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Im Labyrinth des Schweigens

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kritiken.de Redaktion 06.11.2014
Im Labyrinth des Schweigens© Universal Pictures Germany GmbH
A ca. 1563 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Im Labyrinth des Schweigens - Recht, Erinnerung und die Anatomie des kollektiven Vergessens

Einleitung

Im Labyrinth des Schweigens tritt nicht als weiteres historisches Kammerspiel auf, sondern als präzise gesetzte Untersuchung der Mechanismen, die kollektives Vergessen möglich machen. Der Film verlagert die bekannte Debatte um Vergangenheitsbewältigung in eine unmittelbare, kriminalistische Erzählung, die weniger auf heroische Gesten als auf bürokratische Alltäglichkeit und sprachlose Verstrickung setzt. In dieser Haltung liegt seine Relevanz: Er rückt nicht nur die Vergangenheit in den Fokus, sondern die Form, in der Erinnerung institutionalisiert, verschoben und ausgeblendet wird.

Für das deutsche Kino der 2010er Jahre ist der Film ein Spiegel der Persistenz einer Frage, die sich nicht erledigt hat: Wie erzählt eine Gesellschaft ihre Schuld, wenn die Zeugen des Terrors verstummen und die Täter in den Strukturen der Gegenwart weiterleben? Der Film beantwortet diese Frage nicht normativ, sondern beobachtend, wodurch er die Zuschauerin und den Zuschauer zu einer eigenen Konfrontation mit den gezeigten Zuständen zwingt.

Als Debütwerk des Regisseurs positioniert sich Im Labyrinth des Schweigens zugleich als programmatische Reflexion über filmische Verantwortung. Der Regisseur sucht nicht die große historische Rekonstruktion, sondern konzentriert sich auf das Gesetzliche und Alltägliche - auf die Prozesse, die notwendig sind, damit Erinnerung überhaupt in ein öffentliches Verfahren münden kann. In dieser Konzentration findet der Film seine formale und moralische Schärfe.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führt Giulio Ricciarelli, dessen erster Langfilm mit dieser Produktion eine bewusste Rückkehr zu einem traditionell politischen Stoff markiert. Ricciarelli, der zuvor vor allem als Cutter und Produzent gearbeitet hat, wählt eine nüchterne, fast dokumentarische Bildsprache, die narrative Offenbarungen nicht durch Effekthascherei, sondern durch sorgfältig komponierte Einstellungen erzwingt. Seine Handschrift zeigt sich in der Präzision der Montage und einer Vorliebe für lange Einstellungen, die Prozesse und Verhandlungen atmen lassen.

Die Produktion entstand im deutschen Umfeld, mit einer Betonung auf historischen Details in Ausstattung und Kostüm, die nicht in nostalgische Verklärung abgleiten, sondern die Kühle und den bürokratischen Pragmatismus der 1950er Jahre rekonstruieren. Finanzielle Angaben sind nicht im Fokus dieses Textes; entscheidend ist, dass das Produktionsdesign und die handwerkliche Ausrichtung eine Atmosphäre erzeugen, die die narrativen Zwänge des Stoffes unterstreicht. Als Erstlingsfilm des Regisseurs nimmt das Projekt eine besondere Stellung ein: Es ist weniger ein persönliches Autorenstück als ein kollektiv getragenes Anliegen, das stilistische Zurückhaltung dem moralischen Gewicht des Themas unterordnet.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Alexander Fehling steht im Zentrum der Erzählung und übernimmt die Rolle des jungen Staatsanwalts, dessen Neugier und wachsendes Unbehagen den Handlungsbogen tragen. Fehling, der in seiner bisherigen Karriere vor allem durch seine Präzision und die Fähigkeit zu subtilen, innenliegenden Figurenaufführungen aufgefallen ist, bringt in dieser Rolle eine Mischung aus naiver Gewissheit und zunehmender moralischer Schärfe ein. Sein Spiel arbeitet weniger mit pathetischen Ausbrüchen als mit einer inneren Spannung, die sich in kleinen Gesten und Blicken manifestiert.

Johannes Krisch verkörpert einen der erfahrenen Juristen, dessen Erfahrung und Entschlossenheit die institutionellen Möglichkeiten und Grenzen des Systems sichtbar machen. Krisch, bekannt aus Theatern und Filmproduktionen, verleiht seiner Figur die gebrochene Autorität eines Mannes, der die Justiz von innen kennt und zugleich ihre Defizite spürt. An seiner Seite treten Schauspielerinnen wie Friederike Becht und Josephine Ehlert auf, die unterschiedliche Ebenen der Zivilgesellschaft und persönlichen Betroffenheit repräsentieren. Gert Voss und weitere Ensemblepartnerinnen und -partner vervollständigen das Bild einer Gesellschaft, in der private Geschichte und öffentliche Verantwortung sich immer wieder kreuzen.

Handlung (spoilerfrei!)

Im Labyrinth des Schweigens erzählt von den Ermittlungsschritten, die notwendig sind, um Überlebenden und Tätern des nationalsozialistischen Terrors wieder eine rechtliche Plattform zu eröffnen. Der dramatische Konflikt entsteht weniger aus spektakulären Wendungen als aus der Konfrontation zwischen der Suche nach Wahrheit und den institutionellen Strukturen, die diese Suche blockieren oder verlangsamen. Zentral ist die Figur eines jungen Staatsanwalts, dessen Unbehagen über das Wegsehen der Nachkriegsgesellschaft ihn in ein Netz aus Andeutungen, Verschleierungen und unwilligen Zeugen führt.

Die Figuren sind weniger Archetypen denn Knotenpunkte, an denen Erinnerung, Pflicht und persönliches Verschweigen zusammenlaufen. Die Erzählung entfaltet sich in einem Ton, der zwischen nüchterner Prozedur und moralischer Anspannung oszilliert. Atmosphäre und Tempo sind eher kontemplativ-procedural als actionorientiert; der Film setzt auf die Spannung, die entsteht, wenn verschüttete Wahrheiten Schritt für Schritt ans Licht kommen.

Zentrale Themen und Motive

Der Film stellt Fragen nach Verantwortlichkeit und Erinnerung: Wer trägt die Pflicht zur Aufarbeitung, wenn Öffentlichkeit und Justiz schleppend reagieren? Welchen Preis zahlt eine Gesellschaft, die Opfer und Täter in Nachkriegsalltagsrollen integriert, ohne das Fundament ihrer Handlungen zu thematisieren? Diese Fragen werden nicht abstrakt diskutiert, sondern in konkreten Situationen verhandelt - in Vernehmungszimmern, Amtsstuben und privaten Gesprächsräumen.

Motivisch arbeitet der Film mit Topoi der Verschwiegenheit und des Labyrinths als Sinnbild für komplizierte Pfade zu Wahrheit und Gerechtigkeit. Wiederkehrende Bilder von geschlossenen Türen, abgewandten Gesichtern und der Kühle institutioneller Räume illustrieren eine Metaphorik der Abwehr. Philosophisch verschiebt die Erzählung die Debatte von der Schuldfrage einzelner zur Frage der sozialen und rechtlichen Mechanismen, die Schuld kollektiv unsichtbar machen können. Psychologisch interessiert sich der Film für das Verdrängte und die Art, wie Individuen und Kollektive Erinnerung neu verhandeln oder verwerfen.

Im Labyrinth des Schweigens ist damit weniger ein historischer Lehrfilm als eine analytische Montage über die Bedingungen von Erinnerung. Er fordert keine einfache moralische Antwort, sondern offeriert eine präzise Beobachtung jener institutionellen und persönlichen Kräfte, die das Erinnern ermöglichen oder blockieren. In dieser Zurückhaltung liegt seine Stärke als Film, der die Zuschauerin und den Zuschauer nicht nur informiert, sondern in die Verantwortung nimmt.

Filmkritik von Peter Osteried

Die Wahrheit über Auschwitz ist verborgen im Labyrinth des Schweigens

Ein einfaches Thema ist es nicht, dem sich die Autoren Elisabeth Barthel und Giulio Ricciarelli, der auch inszenierte, mit Im Labyrinth des Schweigensangenommen haben. Es ist die filmische Aufarbeitung einer sechsjährigen Phase, an deren Ende die Bundesrepublik eine andere war. Wurden die Verbrechen der NS-Zeit lange totgeschwiegen, war dies nach den Auschwitz-Prozessen nicht mehr möglich.

1958: Der Journalist Thomas Gnielka (André Szymanski) wendet sich an die Frankfurter Staatsanwaltschaft. In der Schule arbeitet ein Lehrer, der als SS-Mann in Auschwitz gedient hat. Die Staatsanwaltschaft interessiert sich dafür jedoch nicht, nur der junge Johann Radmann (Alexander Fehling), ein Anfänger, nimmt sich der Sache an. Er erhält Unterstützung vom Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Gert Voss), der ihn ermutigt, die Sache weiterzuverfolgen. Doch da alle Straftaten bis auf eine verjährt sind, muss Radmann Belege für Mord finden. Und nicht nur das: Er muss nicht nur die Opfer, er muss vor allem auch die Täter identifizieren, um sie vor Gericht stellen zu können. Doch er kämpft gegen einen Staatsapparat an, in dem noch immer viele Altnazis sitzen und an einer Aufarbeitung der deutschen Schuld wenig Interesse haben.

Auf heutiger Sicht mag es schwer nachvollziehbar sein, aber es gab eine Zeit, in der der Begriff „Auschwitz“ in der deutschen Bevölkerung keinerlei Erkennungswert hatte. Es ist den Bemühungen der Juristen der Frankfurter Staatsanwaltschaft zu verdanken, dass sich dies geändert hat, aber es war eine schmerzhafte Geburt. Der Film verdichtet die Ereignisse der sechs Jahre, ebenso wie die Figuren. Johann Radmann hat es nicht gegeben, er ist ein Amalgam aus Joachim Kügler und Georg Friedrich Vogel, die beide die Ermittlungen führten. Um dem Zuschauer einen persönlichen Bezug zu geben, der über die mit dem Thema einhergehende Betroffenheit hinausgeht, konzentriert sich der Film vor allem auch auf Radmann, der eine schmerzhafte Entwicklung durchmachen muss.

Zugleich bekommt er eine persönliche Geschichte, eine Romanze, die vielleicht etwas dick aufgetragen ist, aber den Film in einer Erlebniswelt einrahmt, die jeder Zuschauer nachvollziehen kann. Fehling ist exzellent darin zu zeigen, wie besessen seine Figur von ihrer Aufgabe ist. Die Erkenntnis, in einem Land zu leben, in denen die Täter unerkannt wandeln, liegt wie ein Mühlstein auf und ist ihm tief ins Gesicht geschrieben. Das ist einerseits hervorragend gespielt, andererseits durch subtiles Make-up, das Radmann eingefallener wirken lässt, gut unterstützt.

Stellvertretend für den Zuschauer verzweifelt er am Schweigen einer Nation, die die Gräueltaten der Vergangenheit in Zeiten des Wirtschaftswunders am liebsten vergessen würde. Zugleich muss er sein eigenes Verhältnis zu seinem 1945 nicht mehr von der Ostfront zurückgekehrtem Vater neu überdenken. Sauber zu bleiben, anständig, das ist in den Jahren 1933 bis 1945 nur den wenigsten gelungen. Aber Radmann erkennt, dass es nicht um die Zuweisung von Schuld, Halbschuld oder Unschuld geht. Es geht darum, den Opfern eine Stimme zu geben, auf dass nicht vergessen wird, was niemals vergessen werden darf.

Anders als die Figuren im Film kennt der Zuschauer den Begriff „Auschwitz“. Er weiß, was dort passiert ist, weswegen der Film sich zurücknehmen kann. In den Zeugenvernehmungen verzichtet Ricciarelli auf Dialoge. Er zeigt sie uns, lässt sie uns aber nicht hören, die Reaktion im Gesicht der Zuhörer ist alles, was man wissen muss, da sie sich mit dem verbindet, was der Zuschauer über diesen Ort des Grauens, der emblematisch für die Gräuel der NS-Zeit geworden ist, ohnehin weiß.

In seiner Erzählweise erinnert Im Labyrinth des Schweigensein wenig an Oliver Stones JFK, nur dass die Dimension des Verbrechens eine ungleich andere ist und der Film endet, als die Verhandlung beginnt. Sie ist nur die logische Konsequenz der sechsjährigen Ermittlungen, die Ermittlungen selbst sind jedoch die eigentliche Geschichte. Hier ist der emotionale Kern begraben, macht er doch einer Generation, die sich nur schwer vorstellen kann, wie es sein muss, mit der Ungewissheit, was die eigenen Eltern im Dritten Reich getan haben, zu leben, wenn man es denn überhaupt wissen wollte. Im Labyrinth des Schweigensbrodelt, hier ist gerechter Furor vorhanden, der gezügelt wird von der Erkenntnis, dass Gerechtigkeit nur dann triumphieren kann, wenn gute Menschen nicht einfach wegschauen.

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