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Bridget Jones' Baby

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kritiken.de Redaktion 20.10.2016
Bridget Jones' Baby© StudioCanal Deutschland
A ca. 1696 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Bridget Jones' Baby - Zwischen self-fashioning und Reife: Komödie, Identität und Popkultur aus dem britischen Gegenwartskino

Einleitung

Bridget Jones' Baby tritt an als symptomatisches Kapitel einer populären Figur, deren kulturelle Arbeit weit über die Beliebigkeit einer Romantikkomödie hinausweist. Dreizehn Jahre nach dem zweiten Film nimmt die Reihe nicht nur die ikonische Protagonistin wieder auf, sondern verhandelt in ihrem leichten Tonfall Fragen, die im 21. Jahrhundert von besonderer Dringlichkeit sind: Alter, Mutterschaft, Autonomie und die ständige Selbstkonstruktion in Mediengesellschaften. Der neue Film ist deshalb nicht bloß ein Franchise-Produkt, sondern ein Fenster in die aktuellen öffentlichen Auseinandersetzungen um Weiblichkeit und soziale Erwartung.

Die Relevanz des Films liegt weniger in narrativer Innovation als in der ästhetischen und emotionalen Modulation einer bekannten Figur. Bridget Jones ist über die Jahre zur kulturellen Projektionsfläche geworden - witzig, schräg, verletzlich - und das dritte Leinwandkapitel führt vor Augen, wie populäres Kino Identitätserzählungen aufnimmt, transformiert und wieder ausspuckt. In dieser Hinsicht fungiert Bridget Jones' Baby als Indikator dafür, wie britische Komödie heute Nostalgie, Selbstironie und Gegenwartsdiagnose verbindet.

Im Kontext gesellschaftlicher Debatten von Mitte der 2010er Jahre - über reproduktive Rechte, berufliche Selbstverwirklichung und neue Formen der Partnerschaft - fungiert der Film als moderat konservative, zugleich aber reflexive Stimme. Er rekonstruiert die Biederkeit britischer Romantikklischees und unterläuft sie sachte durch die Selbstreflexion seiner Protagonistin. Diese Doppelbewegung macht den Film für das Feuilleton interessant: Er ist Unterhaltung, bleibt aber über Diagramme von Witz und Peinlichkeit immer auch ein Text über Normen und ihre Konstitution.

Kurzüberblick zur Produktion

Sharon Maguire, die Regisseurin des ersten Bridget Jones-Films, kehrt mit Bridget Jones' Baby an die Reihe zurück und bringt eine Handschrift mit, die Nähe und Beobachtungslust verbindet. Ihr Regiestil favorisiert intime Kameraeinstellungen, die komödiantische Peinlichkeiten mit einer gewissen rührenden Vertraulichkeit einrahmen. Maguires Inszenierung legt Wert auf das Innenleben der Figur - weniger auf spektakuläre Gags als auf Timing, Mimik und die rhythmisierte Montage von Alltagsszenen.

Produziert im Rahmen des etablierten britischen Kinos, positioniert sich der Film als kommerziell erfolgreicher Beitrag eines nationalen Pop-Genres. Die Produktion orientiert sich an den Mechanismen moderner Franchise-Pflege - Rückkehr bewährter Besetzung, behutsame Modernisierung der Form und Ergänzung durch internationale Stars, um ein größeres Publikum zu erreichen. Diese Produktionsstrategie spiegelt eine Branche, die zwischen künstlerischer Identität und Marktverwertung auszutarieren versucht.

Innerhalb des Gesamtwerks Maguires markiert Bridget Jones' Baby eine Rückkehr zu vertrautem erzählerischem Terrain. Während sie in anderen Arbeiten ebenfalls das Spannungsverhältnis von privatem Gefühlsleben und öffentlicher Performance untersuchte, nutzt der vorliegende Film die Genrelogik der romantischen Komödie, um diese Motive in breiteren sozialen Kontexten weiterzudenken.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Renée Zellweger steht erneut im Zentrum als Bridget Jones - eine Figur, die sie vor mehr als einem Jahrzehnt international popularisierte. Zellwegers Leistung liegt in der Balance von komödiantischer Präzision und emotionaler Verletzbarkeit; ihr Bridget ist weniger Karikatur als eine gestaltete Identität, die sich beständig neu verhandelt. Die Rolle hat für Zellweger den Charakter einer Signaturfigur, vergleichbar mit ihren prägnanten Auftritten in dramatischen und musikalischen Genres.

Colin Firth kehrt als Mark Darcy zurück, dessen stoische Integrität und soziales Korsett ihn seit dem Romanadaptionen-Kanon zu einer Art moralischer Konstante machen. Firths Karriere, geprägt von Rollen in adaptierter Literatur und ernsthaften Dramen, bringt eine Schwere und Verlässlichkeit in die Figur, die als Gegengewicht zur turbulenten Energie von Bridget dient. Patrick Dempsey tritt als Außenstehender in diese Konstellation und bringt mit seiner Hollywood-Persona eine andere Rhythmik von Charme und Selbstsicherheit in das Netz der Beziehungen; seine frühere Bekanntheit aus Fernsehserien und melodramatischen Formaten markiert ihn als bewusst gesetzten Kontrast.

Das Ensemble wird ergänzt von Schauspielerinnen und Schauspielern, die den sozialen Kosmos der Protagonistin verkörpern - Freunde, Familie und Kollegen, die über Jahre hinweg mit der Filmreihe verknüpft sind. Diese wiederkehrenden Gesichter funktionieren als narrativer Hintergrundchor, der sowohl Kontinuität als auch die allmähliche Veränderung der sozialen Lebenswelt unterstreicht.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film setzt bei einer Bridget ein, die sich in einer Lebensphase befindet, die zwischen Selbstbestimmung und dem Wunsch nach Bindung oszilliert. Ein unerwartetes Ereignis - das den erzählerischen Antrieb bildet - wirft ihr Leben neu auf, indem es Fragen von Verantwortung, Zugehörigkeit und persönlicher Zukunftsperspektive in den Vordergrund rückt. Aus dieser Setzung erwächst ein dramatischer Konflikt, der nicht von äußeren Katastrophen lebt, sondern von der inneren und sozialen Aushandlung der Protagonistin.

Im Fokus stehen die Wechselbeziehungen zwischen Bridget und zwei zentralen männlichen Figuren, deren unterschiedliche Lebensentwürfe verschiedene Möglichkeiten der Identitätserhaltung und -veränderung spiegeln. Der Ton des Films bewegt sich zwischen lakonischer Beobachtung, körperlich komischer Situationskomik und warmherziger Melancholie. Atmosphärisch bleibt die Produktion in der Tradition britischer Romantikkomödie - licht, dialogorientiert und auf die soziale Bühne der Metropole bezogen.

Zentrale Themen und Motive

Bridget Jones' Baby stellt Fragen nach Autonomie und Fremdbestimmung, nach Erzählmacht über das eigene Leben und nach der Konstruktion weiblicher Reife. Im Zentrum steht die Spannung zwischen der persönlichen Biographie und gesellschaftlichen Erwartungen - Mutterschaft als Wahl und als normatives Projekt, Paternität als juristische und symbolische Kategorie, und die mediale Vermittlung von Intimität. Die Frage, wie eine Frau ihr Leben navigiert, ohne dabei ihre Stimme aufzugeben, ist Leitmotiv.

Formal und motivisch arbeitet der Film mit wiederkehrenden Elementen: der Tagebuchmetaphorik, die Selbstbeobachtung zum narrativen Motor macht; der Komik des Körpers, die sozialen Status und Peinlichkeiten sichtbar setzt; und einem kulturellen Subtext, in dem Klasse, britische Eigenheiten und transatlantische Einflüsse aufeinandertreffen. Diese Motive dienen weniger der moralischen Belehrung als der Darstellung von Unschärfen - von Entscheidungen, die nicht eindeutig sind, und von Identitäten, die in Bewegung bleiben.

In ihrer Summe ist Bridget Jones' Baby ein Film, der Populäres mit Reflektion koppelt. Er beansprucht nicht, Antworten zu liefern, sondern zeigt die Komplexität von Lebensentwürfen in einer Gegenwart, die zunehmend von Optionen, Unsicherheiten und medialer Sichtbarkeit geprägt ist. Als Beitrag zum gegenwärtigen britischen Kino ist er deshalb vor allem als kultureller Beobachter interessant - ein Stück Unterhaltung, das zugleich ein Spiegel der Zeit liefert.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Sie ist wieder da, die Mutter aller „Clumsy Girls“, diesem undankbaren Trend selbstbewusst-trottliger Frauen im Unterhaltungskino: Bridget Jones kehrt nach über zehn Jahren Kinoabsenz unter der Regie von Sharon Maguire („Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“) auf die Leinwand zurück. Mit stolzen 43 Jahren, die man ihr erfreulicher Weise auch ansieht, darf sie wieder durch Fettnäpfchen waten, ihren Traumprinzen suchen und – wie der Titel bereits verrät – ein Baby bekommen.

Doch wie es sich für Bridget Jones gehört, ist auch diese Schwangerschaft kein linearer und stressfreier Weg zum romantischen Happy End, denn nachdem die beruflich erfolgreiche Singlefrau jahrelang enthaltsam gelebt hat, landet sie nun mit wenigen Tagen Abstand gleich mit zwei Männern in der Kiste: dem attraktiven und schwerreichen Dating-Guru Jack (Patrick Dempsey, auch bekannt als „McDreamy“ aus „Grey’s Anatomy“) und ihrem dem Kinopublikum bereits vertrauten Ex-Freund Mark Darcy (Colin Firth). Wer aber ist der Vater des ungeborenen Kindes? Und noch viel wichtiger: An wen möchte Bridget ihr Herz verschenken?

Dem liebenswerten, aber in seinem Gefühlsleben doch eher begrenzten Mark wird mit dem US-amerikanischen Charmebolzen Jack ein herrlich ungleicher Kontrahent gegenüber gestellt. Die beiden Männer, jeweils komödiantisch überzeichnete Stereotypen, amüsieren und bezaubern gleichermaßen, wobei Mark als bekanntes Gesicht zumindest bei den Zuschauern stets die Nase vorn hat. Die Dreiecksgeschichte besticht besonders dadurch, dass sich die Handlung nicht auf den Konkurrenzkampf der Männer, sondern den Entscheidungsprozess der Heldin konzentriert, die somit immer eine Akteurin bleibt und nicht zu einer, im romantisch-komödiantischen Kino so gerne inszenierten, Trophäe verkommt. Auch wenn das Wort Polyamorie, also das Konzept einer Liebesbeziehung zwischen mehr als zwei Personen, im Laufe der Geschichte fällt, wagt sich „Bridget Jones Baby“ nicht wirklich in progressive Gewässer vor, sondern schaukelt gemütlich in der Fahrrinne der heterosexuellen monogamen Zweierbeziehung als allgemeines Lebensziel.

Das aber macht der Film ungemein vergnüglich. Mit gelungenen Slapstickszenen und einem guten Timing gelingen Sharon Maguire immer wieder Lachtränenmomente, die in Erinnerung bleiben. Hauptdarstellerin Renée Zellweger weiß als Gallionsfigur des Konzepts ihren Teil beizutragen, aber auch Patrick Dempsey entpuppt sich als komödiantisches Talent und für Colin Firth ist die Rolle des aristokratisch-verklemmten Mark ohnehin ein Heimspiel. Sogar über Hugh Grant wird gelacht, dabei spielt er nicht einmal mit. Die Frauenfiguren bleiben bedauerlich marginal, bilden aber immerhin das Zentrum von Bridgets beruflichem Umfeld.

Besetzung und Humor können schließlich jedoch nicht die haarsträubend konstruierte Handlung aufwiegen. Die obligatorischen Missverständnisse, maßgeblich für den Spannungsaufbau verantwortlich, sind zu klar als solche zu erkennen und auch das Ende lässt sich unschwer erahnen. Selbst im Rahmen des Comedy-Genres schießt „Bridget Jones’ Baby“ in dieser Hinsicht weit über das Ziel hinaus und entzieht sich infolgedessen mit der Glaubwürdigkeit auch ein großes Stück seines Identifikationspotentials.

Apropos Identifikationspotential: Das Zielpublikum des Film setzt sich klar aus Menschen zusammen, die skeptisch und mit Unverständnis auf soziale Medien blicken, sich von nachwachsenden Karrierefrauen bedroht fühlen und beim Geschlechtsverkehr das Licht ausmachen. „Bridget Jone’s Baby“ ist für einen Film, in dem Sexualität auf Grund des Themas im Mittelpunkt stehen sollte, ziemlich verklemmt. Die Heldin mag als alleinstehende und beruflich erfolgreiche Mittvierzigerin emanzipiert wirken, doch als Vorbild für eine selbstbestimmte weibliche Sexualität kann sie nicht dienen.

Überhaupt ist Bridget Jones, so liebenswürdig sie auch sein mag, als Figur ein wenig gestrig. Ihre Tollpatschigkeit und nicht zuletzt auch äußere Erscheinung dienten mit der dezidierten Abkehr vom Bild der überperfekten Hollywoodschönheit einst der Entlastung des weiblichen Zielpublikums. Heute aber kann Bridget Jones mit anderen Leinwandheldinnen, die durch Selbstbewusstsein und Stärke bestechen, nicht mehr mithalten. Dass ihre Karriere in den Wirren um Schwangerschaft und Traumprinz vollkommen in den Hintergrund tritt und die romantische Paarung am Ende als Lebensziel postuliert wird, beschränkt Bridgets Vorbildfunktion beträchtlich.

So bleibt „Bridget Jones’ Baby“ vornehmlich ein Film für unglückliche, kinderlose Frauen Anfang 40, die sich in der Heldin wiederfinden, ihre Gedanken an eine Zukunft als „alte Jungfer“ ebenso teilen, wie die Einsamkeit jener, die ihren Geburtstag alleine feiern, während Freunde und Bekannte den Abend mit der Kleinfamilie genießen. Bedauerlicher Weise verlassen diese Zuschauerinnen das Kino wahrscheinlich noch unglücklicher als es sie es betreten haben. Die sympathisch pragmatische Frauenärztin Dr. Rawlings (Emma Thompson) ermutigt Bridget zwar zur Singlemutterschaft, betont ihre Fähigkeit, auch ohne Mann zurecht zu kommen, doch belehrt der Film durch sein Finale nicht nur die Gynäkologin, sondern auch die Zuschauerinnen eines Besseren: Nur Mann und Kind machen das Leben einer Frau lebenswert. Da bleibt einer das Lachen über die gelungene Komik des Films dann leider doch im Halse stecken.

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