kritiken.de Filme
Filme

Logan Lucky

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 14.09.2017
Logan Lucky© StudioCanal Deutschland
A ca. 1237 Worte Lesezeit ca. 4 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Logan Lucky - Heist als Heimatkunde: Soderberghs lakonischer Blick auf Arbeit, Verlust, List

Einleitung

Logan Lucky tritt an als ein Film, der sich nicht allein um den Nervenkitzel eines Coups dreht, sondern um das soziale Gewebe, das diesen Coup möglich macht. Steven Soderberghs Rückkehr zur filmischen Umsetzung eines Heist-Mythos ist weniger eine Reprise der glänzenden Ocean's-Ästhetik als eine behutsame Dekonstruktion jener Coolness, die Gangsterfilm und Popkultur so oft verheißen. In Logan Lucky verschiebt sich die Perspektive von urbanem Chic auf ländliche Alltäglichkeit; der Coup wird zum Spiegel einer entwerteten Arbeitswelt und einer Kultur des kleinen Betrugs.

Der Film ist relevant, weil er eine populäre Gattung - den Heistfilm - als Ve?hicul für eine vielschichtige Gesellschaftsanalyse nutzt. Soderbergh interessiert sich weniger für die minutiöse Logistik des Verbrechens als für die Figuren, die es planen - Menschen, deren ökonomische und emotionale Nöte die Handlung erst begründen. In einer Zeit, in der die Debatten um prekäre Arbeit, Regionalkonflikte und die Performanz des Patriotismus wieder lauter werden, liest sich Logan Lucky wie ein beiläufiges, aber präzises Stück Gegenwartsbeobachtung.

In tonaler Hinsicht ist der Film von Feinsinn und lakonischem Humor geprägt. Soderbergh ersetzt Pathos durch eine kühle Narration und verweigert moralische Einordnung zugunsten psychologischer und sozialer Zeichnung. Diese Haltung macht Logan Lucky zu einem filmischen Kommentar, der sich seiner Unterhaltungsmaschinerie bewusst ist - und sie dennoch nutzt, um Bindungen, Verluste und Überlebensstrategien der amerikanischen Provinz zu erkunden.

Kurzüberblick zur Produktion

Logan Lucky markiert einen bewusst kompakten, fast handwerkerhaften Zugang Soderberghs zur Produktion. Nach einer Phase, in der er sich vom Mainstream abwandte, kehrt er mit einem vergleichsweise bescheidenen Budget - etwa 29 Millionen Dollar - zu einem Genre zurück, das er bereits formal verhandelt hat, diesmal jedoch aus einem anderen Blickwinkel. Die Produktion arbeitete mit unabhängigen Partnern und verlegte die Dreharbeiten an reale Schauplätze des amerikanischen Südens, was dem Film Authentizität und Textur verleiht.

Soderbergh behält seine typische Handschrift bei: er fungierte erneut in mehreren Funktionen hinter der Kamera, arbeitete eng mit einem kleinen, routinierten Team und entschied sich für eine ökonomische, präzise Bildsprache. Musikalisch greift der Film auf vertraute Elemente der Heist-Ästhetik zurück, nutzt diese aber ironisch und funktional - die Musik rahmt eher als sie erhebt. Innerhalb seines Gesamtwerks steht Logan Lucky für eine Rückkehr zur erzählerischen Ökonomie und zur Idee, Genre als Untersuchungsraum für soziale Probleme zu nutzen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Channing Tatum gibt hier den zentralen Familienangehörigen, dessen lakonische Verzweiflung und scharfer Überlebenswille den Anstoß zur Geschichte liefern. Seine Darstellung vermeidet Show und setzt auf eine nüchterne, körperliche Präsenz, die dem Film seinen emotionalen Kern verleiht. Adam Driver tritt an seiner Seite als dessen Bruder - eine Figur, die durch körperliche Kraft und stille Entschlossenheit besticht und in ihren Brüchen dem Ensemble eine exzentrische, aber ernsthafte Note verleiht.

Katherine Waterston übernimmt die Rolle eines Familienmitglieds, das als emotionale Achse fungiert - stabil, aber mit freien Rissen, die die Familiendynamik erklärbar machen. Riley Keough ergänzt das Ensemble als jüngeres Familienmitglied, das zwischen Loyalität und Selbstbehauptung oszilliert. Daniel Craig ist in einer der überraschendsten Besetzungen des Films zu sehen: gegen den eigenen Typus besetzt, liefert er eine komisch-physische Rolle als Spezialist, dessen Fähigkeiten und Eigenwillen den Coup erst ermöglichen. Sebastian Stan, Hilary Swank und weitere bekannte Gesichter treten in tragenden Nebenrollen auf und verstärken Soderberghs Ensembleansatz - jede Figur ist funktional und zugleich charakteristisch gezeichnet, keine reine Vorführung von Starpower.

Handlung (spoilerfrei!)

Der erzählerische Kern von Logan Lucky bleibt einfach und präzise: Aus einer Reihe persönlicher Frustrationen und ökonomischer Zwänge entsteht ein Plan, der auf List, Improvisation und dem vermeintlich banalen technischen Können Einzelner beruht. Im Zentrum stehen Geschwister und ihre eng verknüpfte Verwandtschaft, deren Herkunft und momentane Ausgrenzung die Motivation reißen. Der dramatische Konflikt entsteht nicht aus psychologischer Überhöhung, sondern aus dem Schnittpunkt von Armut, Stolz und der Suche nach einem Ausweg.

Als Bühne dient ein öffentlicher Spektakelort - ein Rennparcours, der als kulturelle und soziale Maschine arbeitet. Der Film nutzt diese Kulisse nicht nur als Schauplatz eines Verbrechens, sondern als symbolischen Ort, an dem Kapital, Publikum und Identität aufeinandertreffen. Tonal bewegt sich der Film zwischen lakonischer Komik und ernsthafter Empathie; die Atmosphäre ist provinziell, rau und gleichzeitig präzise beobachtet, ohne in Sentimentalität abzurutschen.

Zentrale Themen und Motive

Logan Lucky fragt nach der Würde des Alltäglichen und danach, wie Narrative von Erfolg und Misserfolg in Regionen wirken, die vom ökonomischen Wandel ausgespart wurden. Ein zentrales Motiv ist die Verknüpfung von Arbeit und Identität - die Protagonisten sind in ihrem Selbstverständnis eng mit handwerklichen, körperlichen Tätigkeiten verbunden, und ihr Coup ist mehr eine Reaktion auf soziale Entwertung als reine Gier.

Der Film stellt Fragen nach Gerechtigkeit und Sichtbarkeit - wer darf im öffentlichen Spektakel glänzen und wer bleibt im Hintergrund? Soderbergh benutzt den Heist als Metapher für subtile Formen des Widerstands, die nicht unbedingt heroisch sind, aber sehr menschlich. Daneben verhandelt Logan Lucky Loyalität, Familienverhältnisse und die Art, wie Gemeinschaften sich organisieren, wenn offizielle Institutionen versagen oder indifferent bleiben. Diese Reflexionen machen aus einem unterhaltsamen Genrebeitrag ein Porträt einer Gesellschaft im Übergang.

Filmkritik von Peter Osteried

„Logan Lucky“: Das Ocean’s 11 des kleinen Mannes

Vier Jahre lang blieb sich Steven Soderbergh treu. Er sagte, er ziehe sich aus dem Filmgeschäft zurück. Danach war er nur noch für die Fernsehserie The Knick tätig, nun präsentiert er mit Logan Luckyaber seinen neuesten Film, der im Grunde so etwas wie die Anti-These zu seiner Ocean’s-Trilogie ist.

Dass die Logan-Familie nur Pech hat, muss an einem Fluch liegen. Das glaubt zumindest Clyde (Adam Driver), der im Irak-Einsatz eine Hand verloren hat und nun in einer Bar arbeitet. Seinem Bruder Jimmy (Channing Tatum) geht es nicht sehr viel besser. Er zieht ein Bein nach und hat deswegen auch seinen aktuellen Job verloren. Nun wollen beide ihr Schicksal jedoch in die Hand nehmen und planen den ganz großen Coup. Am Tag des größten NASCAR-Rennens in den USA wollen sie die Einnahmen klauen. Aber dafür brauchen sie die Hilfe des Safeknackers Joe Bang (Daniel Craig), der dummerweise aber noch in Haft sitzt …

Der Clou des Films ist, dass ein großer, komplexer Raubzug stattfindet, der auch eines Ocean’s 11 würdig wäre, aber mit ganz normalen Typen vonstattengehen muss. Wobei ganz normal natürlich ein dehnbarer Begriff ist, denn die Figuren in diesem Film sind doch recht skurril geraten. Bisweilen hat man das Gefühl, sie würden eher einem Werk der Coen-Brüder als einem Soderbergh-Film entstammen. Aber der Regisseur geht hier etwas anders ans Werk, auch und gerade, weil dieser Film weniger kühl und damit deutlich zugänglicher ist. Darüber hinaus offenbart Logan Luckyauch ein Faible für das Surreale, was sich in keiner Szene besser zeigt, als in der, als Joe Bangs Brüder einen Koffer im Wald abholen sollen. Eine Erklärung für die kuriose Erscheinung des „Boten“ gibt es nicht, aber amüsant ist das Ganze auf alle Fälle.

Der bis in die Nebenrollen exzellent besetzte Film ist flott erzählt. So flott, dass man auch gerne ein Auge zudrückt, denn wenn man sich den Plan, den die Logan-Brüder ersonnen haben, mal etwas genauer ansieht, dann fällt schon auf, dass hier sehr häufig der Zufall helfen muss – oder es würde einfach nicht klappen. Aber in der Hyperrealität des Films funktioniert es, weil das Ganze auch mit einer gehörigen Portion Esprit und in sehr beschwingter Erzählweise dargeboten wird.

Logan Lucky ist eine verspielte, mit schillernden Figuren ausgestattete Geschichte, die herrlich übertrieben ist, aber auch daraus ihren Charme zieht. Mit seiner Rückkehr ins Kino hat Steven Soderbergh seinen amüsantesten Film abgeliefert.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de