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Mistress America

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kritiken.de Redaktion 10.12.2015
Mistress America© Fox Deutschland
A ca. 1348 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Mistress America als urbane Komödie über Selbstinszenierung, Ambition und das verzweifelte Streben nach Bedeutung

Einleitung

Mistress America erscheint nicht nur als weitere Episode in der anhaltenden Auseinandersetzung des amerikanischen Kinos mit der Selbstvermarktung moderner Identitäten, sondern als scharf konturiertes Porträt zweier Generationen von Frauen, die einander zugleich Bewunderung und Bedrohung sind. Der Film lotet mit schelmischer Präzision die Spannung zwischen Glamour und Dilettantismus aus, zwischen Großspurigkeit und Verletzlichkeit, und setzt damit einen Ton, der in der zeitgenössischen Kulturdiskussion über Ambition und Authentizität resoniert.

In einem Moment, in dem urbanes Leben, Social-Media-Ästhetik und die Idee des 'projet self' zu zentralen Stichworten der Selbstverortung geworden sind, bündelt der Film diese Gegenwartssymptome zu einer erzählerischen Komödie, die weniger auf Plot als auf Figurenkonstellation, sprachliche Raffinesse und nervöses Timing angewiesen ist. Die Relevanz liegt dabei nicht im Ereignis, sondern in der Art und Weise, wie Charaktere einander spiegeln, instrumentalisieren und inspirieren.

Für das Werk seines Regisseurs markiert der Film eine Fortführung und zugleich eine Verdichtung bekannter Motive: urbane Milieustudien, scharf geschliffene Dialoge und ein Interesse an persönlichen, oft gescheiterten Projekten als Träger komödiantischer Tragik. In dieser Hinsicht ist der Film ein Sorgfaltsexperiment: klein in den Formmitteln, groß in der Beobachtungsgabe.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Noah Baumbach, dessen Handschrift sich durch präzise Dialogarbeit, psychologisches Feingefühl und eine Vorliebe für Beziehungen in städtischen Mikrokosmen auszeichnet. Bekannt geworden ist er durch Filme, die Intimität und Ideologie gleichzeitig analysieren, wobei er stets ein Klassenzimmer für die Kunst des Sprechens und Streits liefert. Hier arbeitet er erneut mit einer erzählerischen Ökonomie, die autobiografische Anklänge und fiktionale Zuspitzung verbindet.

Die Entstehungsumstände sind typisch für ein zeitgenössisches Autorenkino mit unabhängigem Profil: begrenzter finanzieller Rahmen, konzentriertes Ensemble, enge Zusammenarbeit von Regisseur und Darstellerin am Drehbuch. Die Kooperation zwischen Regisseur und Hauptdarstellerin, die auch am Skript beteiligt war, prägt die Tonalität und erklärt, warum der Film so unmittelbar und auf den Punkt wirkt. Als Produktion steht der Film in der Tradition kleiner amerikanischer Komödien, die soziale Beobachtung mit einer pointierten, manchmal bitteren Komik verbinden.

Im Gesamtwerk des Regisseurs nimmt der Film eine Position ein, die sowohl kompatibel als auch eigenständig ist: Er realisiert bekannte ästhetische Präferenzen, ohne auf größere narrative Exkurse zu setzen, und festigt damit ein Profil, das weniger auf Epos denn auf minutiöse Charakterstudie baut.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

An der dramaturgischen Spitze steht das Paar der beiden jungen Protagonistinnen, deren Dynamik den Motor der Erzählung darstellt. Greta Gerwig, deren Name in den Credits ebenso präsent ist wie in der Textur der Figur, verkörpert eine Frau von elektrischer Präsenz: selbstbewusst, impulsiv, mit einer Affinität zum Inszenatorischen. Ihre Performance ist weniger auf die Demonstration innerer Tiefe als auf die Konstruktion eines Charakters als Projekt angelegt; sie ist Show und Selbstschutz zugleich.

Der Gegenpol wird von der jüngeren Darstellerin gegeben, die die Rolle der aufstrebenden, unsicheren Gegenfigur übernimmt. Diese Figur ist empfänglich für Bewunderung und zugleich geprägt von einer fragilen Identität, die sich im Kontakt mit der charismatischen Mentorfigur formt und deformiert. Das Ensemble wird durch mehrere charakterstarke Nebendarsteller ergänzt, die als Freunde, Liebesinteressen und Widersacher den sozialen Raum der Stadt bevölkern und so das Bild einer komunitären Kulisse vervollständigen.

Die Besetzung setzt auf einen Mix aus etablierten Gesichtern und jungem Talent. Diese Konstellation erlaubt dem Film, Figuren als Typen zu entwerfen, ohne sie zu bloßen Stereotypen verkommen zu lassen; vielmehr entstehen lebendige, manchmal widersprüchliche Portraits, die der Komödie sowohl ihre Sprengkraft als auch ihre Verletzlichkeit verleihen.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film begleitet das Aufeinandertreffen zweier Frauen in einer Großstadt, wobei die eine als Mentor-Idol fungiert und die andere als suchende, leicht beeinflussbare Schülerin. Die narrative Ökonomie ist bewusst knapp bemessen: Szenenfolge und Dialoge formen ein dichtes Netz persönlicher Begegnungen, in dem sich Ambitionen, Missverständnisse und farbenreiche Missgeschicke zuspitzen. Der dramatische Konflikt entspinnt sich weniger aus äußeren Ereignissen als aus den gegensätzlichen Konzepten von Erfolg und Echtheit, die jede Figur für sich reklamiert.

Zentrale Figuren sind die charismatische, selbstentwerfende Frau und die junge Protagonistin, die ihrem Vorbild nacheifert und zugleich an dessen Hybris scheitert. Die Atmosphäre oszilliert zwischen spritziger Heiterkeit und unterschwelliger Melancholie; die Komödie gewinnt ihre Spannung aus der Inkongruenz zwischen öffentlicher Fassade und privatem Durcheinander.

Ton und Rhythmus sind geprägt von schnellem, pointiertem Dialog, kurzen, prägnanten Szenen und einer Kamera, die Nähe zulässt, ohne sentimental zu werden. Die Erzählung setzt weniger auf große Auflösungen als auf kleine, genaue Einblicke in das Scheitern und die Chancen persönlichen Wachsens.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum des Films steht die Frage nach Identität als Projekt - nach der Möglichkeit, sich selbst zu erfinden, und nach den Risiken, die diese Erfindung mit sich bringt. Wie entsteht Anziehungskraft, und wie verwandelt sie sich in Abhängigkeit? Welche Rolle spielt Erzählung in der Konstruktion von Person und wie verhalten sich Ambition und Authentizität zueinander? Diese Fragen werden nicht theoretisch diskutiert, sondern in konkreten, oft komischen Situationen eingelöst.

Auf der gesellschaftlichen Ebene reflektiert der Film das Klima einer Generation, die in urbanen Räumen nach Selbstverwirklichung strebt und dabei die Begriffe von Originalität und Kopie neu verhandelt. Psychologisch gelesen handelt es sich um ein Studium der Sehnsucht nach Anerkennung und der Angst, in einer konsumierten Welt bloßgestellt zu werden. Formal nutzt der Film Motive der Spiegelung, des Spiels mit Rollen und der Pointe, um die Kluft zwischen Schein und Sein auszuloten.

In seiner Gesamtheit bietet der Film weniger eine moralische Lehre als ein feines Instrumentarium zur Beobachtung menschlicher Eitelkeiten und Hoffnungen. Er ist ein Werk, das mit Zärtlichkeit und Schärfe zugleich blickt, ohne dabei die Komplexität moderner Identitätsbildung zu simplifizieren.

Filmkritik von Peter Osteried

Greta Gerwig ist Mistress America

Das moderne Independent-Kino hat einige interessante Namen zu bieten, ganz oben stehen jedoch Noah Baumbach und Greta Gerwig, die zuletzt bei Frances Ha zusammengearbeitet haben und nun mit Mistress America erneut zeigen, wieso sie zu den aufregendsten Stimmen des neuen Arthaus-Kinos gehören.

Tracy ist erst vor kurzem in New York Angekommen. Sie hat dort ihr Studium begonnen, fühlt sich in der großen Stadt aber fremd. Freunde hat sie keine, vor allem ist sie einsam. Es ist so, als wäre sie auf einer Party, bei der sie niemanden kennt – nur dass dieses Gefühl die ganze Zeit vorherrscht. Aber dann lernt sie Brooke kennen, deren Vater ihre Mutter heiraten wird. Brooke ist älter und nimmt sich der jungen Frau an. Dabei zeigt sie ihr ein Leben, das vor allem davon bestimmt ist, den eigenen Träumen zu folgen, auch wenn dabei jedwede Rationalität flöten geht.

Baumbachs Filme sind zumeist derart, dass sie von ihrer Struktur leben. Dort findet Baumbach seine Originalität, während Gerwig stärkeres Interesse an den Figuren hegt. Die Kombination beider Stimmen führt zu einem Film, der nicht nur seiner pointierten Dialoge wegen sehenswert ist. Mistress America wirkt dabei sehr authentisch, verlässt das Reich des Realismus jedoch, weil die Figuren zu beredt sind. Eine solche Eloquenz entstammt einem exakt austarierten Skript, in der wahren Welt ist solche Schlagfertigkeit selten. Das sorgt für zusätzlichen Reiz bei diesem ungewöhnlichen Film, der auch davon lebt, dass er sich einer genauen Kategorisierung entzieht. Dementsprechend führt er auf ein Ende zu, das in alle Richtungen ausweichen könnte, den Zuschauer darum aber umso mehr bindet, da hier verstanden wird, die Überraschungsfähigkeit des Lebens auf die fiktive Geschichte zu übertragen.

Die Geschichte könnte ein beinhartes Drama sein, introspektiv, schwer zugänglich, hehre Kunst, aber Baumbach und Gerwig machen nicht den Fehler, der eigenen Bedeutungsschwere zu erliegen. Stattdessen haben sie ihre Geschichte so aufgepeppt, dass sie zur locker-amüsanten Komödie gerät, ohne dabei jedoch die Figuren oder deren Gefühlswelt zu verraten.

Den Filmemachern gelingt hier das Porträt einer ganzen Generation. Daran hat sich Baumbach jüngst auch bei Gefühlt Mitte Zwanzig versucht, dort jedoch daran gescheitert, dass er zu sehr ins Parodistische abglitt. Der Kern war real, die Beobachtungen des Filmemachers aber hoffnungslos übersteigert. Der Fehler wird bei Mistress America nicht gemacht. Stattdessen hat dieser Film etwas zu sagen, über das Träumen, das Verfolgen seiner Ziele, die Angst, an ihnen zu scheitern – und alles dazwischen. Menschen sind nicht immer, wer sie gerne wären, aber es ist nie zu spät, den Blick auf sich selbst zu richten und sich neu zu erfinden. Auch das ist eine Botschaft dieses smarten, anspruchsvollen Films.

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