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Das Märchen der Märchen

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kritiken.de Redaktion 27.08.2015
Das Märchen der Märchen© Concorde Filmverleih GmbH
A ca. 985 Worte Lesezeit ca. 3 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Das Märchen der Märchen - Barocke Fabeln von Gier, Begehren und Verwandlung im Spiegel der Macht

Einleitung

Das Märchen der Märchen, erschienen am 27.08.2015, markiert für Matteo Garrone einen bewusst hermetischen Schritt weg von dem dokumentarischen Sozialrealismus, der seinen Namen über Gomorra prägte, hin zu einer opulenten, bildgewaltigen Rückkehr zu mythischen Erzählformen. Der Film adaptiert die schillernden, oft grausamen Geschichten aus dem Pentamerone des Giambattista Basile und übersetzt sie in eine filmische Syntax, die barocke Überladung mit moderner Sinnlichkeit verknüpft. Damit positioniert sich das Werk nicht nur als Genrewagnis, sondern als Reflexionsraum über die Funktion von Mythen in der Gegenwart.

Relevanz entsteht hier auf mehreren Ebenen. Formal stellt das Werk eine Versuchsanordnung dar - wie reagiert ein Regisseur, dessen Karriere aus dem Härtetest der neorealistischen Kamera hervorgegangen ist, auf die Anforderungen eines Märchengestalters, der von Kunsthaar, Prunkkostümen und phantasmagorischen Kreaturen lebt. Inhaltlich greift der Film Fragen auf, die aktuell bleiben: die Instrumentalisierung von Begierde, die Zerbrechlichkeit politischer Repräsentation und die Weise, wie Geschichten Wahrheit und Gewalt verflechten.

Im Zeitgeist fällt Das Märchen der Märchen in eine Reihe von Filmen und Serien, die klassische Narrative neu deuten - ein Moment, in dem historische Mythen und Fantasy nicht mehr nur der Flucht dienen, sondern auch als Projektionsfläche für aktuelle Ängste über Macht, Körper und Geschlecht fungieren. Garrone nutzt diese Lage, um die archaischen Erzählstrukturen Basiles in eine Gegenwartsästhetik zu überführen, die sowohl sinnlich als auch analytisch ist.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Matteo Garrone, dessen Handschrift sich hier weniger über dokumentarische Direktheit als über eine präzise Inszenierung von Bildkomposition, Materialität und Rhythmus definiert. Garrone wechselt vertraute Register - die Kamera sucht weniger nach Realismus als nach Ornament; das Erzählen löst sich von linearer Logik zugunsten einer montagehaften Collage aus Motiven und Figuren. Diese ästhetische Neuausrichtung setzt auf eine dichte Bildwelt, die an Gemälde und Theater erinnert und den Zuschauer in eine physische Sinnlichkeit hineinzieht.

Die Produktion ist eine international angelegte Koproduktion zwischen Italien und Frankreich - ein Umstand, der sich nicht nur in der finanziellen Dimension, sondern vor allem in der Kollaboration von Kostümbild, Szenenbild und Spezialeffekten manifestiert. Auffällig ist das handwerkliche Commitment: Kostüme, Maske und Set-Design greifen barocke Details auf und verweben sie mit modernen Materialsichten, während Makeup und creature design zwischen praktischen Effekten und digitaler Verfeinerung vermitteln.

Innerhalb von Garrones Gesamtwerk steht dieser Film als bewusste Öffnung in neue Genres. Er lässt die Straßen und Suburbs der Vorläuferwerke hinter sich und konstituiert stattdessen einen Imaginationsraum, in dem die sozialen Fragestellungen der Gegenwart über archetypische Figuren weiterwirken. Damit sitzt das Werk an einer Schnittstelle - nicht Ablösung, sondern Erweiterung des Regisseurs, die sein Interesse an Machtkonstellationen in ein anderes visuelles Vokabular bringt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung reflektiert die internationale Ambition des Projekts und arbeitet weniger mit Promi-Auftritt als mit typischer Typenbesetzung. Salma Hayek übernimmt die Rolle einer Königin, deren Wunsch nach Mutterschaft zum Motor existenzieller Entscheidungen wird. Hayek bringt in dieser Figur eine Mischung aus sinnlicher Präsenz und innerer Zerrissenheit, die das Motiv weiblicher Agency im Zentrum des Films verortet.

Vincent Cassel ist als einer der souveränen Machtträger zu sehen - er konturiert eine Figur, deren Selbstbild und öffentlicher Glanz sich im Schatten irrationaler Begierden auflösen. Cassel nutzt dabei eine physische Intensität, die dem Film seine tragikomische wie tragische Dichte verleiht. Toby Jones, John C. Reilly und Shirley Henderson ergänzen das Ensemble als komplementäre Figuren - mal als Außenstehende, mal als Dienende oder Berater - und bringen unterschiedliche Register von Stillstand, Groteske und menschlicher Verletzlichkeit ins Spiel.

Die Nebenrollen sind genauso bewusst besetzt: junge Darstellerinnen und Darsteller verkörpern dabei die Unmittelbarkeit von Leidenschaften und Verwandlungen, während bekannte europäische Charaktergesichter dem Film einen europäischen Mythoscharakter geben. Insgesamt arbeitet die Performance-Ebene mit überzeichneten, fast archetypischen Zügen, die Garrones Bildwelt entsprechen - Schauspiel als Körperung von Motiven, nicht bloß psychologischem Feinsinn.

Handlung (spoilerfrei!)

Das Märchen der Märchen ist als Dreiteiler konzipiert - drei eigenständige, doch thematisch verflochtene Geschichten, die in einem imaginären, aus früheren Jahrhunderten entlehnten Reich angesiedelt sind. Jede Episode entfaltet einen klaren dramatischen Konflikt: ein Verlangen, das gesellschaftliche Ordnung in Frage stellt; eine Suche nach Anerkennung, die persönliche Grenzen sprengt; und eine Begegnung mit dem Andere, das zur Katharsis wie zur Katastrophe werden kann.

Die zentralen Figuren sind Monarchen, Verliebte, Eltern und ausgesetze Außenseiter - Gestalten, deren private Sehnsüchte unmittelbar politische Resonanz haben. Das Erzähltempo variiert bewusst - mal ruht die Kamera in tableaux, die Zeit dehnen, mal treibt eine knappe Montage die Handlung voran. Atmosphärisch bewegt sich der Film zwischen märchenhafter Entrückung und brutaler Erdigkeit, wobei die Tonalität zugleich sinnlich, unheimlich und oft schwarzkomisch ist.

Garrone vermeidet einfache Moralinszenen und setzt stattdessen auf Aporien - die Geschichten arbeiten mit Echos und Wiederholungen, sodass am Ende weniger eine Lösung als vielmehr die Frage nach den Kosten des Begehrens stehen bleibt.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum des Films stehen Macht, Begierde und die Körperlichkeit von Verwandlung. Garrone interessiert sich weniger für die moralische Lesart alter Fabeln als für ihre strukturellen Konstanten - wie Mythen Menschen zu Objekten machen, wie sie Verlangen normieren und Gewalt legitimieren. Wiederkehrende Motive wie Spiegel, Nahrung, Verwandlung und das Motiv des Monsters fungieren als symbolische Konstanten, die sich in verschiedenen Konstellationen entfalten.

Philosophisch stellt der Film Fragen nach dem Verhältnis von Erzählung und Realität - wie Geschichten soziale Tatsachen formen und wie Mythen als Reservoir für kollektive Traumata dienen. Gesellschaftspolitisch lässt sich ein Reflex über Repräsentation lesen - die Art, wie Herrschaft ihr Bild pflegt und welchen Preis Individuen dafür zahlen. Psychologisch geht es um die Unentrinnbarkeit von Begierden und die Art, wie Identität unter äußerem Druck zerreißt oder sich neu zusammensetzt.

Zusammengefasst entfaltet Das Märchen der Märchen eine dichte Auseinandersetzung mit dem archaischen Kern menschlicher Motivationen - nicht in der Absicht, Antworten zu liefern, sondern um die Fortdauer dieser Fragen in einer modernen Bildsprache zu veranschaulichen. Garrones Film arbeitet als visuelle Meditation über das, was Geschichten anrichten können - ein Kaleidoskop aus Schönheit, Grauen und der unaufhörlichen Suche nach Sinn.

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