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Boyhood

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kritiken.de Redaktion 05.06.2014
Boyhood© Universal Pictures Germany GmbH
A ca. 1551 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Boyhood: Zur Zeitlichkeit des Alltäglichen - ein filmisches Experiment über Werden und Erinnerung

Einleitung

Mit Boyhood präsentierte der amerikanische Regisseur Richard Linklater 2014 ein ungewöhnliches filmisches Unterfangen, das weniger durch narrative Kunstgriffe als durch seine existenzielle Geduld besticht. Die Relevanz des Films liegt weniger in einer dramatischen Zuspitzung als in seiner radikalen Konzentration auf das, was Kino selten zur Disposition stellt: die schleichende Kontinuität des Lebens und die spürbare Formung einer Identität über Jahre hinweg. Das Projekt rückte die Zeit selbst in den Mittelpunkt und veränderte damit das Verhältnis von Zuschauer zu Figur.

Der Film ist zudem ein Markstein im Schaffen Linklaters, dessen Werk immer wieder Zeit als dramaturgisches Material untersucht. Wo die Before-Trilogie Zeit als Gesprächsschleifen in kurzen Zeitschnitten sichtbar macht, geht Boyhood einen Schritt weiter und lässt das Medium Kino die biologischen Abläufe des Aufwachsens abbilden. Diese Perspektive verschiebt Erwartungen an Narration, Spannung und filmische Ökonomie.

In einem weiteren Sinn spiegelt Boyhood auch einen gesellschaftlichen Moment: die frühen 2000er bis 2010er Jahre als Übergangsepoche, in der technologische Veränderungen, familiäre Umbrüche und ökonomische Unsicherheiten den Alltag prägen. Linklaters Film setzt in dieser Kulisse auf Alltagsszenen statt auf Exzeptionelles und fordert damit eine neue Aufmerksamkeit für das Gewöhnliche.

Kurzüberblick zur Produktion

Boyhood ist formal ein dokumentarisches Experiment, faktisch aber ein fiktionaler Spielfilm, dessen Produktion über ein ungewöhnlich langes Zeitfenster realisiert wurde. Linklater drehte mit denselben Hauptdarstellern episodisch über etwa zwölf Jahre hinweg, sodass Ellar Coltrane, der die zentrale Figur spielt, im Film tatsächlich heranwächst. Die Konsequenz dieser Methode ist eine Authentizität, die sich nicht durch Make-up oder Tricks herstellen lässt, sondern in der realen Entwicklung von Körperlichkeit und Mimik verankert ist.

Produziert wurde der Film unabhängig, mit begrenztem Budget und studioferner Struktur, was die improvisationsfähige, intime Ästhetik begünstigte. Die Kameraarbeit ist unprätentiös, oft handlich und auf die Präsenz der Figuren ausgerichtet. Technisch bleibt der Film zurückhaltend: Schnitt, Montage und Ton ordnen sich der Chronologie unter, statt Aufmerksamkeit auf formale Experimente zu lenken. In Linklaters Gesamtwerk nimmt Boyhood eine Sonderstellung ein als das formal radikalste wie persönlichste Projekt, das die Themen seiner anderen Filme bündelt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Ellar Coltrane, dessen Schauspielpraxis in Boyhood weniger aus konventioneller Technik als aus seinem echten Heranwachsen besteht. Coltrane war vor dem Projekt kein etablierter Name; seine Leistung liest sich als kontinuierliche Präsenz, die den Zuschauer in eine Identifikationsspur einsaugt. Patricia Arquette verkörpert die Mutterfigur, getragen von einer nüchternen, häufig lakonischen Emotionalität. Arquette kam mit einer vielseitigen Karriere im Gepäck, in der sie immer wieder starke, ambivalente Frauen porträtierte.

Ethan Hawke tritt als Vaterfigur auf, ein häufiger Linklater-Kollaborateur, bekannt aus der Before-Serie und Filmen, die eine Mischung aus Intellektualität und Herz zeigen. Seine Präsenz fungiert hier als Gegengewicht zu Arquettes pragmatischer Mutterschaft und illustriert unterschiedliche Modelle von Vaterschaft. Lorelei Linklater, die Tochter des Regisseurs, spielt die Schwester und bringt eine vertraute, unprätentiöse Dynamik in die Familienkonstellation.

Handlung (spoilerfrei!)

Boyhood verfolgt die Entwicklung eines Jungen von der frühen Kindheit bis zum Beginn des jungen Erwachsenenalters. Der Film verzichtet auf eine klassische, auf Spannung hin entwickelte Dramaturgie zugunsten einer episodischen Struktur: Alltagsszenen, familiäre Diskussionen, schulische Übergänge und zwischenmenschliche Begegnungen fügen sich zu einer Chronologie, in der Jahre sichtbar werden. Die zentralen Figuren sind die Familie um den Jungen, deren Beziehungen sich verändern, ohne dass der Film auf melodramatische Wendepunkte setzt.

Der dramatische Konflikt ist nicht singulär und zugespitzt, sondern verteilt sich auf wiederkehrende Spannungsfelder: die Auseinandersetzung mit elterlicher Autorität, die Erfahrung von Verlust und Neubeginn, die Suche nach Selbstbestimmung. Ton und Atmosphäre sind geprägt von einer Mischung aus lakonischer Ruhe und einer latenten Emotionalität, die aus dem genauen Hinschauen entsteht. Musik, Mode und Technik dienen als zeitliche Marker, nicht als äußere Gags.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum von Boyhood steht die Frage nach Zeitlichkeit: Wie formt Zeit Identität, und wie verändert sich der Blick auf die eigene Vergangenheit, wenn man sie als Kontinuum erlebt? Der Film fragt nach Erinnerung als Narrativform und nach dem, was im Alltäglichen bleibt oder vergeht. Elternschaft, Verantwortung und die Ökonomie des Alltags treten als wiederkehrende Motive auf, ebenso das Ineinandergreifen von Glücksmomenten und kleinen Enttäuschungen.

Philosophisch öffnet Boyhood einen Raum für Überlegungen zu Kontinuität und Bruch, zu Biographie als Prozess statt als kohärente Geschichte. Gesellschaftlich liest sich der Film als Porträt einer Mittelklasse im Wandel, in der Stabilität kein gegebenes Gut mehr ist und Identität unter dem Druck wechselnder Lebensbedingungen ausgehandelt wird. Psychologisch verfolgt Linklater ein Interesse an der langsamen Ausbildung von Gewohnheiten, an den subtilen Wegen, auf denen Charaktere durch Wiederholung und Erfahrung geformt werden.

Formal manifestiert sich dieses thematische Interesse in der Entscheidung für Langzeitbeobachtung als Erzählmodus. Dadurch entsteht ein filmisches Erfahrungsfeld, in dem Zuschauer die Nähe zu Figuren nicht durch Höhepunkte gewinnen, sondern durch die kumulative Wirkung zahlloser kleiner Szenen. Boyhood verlangt eine andere Aufmerksamkeit: nicht die Suche nach dem Höhepunkt, sondern die Bereitschaft, Zeit mit einer Figur zu verbringen und ihr Werden nachzuvollziehen.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Richard Linklater ist ein Meister des filmischen Erzählens. Abseits der klassischen Drei-Akt-Struktur und steilen Spannungsbögen des Mainstreamkinos gelingt es ihm, sein Publikum mit scheinbar alltäglichen Geschichten vollkommen in seinen Bann zu ziehen. „Boyhood“, der bei der Berlinale 2014 seine internationale Premiere feierte, bildet da keine Ausnahme. Vielmehr scheint sich Linklater mit diesem ambitionierten Projekt noch einmal zu steigern. Spielte sich seine mit „Before Sunrise“ initiierte Trilogie noch in zeitlich stark begrenzten Rahmen ab, die der Handlung der einzelnen Filme eine klare Struktur verliehen, handelt es sich bei „Boyhood“ um die weitgehend offen konzipierte Langzeitbeobachtung einer Kindheit.

Hauptfigur Mason (Ellar Coltrane) ist zu Beginn des Films sechs Jahre alt. Sein Alltag in der texanischen Provinz, die er gemeinsam mit der alleinerziehenden Mutter Olivia (Patricia Arquette) und seiner älteren Schwester Samantha (Lorelei Linklater) bestreitet, erfährt durch zwei Ereignisse eine Wendung. Zunächst kehrt sein Vater Mason Sr. (Ethan Hawke) nach langer Abwesenheit zurück und kurz darauf entscheidet sich Olivia, mit den beiden Kindern in die nächst größere Stadt zu ziehen, um ihren College-Abschluss nachzuholen. Damit beginnt für Mason eine Reise durch verschiedene Städte, unterschiedliche und meist negative Familienkonstellationen und selbstredend seine Kindheit und Jugend.

Der Film begleitet den Helden über einen Zeitraum von etwa 12 Jahren. Dass dies so überzeugend und authentisch gelingt, ist zum Teil auf Richard Linklaters Arbeitsweise zurückzuführen. Statt für seine Hauptfigur und dessen Schwester verschiedene Kinder- und Jugenddarsteller zu casten, begann der Regisseur bereits 2002 mit seinen Dreharbeiten, die in kleinen Einheiten von wenigen Drehtagen über 10 Jahre andauerten. Infolgedessen wuchsen die Schauspieler mit ihrem Film - selbstredend nicht nur die Kinder, sondern auch Ethan Hawke und Patricia Arquette, die im Laufe des Films deutlich sichtbare körperliche Veränderungen durchlaufen. So bekommt der Zuschauer wahrhaftig den Eindruck, Mason während des Films aufwachsen zu sehen, sein Heranwachsen vom Jungen zum Jugendlichen und schließlich zum Mann mitzuverfolgen.

Es ist ein kleines dramaturgisches Wunder, dass es Richard Linklater trotz des flachen Spannungsbogens gelingt, sein Publikum über die stolze Lauflänge von 160 Minuten anhaltend zu fesseln. Zwar gibt es in Masons Kindheit und Jugend durchaus Höhen und Tiefen – in welchem Leben gibt es die nicht!? – doch verzichtet Linklater ganz bewusst auf die dramatische Übersteigerung der einzelnen Lebenskrisen. Statt das Publikum bangen zu lassen oder es zu Tränenbächen zu drängen, legt der Regisseur und Drehbuchautor hier mit einer fast dokumentarischen Neutralität eine scheinbar beliebige Kindheit dar. Die zahlreichen Zeitsprünge weiß er gekonnt zu überbrücken, nutzt popkulturelle Phänomene, technologische Entwicklungen oder auch politische Situationen, um das Verstreichen der Zeit zu demonstrieren und die jeweilige Episode zeitlich einzuordnen. Geschickt lässt er in die Dialoge Informationen über die narrativen Auslassungen einfließen, so dass der Zuschauer stets im Bilde über Masons Entwicklungen ist.

Wie auch in der „Before“-Trilogie sind es erneut die Dialoge, die aus dem Drehbuch besonders herausstechen. „Boyhood“ ist zweifelsohne ein dialogreicher Film, der den Zuschauer jedoch nie unter seiner Wortlast erdrückt. Die Gespräche der Figuren sind von großer Natürlichkeit und reflektieren gleichzeitig auf treffende Weise sowohl den jeweiligen historischen Zeitpunkt wie auch den entsprechenden Entwicklungsschritt der Hauptfigur. Ab und an erfreut Linklater sein Publikum mit einer seiner langen, ungeschnittenen Dialogszenen, in der sich die Protagonisten und somit auch die Kamera in konstanter Bewegung befinden, doch ist dieser Stil deutlich weniger ausgeprägt als in der romantischen Trilogie mit Ethan Hawke und Julie Delpy.

Stark, und auch hier knüpft Linklater an bisherige Werke an, ist zudem der Soundtrack des Films, der den Zuschauer beispielsweise mit „Yellow“ von Oasis zu Beginn des Films auf die folgende Geschichte einstimmt. Zudem spielt Musik auch für die Handlung selbst eine große Rolle, da Mason Sr. vorübergehend eine Musikerkarriere anstrebt und seine Kinder anhaltend an dieser Leidenschaft teilhaben lässt.

Die Geschichte ist von einem leichten Humor durchzogen, der in der Regel durch eine ironische Darstellung der US-Gesellschaft generiert wird, beispielsweise die amerikanische Leidenschaft für Schusswaffen aufs Korn nimmt oder sich einen Spaß daraus macht, konservative Staatsbürger der Lächerlichkeit preiszugeben. Im amerikanischen Kontext gesehen handelt es sich insgesamt um einen deutlich links ausgerichteten Film, der sich klar gegen Bush sowie den Irakkrieg und für Obama positioniert, wenn auch stets mit einem zwinkernden Auge.

„Boyhood“ ist ein kleines, vielleicht sogar ein großes Meisterwerk, das neue Maßstäbe für das filmische Erzählen setzt. Über einen derart langen Zeitraum, mit denselben Schauspielern an demselben Projekt zu arbeiten, ist ein durchaus risikoreiches Unterfangen. Doch das Rezept geht auf und das Ergebnis ist ein Film, der in unaufdringlicher Weise bezaubert und im Gedächtnis bleibt.

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