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Il Futuro - Eine Lumpengeschichte in Rom

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kritiken.de Redaktion 12.09.2013
Il Futuro - Eine Lumpengeschichte in Rom© RealFiction
A ca. 972 Worte Lesezeit ca. 3 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Il Futuro - Eine Lumpengeschichte in Rom: Bolaños Lumpenpoetik und der Verfall einer europäischen Öffentlichkeit

Einleitung

Il Futuro - Eine Lumpengeschichte in Rom ist nicht allein eine Adaption, sondern ein ästhetischer Versuch, Roberto Bolaños literarische Skizzen in dieBildsprache des gegenwärtigen europäischen Kinos zu übersetzen. Der Film berührt Themen, die in der Gegenwart wieder an Schärfe gewonnen haben - Obdachlosigkeit, prekäre Jugend, die Ökonomie von Begehren und Überleben - und verortet sie in einem urbanen Rom, das mehr Kulisse als bloßer Schauplatz ist. Sein Reiz liegt weniger in narrativer Fülle als in der atmosphärischen Verdichtung, die dem Betrachter Zeit gibt, die Zwischenräume zu lesen.

Relevanz entsteht hier auf mehreren Ebenen: Die Produktion verbindet lateinamerikanische Erzähltradition mit europäischem Autorenkino, und das Sujet der jugendlichen Protagonisten evoziert größere Fragen nach Zugehörigkeit und Zukunft in einer von Unsicherheit geprägten Zeit. In einer Phase, in der kulturelle Entwurzelung und ökonomische Prekarität zusammenfallen, fungiert der Film als Spiegel jener Generationen, die zwischen Fürsorgeverlust und formaler Adoleszenz stehen.

Als filmisches Unterfangen ist Il Futuro auch Ausdruck einer Grenzüberschreitung - sprachlich, geografisch und ästhetisch. Der Stoff, ursprünglich aus der lateinamerikanischen Moderne kommend, wird vom Regieteam in ein europäisches Setting gesetzt und erhält so eine neue Topographie der Einsamkeit. Dadurch lässt sich der Film gleichermaßen als persönliche wie als produktpolitische Aussage lesen: Kino, das transnational denkt und aus knapper Finanzierung poetische Konsequenz schlägt.

Kurzüberblick zur Produktion

Il Futuro wurde von der chilenischen Regisseurin Alicia Scherson inszeniert, die sich in ihrem bisherigen Werk durch eine sensible, formal aufmerksame Annäherung an Figuren in Übergangssituationen hervorgetan hat. Scherson verlagert in diesem Film eine Bolaño-Erzählung in die Gassen und Randgebiete Roms und bewahrt dabei eine nüchterne, gelegentlich lakonische Erzählhaltung. Ihre Handschrift zeigt sich in der Suche nach Bildkompositionen, die das Innenleben der Figuren durch Architektur und Textur des Raums spiegeln.

Die Produktion ist ein internationales Gemeinschaftswerk - Spanien, Italien, Chile und Deutschland sind beteiligt - und bewegt sich damit im üblichen Rahmen der europäischen Ko-Produktionen mit begrenztem Budget. Solche Rahmenbedingungen verlangen ökonomische Sparsamkeit, die jedoch oft kreative Lösungen befördert: reduzierte Sets, sorgfältige Standortwahl und ein Fokus auf Darstellerarbeit und Bildregie statt auf aufwendige Effekte. Die Entscheidung, in Rom zu drehen, ist programmatisch - die Stadt liefert nicht nur Requisiten, sondern kulturelle Resonanzen, die der Erzählung Tiefe verleihen.

Im Gesamtwerk der Regisseurin markiert Il Futuro eine Erweiterung ihres thematischen Spektrums - eine Hinwendung zu einer transkulturellen Erzählung, die lateinamerikanische literarische Vorlagen mit europäischer Kinotradition verbindet. Formal bleibt Scherson ihrer Neigung zu Stillstand- und Beobachtungsbildern treu, während sie zugleich eine größere Nähe zur literarischen Vorlage zulässt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Manuela Martelli, die in Chile bereits mit Filmen wie Machuca Aufmerksamkeit erregte, bringt in Il Futuro eine zurückgenommene Präsenz, die zwischen Fürsorgezwang und kindlicher Verletzlichkeit changiert. Ihre Darstellung lebt von kleinsten Gesten - einem Blick, einer Pause - und verleiht der Figur eine glaubwürdig geerdete Ambivalenz. Luigi Ciardo steht ihr gegenüber als junger Darsteller, dessen Natürlichkeit die filmische Beobachtung trägt: weniger sprachmächtig als expressiv in seinem Schweigen, fungiert er als emotionaler Barometer der Geschichte.

>Rutger Hauer, dessen Karriere die Genres und Dekaden des Kinos berührt hat, übernimmt die Rolle eines älteren Mannes, dessen Aura zwischen Anziehung und Bedrohung oszilliert. Seine Präsenz hat in diesem Kontext eine doppelte Funktion: Sie ist konkreter Figurenkern und zugleich ein ikonisches Zitat aus der filmhistorischen Imagination - ein abgeblasener Ruhm, der auf die Gegenwart trifft. Nicolas Vaporidis, in Italien bekannt durch populärere Jugendfilme, bringt eine vertraute Verlässlichkeit in die Nebenrollen und arbeitet mit dem Film an der Balance zwischen Realität und performativem Spiel. Alessandro Giallocosta und Pino Calabrese füllen das Ensemble mit lokal verankerten Nebenfiguren, die das Milieu verdichten ohne die distanzierte Erzählhaltung zu stören.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Erzählung folgt zwei jungen Protagonisten, die nach einem familiären Verlust in einer fremden Stadt zurechtkommen müssen. Ihr Alltag besteht aus improvisiertem Überleben und der Suche nach Orientierung in einem städtischen Raum, der Schutz ebenso wenig wie Perspektive bietet. Die Begegnung mit einem älteren, rätselhaften Mann verändert die Dynamik zwischen den Figuren - sie öffnet Möglichkeiten, provoziert Entscheidungen und legt die Prinzipien von Vertrauen und Ausbeutung nebeneinander.

Der dramatische Konflikt entspinnt sich nicht aus großen externen Ereignissen, sondern aus der schrittweisen Eskalation zwischen Bedürfnissen und moralischen Grenzen. Die Spannung resultiert aus einem permanenten Ungleichgewicht - zwischen Kindheit und erwachsener Welt, zwischen Autonomieanspruch und Abhängigkeit. Rom fungiert dabei als dichter, oft melancholischer Raum, in dem Neonlicht und verlassene Hinterhöfe das filmische Temperament bestimmen.

Tonalität und Atmosphäre sind geprägt von einer leisen Bedrohung. Der Film bleibt beobachtend, misstraut einfachen Lösungen und erlaubt dem Publikum, die moralischen Nuancen selbst zu erkunden. Sprache, Stille und die konkrete Körperlichkeit der Darsteller erzeugen ein dichtes, suggestives Klima, das eher irritiert als beruhigt.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum des Films stehen Fragen nach Authentizität, Schutz und der performativen Natur von Identität. Il Futuro lotet aus, wie junge Menschen Strategien entwickeln, um in einer Welt zu bestehen, die wenig Fürsorge bietet - und wie diese Strategien selbst wieder Rollen sind, die gespielt werden müssen. Die Figur des alten Mannes fungiert als Katalysator - er steht für eine vergangene Autonomie und für die Versuchung, sich an fremde Ordnungen zu binden.

Philosophisch betrachtet kreist der Film um die Verfügbarkeit von Zukunftsvorstellungen in prekären Lebenslagen. Er fragt, welche Zukunft sich für jene auftut, die von institutioneller Fürsorge abgeschnitten sind, und wie Narration - im weitesten Sinn - zur Konstruktion von Lebensentwürfen dient. Psychologisch beobachtet Scherson den Übergang vom Kindlichen zum Jüngeren-Erwachsenen, ohne ihn durch sentimentale Brüche zu erklären. Oft ist das Bild wichtiger als das Wort - ein Motiv, das in der filmischen Übersetzung Bolaños immer wieder in den Vordergrund tritt.

Der filmische Ansatz betont zudem Metaebenen: Kino als Maschine des Erinnerns und Erzählens, Schauspiel als Mittel der Anpassung und als Überlebensstrategie. In dieser Hinsicht ist Il Futuro weniger realistisches Sozialdrama als poetisches Protokoll einer Generation, die ihr Schicksal in fragmentarischen, oftmals widersprüchlichen Formen aushandelt.

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