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Jupiter Ascending

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kritiken.de Redaktion 05.02.2015
Jupiter Ascending© Warner Bros. GmbH
A ca. 1590 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Jupiter Ascending - Opernhaftes Weltraummärchen zwischen Erbschaft und Metaphysik

Einleitung

Jupiter Ascending tritt an wie ein barockes Spektakel in einem Kinojahr, das nach neuen Mythen verlangt. Der Film inszeniert Science-Fiction nicht als nüchterne Prognose, sondern als gegliederte Allegorie über Herkunft, Begehr und die unaufhörliche Sehnsucht nach Aufstieg. Seine Relevanz liegt weniger in narrativer Innovation als in der Weise, wie er gegenwärtige Erzählformen der Blockbusterkultur mit altertümlicher Opernhaftigkeit verknüpft.

Innerhalb des Schaffens der Wachowskis markiert Jupiter Ascending eine konsequente Fortsetzung ihrer thematischen Fixpunkte: Identitätswandel, transzendente Metamorphose und eine Vorliebe für grandiose Bildräume. Nach den Wellen, die The Matrix einst auslöste, und den erzählerischen Experimenten von Cloud Atlas suchen die Regisseurinnen hier erneut das Extreme - nicht nur visuell, sondern auch konzeptuell. Der Film verhandelt die Ambition, populäres Kino und philosophische Befragung zusammenzudenken.

Im größeren kulturellen Kontext spiegelt Jupiter Ascending einen Zeitgeist, in dem Fragen nach Biopolitik, Eigentum und sozialer Mobilität an Schärfe gewinnen. Die Kosmologie des Films evoziert zentrale Debatten über Vererbung, Ressourcen und die Ökonomie des Körpers, ohne sich auf nüchterne Sozialkritik zu reduzieren. Stattdessen produziert er Bilder und Arrangements, die mehrdeutige Assoziationsräume eröffnen - ein Merkmal, das ihn in der Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Blockbustern unterscheidet.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führten die Wachowskis, deren Handschrift sich durch eine Kombination aus kompositorischem Formbewusstsein, opulenter Ästhetik und philosophischer Ambition auszeichnet. Ihre Filme verhandeln oft die Freiheit des Individuums gegenüber systemischen Mächten, und Jupiter Ascending reiht sich in diese Linie ein, indem er das Genreschema der Space Opera verwendet, um Fragen von Macht und Herkunft zu dramatizieren.

Die Produktion wurde von einem Major-Studio getragen und realisierte eine aufwändige visuelle Umsetzung mit umfangreichem Einsatz von CGI, aufwändigen Kostümen und komplexem Produktionsdesign. Die minutiöse Ausarbeitung von Setpieces und die Kombination aus praktischen und digitalen Effekten sind Kennzeichen der Entstehung. Solche Umfänge deuten auf ein Projekt mit großem Risiko- und Investitionscharakter - ein Versuch, ein eigenwilliges, visuell dichtes Universum innerhalb des Mainstreamkinos zu etablieren.

Innerhalb des Gesamtwerks der Regisseurinnen nimmt Jupiter Ascending eine Sonderstellung ein: Er ist zugleich Rückkehr zu überbordender Mythologiebildung und eine radikale Steigerung der visuellen Theatralik. Wo frühere Werke mit strengerer Formexperimentation arbeiteten, setzt dieser Film auf barocke Überladung und eine bewusst theatralische Erzählweise.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Mila Kunis trägt die zentrale Rolle als Namensgeberin Jupiter Jones. Als Schauspielerin, die von Sitcom-Erfolgen zu ernsthaften Filmrollen wechselte, bringt sie eine Mischung aus Erdverbundenheit und latentem Pathos in die Figur. Ihre Darstellung muss eine Transformation vollziehen - vom unscheinbaren Individuum zur Figur mit kosmischer Bedeutung - ohne dabei die menschliche Nähe zu verlieren.

Channing Tatum spielt einen körperlich präsenten, zugleich rätselhaften Begleiter. Bekannt geworden durch körperbetonte Rollen wie in Magic Mike und komödiantischen Erfolgen, fungiert er hier als physische Achse der Action und als emotionaler Kontrapunkt zur Titelfigur. Sean Bean liefert eine nüchterne Erdung in einer Welt der Extremen - seine Präsenz evoziert Verlässlichkeit und eine bestimmte mythologische Verwurzelung.

Eddie Redmayne tritt in einer der antagonistischen Positionen auf und bringt die feine, oft ambivalente Spielweise mit, die ihn zuvor ausgezeichnet hat. Douglas Booth, Gugu Mbatha-Raw sowie weitere Ensemblemitglieder wie Tuppence Middleton und Doona Bae ergänzen die Figurenwelt, wobei viele als Vertreterinnen und Vertreter rivalisierender Mächte oder als Verbündete und Verräter innerhalb jener dynastischen Strukturen fungieren, die den erzählerischen Kern bilden.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film verfolgt die Erfahrung einer Frau aus bescheidener Herkunft, die in eine weitläufige, politisch aufgeladene Auseinandersetzung hineingezogen wird. Aus einer urbanen Gegenwart heraus wird ihr Leben schrittweise entgrenzt und in ein Universum verwoben, das von alten Rechteformen, dynastischen Machtverhältnissen und technologischer Überformung geprägt ist. Der dramatische Konflikt entsteht aus konkurrierenden Ansprüchen auf eine Identität und deren symbolischen Wert - Ansprüchen, die materielle wie metaphysische Dimensionen berühren.

Im Zentrum steht das Spannungsverhältnis zwischen individueller Selbstbestimmung und systemischer Instrumentalisierung. Die Erzählung verbindet intime Momente mit groß angelegten Raumszenarien und wechselt dabei zwischen klaustrophilen, bodenständigen Interieurs und ausladenden, kosmischen Kulissen. Ton und Atmosphäre pendeln zwischen modernem Grosstadtrealismus und antikoperischer Opernhaftigkeit, sodass der Film permanent zwischen Nähe und Monumentalität moduliert.

Zentrale Themen und Motive

Jupiter Ascending stellt Fragen nach dem Wert des Lebens, nach Eigentum über Körper und Herkunft, und nach den Mechanismen, die soziale Ungleichheit über Generationen reproduzieren. Die Wachowskis nutzen das Motiv der Erbschaft nicht nur als familiäres Arrangement, sondern als Metapher für politische und ökonomische Verhältnisse, in denen Identität als Ressource fungiert.

Philosophisch verflicht sich der Film mit Diskursen über Determinismus und Autonomie. Die Protagonistin steht exemplarisch für die Möglichkeit einer Selbstaneignung in einem Kosmos, der von vorgegebenen Hierarchien strukturiert ist. Psychologisch konzentriert sich das Werk auf die Fragen, wie Persönlichkeiten an sich glauben, wie Loyalitäten entstehen und welche Rolle Erinnerung und Herkunft für die Konstruktion des Selbst spielen.

Motivisch wiederholen sich Bilder von Aufstieg und Fall, von Labor und Natur, von Kostüm und Rüstung. Diese Ikonographie ist weniger dokumentarisch als symbolisch aufgeladen; sie zielt darauf, archetypische Konflikte in neuzeitlich-technologischer Verpackung zu spiegeln. So wird Jupiter Ascending zu einem Versuch, das großformatige Kino als Denkraum zu begreifen - nicht nur als Unterhaltung, sondern als Projektionsfläche für gegenwärtige Sorgen und Sehnsüchte.

Filmkritik von Christopher Diekhaus

„Jupiter Ascending“ erfüllt die Erwartungen nicht

Mit Spannung sah so mancher Kinogänger im Sommer 2014 dem neuen Science-Fiction-Epos der einst gefeierten „Matrix“-Schöpfer Lana und Andy Wachowski entgegen. Dann kam allerdings die große Überraschung. Nur wenige Wochen vor dem geplanten Kinostart gab Warner Brothers bekannt, dass man den Blockbuster um mehr als sechs Monate nach hinten verschieben würde. Angeblich, weil das Regie-Duo in der Postproduktion noch an den Spezialeffekten feilen wollte. Umgehend wurden jedoch Stimmen laut, die von enttäuschenden Testvorführungen und nervösen Studiobossen sprachen. Spekulationen also, die Schlimmeres befürchten ließen und erst kürzlich nach einer „geheimen“ Präsentation auf dem Sundance Film Festival (Pressevertreter nahmen nicht am Screening teil) weitere Bestätigung fanden. Glaubt man dem US-Branchenblatt Variety, waren viele der anwesenden Beobachter nicht wirklich angetan von dem, was sie auf der Leinwand zu sehen bekamen.

Dass Warner Brothers selbst nicht das größte Vertrauen in das 175-Millionen-Dollar-Projekt hat, legt die bis kurz vor Kinostart verhängte Veröffentlichungssperre nahe, an die sich Kritiker zu halten haben. Spannend ist vor diesem turbulenten Hintergrund, ob das Mammutwerk an den Kinokassen am Ende besser abschneiden kann als die ambitionierte Romanadaption „Cloud Atlas“, die die Wachowskis vor einigen Jahren gemeinsam mit Tom Tykwer aus dem Boden stampften. Zweifel sind durchaus erlaubt, da der Name des Geschwisterpaars nach dem wegweisenden Scifi-Actioner „Matrix“ einige Kratzer abgekommen hat und der fertige Film leider mehrere Untiefen durchschreitet.

Positiv hervorzuheben ist aber zunächst einmal, dass die beiden Filmemacher sich nicht, wie viele andere Kollegen, auf Romanvorlagen, Comics oder Fortsetzungen stürzten, sondern eine originäre Story-Welt kreierten. Einen zentralen Platz nimmt darin, ohne es selbst zu wissen, die desillusionierte Jupiter Jones (Mila Kunis) ein, die als Putzhilfe in Chicago über die Runden zu kommen versucht. Als sie eines Tages auf den genetisch manipulierten Ex-Soldaten Caine (Channing Tatum) trifft, erschließt sich der jungen Frau mit einem Mal ein vollkommen neuer Kosmos. Wie es scheint, hat sie Anrecht auf das Erbe einer Alien-Dynastie, der drei machthungrige Geschwister angehören. Vor allem der verschlagene Balem (Eddie Redmayne) sieht Jupiter als ernstzunehmende Gefahr und sendet daher seine Schergen aus, um dem Problem schnellstens Herr zu werden.

Ähnlich wie in „Cloud Atlas“ haben Lana und Andy Wachowski bei ihrer neuen Regiearbeit den ganz großen Bogen im Blick und beschäftigen sich mit spannenden Fragen, die das Leben auf der Erde bei weitem überschreiten. Entsprechend dieser Ausrichtung ist der Mensch hier nur ein kleines Rädchen im Getriebe eines vielgestaltigen Planetensystems, das von ganz unterschiedlichen Spezies bewohnt wird und auf eine lange Geschichte zurückblicken kann. Eine Geschichte, die mit einer eher untypischen Blockbuster-Heldin verbunden ist. Immerhin kommt Jupiter gerade so über die Runden und hat in ihrem eintönigen Leben bislang nicht viel zustande gebracht, weshalb sie anfangs völlig überfordert ist, als der zupackende Caine sie mit ihrem Schicksal vertraut macht.

Dass Jupiters langsame Erweckung im weiteren Verlauf nicht wirklich überzeugen kann, liegt allerdings nicht nur an den recht limitierten Ausdrucksfähigkeiten von Hauptdarstellerin Mila Kunis. Auch das aus der Feder der Wachowskis stammende Drehbuch offenbart immer wieder unübersehbare Schwächen, die ein bedingungsloses Mitfiebern untergraben. Bisweilen springt der Film etwas willkürlich zwischen den verschiedenen Handlungssträngen hin und her und lässt das Interesse an einigen Figuren abrupt abfallen. Zu nennen ist hier neben zwei antagonistischen Kräften vor allem der von Sean Bean verkörperte Stinger, der irgendwann nur noch die Rolle eines Stichwortgebers übernehmen darf. Eher kontraproduktiv sind außerdem zahlreiche Dialogpassagen, die das leicht konfuse Geschehen mit großer Bedeutung aufladen sollen, häufig aber die Grenze zur unfreiwilligen Komik überschreiten. Reichlich unbeholfen vollzieht sich schließlich auch die früh angedeutete Romanze zwischen Jupiter und Caine. Das Gefühl von emotionaler Verbundenheit wird häufig bloß behauptet und erscheint deshalb nur noch mehr wie eine lieblos dahingeklatschte Erzählkonvention Hollywoodscher Prägung.

Weitaus interessanter fällt dagegen die optische Gestaltung des Scifi-Spektakels aus. Selbst wenn Kostüme und Maskeraden vereinzelt etwas albern wirken mögen, führt uns „Jupiter Ascending“ in ein buntes, opulent ausgestattetes Weltraumszenario ein, dem es wahrlich nicht an berauschenden und skurrilen Ideen mangelt (man beachte einen amüsanten Kurzauftritt von Regie-Exzentriker Terry Gilliam). Keine Frage, dem Auge des Betrachters wird einiges geboten. Nicht zuletzt in Form mitreißender Action-Einlagen, die schon im ersten Drittel auf das üppige Budget verweisen, das den Wachowskis zur Verfügung stand. Ein Budget, das die Filmemacher leider nicht an jeder Stelle sinnvoll einzusetzen wissen. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob ihnen trotzdem noch einmal ein ganz großer Wurf gelingt. Oder ob sie – wenigstens in den USA – endgültig zum Kassengift mutieren. Dem eigenen Schicksal muss sich, etwas zugespitzt formuliert, also nicht nur die Hauptfigur im Film stellen, sondern auch das in den letzten Jahren nicht gerade vom Glück verfolgte Regie-Duo selbst.

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