kritiken.de› Filme›
Filme

Der geilste Tag

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 25.02.2016
Der geilste Tag© Warner Bros. GmbH
A ca. 1438 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Der geilste Tag - Komische Melancholie und die Kunst, dem Leben einen letzten Sinn zu geben

Einleitung

Der Film Der geilste Tag ist in seiner Kombination aus Komödie und existenzieller Schwere ein Spiegel für eine deutsche Kinolandschaft, die sich in den 2010er Jahren verstärkt dem Thema Sterblichkeit mit leichter Hand zuwendet. Als populäres Medium, das zugleich Unterhaltungsanspruch und moralische Fragen verhandelt, rückt dieser Film die Paradoxie in den Blick: Wie erzählt man vom Ende des Lebens, ohne die Hoffnung und die Komik des Alltäglichen auszulöschen? Die Relevanz liegt weniger in der narrativen Überraschung als in der kulturellen Funktion, die solche Filme heute übernehmen - sie bieten Räume für kollektive Emotionsarbeit in einer Gesellschaft, die den Umgang mit dem Sterben institutionell wie privat noch immer neu aushandelt.

Im Kontext der beteiligten Filmschaffenden positioniert sich Der geilste Tag als Fortsetzung einer Entwicklung: Darsteller, die aus dem kommerziellen Unterhaltungskino kommen, suchen zunehmend nach Tonarten, die sowohl populär als auch reflektiert sind. Dieser Film trägt die Handschrift eines populären Erzählkinos, das sich nicht allein auf Gags verlässt, sondern komödiantische Mechanismen dafür nutzt, existentielle Fragen zu entschärfen und zugleich zu verstärken. Das Resultat ist eine Gratwanderung zwischen Sentimentalität und lakonischer Präzision - ein Anspruch, der das Werk in die unmittelbare Beobachtung von Kritik und Publikum bringt.

Gesellschaftlich ist Der geilste Tag in eine Zeit eingebettet, in der Begriffe wie Selbstverwirklichung, Bucket-List-Kultur und mediale Inszenierung des Lebensendes omnipräsent sind. Der Film trifft damit ein Nerv: Er thematisiert nicht nur das individuelle Ringen mit dem Unausweichlichen, sondern auch die performative Seite modernen Lebens - wie Lebensfreude zur Aufgabe wird und zugleich zur Inszenierung. Diese doppelte Lesart macht den Film anschlussfähig an Debatten über Würde, Freundschaft und das Bild vom „guten“ Ende.

Kurzüberblick zur Produktion

Die Produktion von Der geilste Tag ordnet sich in das Feld der zeitgenössischen deutschen Komödie ein, die mit vergleichsweise moderatem Budget großstädtische und ländliche Schauplätze gleichermaßen nutzt. Die Inszenierung orientiert sich an einer klaren Bildsprache und setzt auf eine Mischung aus Road-Movie-Motiven und intimen Momentaufnahmen, was den Film formal zwischen Popularkino und arthouse-Ansätzen verankert. Die Kameraarbeit arbeitet häufig mit nahen Einstellungen, um emotionale Nuancen sichtbar zu machen, während montageartige Schnitte das Tempo der Komödie stützen.

Besonderheiten der Herstellung liegen in der engen Koppelung von Stars und Produktionsteam - ein Verfahren, das in der deutschen Filmwirtschaft zunehmend üblich ist, weil es Finanzierung und Vermarktung erleichtert. In dramaturgischer Hinsicht ordnet sich der Film in eine Entwicklung ein, in der etablierte Komikertypen sich neuen, ernsteren Stoffen zuwenden - ein Schritt, der sowohl ästhetische Risiken als auch die Chance auf erweiterte Wahrnehmung birgt. In der Gesamtbilanz des Genres markiert Der geilste Tag eine Episode, die den Versuch dokumentiert, populäres Erzählen mit existenzieller Tiefe zu verbinden.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Matthias Schweighöfer tritt hier in einer Rolle an, die an seine bekannten Register anschließt - charmant, körperlich präsent und mit einem Hang zur Alltäglichkeit als komödiantischem Motor. Seine Karriere hat ihn vielfach als Spezialisten für romantische Komödien und urbane Unterhaltung etabliert, doch die Figur in diesem Film verlangt von ihm eine stärkere Balance zwischen Witz und Verwundbarkeit.

Florian David Fitz, der ebenfalls aus dem populären deutschen Kino stammt und schon wiederholt als Schauspieler und Drehbuchautor in Erscheinung getreten ist, bringt eine lakonische, oft ironisch gebrochene Tonalität in die Produktion. Seine Vorarbeiten zeichnen sich durch eine präzise Beobachtung sozialer Verhaltensmuster aus - eine Qualität, die hier der Darstellung einer Figur zugutekommt, die zwischen Trotz und Resignation oszilliert.

Alexandra Maria Lara übernimmt im Gefüge die Rolle der emotionalen Achse - eine Frau, deren Präsenz weniger auf lautstarke Gesten als auf stille Solidität setzt. Bekannt geworden durch dramatische Rollen im internationalen und deutschen Kino, fungiert sie in diesem Film als Kontrapunkt zur männlichen Komik, indem sie psychologische Tiefe und dramatische Glaubwürdigkeit einbringt.

Handlung (spoilerfrei!)

Der geilste Tag erzählt von zwei Männern, deren Leben durch eine Prognose radikal verkürzt wird. Statt sich in der Krankheit zu verbergen, brechen sie zu einem letzten gemeinsamen Unternehmen auf - eine Reise, die als Road Movie angelegt ist und deren Ziel weniger ein geografischer Ort als eine Erfahrung ist. Im Zentrum steht der dramatische Konflikt zwischen dem Willen zur Lebensbejahung und der Konfrontation mit existenzieller Endlichkeit.

Die Handlung entfaltet sich entlang episodischer Stationen: Begegnungen, kleine Eskapaden und Momente der Verzögerung, die dem Film seinen Ton geben. Die zentralen Figuren sind dabei nicht archetypische Helden, sondern eher gebrochene Alltagsmenschen, deren Freundschaft und unterschiedliche Umgangsweisen mit der Diagnose den narrativen Motor bilden. Atmosphärisch bewegt sich der Film in einem Raum zwischen leichter Komik, melancholischer Reflexion und gelegentlicher Tragik - eine Tonalität, die das Publikum immer wieder zwischen Lachen und Nachdenken pendeln lässt.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern stellt Der geilste Tag Fragen nach dem Sinn des Lebens, der Bedeutung von Freundschaft und der Performativität von Lebensfreude. Der Film verhandelt die Frage, wie man angesichts des Endes Prioritäten setzt - ob man das Leben intensiver lebt, es schöner macht oder ob die Geste des „Mehr“ selbst schon zur Flucht wird. Diese thematische Achse führt zu einer philosophischen Dimension, die nicht nach finalen Antworten sucht, sondern nach Haltungen: Mut, Trotz, Verweigerung und Versöhnung treten als mögliche Strategien in den Vordergrund.

Psychologisch betrachtet reflektiert der Film die Auseinandersetzung mit Scham, Verlust und dem Bedürfnis, noch einmal in der Gemeinschaft sichtbar zu sein. Gesellschaftlich eröffnet sich die Frage, wie das moderne Individuum sein Sterben inszeniert - ob als Privatangelegenheit oder als kollektives Narrativ. Formal arbeitet der Film mit wiederkehrenden Motiven - der Reise als Metapher, Bildserien, die Alltagsszenen zu Sinnbildern stilisieren, und musikalischen Einschnitten, die Stimmungen verdichten. So entsteht ein Gefüge, das Komik und Melancholie nicht als Gegensätze, sondern als einander bedingende Ausdrucksformen begreift.

Filmkritik von Peter Osteried

Was ist für Matthias Schweighöfer der geilste Tag?

Florian David Fitz hat als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller schon einige bemerkenswerte Filme verantwortet. Er hat ein Gespür dafür, im Dramatischen auch das Komische zu finden, etwas, das das Leben einfach auszeichnet. Nichts ist nur das eine oder das andere – und das gilt auch für Der geilste Tag, der mal komisch, mal tragisch, aber immer menschlich ist.

Andi (Matthias Schweighöfer) leidet an einer Lungenfibrose. Er verbringt seine letzten Tage im Hospiz, als er Benno (Florian David Fitz) kennen lernt. Benno ist Zeit seines Lebens umgekippt, aber nun wird es schlimmer. Gleiches gilt für die Diagnose: Krebs. Weder Andi noch Benno wollen einfach so sterben. Sie wollen noch mal etwas erleben. Den geilsten Tag, nach dem sie sich selbst das Leben nehmen und mit einem Lächeln auf den Lippen dahinscheiden wollen. Ihr Weg führt sie nach Afrika, wo jedoch nichts so verläuft, wie sie sich das vorgestellt haben.

Geschichten über Sterbende gibt es einige. Sie faszinieren nicht nur Filmemacher, sondern auch das Publikum. Weil sie die eigene Sterblichkeit vor Augen führen und dazu auffordern, sich selbst darüber Gedanken zu machen, wo man steht. Ob man mit dem eigenen Leben zufrieden ist, ob man etwas ändern würde, ob man Dinge nicht heute angehen sollte, anstatt sie auf morgen zu verschieben. Denn sterben tun wir alle, wie Benno es so schön auf den Punkt bringt, die meisten wissen nur nicht, wann das sein wird.

Die beiden Hauptfiguren von Der geilste Tag haben eine Freiheit, die anderen Menschen fehlt. Sie können kompromisslos das eigene Leben – der Rest, der davon übrig ist – zelebrieren und merken dabei doch, dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, wann, wie oder wo man abtritt, sondern wen man an seiner Seite hat. Letzten Endes sind es die Menschen an unserer Seite, die unser Leben lebenswert machen. Das ist eine zwar einfache, aber auch sehr wahrhaftige Botschaft, die Fitz hier transportiert.

Er tut dies im Kontext einer tragikomischen Geschichte, die stimmig auf der Klaviatur der Gefühle spielt, aber am Ende ein wenig ins Schlingern gerät. Weil Fitz sich nicht traut, den letzten Schritt zu gehen. Er setzt auf ein halbwegs glückliches Ende, das überzogen und unrealistisch erscheint – genau das, was der Film an sich mehrheitlich nämlich nicht ist. Man mag das verstehen, weil es erlaubt, den Zuschauer mit einem positiven Gefühl aus dem Kino zu entlassen, aber es schwächt die Wirkung von Der geilste Tag ein wenig.

Dem gegenüber steht jedoch Fitz‘ Verdienst, aus Matthias Schweighöfer endlich wieder einen anständigen Schauspieler gemacht zu haben. Schweighöfer strampelt sich hier von den eindimensionalen Figuren seiner halbgaren Romcoms frei und liefert eine vielschichtige, sehr menschliche Darstellung ab. Diesen Schweighöfer kann man lieben – weil er nicht versucht, ein Star zu sein, sondern als Mensch brilliert.

Der geilste Tag ist nicht frei von Makeln, aber ein sympathisch-schöner Film über das Leben, der zwar einiges an Tragik zu bieten hat, aber vor allem ein Gefühl liefert: Dass es schön ist, am Leben zu sein.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de