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Ihre beste Stunde

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kritiken.de Redaktion 06.07.2017
Ihre beste Stunde© Concorde Filmverleih GmbH
A ca. 1330 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Ihre beste Stunde: Kino als moralischer Kompass zwischen Propaganda, Komik und weiblicher Selbstbehauptung

Einleitung

Ihre beste Stunde verhandelt nicht allein einen historischen Moment, sondern das Medium Film als Terrain politischer und ethischer Aushandlung. Die Erzählung spielt während des Zweiten Weltkriegs in London und stellt die Praxis des Filmschaffens in den Mittelpunkt: Wie werden Geschichten geformt, um zu trösten, zu mobilisieren oder zu verheimlichen? In einer Zeit, in der Öffentlichkeit und staatliche Vermittlung eng verflochten sind, rückt der Film die Produktion von Sinn in den Fokus und macht den Akt des Erzählens selbst zur politischen Entscheidung.

Die Bedeutung dieses Films erstreckt sich über die reine Zeitkoloration hinaus. Er ist aktuell, weil er Fragen nach Repräsentation, Wahrhaftigkeit und der Rolle von Künstlern in Krisenzeiten aufwirft, Fragen, die in einer Gegenwart wiederkehren, in der Informationsvermittlung und kulturelle Narrationen neu verhandelt werden. Das Werk bietet so einen Spiegel für Debatten über Medienverantwortung und die Konstruktion nationaler Identität.

Regisseurin Lone Scherfig, die dem Film ihre Handschrift verleiht, ist in ihrem Gesamtwerk eine Verfechterin nahbarer Figurenporträts und einer feinen Balance zwischen Ironie und Empathie. Ihre Beschäftigung mit weiblichen Perspektiven und mit der Gratwanderung zwischen persönlichen Ambitionen und gesellschaftlichen Erwartungen bildet den konzeptionellen Unterbau von Ihre beste Stunde. Das Ergebnis ist weniger ein historisches Panorama als eine Reflexion über Sichtbarkeit und Stimme im Kino.

Kurzüberblick zur Produktion

Ihre beste Stunde ist eine britische Adaption des Romans von Lissa Evans und reiht sich in eine Tradition britischer Kostüm- und Studiospielfilme ein, die historische Stoffe als Bühne für moderne Fragen begreifen. Die Produktion arbeitete mit den typischen Mitteln eines sorgfältig ausgestatteten Period Piece: präzises Szenenbild, authentische Kostüme und eine Mischung aus Studioaufnahmen und realen London-Kulissen, die den kulturellen und atmosphärischen Kontext der späten 1930er und frühen 1940er Jahre glaubhaft herstellen.

Für Scherfig bedeutet der Film eine konsistente Fortsetzung ihres Interesses an erzählerischen Figurenstudien; in Produktionsfragen zeigt sich dabei ein Fokus auf Ensemblearbeit und auf die Film-im-Film-Struktur, die die Mechanik des Erzählens sichtbar macht. Die begrenzten, dennoch zielgerichteten Mittel dienen vornehmlich der Figurenzeichnung und der Reflexion über die Praxis des Filmemachens, weniger spektakulären historischen Effekten.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Gemma Arterton, die eine junge Texterin verkörpert, deren Stimme und beruflicher Aufstieg den Blickwinkel des Films bestimmen. Arterton hat in ihrem bisherigen Schaffen wiederholt Rollen übernommen, die eine Mischung aus Selbstbehauptung und Verletzlichkeit verlangen, und in dieser Produktion wird diese Bandbreite erneut fokussiert. Ihre Figur steht für die Ambivalenz zwischen künstlerischem Anspruch und der Notwendigkeit, in einem männlich dominierten Produktionsapparat Gehör zu finden.

Sam Claflin spielt den charmanten, ambivalenten Schauspieler, der zwischen Berufsethos und persönlicher Moral hin- und hergerissen ist. Claflins Bekanntheit aus populären Franchises gibt seiner Präsenz zusätzliche Schichten, ohne die Figur zur reinen Starikone verkommen zu lassen. Bill Nighy bringt, wie in vielen seiner Rollen, eine alternde, erfahrene Perspektive ein; seine Figur repräsentiert das etablierte Kino und dessen Kompromissbereitschaften, was das Spannungsfeld zwischen Tradition und Neuerung markiert.

Das Ensemble wird durch profilierte britische Charakterdarsteller wie Helen McCrory und Jeremy Irons ergänzt, die dem Film einen dichten tragfähig getönten Backdrop verleihen. Diese Nebenrollen funktionieren weniger als Zugpferde und mehr als Katalysatoren für die Debatten, die zwischen den Hauptfiguren entfacht werden - über Authentizität, Sichtbarkeit und die Moral des Erzählens.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film beginnt mit der Praxis: eine staatlich beauftragte Filmabteilung, Routineaufträge zur Stimmungsanhebung und die Personalsuche, die eine junge Autorin in die Welt der Kriegsfilme bringt. Aus dem Arbeitsalltag entwickelt sich ein Spannungsfeld, in dem dramaturgische Entscheidungen, persönliche Eitelkeiten und äußere Zwänge aufeinanderprallen. Der zentrale Konflikt entsteht dort, wo das Bedürfnis nach tröstender Legenden mit dem Anspruch an glaubwürdige Darstellung kollidiert.

Die Erzählung bleibt in ihrer Anlage bewusst auf die Produktion konzentriert und vermeidet eine allgemeine Kriegschronik. Stattdessen beobachtet sie die Art und Weise, wie Figuren Geschichten formen - mit Humor, Melancholie und gelegentlicher Bitterkeit. Die Tonalität pendelt zwischen leichter Komik und ernstem Takt, was dem Film eine kontemplative, beinahe meta-künstlerische Atmosphäre verleiht.

Zentrale Themen und Motive

Ihre beste Stunde stellt die Frage nach der Funktion von narrativen Konstrukten in Krisenzeiten: Dienen sie der Wahrheit, der Moral oder dem Machterhalt? Damit verbunden ist das Thema Verantwortung: Welche Verpflichtungen tragen Filmemacher gegenüber ihrem Publikum und gegenüber der Realität jener, deren Leid Teil der Filmsujets wird? Der Film lotet das Spannungsverhältnis zwischen Emotionalität und Manipulation aus und zeigt, wie leicht gute Absichten in vereinfachende Mythologie kippen können.

Ebenfalls zentral ist die Auseinandersetzung mit Geschlechterverhältnissen in der Filmbranche. Die junge Protagonistin muss sich in einem Produktionsumfeld behaupten, das sie einerseits braucht, andererseits aber Grenzen zieht. Dieses Motiv wird nicht als bloße historische Fußnote behandelt, sondern als permanenter Prüfstein für die Glaubwürdigkeit von Stimme und Sichtbarkeit im Medium.

Formal arbeitet der Film mit Selbstreflexion: Film-im-Film-Szenen, Reflexionen über Montage und Beobachtungen über Zuschauererwartungen machen aus dem Erzählprozess selbst ein Thema. In dieser Doppelbewegung - thematisch wie formal - entsteht ein Film, der weniger bewerten als zum Nachdenken über die Mechanik von Erzählung und Erinnerung anregen will.

Filmkritik von Bianka Piringer

Eine Frau zwischen Krieg und Kino

Mit dieser romantischen Film-im-Film-Geschichte spürt die dänische Regisseurin Lone Scherfig („The Riot Club“) dem Widerstandsgeist nach, der in den dunklen Jahren des Zweiten Weltkriegs in England herrschte. Basierend auf dem Roman „Their Finest Hour and a Half“ von Lissa Evans erzählt sie auf lebendige und anschauliche Weise, wie das Kino den Menschen dabei half, die Hoffnung und den Humor nicht zu verlieren.

Im Jahr 1940 ächzt London unter den Luftangriffen Hitlerdeutschlands. Aber im Land gehen jede Woche 30 Millionen Menschen ins Kino: Sie wollen sich informieren, vor allem jedoch sehnen sie sich nach schönen Geschichten, die einen gewissen Bezug zur eigenen Realität haben sollen. Da ist es für Filmemacher schwer, den richtigen Ton zu treffen. Das Informationsministerium stellt die junge Catrin Cole (Gemma Arterton) an, die Dialoge schreiben soll, wie Frauen sie mögen, mit Klatsch, Spott und Alltagsbezug.

Gemeinsam mit dem Drehbuchautor Tom Buckley (Sam Claflin) verfasst Catrin das Skript für einen Spielfilm. Darin fahren zwei englische Frauen mit einem Fischerboot aufs Meer, um britische Soldaten aus Dünkirchen zu evakuieren. Der wortgewandte, zynische Buckley ist mit seiner Herablassung Frauen gegenüber ein Mann seiner Zeit. Aber zwischen Catrin und ihm beginnt es zu knistern, wenn sie sich beim Erfinden der Geschichte die gedanklichen Bälle zuspielen. Spritziger Wortwitz ist die Hauptattraktion in Scherfigs Film, der auch an den Beginn der Frauenemanzipation und den Aufschwung des britischen Kinos erinnert. Stets wird die Entstehung des Films im Film reizvoll mit dem Leben der Beteiligten verflochten.

Diese Wechselwirkung zeigt sich besonders vergnüglich am Beispiel des alternden Schauspielers Ambrose Hilliard (Bill Nighy). Der eitle Mann kann sich nicht mit seiner Nebenrolle als Onkel Frank, einem alten Säufer, der zudem noch im Kinofilm sterben soll, anfreunden. Am Set im Küstenort Devon sorgt diese männliche Filmdiva für Unruhe, aber Catrin findet eine unkonventionelle Lösung. Bill Nighy ist der eigentliche Star in Scherfigs Riege, er spielt Hilliard unnachahmlich selbstironisch und dabei so authentisch, dass dieser Mann immer auch sympathisch wirkt.

Die Geschichte setzt auch dem Gemeinschaftsgefühl in dieser düsteren Zeit ein Denkmal. Am Set in Devon kommen unterschiedliche Menschen zusammen, es gibt Zwist, aber dann wird zusammen gefeiert. Hilliard singt eine melancholische Weise, die beiden Hauptdarstellerinnen ein fröhlicheres Liebeslied. Scherfigs nostalgischer Blick zurück rührt an und die karikierende Schilderung der Probleme, die Catrin und den anderen beim Dreh begegnen, macht die Charaktere nur liebenswerter. Gemma Arterton ist die richtige Besetzung für die junge Autorin mit Herz und damals modischen Hütchen. Catrin wächst mit den neuen Aufgaben und verkörpert doch stets die Idealfigur einer englischen Frau ihrer Zeit, bescheiden, fröhlich und anpackend.

Immer wieder sitzt Catrin an ihrer schwarzen Schreibmaschine und tippt, selbst als die Bombeneinschläge näherrücken und Putz auf ihren Schreibtisch rieselt. Aus heutiger Distanz wirken solche Bilder heroisierend, aber wenn Catrin geschockt auf die Trümmer oder gar die Leichen in den Straßen blickt, teilt sich die Wucht der täglichen Bedrohung mit, die zum Alltag der Londoner gehörte. Insgesamt stellt dieser Film also einen stimmigen, facettenreichen Ausflug ins England des Zweiten Weltkriegs dar. Hier und da aber hätten die Charaktere noch kantiger geraten dürfen.

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