Death Wish als Reflexion urbaner Rache - Bruce Willis zwischen Vigilantismus und Moral
Einleitung
Die Neuverfilmung von Death Wish aus dem Jahr 2018 tritt in eine schon länger andauernde Debatte über Kino, Gewalt und Verantwortung ein. Ausgangspunkt ist ein Stoff, der als kulturelles Artefakt der 1970er Jahre gilt: Michael Winners Charles-Bronson-Film verkörperte damals ein harsches Bild von individueller Vergeltung in einer zunehmend unsicheren Stadt. Die 2018er-Version führt dieses Motiv in eine Gegenwart, die selbst von medienpolitischer Polarisierung und realen Auseinandersetzungen um Waffengesetze geprägt ist, und fordert so die Rezeptionsbedingungen des Zuschauers neu heraus.
Regisseur Eli Roth, bisher vornehmlich mit Exploitation- und Horrorfilmen verbunden, lässt sich hier auf ein Terrain ein, das zwischen Thriller, Ethikdiskurs und Boulevard stehen kann. Die Entscheidung, einen altbekannten Vigilantenstoff zu reanimieren, macht Death Wish zu einem Film, der weniger die Überraschung sucht als die Konfrontation: mit der Figur des einsamen Rächers, mit dem Versprechen von Sicherheit und mit den Konsequenzen individueller Gewalt.
Relevanz gewinnt der Film damit nicht durch eine progressive Neubestimmung des Materials, sondern durch die Frage, wie ein moderner Mainstreamfilm die Idee persönlicher Vergeltung heute inszeniert. In einem kulturellen Moment, in dem Gewaltbilder aufgeladen sind durch reale politische Kontroversen, wird aus einem Remake ein Index für die Selbstverortung von Popkultur und Gesellschaft. Die filmische Umsetzung fungiert damit als Projektionsfläche für breitere Diskussionen über Recht, Moral und Medienrepräsentation.
Kurzüberblick zur Produktion
Death Wish ist ein bewusst konzipiertes Remake des Films von 1974 und wurde 2018 unter der Regie von Eli Roth in die Gegenwart geholt. Produziert wurde der Film mit Blick auf ein breites, kommerzielles Publikum; die Inszenierung nutzt die vertrauten Mechanismen des amerikanischen Rachethrillers, kombiniert mit einer rauen, urbanen Bildsprache. Gedreht wurde überwiegend in der Innenstadtlandschaft von Chicago, deren nächtliche Architektur und wenig romantisierte Straßenkulisse zur atmosphärischen Basis des Films werden.
Eli Roths Handschrift bleibt erkennbar, wenn auch gedämpft: Der Regisseur, vormals prominent mit expliziten Horror- und Schockelementen assoziiert, konzentriert sich hier stärker auf Psychologie und Mechanik der Spannung als auf reine Schockeffekte. Produktionsseitig handelt es sich um ein Studioprojekt, das die Popularität seines Hauptdarstellers in den Vordergrund stellt und das Remake-Imperativ moderner Kinostrategien bedient. In Roths Oeuvre steht Death Wish für einen bewussten Schritt ins genreübergreifende, massentaugliche Terrain, in dem moralische Fragen stärker gewichtet werden als Splatterästhetik.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Im Zentrum steht Bruce Willis, dessen öffentliche Persona als abgeklärter Actionstar die Figur des Protagonisten mit vorgegebener Schwere auflädt. Willis spielt einen Mann aus dem bürgerlichen Milieu, dessen Leben durch eine traumatische Gewalttat aus den Angeln gehoben wird und der sich daraufhin auf einen Weg der Vergeltung begibt. Die Rolle korrespondiert mit Willis' beständigem Bild des stoischen Einzelkämpfers, bringt aber zugleich eine Verletzbarkeit zum Vorschein, die über bloße Actionfähigkeiten hinausgeht.
Elisabeth Shue verkörpert die familiäre Bezugsperson, deren Präsenz dem Protagonisten eine zivilisatorische Verankerung bietet. Camila Morrone ist in der Rolle der Tochter besetzt und entfaltet die emotionale Dimension des Geschehens als verletzter Kern, um den sich Schuld, Fürsorge und Ohnmacht gruppieren. Vincent D'Onofrio übernimmt die Funktion des Antagonisten; seine Darstellung speist sich aus einer etablierten Fähigkeit, Bedrohung und Ambiguität gleichzeitig zu vermitteln. Dean Norris tritt als ermittelnder Polizist auf und bringt seine Erfahrung mit ernsthaften, procedurally geprägten Figuren in die Ermittlungslogik des Films ein.
Die übrigen Darsteller, darunter Beau Knapp und Kimberly Elise, übernehmen prägnante Nebenrollen, die das Geflecht aus Kriminalität, Justiz und Medien reflektieren. Insgesamt arbeitet das Ensemble mit archetypischen Figurenmustern - der verletzte Bürger, die fürsorgende Familie, der routinierte Ermittler, der sichtbare Feind - und bildet so die sozialen Pole, zwischen denen sich der dramatische Konflikt abspielt.
Handlung (spoilerfrei!)
Death Wish erzählt die Geschichte eines Mannes, dessen normales Leben durch eine Gewalttat zerstört wird und der daraufhin einen Weg einschlägt, der Recht und Selbstjustiz aufeinanderprallen lässt. Die narrative Struktur folgt der klassischen Progression des Rachefilms: ein einschneidendes Ereignis als Katalysator, eine innere Wandlung des Protagonisten und eine Reihe von Konfrontationen, die Fragen von Schuld und Vergeltung zunehmend akzentuieren.
Der dramatische Konflikt verläuft zwischen individueller Initiative und institutioneller Kontrolle. Zentrale Figuren sind neben dem Protagonisten seine Familie, die als emotionaler Anker fungiert, sowie die ihn verfolgenden Ermittler und die Akteure der kriminellen Szene, die das öffentlich-private Geflecht der Stadt markieren. Tonalität und Atmosphäre sind von einem nüchternen, oft kühlen Realismus geprägt; die Nacht als dominierende Bildzeit verstärkt die Spannung und die moralische Unschärfe, in der sich die Entscheidungen des Helden abspielen.
Zentrale Themen und Motive
Auf der inhaltlichen Ebene stellt der Film Fragen nach Legitimität und Konsequenz individueller Gewalt. Er verhandelt das klassische Dilemma des Rachefilms: Wann, wenn überhaupt, darf persönlicher Ausgleich anstelle sozialer Institutionen treten? In Zeiten, in denen Debatten um Sicherheitspolitik und Waffengesetze hochgekocht werden, agiert Death Wish als eine Art Spiegel, der gesellschaftliche Sehnsüchte nach einfacher Gerechtigkeit ebenso wie die Gefahr normativer Erosion reflektiert.
Psychologisch betrachtet fokussiert der Film auf Traumaverarbeitung, Entfremdung und die Erosion sozialer Bindungen. Die Figur des Arztes, die Berufsbiographie des Protagonisten, bringt zusätzlich ein Motiv von Heilung versus Zerstörung ins Spiel: ein Leben, dessen Aufgabe es war, zu retten, kippt in eine Praxis der Bestrafung. Visuell und symbolisch tauchen wiederkehrende Bilder von Nacht, Chirurgie und urbaner Architektur auf, die Isolation, professionellen Pragmatismus und die klaustrophobe Enge der Großstadt metaphorisch verbinden.
Schließlich operiert Death Wish auf der Ebene der medialen Mythologisierung: Der Einzelne als Held, die Stadt als Bühne und die Kamera als Vermittlerin moralischer Urteile. Der Film fordert damit eine Auseinandersetzung darüber, wie Populärkultur Gewalt narrativ strukturiert und welche ethischen Implikationen mit der Popularisierung von Vergeltungsfantasien verbunden sind.
Filmkritik von Peter Osteried
„Death Wish“: Bruce Willis macht auf Charles Bronson
Eigentlich sollte das Remake des Charles-Bronson-Klassikers schon Ende 2017 in die Kinos kommen, der Streifen wurde aber mehrmals verschoben. Nun ist es aber endlich soweit, womit eine mehr als zehnjährige Odyssee, bei der versucht wurde, den Stoff Wirklichkeit werden zu lassen, ihr Ende findet.
Im Jahr 2006 wollte Sylvester Stallone die Rolle spielen und auch die Regie übernehmen. Nur wenige Monate später stieg er jedoch wegen der berühmten „kreativen Differenzen“ aus dem Projekt aus. Sechs Jahre später war das Remake wieder auf Go, diesmal mit einem Drehbuch und unter der Regie von Joe Carnahan. Dessen Drehbuch blieb, auch wenn andere wie Eli Roth selbst es noch veränderten, als Regisseur stieg er jedoch aus. Mit ihm verschwand sein bevorzugter Hauptdarsteller Liam Neeson.
Vier Jahre später hatte man dann einen Regisseur: Eli Roth. Zudem gab es auch einen neuen Hauptdarsteller. Nach langer Zeit sieht man Bruce Willis mal wieder im Kino. Weitere Kandidaten, an die man dachte, waren Russell Crowe, Matt Damon, Bruce Willis, Benicio Del Toro, Will Smith und Brad Pitt.
Dr. Paul Kersey sieht in der Notaufnahme jeden Tag die Folgen von Gewalt. Doch dann erwischt es auch ihn. Oder anders gesagt: seine Familie. Seine Frau und seine Tochter werden zuhause angegriffen. Die Polizei hat längst vor der Flut des Verbrechens kapituliert und ist überfordert, weswegen Kersey beschließt, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Er sucht nachts nach den Männern, die seine Familie zerstört haben. Schon bald spricht man von einem Racheengel, der sich auf den Straßen Chicagos herumtreibt.
Schon nach der Veröffentlichung des Trailers gab es Ärger, da viele liberale Journalisten den Film als „Alt Right“-Machwerk und als rassistisch brandmarkten. Das zeigt aber auch nur, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Kontrovers war EIN MANN SIEHT ROT im Jahr 1974 auch, man konnotierte den Film aber dennoch anders als es heutzutage der Fall ist und befasste sich weniger mit einem rassistischen Grundmotiv als der Frage, wie man Vigilantentismus begegnen muss und soll.
Der in Chicago und im kanadischen Montreal gedrehte Film ist mit Elisabeth Shue als Willis‘ Frau und mit Vincent D‘Onofrio als seinem Bruder gut besetzt. Die Rolle des ermittelnden Detectives hat Dean Norris übernommen, den Roth in BREAKING BADso brillant fand, weswegen er unbedingt mit ihm zusammenarbeiten wollte. Camilla Morrone als Tochter ist noch eine sehr unerfahrene Schauspielerin, Roth lernte sie jedoch bei einem Festival kennen und war sicher, dass sie in der Rolle überzeugen könnte.
Auch hinter den Kulissen erfüllte sich Roth einen Traum. Er arbeitete mit Mark Goldblatt zusammen, dem legendären Cutter, der einige von James Camerons besten Filmen betreut und Ende der 1980er Jahre mit THE PUNISHEReinen knallharten Actionstreifen selbst inszeniert hat. Hier schließt sich der Kreis auch ein wenig, denn die Comic-Figur des Bestrafers war in den 1970er Jahren von Paul Kersey aus EIN MANN SIEHT ROT inspiriert. Und das macht Bruce Willis nun auch - knallhart und actionreich!
Die reaktionäre Botschaft des Films ist natürlich ebenso fragwürdig, wie sie das in den 1970er Jahren auch gewesen ist, sie wirkt aber auf erschreckende Weise aktuell, da die Kunstfigur Paul Kersey hier ausführt, was sich viele wohl insgeheim wünschen – oder es auch lautstark in den sozialen Medien hinausposaunen. Das verleiht DEATH WISH aber auch etwas Hässliches, weil man sein Auge nicht davor verschließen kann und mag, wofür Paul Kersey steht. Der wiederum wird von Bruce Willis, der nach Jahren mal wieder im Kino zu sehen ist, im Grunde als Variation seiner Actionfiguren gespielt, denn wahr ist auch, dass dieser Film in seiner überzogenen Erzählweise auch etwas Unwirkliches hat. Unterm Strich ist DEATH WISH eben auch nur ein typischer Rache-Action-Film, wie er über die Jahrzehnte hinweg in die Videotheken gekommen ist – nur dass dieser hier den Weg ins Kino gefunden hat.

