kritiken.de› Filme›
Filme

Everest

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 17.09.2015
Everest© Universal Pictures Germany GmbH
A ca. 1500 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Everest: Kino als Prüfstand für menschliche Hybris und die Grammatik des Extrems

Einleitung

Everest tritt an die Stelle großer Naturphantasmen des Kinos, indem er den höchsten Berg der Erde nicht lediglich als Kulisse, sondern als moralischen und dramaturgischen Prüfstein behandelt. Der Film rekonstruiert eine reale Katastrophe der Moderne und bringt damit Fragen in den Raum, die heute weit über die Bergsteigerzene hinaus resonieren: Wie verhandelt die Gesellschaft Risiko, Kommerzialisierung und persönliche Ambition in einem Zeitalter, das Abenteuer als Produkt anbietet?

In dieser Hinsicht ist Everest relevant, weil er eine Schnittstelle berührt zwischen populären Erzählformen - dem Ensemble-Drama, dem Katastrophenfilm - und einer dokumentarisch aufgeladenen Reflexion über Verantwortung. Der Film fungiert als Spiegel für die Mediengesellschaft, die spektakuläre Grenzleistungen nachfragt, und für die Individuen, die bereit sind, dafür existenzielle Einsätze zu leisten. Die Erzählung trifft damit einen Nerv: Sie verhandelt Ruhm, Scheitern und die Frage, wer in Extremsituationen die Deutungshoheit über das Geschehen erhält.

Als Teil der zeitgenössischen Welle von Filmen, die reale Tragödien adaptieren, wählt Everest einen nüchternen Ton, der zwischen spektakulären Landschaftsaufnahmen und intimen, fast klinischen Nahaufnahmen oszilliert. Diese Tonalität erlaubt dem Film, die Ambivalenz von Majestät und Bedrohung zu zeigen, ohne in einfache Heldengeschichten abzurutschen. Damit positioniert sich der Film in einem kulturellen Klima, das zu verstehen versucht, wie Erzählungen über Risiko und Opfer heute produziert und rezipiert werden.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Baltasar Kormákur, ein isländischer Filmemacher, der sich in seinem bisherigen Werk wiederholt dem Thema Überleben und Extremsituationen widmete. Seine Handschrift zeichnet sich durch eine pragmatische, auf Figuren und physische Realität konzentrierte Erzählweise aus - visuell reduziert, dramaturgisch auf knappe, wirkungsvolle Entscheidungen fokussiert. In Everest übersetzt sich diese Handschrift in einen filmischen Pragmatismus, der großen Wert auf Körperlichkeit und räumliche Wahrheit legt.

Die Produktion ist eine internationale Co-Produktion zwischen US- und britischen Partnern, realisiert mit einem vergleichsweise großen Budget, das sowohl Location-Drehs als auch aufwendige Studioarbeit und visuelle Effekte ermöglichte. Auffällig ist die Mischung aus realen alpinen Aufnahmen und inszenierten Studiosequenzen, die zusammen die Extreme der Höhenrekonstruktion glaubhaft machen sollen. Technisch setzt der Film auf eine Kombination aus praktischer Kameraarbeit, aufwändiger Tonmischung und digitalen Mitteln, um das Gefühl von Höhe, Kälte und Sauerstoffmangel zu vermitteln.

Im Gesamtwerk Kormákurs markiert Everest einen Schritt hin zu großformatigen, international besetzten Ensemblefilmen. Während seine früheren Arbeiten oft auf kleinere, klaustrophobische Settings setzten, ist hier die Dimensionensteigerung deutlich: Der Regisseur nutzt das Monumentale, um persönliche Schicksale in Relation zu einer unantastbaren Natur zu setzen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Everest verfügt über ein dicht besetztes Ensemble, das die sozialen Konstellationen zweier kommerzieller Expeditionen abbildet. Jason Clarke übernimmt die Rolle des erfahrenen Leiters, dessen Professionalität und moralische Last Mittelpunkt eines großen Erzählstrangs bilden. Jake Gyllenhaal steht für die charismatische, risikobereite Seite der Bergführer - eine Figur, in der Führungsqualitäten und Selbstüberschätzung nebeneinander bestehen.

Josh Brolin bringt den kantigen, stoischen Typus des routinierten Teilnehmers ein, dessen persönliche Gründe fürs Weitermachen mehr über Motive und Verlust als über sportliche Ambitionen erzählen. John Hawkes wirkt als der einfache Bergsteiger, ein Everyman, dessen schlichte Biographie die Tragik individueller Entscheidungen betont. Robin Wright und Emily Watson erscheinen als die Außenwelt repräsentierende Stimmen - Angehörige und Partnerinnen, die die Konsequenzen der Expeditionen in den häuslichen Raum zurücktragen und so eine emotionale Gegenwelt zum Berg schaffen.

Die Nebenrollen werden von Charakterdarstellern wie Sam Worthington, Clive Standen und weiteren Ensemblemitgliedern getragen, deren Präsenz das Bild einer kommerzialisierten Bergindustrie vervollständigt - ein Feld, in dem Expertise, Ökonomie und Ego in oft widersprüchlicher Weise kollidieren.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film folgt mehreren parallel verlaufenden Gruppen, die im Rahmen kommerzieller Expeditionen den Gipfel ansteuern. Die Dramaturgie baut Spannung aus dem Nebeneinander von Planbarkeit und Unvorhersehbarkeit: Logistische Abläufe, Wetterfenster, menschliche Entscheidungen und technische Beschränkungen geraten ins Ungleichgewicht. Der zentrale Konflikt entsteht aus dem Spannungsverhältnis von Ambition und Sicherheit - zwischen jenen, die den Gipfel um jeden Preis erreichen wollen, und jenen, die das Überleben organisieren müssen.

Im Zentrum stehen die Führer und einige herausgehobene Klienten, deren Motive von Selbsterprobung bis zu existenziellen Lebensumbrüchen reichen. Die Tonalität des Films bewegt sich zwischen heroischer Ästhetik der Höhe und einer brutalen, oft klinischen Darstellung von Entbehrung und Fehlern. Atmosphärisch dominiert die Präsenz der Natur - Wind, Weißheit, Leere - die das menschliche Handeln überformt und ihm Grenzen setzt.

Zentrale Themen und Motive

Everest stellt Fragen nach der Ökonomisierung von Risiko und nach den Bedingungen, unter denen Menschen bereit sind, ihr Leben zu instrumentalisieren. Der Film fragt, wie Führung in Extremsituationen funktioniert - welche Form von Autorität Bestand hat, und wo persönliche Bindungen aufhören, die Pflicht gegenüber der Gruppe zu legitimieren. Damit berührt er ethische Fragen nach Verantwortung, Schuld und Entscheidungsdruck.

Philosophisch öffnet der Film den Blick für die Dialektik von Freiheit und Determinismus: Die Bergsteiger glauben, ihr Schicksal durch Planung und Erfahrung kontrollieren zu können, sehen sich aber einer indifferenten Natur gegenüber, die jede menschliche Grammatik in Frage stellt. Psychologisch interessiert sich der Film für die Mechanismen, die Individuen dazu bringen, Grenzen zu überschreiten - seien es narzisstische Motive, kollektive Dynamiken oder die Suche nach einer sinnstiftenden Grenzerfahrung.

Formale Motive wie das wiederkehrende Bild des Funkgeräts, die Maske der Sauerstoffflasche oder die Kälte als körperliche Markierung fungieren als Signale für Kommunikationsverlust, Isolation und die Reduktion des Menschen auf reine Vitalfunktionen. In der Summe präsentiert Everest kein einfaches Lehrstück, sondern ein komplexes Gefüge aus Natur, Markt und Moral, das zur Diskussion darüber einlädt, wie wir heute Mut, Risiko und Verantwortung erzählen.

Filmkritik von Bianka Piringer

Über die Bergsteiger-Tragödie, die sich am 10. und 11. Mai 1996 am Mount Everest ereignete, gibt es die verschiedensten Augenzeugenberichte. Der amerikanische Journalist Jon Krakauer (Michael Kelly), der zur kommerziellen Expedition des Neuseeländers Rob Hall (Jason Clarke) gehörte, schilderte die Ereignisse in dem Bestseller „In eisige Höhen“. Darin warf er unter anderem dem russisch-kasachischen Bergführer Anatoli Boukreev (Ingvar Eggert Sigur?sson) vom ebenfalls kommerziellen Team Scott Fischers (Jake Gyllenhaal) Fehlverhalten vor. Boukreev, der in der Nacht zum 11. Mai drei Menschen das Leben rettete und dafür mit einem Bergsteigerpreis geehrt wurde, konterte mit dem Buch „Der Gipfel“. Auch andere Teilnehmer der beiden Expeditionen, die gemeinsam zum Gipfel aufgestiegen waren, schrieben Bücher, aber keiner hatte den kompletten Überblick über das Geschehen.

Es stand zu befürchten, dass der 1997 verunglückte Boukreev in diesem Spielfilm womöglich erneut zum Buhmann deklariert wird, aber das ist zum Glück nicht der Fall. Regisseur Baltasar Kormákur hält sich bei der Interpretation der Ereignisse überhaupt auffallend zurück. Der langsame Tod Rob Halls, der am späten Nachmittag des 11. Mai auf dem Südgipfel erfriert und sich zuvor noch telefonisch von seiner Frau Jan (Keira Knightley) in Neuseeland verabschiedet, bildet den emotionalen Höhepunkt des Dramas. „Er könnte genauso gut auf dem Mond sein“, stellt Jan resigniert fest: Ein am Vortag aufgezogener Sturm und andere Faktoren verhindern seine Rettung. So bleibt Helen (Emily Watson), der Teammanagerin im Basiscamp, nichts anderes übrig, als den Funkkontakt zu suchen und ansonsten Tränen zu vergießen.

Man durfte gespannt sein, wie Kormákur mit den Problemen umgeht, die sich bei der filmischen Umsetzung dieses Stoffs ergeben. Wie sollen die rund 30 Gipfelstürmer eingeführt werden – und wie am Berg zu identifizieren sein, wenn sie ihre Gesichter hinter Kapuzen und Sauerstoffmasken verbergen? Der Film schlägt einen Kompromiss ein, der allerdings seinen Preis hat: Er stellt nur einige Leute näher vor, aber dann rücken weitere ins Blickfeld und können vom Zuschauer kaum zugeordnet werden. Die Figurenzeichnung bleibt allgemein enttäuschend oberflächlich, so dass die zum Teil namhaften Darsteller unterbeschäftigt wirken. Jake Gyllenhaal bekommt als Scott Fischer nur wenige kurze Szenen. Josh Brolin, der den Texaner Beck Weathers spielt, steht zwar öfters im Bild, hat aber kaum etwas Substanzielles zu sagen. Überflüssig erscheint vor allem sein Telefonat mit der Ehefrau (Robin Wright) in Amerika, denn es kostet Filmzeit, lenkt vom Wesentlichen ab und sagt dabei zu wenig über den Charakter aus.

Der Film müht sich mit unruhiger Montage ab, den Ereignissen auf dieser Tour und speziell dem chaotischen Verlauf am 10. Mai stichpunktartig zu folgen: Es gibt lange Wartezeiten beim Aufstieg an den Engstellen, Fixseile müssen erst noch montiert werden, der Sauerstoff wird knapp, Rob Hall ist mit einem Kunden, der nicht ein zweites Mal vor dem Gipfel umkehren will, viel zu spät noch oben. Dann kommt der Sturm auf und überall herrscht Not, eine Gruppe verirrt sich ganz in der Nähe von Camp 4.

Die Grundsatzfragen über das Bergsteigen, die diese Tragödie aufs Tapet brachte, blitzen nur punktuell auf. Es kristallisiert sich vor allem heraus, dass die Veranstalter im Getümmel, das auf der Strecke herrscht und wegen der Ansprüche und Nöte einzelner Teilnehmer ziemlich den Überblick verlieren. Die imposante, kalte Macht der Berge wird parallel zu diesem Drama der Emotionen in atemberaubenden Aufnahmen visualisiert, von denen etliche aus der Vogelperspektive eingefangen sind. Sie vermitteln in 3D eine sinnliche Ahnung davon, dass der Mensch dort oben lediglich ein Fremdkörper ist. In der dünnen Luft der Todeszone ab 7000 Metern mutiert er gar zur gehetzten Figur in einem physiologischen Glücksspiel. Dass der Film einen trotz seiner Schwächen so zu packen vermag, liegt an der Qualität seiner Bilder und natürlich an dem Drama selbst, von dem er erzählt.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de