Gemma Bovery und die Kunst der Spiegelung: Flaubert, Moderne und das französische Dorf
Einleitung
Die Verfilmung von Gemma Bovery, am 18. September 2014 in Frankreich erschienen, operiert weniger als einfache Adaption denn als reflexive Spiegelung eines literarischen Gespensts. Anne Fontaines Film verknüpft Posy Simmonds' graphic novel und Gustave Flauberts klassische Vorlage zu einem erzählerischen Spiel, das das Verhältnis von Leben und Erzählung auslotet. Die Relevanz des Films liegt in seiner Fähigkeit, eine altbekannte Geschichte als Bühne für Fragen nach Zuschreibung, Beobachtung und kultureller Projektion neu nutzbar zu machen.
Im aktuellen Medienspektrum, in dem Klassiker beständig umgedeutet und in neuen Formaten rekonstruiert werden, stellt Gemma Bovery eine besonders kluge Variante der Transposition dar. Der Film arbeitet mit einem doppelten Blick: Er erzählt die Gegenwart einer englischen Auslandsschicksalsfigur im ländlichen Frankreich und reflektiert gleichzeitig die Lesart eines Dorfbewohners, dessen literarische Imagination die Realität zu überformen droht. Damit positioniert sich der Film nicht nur als kulturelle Neuinterpretation, sondern als Kommentar zur Autorität von Erzählungen in einer vernetzten Gegenwart.
Anne Fontaines Inszenierung ist dabei nicht laut, sondern präzise. Sie legt Wert auf Nuancen im Figurenverhalten und auf die Vermittlung einer Atmosphäre, in der das Idyll jederzeit Risse zeigen kann. Diese Tonalität macht Gemma Bovery zu einem Film, der weniger mit spektakulären Wendungen arbeitet als mit der stetigen Unruhe eines Alltags, in dem die Grenzlinien zwischen Beobachter und Beteiligtem verschwimmen.
Kurzüberblick zur Produktion
Regie führte Anne Fontaine, eine Filmemacherin, die sich in ihrem Werk regelmäßig mit Fragen weiblicher Identität, moralischer Ambivalenz und literarischer Adaption auseinandersetzt. Bekannt geworden ist sie unter anderem durch intime Charakterstudien und biografisch angelegte Stoffe. Gemma Bovery reiht sich in dieses Interesse ein, indem er eine literarische Vorlage zum Ausgangspunkt nimmt und deren Themen in eine moderne, visuell unaufdringliche Filmsprache überträgt.
Die Produktion ist typisch für das europäische Autorenkino - kein opulentes Studioprojekt, sondern eine sorgfältig orchestrierte, standortgebundene Arbeit, die ihre Kraft aus Schauspielern, Textreflexion und Landschaft bezieht. Gedreht wurde vorwiegend in der Normandie, was dem Film eine spezifische Topografie verschafft und zugleich die Verbindung zur Flaubert-Tradition herstellt. Die Produktionsumstände betonen die Kooperation zwischen französischen Produzenten und einem international besetzten Ensemble, das die kulturellen Spannungen innerhalb der Geschichte sichtbar macht.
Im Gesamtwerk von Fontaine markiert Gemma Bovery eine Fortführung ihrer thematischen Schriftsprache - die Regisseurin nutzt Literatur als Spiegel für zeitgenössische Verhältnisse und setzt dabei weniger auf direkte Modernisierung als auf ironische Überlagerung und subtile Persiflage.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Gemma Arterton tritt hier in der Titelrolle auf, nachdem sie sich bereits in einer Bandbreite von Genrefilmen und arthousigen Projekten etabliert hat. Artertons Gemma ist eine Figur, die britische Herkunft mit einer schleichenden Unzufriedenheit verbindet; die Schauspielerin bringt der Rolle eine Mischung aus äußerer Eleganz und innerer Zerbrechlichkeit, die zwingend notwendig ist, um das Spannungsfeld zwischen Verlangen und Anpassung zu markieren.
Jason Flemyng, im Film in der Rolle des Ehemanns, fungiert als Gegenpol - weniger eine dramatische Gegenkraft als ein Symbol für die banale Kontinuität des Kleinstadtlebens. Fabrice Luchini übernimmt die Funktion des lokalen Beobachters, dessen intellektuelle Exzentrik und verbale Schlagfertigkeit das moralische und narratologische Zentrum bilden. Luchini, berühmt für seine sprachliche Präsenz und seine Fähigkeit, Rolle und Reflexion zu verschränken, ist hier mehr als ein Kommentator; er ist die Figur, durch deren Blick der Film überwiegend vermittelt wird.
Gefüllt wird das Ensemble durch französische Charakterdarstellerinnen wie Elsa Zylberstein und jüngere Namen wie Niels Schneider sowie mehrere Nebendarsteller, die das Dorfleben glaubwürdig machen. Zusammen formen sie eine Gemeinschaft, in der Fremdheit, Neugier und stilles Urteil die sozialen Mechaniken ausmachen.
Handlung (spoilerfrei!)
Gemma Bovery erzählt von einer jungen Engländerin, die mit ihrem Ehemann ins nördliche Frankreich zieht. Die narrative Spannung entsteht weniger aus äußeren Ereignissen als aus der Beobachtung einer Figur, deren Verhalten Erinnerungen an Flauberts Emma Bovary weckt. Ein lokaler Bewohner, fasziniert von Literatur und zugleich ein wenig einsam, beginnt, die Parallelen zu sehen und sie in sein eigenes Verständnis der Dinge einzubetten.
Der dramatische Konflikt liegt im Zusammentreffen zweier Perspektiven: derjenigen, die ein Leben lebt, und derjenigen, die dieses Leben als Spiegel für eine längst gestaltete Erzählung liest. Zentrale Figuren sind die titelgebende Engländerin, ihr Ehemann und der Beobachter, dessen Lesart der Handlung eine zweite, interpretative Ebene hinzufügt. Ton und Atmosphäre sind durchzogen von lakonischem Humor, elegischer Melancholie und einer unterschwelligen Spannung, die das Landleben zu etwas Unvorhersehbarem macht.
Zentrale Themen und Motive
Im Kern stellt der Film Fragen nach Verantwortung und Zuschreibung - wer besitzt das Recht, das Leben einer anderen Person zu interpretieren und damit zu definieren? Fontaine verlegt die Debatte vom literarischen Text in die Praxis des sozialen Überwachens. Die Frage nach Autorenschaft verschiebt sich: Nicht nur der Autor schreibt, sondern auch die Gemeinschaft, die mit ihrer Einbildungskraft Wirklichkeit konstruiert.
Weitere Themen sind die Rolle von Narrative als Selbstverwirklichung und als Fallstrick. Der Film erkundet, wie literarische Vorbilder zur Schablone werden können, an der Menschen gemessen oder in die Enge getrieben werden. Daraus ergibt sich eine psychologische Dimension - Projektionsmechanismen, Einsamkeit und die Suche nach Sinn im Alltag - sowie eine gesellschaftliche - die Konfrontation zweier Nationalcharaktere und die subtile Spannung zwischen Tourismusromantik und realem Dorfleben.
Motivisch arbeitet der Film mit Spiegelungen und blickgerichteten Codes - Fenster, Haustüren, Blicke über Zäune - und mit wiederkehrenden literarischen Anspielungen, die das Verhältnis von Text und Leben immer wieder in Frage stellen. So entsteht ein filmischer Raum, der Flaubert nicht nur zitiert, sondern dessen Geist mittels ironischer Distanz und empathischer Beobachtung neu befragt.
Filmkritik von Christopher Diekhaus
„Gemma Bovery“ regt die Fantasie an
Seit seinen Anfängen greift das Kino begierig auf Literaturklassiker zurück. Geschichten, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Unzählige Leser gefunden haben, oftmals sogar über Jahrhunderte hinweg. Schade nur, dass derartige Stoffe in vielen Fällen wiederholt durch den filmischen Fleischwolf gedreht werden, ohne dass sich dabei neue Perspektiven oder spannende Abwandlungen ergeben würden. Anders verhält es sich mit Anne Fontaines („Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“) aktueller Regiearbeit „Gemma Bovery“, die auf der gleichnamigen Graphic Novel der Engländerin Posy Simmonds basiert und die zentralen Handlungslinien aus Gustave Flauberts weltbekanntem Gesellschaftsroman „Madame Bovary“ gewitzt in die heutige Zeit transportiert. Als Mischung aus verträumter Romanze, Literaturfarce und leichtfüßiger Stalker-Geschichte.
Für Martin Joubert (Fabrice Luchini), einen gescheiterten Ex-Lektor, scheint die Zeit stillzustehen, seit er die Bäckerei seines Vaters mitten im Nirgendwo der Normandie übernommen hat. Tagein, tagaus geht er pflichtbewusst seiner Arbeit nach, kann sich jedoch nicht gegen die wachsende Bedrückung stemmen, die das behäbige Landleben mit sich bringt. Erst als die attraktive Engländerin Gemma Bovery (Gemma Arterton) mit ihrem Ehemann Charlie (Jason Flemyng) ins Nachbarhaus zieht, erwacht Martin aus seiner Lethargie. Nicht nur die Schönheit der jungen Frau hat es dem kauzigen Bäcker angetan. Auch ihr vertraut klingender Name weckt sogleich die kühnsten Assoziationen. Hat er es womöglich mit einer modernen Inkarnation von Flauberts Heldin Emma Bovary zu tun? Martin jedenfalls verfällt diesem Gedanken und erkennt mit der Zeit immer mehr Parallelen zwischen Gemmas Leben und der Handlung des Romans. Als sie sich eines Tages in einem außerehelichen Liebesabenteuer zu verfangen droht, will der Literaturexperte um jeden Preis verhindern, dass ihr das gleiche tragische Schicksal widerfährt wie Flauberts Protagonistin.
Auch wenn der Titel der Comic-Adaption die weibliche Hauptfigur prominent herausstellt, ist sie vor allem eins: die Projektionsfläche eines frustrierten Intellektuellen, durch dessen Augen wir auf das Geschehen blicken. Der uns mit seinen ironisch-pointierten Voice-Over-Kommentaren durch die Geschichte führt und dabei die unterschiedlichen Bezugsebenen – Romanklassiker einerseits, filmische Realität andererseits – zunehmend durcheinanderbringt. Joubert ist ein verzückter Beobachter. In gewisser Weise auch ein Detektiv, der sich immer mehr in den Alltag seiner umwerfend schönen Nachbarin hineingräbt. Zufällige Begegnungen nutzt, um seine literarischen Schwärmereien weiterzuspinnen. Allerdings recht bald einsehen muss, dass sein erotisches Begehren unerwidert bleiben wird. Umso köstlicher sind die Momente, in denen das Aufleben seiner sexuellen Sehnsüchte, wenigstens für den Zuschauer, offen zu Tage tritt. Etwa wenn er Gemma in die Kunst des Teigknetens einweist. Oder aber versucht, ihr das Wespengift nach einem Stich aus der Wunde zu saugen.
Fontaine erzählt von Liebe, unausgesprochener Leidenschaft, männlichem Wunschdenken und spiegelt durch die Figur des Voyeurs Martin auch die Haltung des Zuschauers im Kino, der stets neugierig in das Leben fiktiver Personen eintaucht. Ihre Wege ins Glück oder in die Katastrophe verfolgt und bestenfalls starke Gefühle entwickelt. Anders als das Publikum verharrt Joubert, dessen Interesse regelrecht fetischistische Züge annimmt, aber nicht gänzlich in der Position des passiven Betrachters, sondern schwingt sich auf zu einem Gestalter, einem Lenker des Schicksals, der, einem Schriftsteller oder Filmemacher gleich, in den Verlauf der Handlung eingreift, um Gemma vor großem Unheil zu bewahren. Ironischerweise tragen jedoch gerade seine Manipulationen, sein Eindringen in die Privatsphäre der jungen Britin entscheidend zur Eskalation der Ereignisse bei.
All das taucht die Regisseurin in leuchtend-warme Bilder, die vor dem Hintergrund des idyllischen Landambientes eine große Leichtigkeit entfalten, obwohl die Geschichte durchaus abgründige Seiten hat. Das Objekt der Begierde selbst inszeniert Fontaine in luftigen Sommerkleidern. Lässt die Kamera über den Körper ihrer verträumten Protagonistin gleiten, degradiert Hauptdarstellerin Gemma Arterton aber nie zur dümmlichen Sexbombe. Immerhin sieht Martin noch so viel mehr in der hübschen jungen Frau, die – wie ihr literarisches Pendant – irgendwann vom beschaulichen Landleben an der Seite ihres biederen Mannes gelangweilt ist.
Bis zur Mitte funktioniert der Film, der auch ohne Kenntnis von Flauberts Roman zu genießen ist, nahezu perfekt. Dann allerdings gibt das Drehbuch einige übertrieben banale Entwicklungen vor, die mitunter sogar Rosamunde-Pilcher-Format erreichen. Eine anfangs unbedeutende Nebenfigur wie Gemmas Ex-Lover gewinnt urplötzlich an Bedeutung, während Ehemann Charlie und die Entfremdung des Paares lediglich beiläufig in den Fokus rücken. Einiges wirkt hier forciert und dient allzu deutlich der bitteren Wendung, die „Gemma Bovery“ auf der Zielgeraden nimmt.
Jederzeit über den Dingen steht Fabrice Luchini, der dem verhinderten Liebhaber und Literaturfan Joubert eine herrlich verschrobene Aura gibt. Selbst wenn er Grenzen überschreitet, macht es unglaublichen Spaß, ihn bei seinem Detektivspiel zu beobachten und seinen oftmals spöttischen Feststellungen zu lauschen. Als verbohrter, ein wenig selbstgefälliger Intellektueller ist der französische Charakterdarsteller schlichtweg grandios, was er bereits 2012 in François Ozons kunstvoll arrangiertem Mystery-Drama „In ihrem Haus“ unter Beweis stellen konnte.

