Immer noch eine unbequeme Wahrheit - Unsere Zeit läuft: Mahnung und Medienform im Anthropozän
Einleitung
Die Fortsetzung eines kulturellen Schlüsselereignisses betritt die Leinwand nicht als harmloses Update, sondern als insistierende Relative, die Bestandsaufnahme und Alarm zugleich ist. Immer noch eine unbequeme Wahrheit - Unsere Zeit läuft rekurriert auf das 21. Jahrhundert-Mythos des Klimawandels und versucht, ihn als epochales Problem in den Modus des gegenwärtigen Augenblicks zu übersetzen. Die Dringlichkeit ist hierbei nicht nur in den Bildern von Sturm und Flut erkennbar, sondern in der strukturellen Frage nach Verantwortlichkeit - politisch, wirtschaftlich und medial.
Der Film steht insofern in doppelter Spannung: Er ist Fortsetzung eines dokumentarischen Erfolgs und zugleich Versuch, die didaktische Form des Erstlings neu zu kalibrieren. Als Pendant zur früheren, weithin rezipierten Darstellung wird hier nicht nur der wissenschaftliche Befund wiederholt, sondern die Arbeit an einer öffentlichen Meinung dokumentiert - die Arbeit, die nötig ist, um Wissen in Handlung zu übersetzen.
Im Kontext der späten 2010er Jahre, einer Zeit politischer Polarisierung und wachsender Klimawissenschaft, wirkt der Film wie ein kulturgeschichtliches Protokoll. Er verbindet die einfache moralische Prämisse - handeln, bevor es zu spät ist - mit der komplizierten Realität geopolitischer Interessen und medialer Vermittlung. So liest sich die Produktion nicht bloß als Appell, sondern als Reflexionsfläche für die Ära, die man Anthropozän nennt.
Kurzüberblick zur Produktion
Regie führten Bonni Cohen und Jon Shenk, die beide bereits im dokumentarischen Feld für Stoffe mit gesellschaftlicher Sprengkraft bekannt sind. Ihre Handschrift zeichnet sich durch eine Mischung aus cinéma vérité- Nähe und einer orchestrierten Montage aus Archiv- und On-Location-Aufnahmen ab - ein Versuch, intensive Direktheit mit narrativer Klarheit zu verbinden. Sensible Close-ups wechseln mit Datenvisualisierungen und großformatigen Naturaufnahmen, wodurch der Film eine doppelte Rhetorik von Intimität und Epik entwickelt.
Die Produktion entstand in den USA mit internationalem Blick und wurde von etablierten Dokumentar- und Sozialproduktionsunternehmen unterstützt. Sie folgte einem multilokalen Drehplan - Gespräche mit Entscheidungsträgern, Auftritte auf Konferenzen, Besuche in von Extremwetter betroffenen Regionen - und nutzte so die dokumentarische Möglichkeit, politische Praxis in Echtzeit zu zeigen. Budgetangaben sind nicht im Zentrum der Rezeption, wohl aber die Tatsache, dass die Produktion auf Zugang zu politischen Kreisen und großem Archivmaterial zurückgreifen konnte.
Im Gesamtwerk der Regisseure nimmt der Film eine Position als politisch engagierte, publikumswirksame Arbeit ein. Er ist weniger experimenteller Essay als instrumentelle Chronik - mit der klaren Absicht, nicht nur zu informieren, sondern Debatten anzustoßen und Bündnisse zu visualisieren. Insofern steht er in einer Tradition politischer Dokumentarfilme, die zwischen Aufklärung und Kampagne oszillieren.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Als zentrale Figur fungiert Al Gore, dessen Präsenz das Projekt trägt und zugleich seine Leitlinie bestimmt. Gore ist hier weniger als Ex-Politiker zu sehen, sondern als professionelle Vermittlungsinstanz - Prediger des wissenschaftlichen Konsenses, Repräsentant einer Informationspolitik und Performer einer medialen Form. Sein Auftritt ist geprägt von der Ambivalenz, die sein öffentliches Bild seit den 2000er Jahren begleitet - zwischen Staatsmannpersönlichkeit und Umweltaktivist.
Neben Gore treten in der dokumentarischen Konstellation Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Aktivistinnen und Aktivisten sowie politische Entscheidungsträger auf, deren Rolle im Film die eines Panoramazeichners ist. Sie füllen die argumentative Landschaft, liefern Expertisen, Augenzeugenberichte und politische Reaktionen. Diese Ensemble-Besetzung macht den Film zu einem Netz aus Autoritäten und Erfahrungszeugen - eine Gemeinschaft von Stimmen, die die Argumentation des Films unterstützen und erweitern.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film folgt keinem fiktionalen Plot, sondern einer dramaturgisch gebauten Abfolge von Begegnungen, Vorträgen und Feldaufnahmen. Zentral ist die Reise einer Idee vom Labor in den öffentlichen Diskurs - die Darstellung von physikalischen Tatsachen, die Einbettung dieser Fakten in politische Entscheidungsprozesse und die Arbeit an öffentlicher Akzeptanz. Als strukturelles Rückgrat dient das Programm eines Protagonisten, der Vorträge hält, Regierungen trifft und Medienauftritte absolviert.
Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Gegensatz zwischen wissenschaftlicher Evidenz und politischem Widerstand - ein Konflikt, der nicht in Einzelszenen aufgelöst wird, sondern als fortlaufende Spannung ausgelegt ist. Zentrale Figuren sind die Vermittler dieser Spannung: der Aktivist als Mahner, die Wissenschaftlerin als Beweisführerin, der Politiker als potenzieller Blockierer oder Verbündeter. Der Ton des Films pendelt zwischen diagnostischer Schärfe und rhetorischer Dringlichkeit, wobei die Atmosphäre oft von einer Mischung aus bedrängender Klarheit und gelegentlicher Zuversicht geprägt ist.
Zentrale Themen und Motive
Im Kern stellt der Film Fragen nach Verantwortung - wer trägt Kosten, wer zahlt für präventive Maßnahmen und wer ist verpflichtet zu handeln. Zugleich öffnet er eine Diskussion über die Medienökonomie der Klimakommunikation - wie werden wissenschaftliche Erkenntnisse in verständliche, überzeugende Narrative übersetzt, und welche Formate eignen sich, um breite Öffentlichkeit zu erreichen. Die filmische Strategie ist dabei selbst ein Thema: die Kombination aus persönlichen Begegnungen, dramatischen Umweltbildern und erklärender Grafik reflektiert ein Bewusstsein für die Grenzen und Möglichkeiten dokumentarischer Argumentation.
Philosophisch berührt die Produktion Grundfragen der Ethik im Anthropozän - Verantwortung gegenüber künftigen Generationen, Gerechtigkeit zwischen globalen Regionen und die Vorstellung von Politik als Handlungsraum in einer Welt, die zunehmend durch globale Kausalitäten geprägt ist. Psychologisch interessiert sich der Film für Mechanismen des Leugnens und der Überforderung, für die Art und Weise, wie Menschen Risiken kognitiv verarbeiten - und wie Vertrauen in Experten oder Institutionen hergestellt oder untergraben wird. Visuell und narrativ recurriert ein Motiv: die Zeit als drängende Dimension - nicht nur als Messgröße, sondern als moralischer Druckfaktor.
Ohne als Bloßstellung zu fungieren, legt der Film Wert auf Transparenz der Mittel - auf die Darstellung der Wege, mit denen Überzeugungsarbeit heute geleistet wird. In dieser Hinsicht ist Immer noch eine unbequeme Wahrheit - Unsere Zeit läuft weniger ein abschließendes Urteil als ein dokumentarisches Angebot: ein Gefüge aus Zeugenschaft, Evidenz und Appell, das die kulturelle Debatte um Klimapolitik und kollektive Handlungsmöglichkeiten punktuell vorantreibt.

