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Late Night with the Devil

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kritiken.de Redaktion 30.05.2024
Late Night with the Devil
A ca. 932 Worte Lesezeit ca. 3 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Late Night with the Devil: Fernsehtheater, Okkultismus und die Zerrspiegel der Medienöffentlichkeit

Einleitung

Late Night with the Devil setzt sich an einem scheinbar vertrauten Ort fest - der Studiobühne einer späten Talkshow - und verwandelt das Fernsehen in einen Raum, in dem Performanz, Ritual und Gewalt ineinanderfallen. Dass ein Film die Form des Live-Fernsehens als Katalysator für übernatürliche Erschütterungen wählt, ist nicht nur Genre-Spielerei; er nutzt die historische Ikonographie des Mediums, um Fragen nach Authentizität, Zurschaustellung und kollektiver Imagination zu stellen. Gerade in einer Gegenwart, die von Rückgriffen auf Retroästhetik und der Wiederaufnahme altbekannter medialer Formen geprägt ist, wirkt dieser Film wie eine Reflexion darüber, wie Medien Wirklichkeit nicht nur abbilden, sondern herstellen.

Die Relevanz des Films liegt weniger in einem neuen Schreckeffekt denn in der Präzision seiner Form. Indem er die Zuschauerrolle herausfordert - als Voyeur der Live-Übertragung und zugleich als Mitverursacher des Schauwerts - verschiebt er die Perspektive vom isolierten Horrorerlebnis hin zu einer Sozialstudie über Aufmerksamkeit und Verantwortung. Insofern ist Late Night with the Devil ein Film, der das Genre als analytisches Instrument nutzt: Er schaut ins Herz der medialen Öffentlichkeit und macht sichtbar, welche Rituale und Mechanismen dort verborgen sind.

Eine Einordnung in das Werk der Regisseure zeigt, dass der Film nicht aus dem Nichts kommt, sondern aus einer Tendenz zu präzise komponierten Genreexperimenten. Die Regiearbeit nimmt die handwerkliche Sorgfalt früherer Arbeiten auf und verfeinert sie zu einer pointierten Mischung aus Pastiche und klaustrophobischer Inszenierung. In einer Zeit, in der nostalgische Formate und true-crime-Ästhetiken die Popkultur dominieren, fungiert dieser Film als kritischer Kommentar und als formal ambitioniertes Statement zugleich.

Kurzüberblick zur Produktion

Late Night with the Devil ist eine im Kern unabhängige Produktion, die bewusst mit begrenzten Mitteln eine starke ästhetische Identität ausformt. Die Regie der Cairnes-Brüder (Colin und Cameron Cairnes) zeichnet sich durch eine Vorliebe für retrograde Kameraführung und detailreiche Ausstattung aus, die das Setting als historische Maschine lesbar macht. Die Entscheidung, das Geschehen als scheinbar live gesendete Studioaufnahme zu präsentieren, verlangt eine komplexe Koordination von Kamera, Ton und Licht - und erzeugt zugleich die Illusion von Unmittelbarkeit und unbeabsichtigtem Chaos.

Produktionsseitig setzt der Film auf praktisches Design und analog anmutende Bildgestaltung, um die 1970er-Jahre-Ästhetik zu rekonstruieren. Solche Entscheidungen deuten auf ein bewusstes Sparen an digitalen Korrekturen und eine Rückkehr zu physischen Requisiten und Setbau, wodurch die Manipulation des Blicks nicht durch moderne Effekte verschleiert, sondern explizit gemacht wird. Im Gesamtwerk der Regisseure markiert der Film eine konsequente Fortführung ihres Interesses an genreübergreifenden Erzählstrategien und an einer sinnlichen, fast theatralischen Kinoästhetik.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Den zentralen Anker des Films liefert David Dastmalchian, ein Schauspieler, der sich in den vergangenen Jahren als charakterstarker Genre-Darsteller etabliert hat. Bekannt geworden durch prägnante Nebenrollen in Filmen wie The Dark Knight und Blade Runner 2049 sowie durch seine markante Darstellung des Polka-Dot Man in The Suicide Squad, bringt Dastmalchian eine Mischung aus charmanter Fragilität und latentem Unbehagen in die Figur des Showmasters. Seine Erfahrung mit ambivalenten, psychologisch aufgeladenen Rollen macht ihn zur idealen Besetzung für eine Figur, die zwischen öffentlichem Schein und innerer Zerbrechlichkeit oszilliert.

Das Ensemble um ihn herum umfasst überwiegend australische Charakterdarsteller, die gewohnt sind, in engen, intensiven Set-Situationen zu arbeiten. Sie übernehmen die Rollen von Produzenten, Bandmitgliedern, Technikern und Gästen und sind weniger als individuelle Stars angelegt denn als Teile einer funktionalen Maschinerie. Diese Ensemblebesetzung trägt dazu bei, die Studioumgebung glaubwürdig zu beleben und schafft eine dichte Atmosphäre kollektiver Verantwortlichkeit, in der persönliche Brüche und institutionelle Routinen unauflöslich verwoben erscheinen.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film präsentiert sich als eine angeblich verlorene Aufnahme einer späten Talkshow aus den 1970er-Jahren, deren routinierter Ablauf sich zunehmend destabilisiert. Was als studiointerne Inszenierung beginnt, verwandelt sich Schritt für Schritt in einen Ort, an dem die Grenzen zwischen Auftritt und Realität, zwischen Kontrolle und Chaos brüchig werden. Der dramatische Konflikt entsteht aus der Spannung zwischen der öffentlichen Aufgabe der Sendung - Unterhaltung, Repräsentation, Ratings - und einer sich ankündigenden, nicht vollständig erklärbaren Fremdheit, die das Produktionsgefüge bedroht.

Zentral sind die Figuren, die für die Sichtbarmachung eines Fernsehereignisses verantwortlich sind: der charismatiche Moderator, das technische Personal, die Band und die Gäste. Gemeinsam konstituieren sie eine kleine Gesellschaftsmaschine, deren individuelle Motivationen und Hierarchien im Verlauf des Abends offengelegt werden. Tonal bleibt der Film dunkel und ironisch zugleich; er arbeitet mit langsamer Steigerung, klaustrophobischer Studiointimität und einer präzisen Balance zwischen schwarzem Humor und bedrückender Beklemmung.

Zentrale Themen und Motive

Late Night with the Devil fragt nach der performativen Natur des Bösen und nach der Rolle des Mediums bei der Konstitution von Wirklichkeit. Der Talkshow-Raum wird zum Ritualort, in dem Regeln ausgehandelt, Verfehlungen öffentlich gemacht und Werte-Produkte präsentiert werden. Der Film untersucht, wie Medien Ereignisse mystifizieren können und wie Publikum und Produzenten gemeinsam an der Produktion von Bedeutung beteiligt sind. In dieser Perspektive wird das Fernsehen nicht nur als Übertragungsmedium gelesen, sondern als aktiver Agent, der Wahrnehmung und Moral beeinflusst.

Ein wiederkehrendes Motiv ist die Diskrepanz zwischen Oberfläche und Substrat - zwischen der glänzenden Studiofassade und dem dahinter liegenden, oft banalen technischen Apparat. Dieser Gegensatz wird filmisch über die Materialität des Bildes und die Inszenierung von Licht und Ton ausgearbeitet. Philosophisch berührt der Film Fragen nach Authentizität, Verantwortlichkeit und der Entgrenzung von Privatheit durch mediale Öffentlichkeit. Psychologisch verschiebt sich der Fokus auf die Mechanismen kollektiver Suggestibilität und die Weise, wie charismatische Figuren Ambivalenzen bündeln und verbreiten.

Insgesamt handelt es sich bei Late Night with the Devil um ein formbewusstes, thematisch dichtes Werk, das das Genre als analytisches Instrument einsetzt. Es lädt dazu ein, nicht nur zu erschrecken, sondern nachzudenken - über die Bedingungen der Sichtbarkeit, die Verführungskraft der Medien und die Risiken einer Kultur, die Schauwert über Kontemplation stellt.

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