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Fifty Shades of Grey

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kritiken.de Redaktion 12.02.2015
Fifty Shades of Grey© Universal Pictures Germany
A ca. 1737 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Fifty Shades of Grey als Kalkül erotischer Sichtbarkeit und kapitalistischer Verwertung im Mainstream

Einleitung

Mit dem Kinostart am 12. Februar 2015 landete Fifty Shades of Grey nicht nur einen kommerziellen Impuls im Valentinsgeschäft, sondern einen kulturellen Impuls, der längst über die Frage nach gutem oder schlechtem Kino hinausweist. Die Verfilmung des Weltbestsellers von E. L. James fungiert als Prisma für ein momentanes Begehren: die Sehnsucht nach Intimität in Zeiten medialer Überbelichtung, die Ökonomie privater Fantasien und die sichtbare Aushandlung von Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern. Ihre Relevanz liegt weniger in filmhandwerklichen Innovationen als in der Art und Weise, wie sie ein zuvor randständiges Genre in die Mitte der Popkultur hebt.

Regisseurisch brachte Sam Taylor-Johnson, zuvor vor allem für den biografischen Film Nowhere Boy und eine Fotografenkarriere bekannt, eine visuelle Präzision in die Adaption. Ihr Zugang ist ambivalent: einerseits nüchtern in der Mise-en-Scène, andererseits so gestylt, dass die Figuren mehr als Produktästhetik denn als psychologische Tiefenstudie wirken. Die Regie setzt auf elegante Bildkompositionen und eine gedämpfte Farbpalette, die das Begehren fast prosaisch kühlt statt zu entfachen.

Der Film steht zudem exemplarisch für einen Zeitpunkt, an dem Literatur- und Verwertungsketten neue Formen erotischer Darstellung massenmarkttauglich machten. In einem gesellschaftlichen Klima, das Sexualität zunehmend kommerzialisiert und zugleich moralisch diskutiert, funktioniert Fifty Shades of Grey als Indikator: Es markiert, wie Intimität zur Marke wird und wie filmische Sehgewohnheiten sich an medial produzierten Fantasien ausrichten.

Kurzüberblick zur Produktion

Die filmische Umsetzung des Romans wurde unter der Regie von Sam Taylor-Johnson realisiert, das Drehbuch verfasste Kelly Marcel nach der Vorlage von E. L. James. Produzentisch beteiligten sich große Studios, was eine schnelle, hochaufgelöste Verwertungsstrategie ermöglichte: Die Produktionsmaschinerie reagierte auf die Buchverkäufe mit einem für das Genre vergleichsweise hohen Budget und einem klaren Fokus auf internationales Box-Office-Potenzial. Die exakte Höhe der Produktion lag im mittleren zweistelligen Millionenbereich, genug, um ein glattes, klinisch poliertes Bild vom Luxusmilieu des Protagonisten zu zeichnen.

Die Umstände der Produktion waren geprägt von öffentlicher Aufmerksamkeit und medienwirksamen Entscheidungen rund um Casting und künstlerische Beteiligung. E. L. James behielt eine sichtbare Kontrollfunktion, was die Adaption als Verhandlungsraum zwischen literarischer Vorlage und filmischer Interpretation erscheinen ließ. In Sam Taylor-Johnsons Werk nimmt Fifty Shades of Grey eine Sonderrolle ein - es ist weniger persönlicher Autorenfilm als eine regulierte, bildstarke Großproduktion, die die Regisseurin aus dem kleineren, intimeren Kino in die Arena des Mainstream katapultierte.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum stehen Dakota Johnson und Jamie Dornan, deren Figuren die Antriebskräfte des Films verkörpern. Dakota Johnson, aus einer Schauspielerdynastie stammend, kam mit einer Mischung aus Naivität und kontrollierter Körpersprache, die ihre Rolle als Außenstehende im glatten Universum ihres Gegenübers prägt. Johnsons Darstellung lebt von Zurückhaltung und einem ständigen Balanceakt zwischen Befremden und Neugier.

Jamie Dornan, zuvor vor allem als Model und durch die Serie The Fall einem TV-Publikum bekannt, gibt dem männlichen Protagonisten eine kalkulierte Kühle. Sein Christian Grey ist in erster Linie eine äußerliche Konstruktion - reich, souverän, geheimnisvoll - deren Emotionalität eher angedeutet als ausgedehnt wird. Die Nebenbesetzung, darunter Jennifer Ehle, Eloise Mumford und Marcia Gay Harden, liefert solide, in der Regel funktionale Komparsenarbeit: Ehle bringt eine klassische, zurückhaltend-mutterliche Note, Mumford die freundschaftlich-bodenständige Gegenfigur, Harden eine ambivalente Präsenz, die mehr von Vergangenheitsfragmenten als von innerer Offenbarung erzählt. Weitere Schauspieler wie Luke Grimes, Max Martini, Rita Ora, Callum Keith Rennie, Victor Rasuk und Dylan Neal füllen das soziale Umfeld der Hauptfiguren - mal als familiäre Fixpunkte, mal als Berufskollegen oder Erinnerungsanker.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film zeichnet das Zusammentreffen zweier scheinbar unvereinbarer Lebensentwürfe nach: eine junge Frau, die beruflich und persönlich am Beginn steht, trifft auf einen Mann, dessen Leben von Kontrolle, materieller Perfektion und ausgehandelten Beziehungsformen bestimmt wird. Der erzählerische Motor ist ein Aushandlungsprozess - nicht nur romantischer, sondern auch vertraglicher Natur. Daraus resultiert ein dramatischer Konflikt, der weniger auf äußeren Ereignissen als auf der Frage beruht, welche Kompromisse zwischen Freiheit und Intimität möglich sind.

Die Dramaturgie setzt auf eine Kombination aus kontemplativen Binnenmomenten und dramaturgischen Höhepunkten, die das Machtgefälle zwischen den Figuren ausstellen. Die Figurenkonstellation beschränkt sich nicht auf ein Paar, sondern umfasst ein Beziehungsnetz, das familiäre, freundschaftliche und berufliche Verhältnisse berührt. Ton und Atmosphäre des Films sind von einer elegischen Kühle geprägt: Die Bildästhetik und die Ausstattung betonen Luxus und Distanz, die Musik und der Schnitt halten die Spannung zwischen Nähe und Entzug aufrecht.

Zentrale Themen und Motive

Fifty Shades of Grey thematisiert in erster Linie Macht - ihre Darstellung, Aushandlung und symbolische Ökonomie. Der Film fragt, wie intime Praktiken in Vertragsform gebracht werden können und was es bedeutet, Begehren zu institutionalisieren. Zugleich stellt er Fragen nach Autonomie und Selbstbestimmung: Wer bestimmt die Grenzen einer Beziehung, und wie verhandelt man Schutz, Risiko und Vertrauen im privaten Raum?

Eine weitere Dimension ist die mediale Verwertung von Erotik. Der Film spiegelt, wie sexuelle Fantasien als Produkte kanalisiert, gestaltet und verkauft werden. In dieser Lesart ist er ein Dokument der Kommerzialisierung von Intimität - ein Medium, das Fantasien formalisiert, stilecht inszeniert und so massenfähig macht. Psychologisch ergibt sich daraus ein Spannungsfeld zwischen Identitätsfindung und Performance: Die Figuren sind zugleich Subjekte und Rollen, deren inneres Erleben oft hinter einer sorgfältig konstruierten Oberfläche zurückbleibt.

Schließlich berührt der Film Themen von Trauma und Vergangenheit, wobei prägende Ereignisse als nicht vollständig aufgeklärte Subtexte wirken. Die Erzählung bleibt dabei weniger an therapeutischer Tiefe interessiert als an der Darstellung von Beziehungsdynamiken, die sich aus historischer Verletzung speisen. In der Summe liefert Fifty Shades of Grey somit weniger eine ethische Belehrung als einen Spiegel unserer Gegenwart - ein Film, der zeigt, wie Sehnsüchte in einer auf Sichtbarkeit konditionierten Kultur entstehen, verhandelt und vermarktet werden.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Was kann man von einem Film erwarten, der auf einer „Twilight“ Fan Fiction basiert, und damit einer Geschichte, die sich weder durch ihre komplexen Charaktere, noch ihre packende Storyline und schon gar durch ihre vorbildliche Geschlechterpolitik auszeichnet? Wer über „Fifty Shades of Grey“ die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, ist naiv und auch ein wenig scheinheilig, denn der Film ist zwar nicht deutlich besser, aber auch nicht deutlich schlechter als das Gros seichter Romanzen für ein märchensozialisiertes Frauenpublikum.

Kelly Marcel hält sich in ihrer Drehbuchfassung zum großen Teil an die durch den Roman von E.L. James vorgegebene Handlung. Das Mauerblümchen Anastasia Steele (Dakota Johnson) verfällt dem Millionär Christian Grey (Jamie Dornan), dessen Beziehungsleben sich bislang jedoch auf vertraglich geregelte sadomasochistische Machspiele beschränkt hat. Während Mr. Grey alles unternimmt, um seine potentielle Sklavin von den Freuden der Unterwerfung zu überzeugen, versucht Anastasia dessen romantische Seite herauszukitzeln. Doch kann es hier wirklich einen Kompromiss geben?

Es gibt viel, sogar sehr viel was sich an dem Verhältnis zwischen Christian und Anastasia kritisieren ließe. In erster Linie ist es das besitzergreifende und kontrollierende Verhalten des jungen Geschäftsmanns, das mit weiblicher Selbstbestimmung nicht vereinbar ist. Auch wenn Kelly Marcel auf mehrere der entsprechenden Passagen aus dem zu Grunde liegenden Roman verzichtet, zeigt sich auch in „Fifty Shades of Grey“ die gefährliche Romantisierung eines männlichen Machtmissbrauchs. Das Spiel im Schlafzimmer verlagert sich auf subtile Weise in den Alltag. So subtil, dass weder Anastasia noch die Mehrheit der Zuschauerinnen es bemerken. Doch, und daran kann es keinen Zweifel geben, ist es niemals romantisch, wenn ein Mann für seine Partnerin unaufgefordert Entscheidungen trifft, wie z.B. die ihr Auto zu verkaufen, oder bei jedem legitimen Rückzug der Frau unaufgefordert auf der Matte steht.

Absolut zweifelhaft ist auch Anastasias Selbstaufgabe. Sukzessive verändert Christian ihren Kleidungs- und Lebensstil, selbstredend ohne dies mit ihr offen zu besprechen. Während sexuelle Handlungen vertraglich geregelt werden sollen, scheint der Eingriff in ihr Leben keiner Zustimmung zu bedürfen. Christian schenkt Anastasia allerdings nicht nur einen Laptop und ein Auto, sondern auch ihre Schönheit und Sexualität. Ihr Selbstwert ist alleinig von seiner Bestätigung abhängig – ein patriarchales Konstrukt wie aus dem 19. Jahrhundert.

Nun ließe sich bei all dem freilich argumentieren, dass Kelly Marcel und Regisseurin Sam Taylor-Johnson lediglich dem Geist der Vorlage treu bleiben, doch sie begehen einen gravierenden und folgenschweren Fehler. Obwohl hier zwei Frauen am Werk sind, gelingt es ihnen doch nicht, die Geschichte aus Anastasias Perspektive zu erzählen – ein Vorwurf, der dem Roman definitiv nicht unterbreitet werden kann. Als ginge es um eine paradoxe Intervention des männlichen Blicks inszeniert Taylor-Johnson ihre Heldin anhaltend als Sexobjekt, lässt sie verführerisch an Bleistiften nuckeln und in neckischen Schlüpfern rumturnen. Mr. Grey jedoch, dessen erotische Ausstrahlung in der Vorlage bis zum Erbrechen überbetont wird, verbleibt frappierend uninteressant. Entweder die gefährliche und doch verführerische Ausstrahlung des Raubtiers, die schon Vampir Edward auszeichnete, liegt nicht im Repertoire von Jamie Dornan (was ihn dann jedoch als Fehlbesetzung entlarven würde) oder aber Sam Taylor-Johnson hat hier als Regisseurin schlicht und einfach versagt. Insbesondere in den Eingangsszenen wirkt Mr. Grey weder einschüchternd noch erotisch und stattdessen wie der perfekte Prince Charming im Anzug.

Dass die Sexszenen hier nicht so explizit und ausführlich dargestellt werden können, wie James sie im Buch beschreibt, ist hinsichtlich des anvisierten Zielpublikums wenig überraschend. Dass Sam Taylor-Johnson sie jedoch wie einen schlechten Mainstream Softcore Porno inszeniert, übertrifft alle Negativ-Erwartungen. Neben dem fatalen Perspektivwechsel, der uns immer auf statt durch Anastasia blicken lässt, ergeht sich Dakota Johnson in den Sexszenen in prätentiösem Overacting, das dem Ganzen denn auch den letzten Funken Sexappeal raubt. Bis auf einige wenige kurze Momente der zumindest leicht angedeuteten Ekstase kann „Fifty Shades of Grey“ daher seinem Image als Erotik-Romanze nicht gerecht werden.

Dafür kann „Fifty Shades of Grey“ etwas anderes. Der Film erzählt wie die Vorlage – und die Vorlage der Vorlage – eine Romanze, die mitten ins Herz des weiblichen Publikums trifft. Das tollpatschige und schüchterne Mädchen mit der Scheidungsfamilie trifft auf den schönen, reichen Prinzen, der sie unter seine Fittiche nimmt und auch umgehend in den Kreis seiner herzlichen Familie einführt. Der immense Kitschfaktor der Liebesgeschichte, der sich in gleich zwei romantischen Ausflügen (im wahrsten Sinne des Wortes) niederschlägt, wird durch die auf emotionale Rührung zugeschnittene Musikuntermalung tatsächlich noch gesteigert. Damit schafft „Fifty Shades of Grey“ genau das, was der Stoff von seinen Anfängen an wollte: Die Sehnsucht der Frauen nach einem Prinzen zu befeuern, der sie aus ihrem bedauernswerten Grundzustand erlöst.

Und noch einmal: Wer jetzt „Fifty Shades of Grey“ an den Pranger stellt, ist schlichtweg dumm und verlogen. Denn diese Geschichte wird auf die eine oder andere Weise in jedem Märchenfilm und jeder Romantic Comedy erzählt. Aber wenn „Fifty Shades of Grey“ erreicht, dass die breite Masse endlich nach anderen Erzählungen schreit, dann hat der Film mehr als nur eine Daseinsberechtigung. Und wer weiß, vielleicht wollte Sam Taylor-Johnson sogar genau das erreichen.

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