kritiken.de› Filme›
Filme

Himmelskind

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 09.06.2016
Himmelskind© Sony Pictures Germany
A ca. 1325 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Himmelskind: Ein nüchternes Drama über Glaube, Mutterschaft und die Sehnsucht nach Heilung

Einleitung

Himmelskind tritt in eine populäre, aber in ihrer Ambivalenz anspruchsvolle Riege von Filmen, die in den 2010er Jahren das Spannungsfeld zwischen medizinischer Rationalität und religiösem Glauben ausloten. Der Film gewinnt seine Relevanz nicht allein aus dem Thema Wunder, sondern aus der Art, wie er intime Familienkonflikte mit einer breiteren sozialen Debatte verknüpft: Wem schenken wir Vertrauen, wenn Leben auf dem Spiel steht, und wie formt kollektive Hoffnung individuelle Entscheidungen?

Im Zentrum steht eine Mutterfigur, deren Zerrissenheit zwischen ärztlichem Rat und spiritueller Überzeugung das Drama trägt. Solche Figuren erlauben es dem Kino, existenzielle Fragen in eine nachvollziehbare Alltagsdramaturgie zu übersetzen; Himmelskind nutzt dieses Format, um die Gratwanderung zwischen Sentimentalität und ernsthafter Reflexion auszuhandeln. Die Intimität des Stoffes macht den Film zu einem Gegenentwurf zu plakativem Hollywood-Kino, auch wenn er sich bewusst an ein großes Publikum wendet.

Vor dem Hintergrund des amerikanischen Zeitgeists ist Himmelskind zudem ein Dokument seines Jahrzehnts: Die Mitte der 2010er Jahre sah eine verstärkte Sichtbarkeit sogenannter faith-based Produktionen, die sowohl im Mainstream wie im Nischenmarkt Resonanz fanden. Der Film verhandelt deshalb nicht nur eine persönliche Katastrophe, sondern auch die öffentliche Sprache über Wunder, Heilung und die Gültigkeit individueller Erfahrungsberichte in einer säkularisierten Medienlandschaft.

Kurzüberblick zur Produktion

Himmelskind basiert auf einer publizistischen Vorlage aus der populären Sachbuchgattung - die Verfilmung eines persönlichen Berichts ist ein vertrautes Formprinzip, das sowohl dramaturgische Klarheit als auch moralische Fragestellungen mitbringt. Regie führte Patricia Riggen, eine Filmemacherin, die sich in ihrer bisherigen Arbeit durch die Kombination von intimen Figurenporträts mit größeren sozialen Rahmen hervorgetan hat. Riggens Handschrift zeigt eine Neigung zu behutsamer Emotionalisierung und einer visuell zugänglichen Erzählweise, die Nähe zu Figuren herstellt, ohne komplett ins Pathos zu kippen.

Die Produktion bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Studioverfahren und zielgruppenspezifischem Erzählen: Es handelt sich um eine klassische Hollywoodarbeit, die zugleich Elemente des Mainstream-Kirchenkinos aufnimmt. Budgetär bleibt der Film im mittleren Bereich, was seine handwerkliche Solidität ermöglicht, ohne auf aufwendige Effekte oder spektakuläre Setpieces angewiesen zu sein. Dadurch rückt die Kameraführung in den Dienst der Schauspieler und der zwischenmenschlichen Mikrodramen.

In der filmographischen Einordnung steht Himmelskind für Riggen als Fortsetzung ihres Interesses an menschlichen Krisen, die an größere historische oder soziale Fragen gebunden sind. Der Film empfiehlt sich weniger als stilistisches Exempel als vielmehr als Studienobjekt für die Konvergenz von persönlicher Leidensgeschichte und kollektiver Bedeutungssuche.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Jennifer Garner übernimmt die zentrale Rolle einer Mutter, deren emotionale Bandbreite von stoischer Fürsorge bis zu offener Verzweiflung reicht. Garner, lange bekannt für ihre Arbeit in Serien und Mainstreamfilmen, bringt hier die erworbene Gelassenheit einer reiferen Darstellerin ein: Ihr Spiel zielt auf Authentizität, auf das kleine, unprätentiöse Moment, in dem sich Angst und Hoffnung kreuzen.

Martin Henderson bildet die komplementäre Achse als Ehemann und pragmatischer Gegenpol; seine Figur verkörpert die oft übersehene Spannung zwischen partnerschaftlicher Unterstützung und professionellen Zweifeln. Kinder- und Jugenddarsteller tragen die emotionalen Knoten des Films: Die junge Schauspielerin, die das erkrankte Mädchen spielt, ist in der Lage, Verletzlichkeit ohne Exhibitionismus zu zeigen, und verleiht der Erzählung dadurch ihre unmittelbare Dringlichkeit.

Das Ensemble in den Nebenrollen umfasst eine Reihe erfahrener Charakterdarsteller und prominenter Gesichter, die den medizinischen, spirituellen und sozialen Rahmen der Familie skizzieren. In diesen Parts liegt weniger die Aufgabe der spektakulären Charakterzeichnung als die des glaubhaften Gegenüberstellens von Professionen und Lebenswelt, wodurch das Drama seine soziale Plausibilität gewinnt.

Handlung (spoilerfrei!)

Himmelskind erzählt die Geschichte einer Familie, deren Alltag durch die schwere Erkrankung eines Kindes aus der Bahn gerät. Die narrative Dynamik folgt der medizinischen Odyssee, den Wartezimmern und Konsultationen, aber vor allem den emotionalen Reaktionen innerhalb der Familie. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Aufeinandertreffen von fachärztlicher Skepsis und der Suche der Eltern nach Sinn und Hoffnung.

Die zentrale Figur ist die Mutter, deren Engagement für das kranke Kind zum Motor der Handlung wird. Ihre Entscheidungen, ihre Gespräche mit Ärzten und ihr Ringen um eine Balance aus Fürsorge und Vernunft strukturieren den Film. Tonal ist Himmelskind weder dokumentarisch noch melodramatisch im Ungelenken; es sucht einen gehaltenen Ton, der sich zwischen Empathie und relativer Distanz bewegt und so die Zuschauerin beziehungsweise den Zuschauer zum Mitdenken einlädt.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern stellt der Film Fragen nach der Verlässlichkeit von Zeugnis gegenüber wissenschaftlicher Erklärung, nach Grenzen der medizinischen Kontrolle und nach den Formen, in denen Gemeinschaft auf leidende Individuen reagiert. Himmelskind setzt das Motiv der Mutterliebe als interpretative Linse ein: Aus dieser Perspektive werden größere Fragen über Glauben und Sinn verhandelbar, ohne dass der Film einfache Antworten liefern muss.

Philosophisch berührt der Film Themen der Kontingenz und des Vertrauens: Wie verhalten sich Menschen angesichts des Unvorhersehbaren, und welche narrativen Ressourcen werden aktiviert, um das Unbegreifliche zu deuten? Gesellschaftlich verortet sich die Erzählung in einem Amerika, in dem spirituelle Deutungsmuster weiterhin öffentlich verhandelt werden und in dem das Verhältnis zwischen individueller Erfahrung und institutioneller Autorität ein dauerhaftes Thema bleibt.

Motivisch arbeitet der Film mit wiederkehrenden Bildern von Nähe und Grenzerfahrung: Hospitalräume, nächtliche Wachen, stille Blicke. Diese Motive leisten die doppelte Arbeit, einerseits die körperliche Verwundbarkeit zu zeigen, andererseits die Möglichkeit kollektiver Sinnstiftung zu illustrieren. So wird Himmelskind zu einem Film, der weniger mit spektakulären Effekten als mit der präzisen Beobachtung menschlicher Reaktionen auf das Unwahrscheinliche operiert.

Filmkritik von Peter Osteried

(K)ein Wunder, dass es Himmelskind gibt

In den USA werden immer wieder Filme produziert, die auf eine sehr spezielle Klientel abgestellt sind: tief gläubige Menschen. Zumeist sind dies Produktionen, die auf erfolgreichen Sachbüchern basieren, in denen die Betroffenen von ihren Begegnungen mit Gott und dergleichen berichten. Vor nicht allzu langer Zeit gab es mit Den Himmel gibt’s echt schon einen entsprechenden Streifen, der auch in deutsche Kinos kam, mit Himmelskind legt man nun nach.

Seit Wochen übergibt sich Anna jeden Tag. Christy (Jennifer Garner) weiß schon nicht mehr, was sie machen soll. Der Arzt glaubt, dass es eine Laktose-Intoleranz ist, weswegen ihr Ernährungsplan verändert wird, aber das ist es auch nicht. Wie sich herausstellt, leidet Anna an einer seltenen Krankheit. Ihr Körper kann Nahrung nicht verarbeiten. Sie muss künstlich ernährt werden, aber das ist keine langfristige Lösung. Christy wendet sich an den führenden Spezialisten für diese Krankheit, aber die Medizin stößt an ihre Grenzen und nur ein Wunder kann noch helfen.

Es ist die fast typische Leidensgeschichte eines kranken Kinds, die hier gezeigt wird, nur dass am Ende auch noch ein Wunder vorkommt. Als wäre das nicht genug, kann man es sich nicht verkneifen, Anna in einem Gespräch mit ihren Eltern erzählen zu lassen, wie sie auf Gott traf, der ihr sagte, dass er sie zurückschicken wird – aber natürlich geheilt. Er hörte also auf die Gebete dieses einen Mädchens, während er Millionen andere Tag für Tag ignoriert. Eine merkwürdige Botschaft, die hier verbreitet wird, wenn man es ganz genau nimmt. Es ist quasi wie in der Lotterie: Einer gehört zu den Glücklichen, der Rest hat Pech gehabt. Dennoch ist Himmelskind so gestaltet, dass er den Glauben zelebriert.

Dass Filme wie diese gefühlsbetont sind, liegt in der Natur der Sache, zugleich jedoch ist er zu einseitig, da er versucht, den Skeptikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem am Ende eine Figur genutzt wird, die die Geschichte in Frage stellt, aber von der geballten Macht des Glaubens (und seiner Jünger) in ihre Schranken verwiesen wird. Tatsächlich funktioniert Himmelkind nur dann, wenn er das Glaubensbrimborium weglässt und das Leben als das nimmt, was es ist: ein dichtes Netz an kleinen Wundern.

Das ist auch die schönste Szene, als Jennifer Garner am Ende ihre kleine Rede hält und man sieht, wie ihrer aller Leben durch die Menschen um sie herum – und deren kleine Entscheidungen – positiv beeinflusst worden ist. Denn Wunder gibt es eben doch, aber nicht solche, die vom Himmel geschickt werden, sondern jene, die von Freunden, lieben Menschen und sogar Fremden möglich gemacht werden.

In diese Richtung hätte Himmelskind gehen sollen, so jedoch zerbricht er unter der Last seiner Gottgefälligkeit, die im amerikanischen Bible Belt gut ankommen mag, ansonsten aber nicht für volle Kinokassen sorgt.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de