Lost Place - Zwischen Jugenderinnerung und vergessener Schuld in einem deutschen Thriller der 2010er
Einleitung
Lost Place präsentiert sich als ein Thriller, der weniger mit spektakulären Effekten als mit räumlicher Unruhe und psychologischer Verdichtung arbeitet. Der Film fügt sich in eine Strömung zeitgenössischen deutschen Kinos, die alte Orte als Katalysatoren für kollektive und individuelle Erinnerungen nutzt. In dieser Lesart wird der Schauplatz selbst zur Hauptfigur: ein Raum, der etwas Verdrängtes wieder hervorlockt und überprüfbar macht.
Relevanz gewinnt der Film aus der Art und Weise, wie er die Kluft zwischen jugendlicher Neugier und erwachsener Verantwortung thematisiert. In einem politischen und kulturellen Kontext, der zunehmend nach Vergangenheitsbewältigung und Aufarbeitung verlangt, liest sich Lost Place weniger als konventioneller Genrebeitrag denn als Mikrogesellschaftsdrama in einem abgeschlossenen Schauplatz. Die filmische Anlage erlaubt dabei eine doppelte Lesart: als Suspense-Erzählung und als Reflexion über Erinnerung, Schuld und das Unbehagen an verlassenen Orten.
Innerhalb des Regisseurenschaffens markiert Lost Place einen Schritt, der auf Präzision in der Bildgestaltung und auf eine ökonomische, aber dichte Erzählweise setzt. Die Inszenierung vermeidet effektheischende Geste und konzentriert sich stattdessen auf die Inszenierung des Raums und auf feine architektonische Details, die narrative Bedeutungen tragen. Damit ordnet sich der Film in eine jüngere, eher introspektive Linie deutscher Thriller ein, die sich vom actionorientierten Mainstream absetzt.
Kurzüberblick zur Produktion
Die Produktion von Lost Place bewegt sich in den etablierten Produktionsbedingungen des deutschen Genrekinos der frühen 2010er Jahre: ein überschaubares Budget, regionale Förderstrukturen und ein Ensemble, das sowohl junge Talente als auch erfahrene Schauspieler verbindet. Drehorte sind überwiegend real existierende, oft periphere Orte, deren Spurenhaftigkeit für die Stimmung des Films entscheidend ist. Technisch setzt die Produktion auf klares, klaustrophobisch komponiertes Bildmaterial und einen sparsamen, aber präzise eingesetzten Soundtrack, der Stimmungen weniger kommentiert als konturiert.
Die Handschrift der Regie offenbart sich weniger in markanten Autorenwendungen als in der stringenten Formung von Raum und Tempo. Lange Einstellungen, eine reduzierte Schnittfolge und eine Arbeit mit Negativraum zeigen eine Vorliebe für atmosphärische Verdichtung statt für erzählerische Beschleunigung. In der Gattungsevolution des Regisseurs steht Lost Place für eine Phase, in der psychologischer Thrill und räumliche Metaphern stärker in den Vordergrund rücken.
Produktionsseitig ist der Film repräsentativ für eine Reihe von Projekten, die auf Festivalpräsenz und auf ein sensibles Kinopublikum zielen. Statt auf kommerziellen Krawall setzt die Produktion auf nachhaltige Bildideen und auf die Möglichkeit, durch atmosphärische Dichte inhaltliche Tiefe zu erzeugen. Dadurch erhält Lost Place eine Position zwischen Independent-Intimität und genretypischem Spannungsaufbau.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Im Zentrum der Besetzung steht ein Ensemble, das sich aus jungen Talenten und etablierten Gesichtern zusammensetzt. François Goeske bringt die Erfahrung eines in Film und Fernsehen prägenden jungen Schauspielers ein; seine Arbeit ist geprägt von einer ruhigen Präzision, die innere Konflikte eher implizit als demonstrativ arbeitet. Pit Bukowski und Jytte-Merle Böhrnsen ergänzen das Ensemble mit Nuancen, die das fragile Gefüge der Gruppendynamik sichtbar machen.
Josefine Preuß, in Deutschland einem breiten Publikum durch frühere Fernsehrollen bekannt, liefert hier eine Darstellung, die weniger auf plakative Effekte setzt als auf psychologische Schattierung. Ihre Figur wirkt als emotionale Referenzgröße innerhalb der Gruppe. Anatole Taubman tritt als erfahrenerer Schauspieler auf, dessen Präsenz dem Film eine konturierte Gegenspielerenergie verleiht, ohne ins Pathos abzurutschen. Insgesamt arbeitet die Besetzung mit einer Balance aus Authentizität und stilisierter Zurückhaltung.
Die Figuren sind so angelegt, dass sie archetypische Heimstätten jugendlicher Identitätsbildung durchlaufen - von der Neugier über das Unbehagen bis zur Konfrontation mit verdrängten Aspekten der Vergangenheit. Die Schauspielerinnen und Schauspieler bedienen diese Übergänge mit einer zurückgenommenen Intensität, die das dramaturgische Gefüge des Films trägt.
Handlung (spoilerfrei!)
Lost Place erzählt von einer Gruppe junger Menschen, die einen verlassenen Ort aufsuchen und dort auf Spuren stoßen, die sie in ihre eigene Vergangenheit und in ungelöste Konflikte führen. Die Erzählung bewegt sich bewusst auf einem schmalen Grat zwischen Entdeckung und Bedrohung; der Anfangszustand der Neugier wird sukzessive durch atmosphärische Verdichtung in eine Form von existentiellem Druck verwandelt.
Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Zusammentreffen von kollektivem Erinnern und individuell verdrängter Schuld. Die zentralen Figuren sind dabei nicht nur Akteure einer äußeren Gefahr, sondern auch Träger innerer Narrationen, die durch den Ort reaktiviert werden. Der Film verzichtet auf übertriebene Plotwendungen und setzt stattdessen auf die Entwicklung von Spannung über Andeutungen, räumliche Enge und die psychologische Eskalation der Gruppendynamik.
Ton und Atmosphäre sind prägend: Ein kühler, manchmal beinahe dokumentarischer Realismus wechselt mit Momenten dichter, beinahe traumhafter Bildlichkeit. Geräusche, Lichtverläufe und die Platzierung der Figuren im Bild erzeugen eine konstante Erwartungshaltung, die nicht in spektakulären Schocks, sondern in unterschwelliger Beklemmung mündet.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum von Lost Place stehen Fragen nach Erinnerung, Verantwortung und der Persistenz des Vergangenen im Gegenwärtigen. Der Film fragt danach, wie Orte als Träger von Bedeutung fungieren und wie kollektive Orte der Erinnerung Konflikte produzieren können, die sich individuell manifestieren. Die Motive des Verlassenseins und der Verdrängung dienen dabei nicht nur als atmosphärische Zutaten, sondern als strukturbildende Elemente der Erzählung.
Philosophisch verhandelt der Film das Verhältnis von Subjekt und Raum: Wie formt ein Ort Identität, und wie reagiert das Subjekt, wenn das Umfeld in sich selbst widersprüchliche Spuren trägt? Gesellschaftlich bleibt Lost Place in der Nähe jener Debatten, die von Verantwortung gegenüber der Vergangenheit und von der Suche nach Wahrheit handeln. Psychologisch interessiert sich der Film für Mechanismen des Vergessens und für die Art, wie Gruppenolidarität unter Druck zusammenbricht.
Formal nutzt der Film die Mittel der genrehafte Spannung, um diese Fragen präzise zu modulieren. Die Kraft von Lost Place liegt weniger in narrativer Überraschung als in der distanzierten, doch eindringlichen Arbeit an Atmosphäre und Motivik - ein Thriller, der den Ort zur Projektionsfläche macht und die Zuschauerinnen und Zuschauer zur aktiven Deutung auffordert.
Filmkritik von Christopher Diekhaus
Das deutsche Genrekino unterscheidet sich von seinem französischen und spanischen Pendant nicht zuletzt durch eine äußerst stiefmütterliche Behandlung des Horror- und Mystery-Films. Obwohl der deutsche Expressionismus der 1920er Jahre das Horrorgenre und dessen Spielarten nachhaltig geprägt hat, wird Grusel made in Germany heutzutage bestenfalls mit einem Achselzucken wahrgenommen. Wirklich überraschend ist das nicht. Denn im Grunde lassen sich gelungene Beispiele deutscher Provenienz, wenn überhaupt, an einer Hand abzählen. Beim Publikum scheint sich vor diesem Hintergrund über die Jahre eine regelrechte Aversion entwickelt zu haben. Anders lässt sich das ausgeprägte Desinteresse nicht erklären, mit dem hiesige Horror- und Mystery-Filme im Allgemeinen abgestraft werden. Jenseits der beiden einträglichen „Anatomie“-Schocker konnte keine einheimische Produktion an den Kinokassen überzeugen. Selbst beachtenswerte Projekte wie Tim Fehlbaums Endzeitthriller „Hell“ (2011) fielen bei den deutschen Kinogängern weitestgehend durch.
Angesichts der eher trüben Aussichten ist es aller Ehren wert, dass es, abseits der vom Publikum goutierten Mainstream-Komödie, in unregelmäßigen Abstände dennoch Versuche gibt, auch in Deutschland düstere Genre-Stoffe zu etablieren. Jüngste Vertreter dieser „Strömung“ sind die eher gemischt aufgenommenen Werke „Zimmer 205 – Traust du dich rein?“ (2011) und „Du hast es versprochen“ (2012). Auch dffb-Absolvent Thorsten Klein wagt sich mit seinem Debütfilm „Lost Place“ auf das prekäre Feld des deutschen Mystery-Grusels. Leider haftet dem Endprodukt einmal mehr der Eindruck einer verpassten Chance an.
Das ist umso ärgerlicher, weil die Grundidee eigentlich recht vielversprechend klingt: Daniel (François Goeske) und sein etwas durchgeknallter Kumpel Thomas (Pit Bukowski) treffen sich im Pfälzerwald mit Elli (Jytte-Merle Böhrnsen) und deren Freundin Jessica (Josefine Preuß), um, ausgestattet mit einem GPS-Sender, auf elektronische Schatzsuche zu gehen. Während sich Daniel und Elli für das so genannte Geocaching begeistern, stehen die beiden anderen der modernen Schnitzeljagd eher desinteressiert gegenüber. Auf ihrer Suche dringen die vier Teenager schließlich in militärisches Sperrgebiet ein und stoßen auf einen verwahrlosten Camping-Platz, dessen Wohnwagen seltsamerweise mit Alufolie ausgekleidet sind. Noch ahnen die Jugendlichen nicht, dass sie sich inmitten eines gefährlichen elektromagnetischen Feldes befinden. Als jedoch ein geheimnisvoller Fremder im Strahlenanzug (Anatole Taubman) auftaucht und Jessica plötzlich verschwindet, bricht erstmals Panik aus.
Wie nicht anders zu erwarten, gestaltet sich der Einstieg des Films recht konventionell. Thorsten Klein und seine Co-Autorin Lena Vurma arbeiten sich hier akribisch an altbekannten Genremustern ab. Eine Gruppe junger Protagonisten auf dem Weg ins Hinterland, verschlossene Einheimische, die seltsame Warnungen ausstoßen, eine kurz ins Bild gerückte leblose Hand im Unterholz und der verlassene Wohnwagenplatz, all dies sind übliche Zutaten, die ihre Wirkung fürs Erste nicht verfehlen. Zusätzlich versehen Klein und Vurma ihre Geschichte mit einem thematischen Unterbau. Noch bevor die eigentliche Handlung einsetzt, informiert eine Computertexttafel den Zuschauer über das Forschungsprogramm HAARP, in dessen Verlauf das US-Militär während des Kalten Krieges anscheinend in der Abgeschiedenheit des Pfälzerwaldes mit Funktechnologie experimentierte. Auch wenn das HAARP-Projekt nicht der Fantasie der Autoren entspringt, beziehen sie sich aus dramaturgischen Gründen vor allem auf dessen verschwörungstheoretischen Hintergrund. Wie wir später erfahren, wird den untersuchten Strahlungen neben Auswirkungen auf das menschliche Gehirn auch eine Beeinflussung des Wetters nachgesagt. Verwerflich ist dieser spekulative Ansatz keineswegs. Schließlich lebt ein Film wie „Lost Place“ gerade vom Spiel mit unheimlichen Mutmaßungen.
Die Protagonisten sind genrekonform mit einfachen Strichen gezeichnet: Daniel, der moralisch reine, wissenschaftlich interessierte Gutmensch, Elli, dessen süßer, lebenslustiger Love Interest, Jessica, die Smartphone-fixierte, gelangweilte Göre, und Thomas, der abgedrehte, ständig Sprüche klopfende Kumpeltyp. Die einzelnen Rollen sind bereits beim ersten Zusammentreffen klar verteilt, wirkliches Interesse will sich jedoch nur selten einstellen. Selbst für Genreverhältnisse bleiben die Figuren extrem unverbindlich und berechenbar. Die größte Überraschung bietet bezeichnenderweise ein später offenbarter Herzfehler, der als dramaturgischer Antrieb dienen soll, allerdings recht schnell wieder in Vergessenheit gerät. Insbesondere Thomas erscheint in seiner betont lässigen Haltung von Anfang an unsympathisch, weshalb man sich ein ums andere Mal dabei ertappt, sein Ableben herbeizusehnen. Daniel, der mit zunehmender Dauer in die Rolle des Helden gedrängt wird, bleibt hingegen viel zu lange farblos. Dass gerade er, der Gewissenhafte in der Runde, sich so sehr für das Geocaching begeistert, eine Freizeitbeschäftigung, die einen Teil ihrer Spannung aus dem Reiz des Verbotenen zieht, wirkt zudem ein wenig unglaubwürdig.
Den logischen Maßstab sollte man allerdings erst gar nicht anlegen, da sich Mystery-Thriller und Horrorfilme in erster Linie durch einen effektiven Spannungsaufbau und geschickt gesetzte Schreckmomente auszeichnen sollen. Mit Fortschreiten der Handlung will das aber immer seltener gelingen. Werden die unheilvollen Vorzeichen anfangs noch recht vielversprechend etabliert, verpufft die unheimliche Stimmung mit Auftauchen des mysteriösen Mannes im Strahlenanzug. Sein hektisches Gebaren wirkt oftmals unfreiwillig komisch, und seine bedeutungsschwangeren Ausführungen zu den ominösen Strahlenexperimenten liefern schon zur Mitte des Films die wichtigsten Erklärungen. Und doch bleibt die Gefahr vor allem eins: unsichtbar. Recht schnell biegen Klein und Vurma vom Pfad des Hinterwälder-Horrors ab, können das Fehlen eines greifbaren Antagonisten aber nie effizient ausgleichen. Allzu schwerfällig schleppt sich die Suche nach der verschwundenen Jessica voran, um dann in einem effektlastigen, leidlich spannenden Showdown zu kulminieren. Der Mut zur Eigenständigkeit blitzt mehrfach auf, wirkungsvoll entfalten kann er sich aber erst in den letzten Bildern, die den Zuschauer mit einem mulmigen Gefühl im Kinosessel zurücklassen. Bis dahin gibt es leider zu viel Leerlauf, den auch der Einsatz der 3D-Technik nicht auffangen kann. Was bleibt, ist eine düstere Vorahnung: Auf diese Weise dürfte es schwer werden, die Vorbehalte deutscher Kinogänger gegenüber einheimischen Mystery-Produktionen abzubauen.
Filmkritik von Gregor Torinus
Bereits seit längerer Zeit beklagen viele, dass die deutsche Filmlandschaft fast ausschließlich aus kopflastigen Dramen auf der einen, und recht albernen Komödien auf der anderen Seite besteht. Der klassische Genrefilm wie Horror, Science-Fiction und Thriller hat es hierzulande äußerst schwer. Doch dies war nicht immer so. In den 20er-Jahren haben Filmemacher wie Friedrich Murnau und Fritz Lang auf diesem Gebiet revolutionäre Pionierarbeit geleistet, dessen internationaler Einfluss bis heute anhält. So ist die Ästhetik von Fritz Langs Science-Fiction-Klassiker „Metropolis“ (1927) nach wie vor stilprägend. Erfreulicherweise häufen sich in den letzten Jahren Versuche den Genrefilm in Deutschland erneut zu etablieren. So hat sich unlängst die Initiative „Neuer Deutscher Genrefilm“ formiert. Jetzt erscheint mit Thorsten Kleins Debüt „Lost Place“ einer der ersten deutschen Mystery-Thriller des neuen Jahrtausends. Der Film ist in 3D gedreht und als erster deutscher Film mit Dolby Atmos ausgestattet. Doch kann der Thriller auch inhaltlich überzeugen?
Die beiden 17-jährigen Schüler Daniel (François Goeske) und Elli (Jytte-Merle Böhrnsen) lernen sich über ihre gemeinsame Leidenschaft, das Geocaching, in einem Chatroom kennen. Dies ist eine moderne Form der Schnitzeljagd, bei der im Internet Koordinaten für versteckte Schätze hinterlegt werden, die anschließend per GPS-Empfänger ausfindig gemacht werden. Als die beiden sich zu einem ersten gemeinsamen Abenteuer im Pfälzer Wald treffen, ist Daniel in Begleitung seines proletenhaften Freundes Thomas (Pit Bukowski), während Elli die missmutige Jessica (Josefine Preuß) mitbringt. Dass Thomas und Jessica beide keinerlei Interesse am Geocoaching haben, ist bald noch das geringste Problem. Die Gruppe betritt unerlaubterweise ein im Wald verstecktes Militärgebiet und findet dort einen Campingplatz vor, der aussieht, als ob er überstürzt verlassen worden ist. Als dann auf einmal ein geheimnisvoller Mann in Strahlenanzug (Anatole Taubman) auftaucht, wird die Lage wirklich bedrohlich. Hinzu kommt eine immer wieder auftretende Strahlung, welche ebenso unerklärlich, wie gefährlich ist.
Da ein deutscher Genrefilm seit Jahrzehnten faktisch kaum existent war, versucht der Großteil der neuen Produktionen auf diesem Gebiet überhaupt erst einmal den Anschluss an die heutige internationale Entwicklung zu finden. Werke wie der Vampirfilm „Wir sind die Nacht“ (2010) sind handwerklich solide, aber nicht unbedingt sehr originell. Thorsten Kleins von der jungen Berliner Firma MovieBrats produzierter Mystery-Thriller „Lost Place“ wagt da mehr. Die Grundidee basiert auf tatsächlichen Vorkommnissen im Pfälzer Wald in den 80ern. Der Plot imitiert auch nicht einfach ein bereits etabliertes amerikanisches Vorbild. Nur in technischer Hinsicht nähert sich der Thriller durchaus ähnlich gelagerten Produktionen aus Hollywood. Der Einsatz von 3D ist hier sinnvoll und verstärkt den Sog in eine Welt voller geheimnisvoller Objekte, Räume und Schwingungen. Hinzu tritt ein Score, dessen bombastischer, düsterer Sound an Filme wie „Shutter Island“ (2010) erinnert, aber teilweise fast schon ein wenig zu dick aufgetragen wirkt.
Doch nicht nur die Technik, sondern auch die Charaktere und der Handlungsverlauf wissen in „Lost Place“ zu gefallen. Zunächst einmal wirkt die Figurenkonstellation zwar wenig originell, aber insbesondere Pit Bukowski als Oberprolet Thomas ist ein absoluter Glücksfall. Falls es der Film bis ins Ausland schaffen sollte, so würde durch seine vielen unübersetzbaren Sprüche definitiv ein prägendes Element verloren gehen. François Goeske als Daniel und Jytte-Merle Böhrnsen als Elli überzeugen hingegen durch ihre Natürlichkeit. Allerdings ist die Figur des Daniel als introvertierter Nerd gerade in Kombination mit einem Freund wie Thomas, dann doch sehr klischeehaft und auch wenig glaubwürdig. „Lost Place“ ist jedoch besonders durch seine eigene Atmosphäre interessant. Der Thriller spielt in einer Welt, die Science-Fiction mit Mystery verbindet. In dieser Hinsicht wurde der Film dem Regisseur zufolge von Steven Spielbergs Sci-Fi-Klassiker „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ (1977) beeinflusst. Auf jüngere deutsche Beispiele übertragen lässt sich feststellen, dass Thorsten Kleins Debüt irgendwo zwischen dem sozialkritischen Endzeit-Horror eines „Hell“ (2011) und einem reinrassigen Mystery-Thriller wie „Die Tür“ (2009) angesiedelt ist.
„Lost Place“ gelingt es bekannte Genrekonventionen einerseits zu bedienen, aber dann auch immer wieder so weit zu verschieben, dass die Spannung bis zum Ende konstant steigt. Die Kehrseite dieses „sowohl, als auch“ ist jedoch eine gewisse Unentschiedenheit, welche leider auch die wahre Natur des aufzudeckenden Rätsels zu einem bleibenden Mysterium werden lässt. Von geheimer Gedankenkontrolle ist da die Rede. Aber was konkret gezeigt wird, sieht doch weit mehr nach post-atomarer Kriegsführung aus. Auf jeden Fall geht es um Experimente mit einer geheimnisvollen Form von Strahlung. Diese Strahlung nimmt im Verlaufe des Films immer mehr zu, was verschiedene, verheerende Auswirkungen hat. Eine davon scheint zu sein, dass diese Strahlung auch immer größere Logiklöcher in die Handlung brennt. Fragen, wie wer wann wann wo warum auftaucht, oder verschwindet, sollte man sich hier besser nicht stellen. Doch gerade, als die allgemeine Wirrnis schwindelerregende Ausmaße anzunehmen droht, entschädigt ein überraschend finsteres Ende für so manchen Mangel im Detail. Dieser Schluss erinnert an die frühen Werke David Cronenbergs und hebt „Lost Place“ endgültig eindeutig über den üblichen deutschen Filmsubventionsbrei empor.

