Godzilla als Monument - Filmisches Gedächtnis, Technologieangst und das Ringen um Maßstab in der Moderne
Einleitung
Godzilla (2014) markiert mehr als die Rückkehr eines ikonischen Monsters auf die große Leinwand; der Film stellt sich als Versuch heraus, die mythische Figur wieder in einen zeitgenössischen Kulturkontext einzubetten. Unter der Oberfläche des Katastrophenkinos arbeitet das Projekt mit Fragen nach menschlichem Maß, historischen Traumata und der Art und Weise, wie Film selbst Größe vorführt und zugleich verhandelt. Die Relevanz des Films liegt nicht allein in seiner Popularität, sondern in seinem Impuls, ein kollektives Bildgedächtnis neu zu rahmen.
Der Film kam zu einer Zeit, in der Blockbuster zunehmend danach streben, populäre Ikonen mit ernsthafter, fast arthausnaher Inszenierung zu verbinden. Gareth Edwards, ein Regisseur mit einem kleinen, aber markanten Debüt im Rücken, wurde mit der Aufgabe betraut, ein US-amerikanisches Reboot zu schaffen, das sowohl den japanischen Ursprung als auch zeitgenössische amerikanische Erwartungen berücksichtigt. Diese Spannung zwischen Respekt vor der Tradition und dem Wunsch nach technischer Modernisierung prägt den Ton des Films.
Gesellschaftlich reflektiert Godzilla Themen, die in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts virulent sind: die Angst vor großskaligen, unkontrollierbaren Technologien, die Rückkehr von historischen Traumata in veränderter Gestalt und die Rolle staatlicher Gewalt im Angesicht des Unbekannten. In seiner Bildsprache und Erzählhaltung spiegelt der Film eine Epoche, die zwischen medialer Aufmerksamkeitsökonomie und dem Bedürfnis nach erzählerischer Verdichtung balanciert.
Kurzüberblick zur Produktion
Gareth Edwards, dem mit Monsters (2010) ein low-budget Science-Fiction-Film gelang, der durch sparsame Mittel und eine starke atmosphärische Handschrift auffiel, übernahm mit Godzilla die Regie eines großen Studioprojekts. Die Handschrift Edwards' zeigt sich insofern, als er auch hier mit Raum, Verhüllung und dem Spiel mit Maßstab arbeitet. Die Produktion wurde von Legendary Pictures in Kooperation mit Warner Bros. getragen und verfolgte das Ziel, eine filmisch opulente, technisch hochgerüstete Version des Franchises zu bieten. Das Budget ermöglichte aufwändige visuelle Effekte, umfangreiche Zerstörungsbilder und eine aufwändige Soundgestaltung.
Besonders auffällig sind die Produktionsentscheidungen, die zwischen Intimität und Monumentalität oszillieren: Edwards nutzt groß angelegte Zerstörungssequenzen, setzt aber gegenläufig auf Momente der Beschränkung, in denen Kamera und Ton mehr andeuten als zeigen. Dadurch entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen dem Spektakel des Monsterfilms und einem nüchternen, fast dokumentarischen Blick auf menschliche Reaktionen. Innerhalb des Gesamtwerks des Regisseurs stellt Godzilla den Bruch mit dem Kleinformat dar, zugleich bleibt er seinem Interesse an Perspektive und Atmosphären treu.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Die Besetzung verbindet junge, aufstrebende Talente mit etablierten Charakterdarstellern. Aaron Taylor-Johnson, zuvor bekannt aus Kick-Ass und weiteren actionorientierten Produktionen, fungiert als emotionaler Mittelpunkt und Verkörperung des militärischen Blicks auf die Krise. Bryan Cranston, dessen Karriere durch Arbeiten wie Breaking Bad einen tiefen menschlichen und psychologischen Zugang hervorgebracht hat, übernimmt die Rolle des vom Schicksal getriebenen Wissenschaftlers oder Opfers - eine Figur, die das persönliche Leid mit größeren historischen Fragen verknüpft.
Elizabeth Olsen bringt die Erfahrung aus Independent- und Charakterrollen mit und übernimmt in der Erzählung die Rolle der zivilen Gegenfigur, die familiäre Bindungen und moralische Fragen repräsentiert. Ken Watanabe, international mit Filmen wie The Last Samurai und Inception bekannt, steht für eine wissenschaftliche und kulturell verankerte Perspektive; seine Figur fungiert als intellektuelle Vermittlung zwischen alter Überlieferung und moderner Wissenschaft. Juliette Binoche und David Strathairn ergänzen das Ensemble durch Rollen, die internationale Wissenschaftlichkeit und militärische Bürokratie repräsentieren, wodurch ein Spannungsfeld zwischen Forschung, Politik und öffentlicher Ordnung sichtbar wird. Die Nebenrollen, darunter Brian Markinson, Richard T. Jones und Al Sapienza, schaffen ein dichtes Personalgefüge aus Militär, Verwaltung und Fachleuten, das die Reaktionen einer Gesellschaft auf das Unvorstellbare simuliert.
Handlung (spoilerfrei!)
Godzilla erzählt von der Konfrontation zwischen Menschen und monströsen Kräften, die das bisherige Maß menschlicher Kontrolle über die Welt in Frage stellen. Im Zentrum stehen Figuren aus Wissenschaft und Militär sowie eine Familie, deren Schicksal die Nähe des Privaten zum Öffentlichen verdeutlicht. Der Film beginnt behutsam, baut Lageberichte, persönliche Verluste und wissenschaftliche Hypothesen auf, bevor er in größere, von Zerstörung bestimmte Setpieces übergeht.
Der dramatische Konflikt verläuft auf mehreren Ebenen: zum einen der unmittelbare Kampf um physisches Überleben angesichts der Wesen, zum anderen die Auseinandersetzung darüber, wie die Menschheit ihr Verhältnis zur Natur und zu Technologien definieren soll. Die zentralen Figuren sind somit sowohl Individuen in ihrer persönlichen Krise als auch Stellvertreter gesellschaftlicher Positionen: der Wissenschaftler, der das Phänomen begreifen will; der Soldat, der handeln muss; und der Zivilist, der zwischen Angst und Fürsorge navigiert. Tonal bleibt der Film ernsthaft und gedrängt, vermeidet durchgehend eine komische oder ironische Distanz und setzt auf eine Atmosphäre der Bedrohung und des Staunens.
Zentrale Themen und Motive
Godzilla fordert das Publikum mit Fragen nach Verantwortung, Erinnerung und der begrenzten Reichweite menschlicher Kontrolle heraus. Das Motiv des Unkontrollierbaren ist eng verwoben mit dem historischen Subtext der Figur: Godzilla ist seit jeher ein Symbol für die Folgen technologischer Katastrophe, und auch diese Version verhandelt Erinnerungen an nukleare Traumata sowie eine gegenwärtige Angst vor ökologischen und technischen Kollapsen. Der Film stellt die Frage, ob Macht und Wissenschaft ausreichend sind, um auf das Unerwartete zu reagieren, oder ob sie selbst Teil des Problems sind.
Ein wiederkehrendes filmisches Motiv ist das Spiel mit Maßstab: Edwards orchestriert kolossale Bilder, nimmt dem Publikum aber zugleich die Möglichkeit, das Ganze vollständig zu überblicken. Dieser Umgang mit Sichtbarkeit verknüpft epistemologische Fragen mit ästhetischen: Was kann Wissen leisten, wenn das Objekt der Kenntnis die eigenen Wahrnehmungsgrenzen sprengt? Neben der Science-Fiction-Dimension rückt der Film die menschliche Reaktion in den Fokus - Trauer, Opferbereitschaft und bürokratische Abwägungen. So wird Godzilla zu einem cineastischen Denkraum, in dem Monument und Menschlichkeit, Erinnerung und Gegenwart aufeinandertreffen.
Filmkritik von Peter Osteried
Godzilla ist der König der Monster
60 Lenze ist Godzilla mittlerweile jung – oder alt, das kommt wohl auf die Sichtweise an. Zum Jubiläum wird das dinosaurierartige Monster runderneuert, wieder mal auf amerikanische Art, wie schon 1998 durch Roland Emmerich. Allein, Gareth Edwards‘ Film ist deutlich besser. Der ganz große Wurf ist dem Monsters-Regisseur aber auch nicht gelungen. Das liegt zum Teil auch daran, dass er den Übergang vom Mikro- zum Maxi-Budget nicht ganz verkraftet hat.
Vor 15 Jahren verliert Joe Brody (Bryan Cranston) seine Frau, als ein Erdbeben ein Atomkraftwerk in Japan dem Erdboden gleichmacht. Nur: Es war kein Erdbeben dafür verantwortlich. Kein Mensch will Joe glauben, aber er ist sicher, dass etwas unter der Anlage ist, das für deren Zerstörung verantwortlich ist. Er soll recht behalten, denn unerwartet erhebt sich schließlich ein Muto, ein riesenhaftes Monster aus der Urzeit, das sich von Radioaktivität ernährt. Die Regierungen dieser Welt wussten von diesen Wesen und haben im Lauf der Jahrzehnte mehrmals versucht, sie zu vernichten. Ihre Existenz geheim zu halten, ist nun aber keine Option mehr, denn zwei der Kreaturen sind es schließlich, die rund um den Globus für Zerstörungen ungeahnten Ausmaßes sorgen. Aber ihr natürlicher Feind – Godzilla – ist ebenfalls erwacht. Die Natur sorgt immer für ein Gleichgewicht, Godzilla soll dieses nun herstellen. Doch wo bleiben die Menschen im gigantischen Monster-Kampf, der sich inmitten von Großstädten abspielt?
Es gibt einiges, was Godzilla richtig macht. Man hat aus den Fehlern der vorherigen US-Produktion gelernt. Der Gegner für den Mon-Star ist dementsprechend diesmal nicht das Militär, sondern andere Kreaturen. Im Ergebnis bedeutet das kräftig Monsterkeile, die an die gute alte Zeit mit Man-in-Suit-Gekloppe in Pappmache-Städten erinnert, aber natürlich besser getrickst ist. Allerdings ist hier auch nicht alles Gold, was glänzt. Wie schon bei Pacific Rim wird zu sehr auf Nachtszenen gesetzt. Mutiger – und schöner – wäre es gewesen, die Kämpfe in Honolulu und San Francisco tagsüber spielen zu lassen. Das hätte dem 3-D auch geholfen, dass in der Schwärze der Nacht einfach absäuft.
Bei der Inszenierung der Kämpfe zeigen sich Stärken und Schwächen des Regisseurs. Bisweilen bietet er Momente, die an Monsters erinnern, wenn man die Position kleiner Menschen einnimmt und die Monster nur aus der Ferne sieht. Das verleiht dem Ganzen eine gewisse authentische Wirkung, da man sich auch klein im Angesicht der Riesenmonster fühlt, dem Spektakel ist das aber nicht unbedingt zuträglich. Zudem muss man Edwards vorwerfen, dass er teilweise Szenen entwirft, die einer unfreiwilligen Komik nicht entbehren.
Die Menschen treten in diesem Monster-Knaller naturgemäß in den Hintergrund. Elisabeth Olsens Figur ist praktisch völlig überflüssig, da ihre Funktion, den Zuschauer durch ihre Perspektive ins Geschehen zu ziehen, nur bedingt funktioniert. Zu oft geraten gerade ihre Szenen zum Showstopper, wenn man doch eigentlich sehen will, wie die Monster einander begegnen. Die interessanteste Figur unter den Menschen wird kurioserweise schon sehr früh aus dem Film herausgenommen. Offenbar wollte Edwards den Zuschauer überraschen, was ihm auch gelungen ist. Der Dramatik seines Films ist das aber nicht förderlich, da das menschliche Element dadurch stark geschmälert wird. Auch dieser Film lässt schmerzhaft bewusst werden, dass der eigentliche Star eines Godzilla-Films immer Godzilla selbst ist, auch wenn er erst nach recht langer Zeit auftaucht. Aber immerhin, langweilig ist es nicht, bis der König der Monster endlich sein Antlitz zeigt. Tatsächlich funktioniert der Film anfänglich sehr gut, weil er für die Figuren, aber auch die Geschichte einen interessanten Hintergrund etabliert. Später definiert sich Godzilla im Grunde nur noch über seine Action, die spaßig anzusehen ist, aber eben noch Potenzial nach oben besitzt.
Das mag alles nun vielleicht negativer klingen, als es eigentlich ist. Denn unterm Strich gilt für Godzilla schon, dass man hier zwei Stunden rasante Popcorn-Unterhaltung geboten bekommt, die das Monster für ein neues Publikum und ein neues Jahrtausend flott macht. Das Ende ist dann natürlich auch so gestaltet, dass bei Erfolg der sündhaft teuren Produktion weitere Teile kommen können. Und falls nicht, dann ist hier alles geboten, was man von Godzilla erwartet: Der Todesstrahl, das Schwingen des Schwanzes und Posen, die Godzillas Status als popkulturelle Ikone bestätigen. Die kindliche Freude an der Zerstörung muss man als Zuschauer aber schon mitbringen …

