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Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

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kritiken.de Redaktion 20.03.2014
Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand© Concorde Filmverleih GmbH
A ca. 1671 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand: Komödie, Erinnerung und europäische Erinnerungskultur neu verhandelt

Einleitung

Der 2014 erschienene Film Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand tritt in die Fußstapfen eines populären Romans und versucht zugleich, die Balance zwischen heiterer Abenteuerkomödie und reflektiertem Geschichtsbild auszuloten. Seine Relevanz liegt weniger in der Neuauflage eines Bestsellers als in der Art, wie populäres Kino sich mit dem kollektiven 20. Jahrhundert auseinandersetzt: Der Film nutzt die Biografie eines Altersmannes als Lupe, durch die sich größere historisch-politische Verläufe brechen lassen.

Regisseur Felix Herngren, dessen Karriere vornehmlich im komödiantischen Fernsehmen und der leichten Kinounterhaltung verankert ist, tritt hier in eine etwas ungewohnt ernste Nachbarschaft. Sein filmischer Ton bleibt komisch, doch die Montage gewährt auch Raum für ironische Reflexionen über Erinnerung, historische Verantwortung und die Absurditäten des modernen Alltags. In dieser Spannung zwischen Komödie und historischem Panorama liegt die eigentliche programmatische Ambition des Films.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung - mitten in einem Dekadenwechsel, in dem europäisches Publikum zunehmend über Vergangenheitsbewältigung und das Altern ganzer Bevölkerungsgruppen diskutiert - macht den Film anschlussfähig an größere Debatten. Er verhandelt auf populäre Weise, wie Privatleben und Weltgeschichte ineinandergreifen und wie Narration die eigene Erinnerung formt.

Ton und Haltung des Films sind ambivalent: Er unterhält und entlarvt zugleich. Das cinema of attractions der slapstickhaften Setpieces wird immer wieder durch elliptische Rückblendungen und subtile historische Anspielungen gebrochen, sodass der Film weniger eine einfache Fluchtgeschichte erzählt als ein vergnügtes, manchmal sarkastisches Porträt von Zeit und Vergessen.

Kurzüberblick zur Produktion

Felix Herngren, als Regisseur der Vorlage beauftragt, bringt eine Handschrift mit, die auf Timing, Figurenkomik und einem sicheren Gespür für Publikumsaffinitäten basiert. Die filmische Struktur ist episodisch angelegt und orientiert sich an der Romanvorlage, was eine Reihe wechselnder Schauplätze und Zeiten erforderlich macht. Solche Sprünge bedürfen einer Produktion, die mehrere Perioden glaubhaft rekonstruiert - von rustikalen Nachkriegsinterieurs bis zu skurrilen Kalte-Kriegs-Szenen.

Die Produktionsumstände sind charakteristisch für größere skandinavische Produktionen des Jahres 2014: begrenztes, aber effizient eingesetztes Budget, eine klar auf internationale Vermarktung angelegte Besetzung und eine Ausstattung, die historische Epochen relativ präzise nachzeichnet, ohne in musealen Naturalismus zu verfallen. Auffällig ist die Ambition, ein lokales Sujet literarisch und visuell für ein breiteres Publikum zu öffnen.

Innerhalb von Herngrens Werk stellt der Film eine Art Erweiterung seines komischen Repertoires dar: Er verschiebt die bloße Situationskomik hin zu einer erzählerischen Weite, die historische Montage und Figurenexposition kombiniert. Damit positioniert sich der Film zwischen leichter Unterhaltung und einem ambitionierteren cineastischen Anspruch, der über konventionelle Gags hinausgeht.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Robert Gustafsson, einer der bekanntesten Komiker Schwedens, trägt den Film in der Rolle des Allan Karlsson. Gustafssons Spiel bewegt sich zwischen todernster Ruhe und punktierter Komik; seine physiognomische Präsenz macht die Figur zu einem glaubhaften Zentrum, das weniger durch Pathos als durch stoische Gelassenheit besticht. Gustafsson hat in der schwedischen Unterhaltung lange Zeit komödiantische Präferenzen kultiviert, hier aber eine Figur gefunden, die auch Tragik und historische Erfahrung inkorporiert.

Die zahlreichen Nebenrollen werden von einem Ensemble getragen, das aus nationalen wie internationalen Gesichtern besteht. Alan Ford bringt seine oft kantige, gangsterkomödiantische Erfahrung ein und fungiert als Kontrast zum nordischen Understatement, während Schauspielerinnen und Schauspieler wie Mia Skäringer und Johan Rheborg Vertrautes aus dem schwedischen Comedybereich ins Drama transferieren. Iwar Wiklander und weitere Charakterdarsteller geben dem Film eine solide Basis in der skandinavischen Schauspieltradition.

Dieses Ensemble ermöglicht eine schnelle Schärfung von Typen: Die Figuren bleiben oft als prägnante Figurenzeichnungen angelegt, nicht als psychologisch tief entwickelte Subjekte. Das ist bewusst: Der Film interessiert sich mehr für die Rolle, die Menschen in historischen Flüssen spielen, als für intime Seelenforschung.

Handlung (spoilerfrei!)

Im Kern erzählt Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand von einer Flucht, die zur Neubestimmung einer Lebensgeschichte wird. Ausgangspunkt ist ein scheinbar banaler - und zugleich radikaler - Akt: ein Mann verlässt auf eigenwillige Weise das vorgezeichnete Terrain eines Pflegeheims. Was folgt, ist eine episodische Odyssee durch Gegenwart und Erinnerung, in der Zufall, Missverständnis und Begegnung die Haupttriebkräfte sind.

Der dramatische Konflikt ist doppelt gelagert: Einerseits gibt es die unmittelbare, dem Plot zugrundeliegende Verfolgungssituation, die Elemente von Roadmovie und Kriminalkapitel aufgreift. Andererseits wirkt im Hintergrund ein größerer Konflikt zwischen persönlicher Erinnerung und kollektiver Geschichte - die Vergangenheit des Protagonisten entfaltet sich in Rückblenden und korrespondiert mit äußeren politischen Umbrüchen.

Ton und Atmosphäre changieren zwischen leichtfüßiger Absurdität und nachdenklicher Melancholie. Die Bildsprache unterstützt diese Tendenz: schnelle Schnitte in den komischen Momenten, ruhigere, weite Einstellungen bei den Rückblenden und eine farbige Ausstattung, die historische Epochen ebenso markiert wie die emotionale Temperatur der Szenen.

Zentrale Themen und Motive

Der Film richtet die Aufmerksamkeit auf Fragen von Erinnerung, Verantwortung und Sinnstiftung. Indem die persönliche Lebensgeschichte eines Hundertjährigen mit markanten historischen Ereignissen verwoben wird, fragt er nach der Rolle des Einzelnen in großen Erzählungen - und danach, wie sehr Geschichte aus Zufällen besteht. Das Motiv der Flucht dient dabei nicht nur als Plotmechanismus, sondern als Metapher für Abschied und Neuanfang, für die Möglichkeit, ein Leben noch einmal zu erschauen.

Psychologisch interessiert sich der Film für das Altern als Phase von Gelassenheit und Unerwartetem, für das Aufbrechen von Lebenslinien, die als abgeschlossen gelten. Gesellschaftlich arbeitet er mit einer leichten Skepsis gegenüber Institutionen: Pflegeeinrichtungen, staatliche Bürokratien und politische Ideologien erscheinen phasenweise als absurd oder hilflos. Philosophisch bleibt der Film eher assoziativ als systematisch; er stellt Fragen zur Vergänglichkeit, zur Erzählbarkeit von Biografien und zur Unschärfe zwischen Erinnerung und Erfindung.

Formal verbindet das Werk Komik und Montage, um die Kluft zwischen individueller Erfahrung und kollektiver Erinnerung auszuloten. In dieser Verbindung liegt seine stärkste Geste: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand baut eine filmische Syntax, die Lachen und Nachdenklichkeit nebeneinander bestehen lässt, ohne die eine Geste der anderen zu opfern.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Ein alter Mann, der in der Erzählung seiner Lebensgeschichte die historischen Etappen des 20. Jahrhunderts passiert – das erinnert doch stark an Robert Zemeckis Erfolgsfilm „Forrest Gump“. Tatsächlich weist „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“, die eine oder andere Ähnlichkeit mit dem stets unfreiwilligen Helden aus Alabama auf, entwickelt aber dennoch einen ganz eigenen Stil, verzichtet komplett auf Rührseligkeiten und bedient sich stattdessen großzügig des derben Humors, für den das skandinavische Kino bekannt ist.

In der Adaption des Bestsellers von Jonas Jonasson geht es um ziemlich genau das, was der Titel verspricht, nämlich um einen Hundertjährigen, der aus dem Fenster des Altenheims klettert und verschwindet. Für sein Alter ist Allan Karlsson (Robert Gustafsson) noch recht fit, vielleicht etwas wacklig auf den Beinen und manchmal etwas langsam beim Begreifen der aktuellen Umstände, insgesamt aber gerüstet für die abenteuerliche Reise, die ihm nun bevorsteht. Denn bereits an seiner ersten Station gelangt er durch einen Zufall in den Besitz eines Geldkoffers, dessen gewaltbereite Besitzer umgehend die Verfolgung aufnehmen. Fortan flieht Allan durch Schweden, gabelt während seines Roadtrips immer neue Gefährten und Gefährtinnen auf und erzählt dem Kinozuschauer in mehreren Rückblenden von seiner ereignisreichen Lebensgeschichte.

Die Hauptfigur selbst erinnert in ihrer Naivität, um nicht zu sagen Dummheit, doch sehr stark an den schon erwähnten amerikanischen Helden „Forrest Gump“. Auch Allan gerät im Laufe seines Lebens in immer neue historische Situationen, zu denen er unfreiwillig Entscheidendes beiträgt. Er kämpft im Widerstand gegen Franco, ist maßgeblich für den Bau der US-amerikanischen Atombombe verantwortlich und mischt schließlich kräftig im Kalten Krieg mit. Bei der Darstellung dieser historischen Momente entscheidet sich Regisseur Felix Herngren bewusst für Künstlichkeit. Die Kulissen und Computeranimationen sind als solche stets zu erkennen, berühmte Politiker wie Franco, Stalin oder Truman treten als leichte Karikaturen auf. „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ ist – und daran besteht schon nach den ersten Filmminuten kein Zweifel mehr – eine Komödie durch und durch, die gar nicht den Anspruch hat, die verschiedenen Etappen des 20. Jahrhunderts glaubwürdig auf die Leinwand zu bannen. Dies ist kein Historienfilm, sondern eine Art modernes Märchen. Denn spätestens mit dem Auftauchen eines zahmen Elefanten, der fortan zu Allans Gruppe von Mitreisenden gehört, driftet die Handlung doch deutlich weg vom komödiantisch überzeichneten Realismus und hin zu einer eher fantastischen Erzählung.

Doch auch als märchenhaftes Konzept büßt der Film niemals seine Derbheit ein. „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ ist in der Tat des Öfteren bösartig, politisch unkorrekt und durchaus brutal, wenn auch stets im Mantel des trockenen skandinavischen Humors. Wenn Füchse und Menschen beherzt in die Luft gesprengt werden und ein Gulag zur Bühne für komödiantische Einlagen wird, bleibt das Lachen schon mal im Halse stecken. Der Humor des Konzepts hängt definitiv von der Bereitschaft des Zuschauers ab, eventuelle moralische Grundsätze vorübergehend außer Kraft zu setzen. Das ist nicht schwer, denn „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ ist niemals respektlos. Durch die Augen des naiven Protagonisten werden hier historische Krisen lediglich weniger ernst genommen. Allan Karlsson sorgt sich nicht um die Probleme dieser Welt und schaut stets frohen Mutes in die Zukunft. So ist auch sein Roadtrip weniger eine gehetzte Flucht als vielmehr eine beschwingte Reise, bei der weder er selbst noch das Publikum jemals ernsthaft um die Sicherheit des sympathischen Helden bangen muss.

Trotz dieser fehlenden Spannung, wird „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster sprang und verschwand“ niemals langweilig. Da sind so viele historische Settings, die durch ihren Wiedererkennungswert unterhalten, so viele interessante und vor allem liebenswerte Charaktere, denen der Zuschauer bereitwillig folgt. Dieses Konzept funktioniert gar so gut – und auch hier kann wieder der Vergleich mit „Forrest Gump“ bemüht werden – dass die Handlung vollkommen ohne Liebesgeschichte auskommt, von einem kleinen amourösen Geplänkel zweier Nebencharakter einmal abgesehen. Allan Karlsson ist für sich genommen mit all seinem Witz, seiner Gutmütigkeit und dem unzerstörbaren Optimismus eine so mitreißende Figur, dass kein romantischer Subplot notwendig ist, um zu ihm eine emotionale Beziehung aufzubauen.

Von Allans Sorglosigkeit kann wohl jeder noch etwas lernen: weniger nachzudenken, nicht über den Problemen dieser Welt zu verzweifeln und stattdessen hoffnungsvoll nach vorne zu sehen. Das scheint das Rezept für ein langes und glückliches Leben zu sein. Doch „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ ist keine Moralpredigt. Der Zuschauer wird hier nicht belehrt, sondern in erster Linie unterhalten. Und zwar prächtig.

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