Hubert von Goisern - Brenna tuats schon lang: Ein musikalisches Porträt zwischen Heimat und Aufruhr
Einleitung
Hubert von Goisern - Brenna tuats schon lang setzt die Kamera auf einen Künstler, der längst mehr ist als ein Musiker: ein kulturelles Phänomen, das Tradition und Globalisierung, Verwurzelung und Protest zugleich verhandelt. Der Dokumentarfilm tritt damit in einen Diskurs ein, der in den 2010er Jahren an Schärfe gewann - Debatten über Identität, Zugehörigkeit und die Frage, wie Volkskulturelles in einer vernetzten Welt präsent und relevant bleiben kann. Die Relevanz des Films liegt nicht allein in seinem Protagonisten, sondern in der Art, wie er musikalische Praxis als ästhetisches und politisches Thema sichtbar macht.
Formal und inhaltlich ordnet sich der Film in eine Linie dokumentarischer Musikerporträts ein, die weniger das klassische Legendenbild pflegen als das musikalische Leben in seinen Widersprüchen zeigen. Statt Heroisierung tritt hier Beobachtung und Kontextualisierung; die Bild- und Tonregie sucht eher nach Resonanzräumen als nach spektakulären Enthüllungen. So entsteht ein abwägender Zugang, der Hubert von Goisern als Handlungsreisenden zwischen Bühnen, Proberäumen und dem Alltag zeichnet.
Der gesellschaftliche Hintergrund der Veröffentlichung im Jahr 2015 verstärkt die Dringlichkeit des Themas: Europa erlebte eine Phase intensiv geführter Debatten um nationale Identität, Migration und kulturelle Kohärenz. In diesem Klima wirkt ein Film über einen Künstler, der sich aus der heimischen Folklore speist und sie zugleich dekonstruiert, wie eine künstlerische Antwort auf die Fragen jener Zeit. Er lässt sich lesen als Versuch, Kultur als lebendigen, streitbaren Raum zu begreifen und nicht als museal verstaubtes Erbe.
Kurzüberblick zur Produktion
Die Regiearbeit des Films zeichnet sich durch eine sensible Balance zwischen Konzertaufnahmen, intimen Porträts und dokumentarischem Begleitmaterial aus. Statt groß angelegter Inszenierung vertraut die filmische Handschrift auf Beobachtung, auf lange Einstellungen, die Raum für musikalische und nonverbale Aussagen geben. Diese Arbeitsweise entspricht einer dokumentarischen Tradition, die Musiker nicht nur als Performer, sondern als Menschen in ihrem sozialen und kulturellen Kontext erfasst.
Zu den Produktionsumständen des Films gehören wahrscheinlich kleine bis mittlere Budgets, wie sie in europäischen Musikdokumentationen üblich sind, eine enge Zusammenarbeit mit dem Protagonisten und die Nutzung bereits vorhandener Konzert- und Archivaufnahmen. Der filmische Fokus liegt weniger auf aufwändiger Studioästhetik als auf Authentizität und Klangintensität. Das reduzierte Produktionsvokabular unterstützt die Intimität der Zugänge und betont das Live-Erlebnis als narrativen Motor.
Im Verhältnis zum Gesamtwerk des Protagonisten kann der Film als Ergänzung zu Huberts musikalischem Schaffen verstanden werden: Er dokumentiert nicht nur Stationen einer Karriere, sondern reflektiert die künstlerische Haltung, die hinter den Bühnenperformances steht. So nimmt der Film eine Mittlerrolle ein zwischen Konzertdokumentation, biografischem Porträt und kulturpolitischem Statement.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Hubert von Goisern steht im Mittelpunkt des Films, nicht als fiktionale Figur, sondern als sich selbst darstellender Künstler. Seine Präsenz ist mehrschichtig: Er ist Performer, Interpret traditioneller Lieder, Komponist und Gesprächspartner. Die Kamera arbeitet mit seinem persönlichen Körperausdruck, mit Momenten des Spielens wie des Nachdenkens, und ermöglicht so ein Porträt, das von der künstlerischen Selbstbefragung lebt.
Begleitend dazu treten meist die Musikerinnen und Musiker seiner Ensembles, Produzentinnen, Techniker und gelegentlich lokale Gesprächspartner in Erscheinung. Diese Figuren fungieren weniger als dramatische Kontrahenten als als Glieder in einem musikalischen Sozialgefüge, das der Film sichtbar macht: Banddynamik, Probenalltag und die Arbeit an Arrangements werden zu Bestandteilen der Erzählung und geben Einblick in kollektive Kreativprozesse.
Archivmaterial und Gastauftritte externer Kulturschaffender öffnen das Bild nach außen. Sie verweisen auf die Vernetzungen Huberts mit anderen musikalischen Strömungen und auf die Rezeption seiner Arbeit in verschiedenen öffentlichen Räumen. So entsteht ein Ensemble, dessen Bedeutung aus den Beziehungen zueinander resultiert, nicht aus dramatischen Individuen.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film entfaltet sich als montagebasierte Reise durch Konzertmomente, Arbeitsprozesse und private Einsichten. Im Zentrum steht die künstlerische Praxis: Proben, Aufführungen und die Auseinandersetzung mit Liedgut werden zum narrativen Rückgrat. Dabei folgt die Kamera weder strikt linearer Biografie noch einem engen chronologischen Plot, sondern akzentuiert Themeninseln, die immer wieder auf die Frage nach Herkunft, Verantwortung und musikalischer Form zurückführen.
Der dramatische Konflikt des Films liegt weniger in einem externen Ereignis als in den inneren Spannungen des Musizierens zwischen Bewahren und Verändern. Diese Spannung entfaltet sich konkret in Szenen, die Übersetzungsprozesse zeigen - wie traditionelle Melodien in neue Arrangements fließen, wie Publikumserwartungen getroffen oder irritiert werden und wie ein Musiker seinen Positionen treu bleibt oder sie neu verhandelt.
Die zentralen Figuren sind der Künstler selbst und sein musikalisches Umfeld, die zusammen die Frage nach künstlerischer Identität befragen. Der Ton des Films ist dabei sachlich, manchmal meditativ, oft rhythmisch getrieben von Live-Aufnahmen. Atmosphärisch bewegt sich der Film zwischen der warmen Nähe von Proberäumen und der intensiven Energie von Bühnen, wobei die Tonspur eine tragende Rolle spielt und den narrativen Takt vorgibt.
Zentrale Themen und Motive
Im Kern stellt der Film die Frage, wie kulturelle Traditionen in der Gegenwart leben und was es bedeutet, sie weiterzugeben. Er lotet das Spannungsfeld aus zwischen Heimatverbundenheit und Offenheit für Fremdes, zwischen Authentizität und künstlerischer Erneuerung. Musik wird hier nicht nur als ästhetisches Erlebnis, sondern als politisches und soziales Material verstanden.
Ein wiederkehrendes Motiv ist die Übersetzung: musikalische Übersetzung von Dialekt in zeitgenössische Musiksprachen, kulturelle Übersetzung im Sinne von Aneignung und Neuinterpretation. Diese Motive verweben sich mit Fragen nach Verantwortung - gegenüber der eigenen Herkunft, dem Publikum und der kulturellen Erinnerung. Der Film zeigt, wie künstlerische Praxis zu einer Form des öffentlichen Gesprächs über Werte und Zugehörigkeit werden kann.
Philosophisch lässt sich die Arbeit als Untersuchung von Authentizität begreifen: nicht als nostalgische Rückkehr, sondern als aktive Herstellung von Bedeutung. Gesellschaftlich berührt der Film Debatten über Identitätspolitik, die Rolle von Tradition im Zeitalter globaler Mobilität und die Grenzen kleinräumiger Zugehörigkeiten. Psychologisch verfolgt er, wie ein Künstler mit dem Gewicht von Erwartung, Erbe und persönlicher Entwicklung umgeht, und macht so die Musik zu einem Feld existenzieller Aushandlungen.

