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Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand

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kritiken.de Redaktion 16.03.2017
Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand© Concorde Filmverleih GmbH
A ca. 1354 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand - Eine lakonische Studie über Erinnerung

Einleitung

Mit einer Mischung aus altmodischem Slapstick und ironischer Historisierung setzt Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand das erzählerische Spiel fort, das die Vorlage von Jonas Jonasson populär gemacht hat. Als Fortsetzung eines ungewöhnlichen Phänomens der skandinavischen Kinoexporte folgt der Film einer Figur, deren stoische Ruhe und zugleich anarchische Neugier ein narratives Kaleidoskop an Zufall, Zeitgeschichte und persönlicher Mythologie freilegt. In der jüngeren europäischen Komödie fungiert dieses Projekt weniger als bloße Fortsetzung denn als Variation über Gedächtnis, Alter und die Möglichkeit, Geschichte auf komödiantische Weise zu verhandeln.

Regisseur Felix Herngren, der die filmische Erstfassung der Romanstoffes bereits inszenierte, bleibt seiner Handschrift treu: eine klare Präferenz für episodenhafte Erzählung, betonte Lakonie und eine Vorliebe für Bildwitze, die historische Absurdität mit zeitgenössischem Gepäck koppeln. Der Film ist damit nicht nur ein Versuch, eine populäre Figur zu verlängern, sondern auch ein dokumentarisch-literarischer Nachklang, der den Zuschauer auf die Mechanik von Erinnerung und Erzählung selbst zurückwirft.

Rezeption und Relevanz dieses Films lassen sich vor dem Hintergrund einer Gesellschaft lesen, die zunehmend ambivalente Gefühle gegenüber Alter, Verantwortung und kollektiver Schuld artikuliert. Indem der Film das Alter nicht romantisiert, sondern als Träger subversiver Handlungen begreift, antwortet er auf einen Zeitgeist, in dem der Altenrolle neue narrative und politische Möglichkeiten zugeschrieben werden. Damit positioniert sich der Film an der Schnittstelle zwischen Mainstreamkomödie und ironischer Reflexion.

Kurzüberblick zur Produktion

Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand wurde unter der Regie von Felix Herngren realisiert, der bereits den ersten Film inszenierte und sich damit als Adapteur eines spezifischen Tonfalls in der schwedischen Kinoszene etabliert hat. Herngrens Regie zeichnet sich durch einen kontrollierten Zusammenschluss von trockenem Witz, präziser physischer Komik und rhythmischer Montage aus; in dieser Fortsetzung verstärkt er diese Züge, indem er die visuellen Gags dichter packt und die historischen Rückblenden als kurze, satirische Tableaus begreift.

Die Produktion agierte innerhalb des schwedischen Studiosystems und profitierte dabei von einer international zusammengesetzten Besetzung, die dem Film eine hybride Qualität verleiht. Konkrete Budgetzahlen sind nicht zentral für das Verständnis des Films; entscheidender ist die handwerkliche Ausrichtung: klares Produktionsdesign, funktionale Kameraarbeit und ein Schnitt, der den episodischen Erzählfluss atmen lässt. Auffällig ist die sichere Balance zwischen kleineren, intimen Momenten und großangelegten, choreografierten Setpieces, die dem Film eine gewisse Leichtigkeit und Tempo verleihen.

Im Gesamtwerk Herngrens markiert der Film eine konsequente Fortführung seiner thematischen Vorlieben. Wo frühere Arbeiten auf Sozialkomik und Charakterstudien setzten, erweitert diese Produktion die Perspektive in Richtung historischer Groteske und kollektiver Erinnerungsbilder. Insofern ist der Film weniger ein Bruch als eine Verdichtung dessen, was Herngren als Regisseur auszeichnet.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Robert Gustafsson, dessen Karriere in Schweden auf einer reichen Palette komödiantischer Rollen basiert. Gustafsson hat sich als Meister der physischen Nuance und des stillen Lachens etabliert; seine Darstellung der titelgebenden Figur funktioniert als Ruhepol und als Motor für komödiantische Kollisionen. Neben ihm agieren erfahrene Charakterdarsteller wie Iwar Wiklander, die dem Ensemble eine klassische Theatralität einbringen, sowie jüngere Kollegen wie David Wiberg, deren Präsenz moderne Rhythmik in die Erzählung trägt.

Das Ensemble enthält internationale Namen und ungewöhnliche Besetzungen, die den Ton des Films prägen. Shima Niavarani bringt eine registrierbare Bühnenpräsenz in die filmische Textur, während Charakterakteure wie Jens Hultén und Colin McFarlane vertraute Archetypen der europäischen bzw. britischen Nebenrollen verkörpern. Erwähnenswert ist zudem der Einsatz von Crystal the Monkey, dessen Einbindung die physische Komik und das Element des Überraschungsmoments betont. Die zusammengesetzte Besetzung arbeitet weniger als Paradeensemble denn als vernetzte Maschinerie, in der jede Figur den narrativen Antrieb des Protagonisten reflektiert oder kontrastiert.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film setzt ein, ohne die Erzähllogik des Vorgängers zu wiederholen, und folgt einer Ausgangslage, die auf minimaler Prämisse maximale Bewegungen entfaltet: Eine überraschende Handlung des Protagonisten entfacht eine Kette von Begegnungen und Irritationen. Anstelle eines engen, linear verlaufenden Plots bevorzugt der Film eine episodische Struktur, in der Rückblenden, Verfolgungssequenzen und improvisierte Allianzen das Tempo bestimmen.

Im Zentrum steht der dramatische Konflikt zwischen individueller Selbstbestimmung und den Erwartungen, die Gesellschaft und Vergangenheit an eine Person richten. Die zentralen Figuren sind einerseits die titelgebende Hauptperson mit ihrem eigentümlichen moralischen Kompass und andererseits verschiedene Repräsentanten von Autorität, Zufall und persönlicher Geschichte. Ton und Atmosphäre schwanken zwischen lakonischer Gelassenheit und punktueller Eskalation; die Stimmung bleibt insgesamt leicht, wobei die Komik oft aus der Konfrontation von Altersweisheit und moderner Bürokratie entsteht.

Zentrale Themen und Motive

Der Film verhandelt Fragen nach Erinnerung, Verantwortung und der Konstruktion von Identität auf eine ironische, gelegentlich bissige Weise. Erinnerung wird nicht als verlässliches Archiv dargestellt, sondern als narrativer Rohstoff, aus dem sowohl Komik als auch moralische Ambivalenz entstehen. Die Frage, wie Geschichte weiterwirkt, erscheint hier weniger als historische Lehrstunde denn als Quelle für gegenwärtige Absurditäten.

Philosophisch nähert sich der Film dem Altern weniger als biologischem Zustand denn als existenzieller Haltung: Altern heißt Handlungsfähigkeit gegen die Erwartungen der Zeit zu behaupten. Gesellschaftlich reflektiert die Komödie die Schwierigkeit, individuelle Freiheit in einem Geflecht aus Regeln, Schulden und sozialer Kontrolle zu leben. Psychologisch interessiert sich der Film für die Mechanik des kleinen Ungehorsams als Mittel, um Erinnerungen neu zu ordnen und narrative Kontinuität zu stören.

Stilistisch arbeitet der Film mit Motiven der Anachronie, der visuellen Allegorie und dem wiederkehrenden Einsatz von Tableauartigen Rückblenden, die historische Ereignisse in einen ironischen Gegenwartsbezug setzen. So entsteht ein filmisches Gefüge, das zugleich unterhält und zu einer nachdenklichen Lektüre darüber einlädt, wie Geschichten über ein Leben erzählt werden.

Filmkritik von Peter Osteried

Der Hunderteinjährige erlebt ein neues Abenteuer

Die Verfilmung des Romans Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand war auch außerhalb seiner Heimat ein erstaunlicher Erfolg. Das lag einerseits daran, dass der Roman schon gut angekommen war, andererseits an dem herrlich abstrusen Titel – und dann erzählte man noch eine Geschichte, die dem mehr als gerecht wurde.

101 Jahre ist Allan Karlsson alt geworden, als er in seinen alten Sachen etwas ganz Besonderes entdeckt: die letzte Flasche Volkssoda, die es noch gibt. Sie wurde während des Kalten Krieges von den Russen entwickelt, die damit die amerikanische Vorherrschaft in Sachen Zuckerwasser brechen wollten. Das führte zu einer der sagenumwobensten Aktionen des Kalten Krieges, bei der auch Allan als Doppelagent kräftig mitmischte. Nun macht er sich mit seinem Kumpel Julius auf nach Deutschland, um das Rezept zu bergen, doch Russen, die CIA, ein Engländer und eine resolute Russin sind hinter ihnen her.

Als Roman gibt es keine Fortsetzung der Geschichte, dem Gesetz des Filmgeschäfts folgend, muss aber eine her, wenn das Original so gut lief. Also ließ man sich selbst eine Geschichte einfallen, die – das muss man schon sagen – nicht so gut ist wie beim Vorgänger. Aber dafür gibt es reichlich kuriose Ideen, denen man hier frönt. Das ist in der Erzählweise zwar sehr episodisch, was auch daran liegt, dass es immer wieder Rückblicke gibt, funktioniert aber dennoch, weil der Film so immens rasant ist. Er wechselt von einer Szenerie zur nächsten und jongliert mit einem ganzen Schwung von Charakteren, die allesamt sehr eigen sind.

Skurrilität ist hier Trumpf, wobei sicherlich nicht jeder Gag gleich sitzt. Dafür ist die Geschichte reichlich abstrus und so überzogen, dass immer wieder Überraschungen daherkommen, die man nicht unbedingt erwartet hätte.

Wunderbar ist Robert Gustafsson, der mit seinen 52 Jahren weit vom 101-jährigen entfernt ist, dank gelungenen Alters-Make-ups, das noch besser ist als beim vorherigen Film aber sehr überzeugend ist. Und das nicht nur wegen der Optik, sondern weil er es auch schafft, sich wie ein gebrechlicher alter Mann zu bewegen, der aber noch lange nicht ans Aufhören denkt. Auch nicht mit 101 Jahren!

Die musikalische Untermalung ist beschwingt und erinnert an Klänge aus dem Balkan. Sie wirkt im Grunde völlig falsch für diesen Film, aber aus irgendeinem Grund funktioniert es doch. Vielleicht, weil sie schnell ist und die rasante Erzählweise unterstützt. Sehr schön sind aber auch immer die Momente, in denen Stillstand einkehrt. Etwa dann, wenn die CIA-Agenten mit einem einheimischen Agenten zusammenarbeiten müssen, der den Begriff Arbeitsethos noch nie gehört hat.

Der Hundertjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand ist nicht so gut wie der erste Teil, aber durchaus vergnüglich. Bleibt nur die Frage, ob man bald auch den 102-jährigen sehen wird…

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