diese Verkörperung funktioniert nicht über demonstrative Gesten, sondern über kleine, aber konsequent gesetzte Gesten, Blicke und Atemrhythmen.

Die weiteren Figuren, denen sie gegenübersteht - Eltern aus höheren Einkommensschichten, Behördenvertreter und Freundinnen in transnationalen Netzwerken - sind dramaturgisch so angelegt, dass sie unterschiedliche Aspekte ihrer Isolation und Verwundbarkeit spiegeln. Die Nebenfiguren agieren weniger als psychologische Abhandlungen eigener Art denn als Relationsebenen, die die Protagonistin in ihren Entscheidungen und deren Konsequenzen spiegeln. Die Ensembleleistung insgesamt dient dem größeren Anliegen des Films: die sozialen Mechanismen, die individuelle Schicksale prägen, sichtbar zu machen.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film folgt einer jungen Frau in ihrem Alltag als Nanny in einer Großstadt, wobei der Erzählfokus nicht auf einer konventionellen Plotabfolge liegt, sondern auf der allmählichen Verdichtung von Druck, Sehnsucht und entgrenzter Angst. Der dramatische Konflikt entsteht aus der Kollision persönlicher Bindungen - zu Herkunftsland, Familie und dem eigenen Körper - mit den Zwängen eines Arbeitsverhältnisses, das asymmetrische Machtverhältnisse reproduziert.

Zentrale Figuren sind die betreute Personengruppe, die Arbeitgeberfamilie und die sozialen Netzwerke, die die Protagonistin stützen oder im Stich lassen. Der Film ist in Ton und Atmosphäre eher gedämpft und präzise als laut und effekthascherisch. Er arbeitet mit langen Einstellungen, Innenraumlicht und einer Geräuschkulisse, die Distanz und Nähe zugleich evoziert. Diese Tonalität erzeugt eine ständige Spannung - nicht durch äußere Action, sondern durch die Verdichtung von kleinen, bedeutsamen Momenten.

Zentrale Themen und Motive

Nanny stellt Fragen nach dem Preis der Fürsorge und nach der Ungleichheit, die in privaten Haushalten zementiert ist. Der Film denkt über die Ökonomie der Nähe nach - wie emotionale Arbeit nicht nur ökonomisch, sondern auch symbolisch bewertet wird - und wie diese Bewertung entlang von Herkunft, Hautfarbe und legalem Status verteilt ist. Dabei wird Fürsorge nicht romantisiert; sie bleibt ambivalent, in Teilen selbstzerstörerisch und zugleich Quelle von Würde.

Auf einer philosophischen Ebene verhandelt der Film die Frage, wie Anerkennung und Subjektwerdung in einem System möglich sind, das bestimmte Lebensleistungen unsichtbar macht. Psychologisch interessieren ihn Zustände der Entfremdung, der Trauer über verlorene Nähe und der Angst vor Kontrollverlust. Motive wie das Warten - auf Geld, auf Nachrichten, auf Rückkehr - und das Wiederkehren von Intimitäten in veränderter Form ziehen sich wie ein roter Faden durch den Film.

Formell nutzt Nanny das Mittel des Unbehagens - nicht als bloßes Schreckmittel, sondern als ästhetisches Instrument, um strukturelle Gewalt als leise, aber konstante Präsenz erfahrbar zu machen. Die Verbindung von sozialkritischer Schärfe und filmischer Verdichtung macht den Film zu einem relevanten Beitrag in der Debatte über Care, Migration und die Darstellung von Verletzlichkeit im Kino.

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