Hercules - Mythos und Markenzeichen in der Moderne: die Konstruktion eines antiken Heldenbildes
Einleitung
Hercules aus dem Jahr 2014 tritt in eine filmische Tradition, die antike Mythen in populären Blockbustern neu verhandelt. Der Film verankert sich weniger im enzyklopädischen Sinn des Mythos als vielmehr in seiner Verwertbarkeit für ein modernes Publikum: Der titelgebende Held ist hier weniger ein überzeitliches Symbol als ein Produkt von Erzählung, Inszenierung und Vermarktung. Diese Perspektive macht den Film relevant, weil er zeigt, wie das zeitgenössische Kino mit historischen Stoffen umgeht - nicht nur als Erinnerungsmaschine, sondern als Feld für Identitäts- und Legendenmanagement.
Für den Regisseur ist der Film ein Ausdruck seiner filmischen Prioritäten. In einer Ära, in der Superhelden und Neuverfilmungen einen beträchtlichen Anteil des Mainstreams beanspruchen, positioniert sich Hercules als Versuch, klassische Epik mit zeitgenössischer Action-Ästhetik zu koppeln. Die Entscheidung, einen popkulturell aufgeladenen Darsteller in die Titelrolle zu setzen, verweist auf die Mechanik moderner Heldenkonstruktionen: Starpersona ersetzt mythologische Aura.
Zeitgeistlich spiegelt der Film eine Phase des 2010er-Kinos wider, in der Blockbuster versuchen, historische Bildwelten zu rekultivieren und zugleich zu entmystifizieren. Gesellschaftliche Diskurse über Authentizität, Führung und Legitimierung von Gewalt finden sich hier in dramatischer Verdichtung wieder, ohne dass die Produktion den Anspruch erhebt, historische Wahrheit zu leisten. Vielmehr interessiert sie das Feld zwischen Fiktion und öffentlicher Erinnerung.
Kurzüberblick zur Produktion
Hercules entstand als konventionelle Hollywood-Produktion und wurde von Studios für ein international breites Publikum angelegt. Regisseur Brett Ratner bringt eine Handschrift mit, die sich durch konventionelle, publikumswirksame Erzählmechanismen, ausgeprägtes Gespür für Stars und eine Vorliebe für temporeiche Inszenierung auszeichnet. Seine bisherigen Arbeiten zeigen eine Tendenz zur massentauglichen Ästhetik, in der Glamour und handwerkliche Präzision die Frage nach tiefenpsychologischer Deutung nicht selten zugunsten der unmittelbaren Wirkung zurücktreten.
Operativ folgt die Produktion dem Muster großer Genrefilme: opulente Ausstattung, martialische Choreographie und eine Bildgestaltung, die dem Körper des Helden viel Raum einräumt. Gedreht wurde international an verschiedenen europäischen Schauplätzen, die das antike Ambiente illustrieren sollen. Ökonomisch ist der Film als Starvehikel konzipiert, das die körperliche Präsenz seines Hauptdarstellers in den Dienst einer klaren, kommerziell orientierten Dramaturgie stellt.
In der Werkbiografie des Regisseurs steht Hercules für eine Fortsetzung seines Umgangs mit spectacle-orientiertem Kino. Gleichwohl ist die Entscheidung, antike Stoffe aufzunehmen, kein reines nostalgisches Unterfangen; sie ist Teil einer Strategie, mythische Substanz als Träger moderner Themen zu nutzen.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Im Zentrum steht Dwayne Johnson, dessen Karriere vom Wrestling-Entertainment zum globalen Filmstar führte. Johnson bringt in der Rolle eine kombinierte Präsenz von physischer Dominanz und kalkulierter Zurückhaltung mit; sein Auftritt orientiert sich weniger an göttlicher Allmacht als an militärischer Führung. Die Titelrolle ist bei ihm ein Portrait der Führungsfigur, die sich zwischen Reputation und gelebter Verantwortung bewegt.
Das Ensemble rund um Johnson ist prominent besetzt mit erfahrenen Charakterdarstellern. Ian McShane und John Hurt verleihen der Inszenierung eine historische und intellektuelle Patina, sie fungieren als Stimmen, die dem Geschehen Reflexionsräume eröffnen. Rufus Sewell und andere Kollegen übernehmen die Rolle antagonistisch disponierter Figuren und politischer Gegenspieler, wodurch der Konflikt eine politische Dimension gewinnt. Frauenrollen, unter anderem besetzt mit Rebecca Ferguson und Ingrid Bolsø Berdal, strukturieren das Gefüge nicht lediglich als Beiprodukt männlicher Heroisierung, sondern markieren unterschiedliche Formen von Einfluss und Widerstand innerhalb der Narration.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film erzählt von einem Krieger, der nach außen hin als mythischer Held anerkannt ist, innerlich aber ein Profikrieger bleibt, dessen Autorität sich aus Taten, Rhetorik und einer engen Gefolgschaft speist. Er führt eine Gruppe handverlesener Männer - und in einigen Episoden Frauen - durch Missionen, die sowohl materielle als auch symbolische Ziele verfolgen. Der dramatische Konflikt entspringt dem Zusammentreffen persönlicher Vergangenheit, politischer Machtstrukturen und der Frage, wem Legende nützt.
Im Zentrum steht weniger ein linearer Held-enemy-Showdown als die Dynamik einer Gemeinschaft unter Führung eines charismatischen Anführers. Die Atmosphäre des Films oszilliert zwischen staubiger Bodenständigkeit und gesteigerter, oft maskenhafter Inszenierung. Tonal bewegt sich die Produktion zwischen roher Brutalität und bewusstem Pathos, wobei Szenenbilder und Kampfführung häufiger den Vorrang vor introspektiven Sequenzen erhalten.
Zentrale Themen und Motive
Hercules stellt Fragen nach der Herkunft und Funktion von Legenden. Wie entstehen Helden? Aus objektiver Größe oder aus kollektivem Erzählen? Der Film legt nahe, dass Mythos oft eine Fassade ist, hinter der pragmatische Entscheidungen, politische Kalküle und persönliche Narben liegen. Diese Demontage des Unantastbaren ist weniger destruktiv als analytisch: Sie untersucht, wie Geschichten produziert werden, damit sie funktionieren.
Weitere Motive betreffen Führungsethik und die Ökonomie von Gewalt. Heroismus wird hier als Fähigkeit gezeigt, Gefolgschaft zu organisieren und ein Bild von Unbesiegbarkeit zu verkaufen. Damit berührt der Film Fragen, die auch in der Gegenwart virulent sind - die Legitimation von Macht, die Rolle von Image in der Politik und die Ambivalenz zwischen öffentlicher Verehrung und privater Verantwortung.
Schließlich ist da die metaerzählerische Dimension: Der Film reflektiert über seine eigene Rolle als Produzent modernisierter Mythen. In seinem Umgang mit Stoff, Star und Spektakel wird deutlich, dass heutige Epen weniger von göttlicher Unmittelbarkeit leben als von der Mechanik des Kinos selbst - von Montage, Musik und der Gestalt des Körpers auf der Leinwand. In dieser Selbstreflexion liegt der eigentliche kulturelle Wert der Produktion, denn sie macht sichtbar, wie sehr Legenden in Medienformen eingebettet sind und was dabei gewonnen oder verloren wird.
Filmkritik von Christopher Diekhaus
„Hercules“ zwischen Menschlichkeit und Unbesiegbarkeit
Legenden sterben nie. Erst recht nicht im Kino, das sich nach überlebensgroßen Helden sehnt. So auch im laufenden Filmjahr, in dem Hollywood gleich zwei kostspielige Herkules-Produktionen ins Rennen schickt. Nachdem Renny Harlins stümperhafter Fantasy-Actioner „The Legend of Hercules“ vor einigen Monaten sang- und klanglos unterging, steht nun die auf einer Graphic Novel („Hercules: The Thracian Wars“) basierende Interpretation von „Rush Hour“-Regisseur Brett Ratner ins Haus, die mit Dwayne „The Rock“ Johnson einen stattlichen Darsteller in der Titelrolle präsentiert. Wer sonst könnte den Zeus-Abkömmling glaubwürdiger verkörpern als der frühere Wrestling-Star, der seit längerem zu den gefragtesten Action-Schauspielern der Traumfabrik zählt?
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Ratner und seine Drehbuchautoren Ryan Condal und Evan Spiliotopoulos durchaus bemüht sind, den titanischen Protagonisten menschlicher zu machen und den Halbgott-Status, der Hercules umweht, zumindest ansatzweise einzugrenzen. Wie entstehen Helden? Durch wirkliche Taten? Oder Erzählungen? Wohl bedachte Überlieferungen, die sich irgendwann verselbstständigen und an sich schon Angst und Schrecken verbreiten? Spannende Fragen, die der Film bereits in den ersten Minuten aufwirft, mit zunehmender Dauer allerdings banalisiert.
Im Schnelldurchlauf klärt Iolaus (Reece Ritchie), der Neffe der Hauptfigur, den Zuschauer und eine Horde Piraten über Hercules‘ sagenhafte Biografie auf: seine Geburt, die Intrigen seiner rachsüchtigen Stiefmutter und die berühmten zwölf Arbeiten, übermenschliche Aufgaben wie die Erlegung des Nemeischen Löwen, die der Kraftprotz angeblich bravourös gemeistert hat. Gerade als die Seeräuber, sichtlich belustigt von derart unglaublichen Schilderungen, Iolaus töten wollen, erscheint Hercules auf der Bildfläche, unterstützt von seinen treuen Gefährten: dem Seher Amphiaraus (Ian McShane), dem Messerwerfer Autolycus (Rufus Sewell), dem stummen Krieger Tydeus (Aksel Hennie) und der Bogenschützin Atalanta (Ingrid Bolsø Berdal). Ein wilder Haufen, mit dem der vermeintliche Göttersohn umherzieht, ständig auf der Suche nach Menschen, die seine schlagkräftigen Dienste benötigen und bereit sind, entsprechend dafür zu bezahlen. Kurz nach dem Sieg über die Piraten tritt die Heilerin Ergenia (Rebecca Ferguson) an die Söldnertruppe heran und bittet sie, ihrem Vater Lord Cotys (etwas blass: John Hurt) zu Hilfe zu eilen, der von einer Rebellenarmee unter der Führung des unberechenbaren Rhesus (Tobias Santelmann) bedrängt wird. Ein Auftrag, der sich als Himmelfahrtskommando entpuppt. Nicht nur, weil die Truppen des Lords Nachholbedarf in Sachen Kriegsführung haben.
Hercules, ein abgebrannter Söldner, der nur wenig Göttliches an sich hat und auf seine treuen Begleiter angewiesen ist, um einen Kampf siegreich zu gestalten. Wirklich heroisch ist das Bild nicht, das Ratner zunächst von seinem Protagonisten zeichnet. Schon eher tragisch, da der Muskelmann, wie wir durch eine (ungelenk eingestreute) Rückblende erfahren, seine Frau und seine Kinder verloren hat und seitdem von Alpträumen und Halluzinationen geplagt wird. Er selbst, so heißt es, sei für die grausame Ermordung seiner Familie verantwortlich. Emotional fährt der Film also einiges auf, um Hercules verletzlich zu zeigen, schafft es aber nie, wirklich zu berühren. Dafür sind die Szenen, in denen die Geister der Vergangenheit an der Hauptfigur nagen, zu unbeholfen inszeniert und lassen noch dazu die notwendige darstellerische Qualität vermissen.
Sichtlich wohler fühlt sich Johnson in den actionreichen (wegen der angestrebten Jugendfreigabe allerdings erstaunlich unblutigen) Kampfsequenzen, die trotz gelegentlicher Schnitt-Exzesse recht ansehnlich ausfallen und durchaus zu unterhalten wissen. Eben hier kann der ehemalige Wrestler seine körperliche Präsenz und seine Dynamik ausspielen, ohne auf mimische Feinheiten achten zu müssen. Ausreichend Raum auf dem Schlachtfeld bekommen auch Hercules‘ verschworene Gefährten, denen das Drehbuch ansonsten nur selten eindrückliche Momente zugesteht. Am deutlichsten sticht aus der Söldnerschar der Seher Amphiaraus heraus, der ständig über seinen eigenen Tod schwadroniert und dem schweißtreibenden Geschehen ab und an eine humorvolle Note verleiht. Leider bleiben seine trockenen Oneliner die einzigen gelungen Spaß-Ausflüge. Andere Gags verführen höchstens deshalb zum Lachen, weil sie schrecklich bemüht daherkommen.
Der Plot des Action-Abenteuers gibt, wie soll es anders sein, nur wenig her. Schlägt ein, zwei Haken, dürfte so aber kein allzu großes Staunen im Kinosaal erzeugen. Ärgerlich ist dabei, dass Ratner und Co die zu Beginn aufgeworfene Frage nach der Bildung von Legenden immer weniger zu interessieren scheint. Alibimäßige Einschübe gibt es schon, doch auch sie können nicht verdecken, was zunehmend offensichtlicher wird: Der anfangs gebrochene Hercules ist letztlich doch die meiste Zeit der unbesiegbare Halbgott, von dem die griechische Sage erzählt und um den wir uns folglich nicht ernsthaft sorgen müssen. Passend dazu darf er im tosenden Finale noch einmal seine übermenschliche Stärke unter Beweis stellen, was allerdings nicht beeindruckend wirkt, sondern eher unfreiwillig komisch.
Auch wenn „Hercules“ den unsäglichen Renny-Harlin-Film locker in den Schatten stellt, bleibt er insgesamt viel zu häufig unter seinen Möglichkeiten. Ein keulenschwingender Dwayne Johnson allein ist einfach nicht genug, um das Interesse des Publikums durchgehend hochzuhalten.

