Es und die Architektur des Schreckens: Kindheit, Trauma und die Stadt als Bühne
Einleitung
Der Horrorfilm Es tritt nicht als bloße Adaption einer Ikone der Popkultur auf, sondern als Filmarbeit, die kollektive Ängste in die vertraute Topographie einer Kleinstadt einschreibt. Andy Muschiettis Umsetzung des Stephen-King-Stoffs verlagert das Unheimliche in die Perspektive von Kindern und macht daraus weniger ein Blut- und Schreckenspektakel als eine Studie darüber, wie Erinnerung, Gerüchte und unverarbeitete Gewalt Räume belegen. Die filmische Geste besteht darin, das Monströse in den Alltag einzudringen und dabei die Grenzen zwischen innerer und äußerer Bedrohung zu verwischen.
Im Kontext des Genres erscheint Es zu einem Zeitpunkt, an dem das amerikanische Kino eine Rückkehr zu figürlicher Nostalgie und coming-of-age-Erzählungen im Gewand des Horrors erlebt. Muschiettis Film nutzt diese Rückbesinnung nicht nur als ästhetisches Mittel - er verortet die Bedrohung in einer spezifischen sozialen Struktur: einer Stadt, deren Ordnungen versagen und deren Schweigen die Angst nähren. Daraus entsteht eine Relevanz, die über die literarische Vorlage hinausgeht, weil der Film institutionelle Brüche und kindliche Verletzbarkeiten als miteinander verwobene Ursachen des Schreckens liest.
Ohne ins Feuilletonklischee zu verfallen, lässt sich feststellen, dass Es einen Diskurs über Erinnerungskultur und kollektive Schuld anschneidet. Die filmische Perspektive auf die Kinderfiguren und die ihnen innewohnende Vulnerabilität macht sichtbar, wie Traumata über Generationen weitergegeben werden. In dieser Hinsicht wirkt der Film weniger als romantische Verklärung der Kindheit denn als analytischer Blick auf deren Bruchstellen.
Kurzüberblick zur Produktion
Es entstand unter der Ägide von New Line Cinema und markierte für Regisseur Andy Muschietti den Übergang vom Independent-Erfolg zur Großproduktion. Muschietti, der zuvor mit dem atmosphärisch geladenen Horrorfilm Mama Aufmerksamkeit erregt hatte, brachte eine insistierende Bildsprache und eine Betonung des Körperlichen mit in die Inszenierung. Die Handschrift des Regisseurs zeigt sich in der Präzision, mit der er Räume choreographiert - von engen Kellern bis zu offenen Straßen - und in der Art, wie er Horror als räumliche Erfahrung begreift.
Die Produktion arbeitete mit einem vergleichsweise moderaten Budget für einen Studio-Horrorfilm - Schätzungen lagen im Bereich von rund 35 Millionen US-Dollar - und setzte auf eine Mischung aus praktischen Effekten und dezenter digitaler Ergänzung. Gedreht wurde vorwiegend in kanadischen Schauplätzen, was dem Film eine spezifische, fast anonyme amerikanische Provinzästhetik verleiht. Diese Entscheidung trägt dazu bei, die universelle Geltung der Angst zu verstärken: Die Stadt könnte überall liegen.
Im Schaffen Muschiettis nimmt Es eine Schlüsselposition ein. Es ist die ausgedehnte, kommerzielle Entfaltung der Themen, die bereits in seinen früheren Arbeiten anklingen - das Interesse am kindlichen Blick, an körperlicher Angst und an klaustrophoben Bildkonstellationen. Zugleich funktioniert der Film als Ausgangspunkt für eine dialogische Auseinandersetzung mit King-Adaptionen, die die literarische Tiefe des Vorbilds in cineastische Strukturen übersetzen will.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Bill Skarsgård übernimmt die Rolle des Pennywise und stellt den Kern des Films als gestaltwandlerische Entität dar. Seine Interpretation setzt weniger auf direkte Parodie des Clown-Motivs als auf eine kompromisslose körperliche Präsenz und eine Materialisierung des Unheimlichen. Die Kinderriege, die den emotionalen Kern der Erzählung bildet, besteht aus jungen Darstellern, deren Zusammenspiel die Dynamik der Gruppe und die verschiedenen Arten von Verwundbarkeit sichtbar macht.
Jaeden Lieberher verkörpert Bill Denbrough, dessen Verlust- und Schuldgefühle den Antrieb für die Gruppe liefern. Sophia Lillis gibt Beverly Marsh eine sensible, komplexe Präsenz, die das Thema gender-spezifischer Verwundbarkeit in der Kleinstadtgesellschaft akzentuiert. Finn Wolfhard als Richie, Jeremy Ray Taylor als Ben, Jack Dylan Grazer als Eddie, Chosen Jacobs als Mike und Wyatt Oleff als Stanley bilden zusammen ein Ensemble, das die Balance zwischen kindlicher Lebendigkeit und existenzieller Bedrohung hält. Nicholas Hamilton und Owen Teague zeichnen die bedrohliche Außenwelt der Jugendlichen nach - etwa in der Gestalt von Tyrannei, Aggression und sozialer Ausgrenzung.
Erwähnenswert ist auch der Einsatz spezialisierter Performer wie Javier Botet, dessen körperliche Fähigkeiten zur Erzeugung unheimlicher Bewegungsqualitäten beitragen. Insgesamt baut der Film auf Kontrast: die Zerbrechlichkeit jugendlicher Figuren einerseits und das articulierte, oft überpersonifizierte Böse andererseits.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film erzählt aus der Perspektive einer Gruppe von Kindern, die sich in ihrer kleinen Heimatstadt einem wiederkehrenden Schrecken stellen müssen. Ausgangspunkt ist ein Folge von Verschwindungen und unheimlichen Begegnungen, die die bereits vorhandenen gesellschaftlichen Risse offenlegen. Die dramatische Achse verläuft zwischen dem Bedürfnis der Kinder nach Zusammenhalt und der wachsenden Erkenntnis, dass das, was ihnen begegnet, über das individuelle Geschehen hinausweist.
Im Zentrum steht ein kollektiver Konflikt: Jugendliche kämpfen gegen eine Kraft, die nicht nur körperlich bedroht, sondern auch auf die inneren Dämonen ihrer Herkunftsorte reagiert. Die Figuren sind deutlich konturiert - jedes Mitglied der Gruppe bringt eine spezifische Angst, ein spezielles Talent und eine persönliche Geschichte ein - und der Film arbeitet akribisch daran, wie diese Biographien die Art und Weise bestimmen, wie sie dem Unheimlichen begegnen. Ton und Atmosphäre sind geprägt von einer dichten Mischung aus Nostalgie, Beklemmung und eruptivem Grauen.
Zentrale Themen und Motive
Es stellt Fragen nach kollektiver Erinnerung und Verantwortlichkeit, nach der Art und Weise, wie Gemeinschaften Traumata verleugnen oder konstruktiv verarbeiten. Der Film thematisiert die Mechanismen des Wegsehens: wie Gerüchte, Machtstrukturen und Schweigen Angst institutionalisiert und persistente Gewalt erzeugen. Die Figur des Monsters fungiert dabei weniger als bloßes Bildelement des Schreckens denn als Projektionsfläche gesellschaftlicher Versäumnisse.
Psychologisch lässt sich der Film als Erkundung der kindlichen Psyche lesen - wie Verlust, Einsamkeit und die Suche nach Zugehörigkeit die Wahrnehmung von Realität formen. Philosophisch berührt die Arbeit Fragen nach dem Verhältnis von Erinnerung und Identität: Was bleibt, wenn Erfahrung kollektiv verschwiegen wird, und wie kann eine Gemeinschaft wieder handlungsfähig werden? Formal nutzt Muschiettis Inszenierung Motive der Verwandlung, Spiegelungen und enge Raumkompositionen, um die Verbundenheit von Innen- und Außenwelt zu visualisieren.
So positioniert sich Es nicht nur als Genrebeitrag, sondern als filmische Reflexion über die Bedingungen von Angst und Widerstand in der modernen Kleinstadtgesellschaft - ein Stück Kino, das weniger Antworten gibt als Bilder und Situationen anbietet, die das Nachdenken anstoßen.
Filmkritik von Peter Osteried
„Es“: Horror, der unter die Haut geht
In Stephen Kings Roman „Es“ heißt es, dass „Es“ nach 27 Jahren zurückkehren wird. Was für ein angenehmer Zufall, dass der neue Kinofilm genau 27 Jahre nach dem erfolgreichen TV-Zweiteiler aus dem Jahr 1990 in die Lichtspielhäuser kommt. Die Geschichte wurde in zwei Teile zerlegt, was insofern Sinn ergibt, da auch das Buch zwei Handlungsstränge hat. So erlebt man den Kampf gegen den Horror-Clown Pennywise mit den jugendlichen Figuren, später aber auch mit ihren erwachsenen Versionen. Der neue Kinofilm konzentriert sich nun auf die jugendlichen Figuren.
Es ist das Jahr 1989. In Derry geht – wie alle 27 Jahre – das Böse um. Kinder und Jugendliche verschwinden, darunter auch Bills kleiner Bruder Georgie. Bill und seine Freunde wollen ein vermisstes Mädchen finden, aber das Böse in Form des Clowns Pennywise hat es auf sie abgesehen. Zudem haben die Teenager auch Probleme mit dem stadtbekannten Schläger Henry, von dem eine echte Gefahr ausgeht. Der Club der Loser, wie sich die Freunde nennen, lässt sich davon aber nicht abhalten. Gemeinsam stellen sie sich dem Bösen.
In den USA hat Es Rekorde gebrochen und schickt sich an, der erfolgreichste R-Rated-Horrorfilm aller Zeiten zu werden. Das Interesse an dem Stoff war immens, was auch daran liegen mag, dass dies eine von Kings bekanntesten, vielleicht auch beliebtesten Geschichten ist. Zudem kommt der Stoff mit einer gehörigen Portion Nostalgie daher, spielt er doch Ende der 1980er Jahre und lässt die damalige Zeit sehr schön wiederaufleben. Doch das ist nur ein oberflächlicher, fast schon visueller Reiz. Der Film wirkt noch ganz anders.
Regisseur Andy Muschietti hat einen perfekten Horrorfilm abgeliefert. Einen, der auf das Herz abzielt, der emotional wirkt, der aber auch mit Szenen immensen Grauens punkten kann. Dabei ist Es auch erstaunlich subtil. Es gibt Momente, so wie den mit Ben in der Bibliothek, da ist das, was im Hintergrund passiert, interessanter als das, worauf das Auge eigentlich gelenkt wird. Es lohnt sich entsprechend, den Blick immer wieder schweifen zu lassen, weil man dann merkt, dass Es überall ist – und nicht nur dort, wo der Schrecken greifbar wird.
Die jugendlichen Schauspieler sind durch die Bank hervorragend. Es gibt keinen Ausfall, sie alle sind in ihren Rollen extrem überzeugend, am eindringlichsten agieren jedoch Jaeden Lieberher als Bill, Sophia Lillis als einziges Mädchen der Gruppe und Nicholas Hamilton als Psychopath Henry. Er macht das Grauen greifbar, weil die Angst vor einem stadtbekannten Schläger etwas ist, mit dem sich (fast) jeder identifizieren kann.
Besondere Erwähnung verdient jedoch Bill Skarsgard, der das Unmögliche geschafft hat. Er hat einen Pennywise kreiert, der sich deutlich von dem abhebt, den Tim Curry für den alten Zweiteiler erschaffen hat. Das hätte man nicht für möglich gehalten, aber dieser Pennywise ist ein ganz eigenes Biest, und auf seine Art vielleicht noch furchteinflößender als früher.
Es ist intensiv. Das zeigt sich schon an der ersten Szene, die deutlich eindringlicher gestaltet ist als früher. Georgies Begegnung mit dem Clown in der Kanalisation gibt die Gangrichtung vor: Der Horror ist tiefenwirksam. Das konterkariert Muschietti aber immer mit kurzen Momenten echten Humors und der Leichtigkeit, die helfen, die Spannung der Geschichte aber auch die Anspannung des Zuschauers zu lockern. Alles andere wäre bei einer Laufzeit von mehr als zwei Stunden sonst wohl auch kaum erträglich gewesen. Kurz gesagt: Es ist ein perfekter Film, der eine Coming-of-Age-Geschichte mit den Mitteln des Horrors.

