Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit: Theater, Ruhm und die Inszenierung des Ichs
Einleitung
Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit tritt in eine Filmlandschaft ein, die zunehmend von der Dominanz großer Franchises und berechenbarer Heldenbilder geprägt ist. Der Film spiegelt diese Gegenwart nicht als Kommentator von außen, sondern als inneren Ausnahmezustand einer Figur, die zwischen nostalgischer Ikone und verzweifeltem Künstler zerrieben wird. Die Relevanz des Werks liegt weniger in seiner Erzählung als in seiner formalen Behauptung: Wie inszeniert Kino Identität, Autorität und Scheitern in einer Ära medialer Allgegenwart?
In Alejandro G. Iñárritus Werk markiert Birdman eine Verschiebung hin zu einer knapp gesetzten, zugleich expressiven Erkundung des schöpferischen Selbst. Nach den expansiven, vielfigurigen Erzählungen von Amores Perros, 21 Grams und Babel wirkt dieses Stück wie eine konzentrierte Reflexion über Autorschaft und die öffentliche Bühne - ein intimes, fast theatralisches Labor, das Iñárritu mit neuer formaler Strenge betreibt. Die Regieverständlichkeit manifestiert sich hier in der Verbindung von Bühnenmetaphorik und filmischer Kunstfertigkeit.
Gleichzeitig ist der Film ein Produkt seines Zeitgeists. Er thematisiert den Konflikt zwischen künstlerischem Anspruch und Marktlogik, die Eitelkeiten moderner Prominenz und die Rolle der Kritik im Produktionsprozess kultureller Wertigkeit. In einer Kultur, die Superheldenmythen kommerziell verwertet, stellt Birdman die Frage nach dem Preis, den Individuen zahlen, wenn sie ihre Identität an ein Publikum - oder an eine Rolle - koppeln.
Kurzüberblick zur Produktion
Regie führte Alejandro G. Iñárritu, dessen Handschrift sich in der dichten, emotional aufgeladenen Inszenierung und dem Interesse an existenziellen Grenzsituationen zeigt. Die markanteste formale Entscheidung der Produktion ist die Illusion einer ununterbrochenen Einstellung - eine technisch versierte, dramaturgisch motivierte Konstruktion, die den Zuschauer in die klaustrophobische Chronologie der Handlung zieht. Die Kameraarbeit von Emmanuel Lubezki unterstreicht diese Absicht: fluids, nah und getrieben, sie verwebt Raum und Psyche zu einem kontinuierlichen Wahrnehmungsstrom.
Produziert und vertrieben von einem Studio der unabhängigen A-List, präsentiert sich Birdman mit einem moderaten bis mittleren Budget, das bewusst in intimer Schauspielarbeit und technischen Raffinessen investiert wurde statt in opulente Effekte. Besondere Erwähnung verdient der rhythmisch dichte, perkussive Score von Antonio Sanchez, der als Motor der Narration fungiert und die Unruhe der Figuren akzentuiert. Schnitt und Montage sind so angelegt, dass sie die Kontinuitätsillusion stützen und gleichzeitig subtile Brüche setzen.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Im Mittelpunkt steht Michael Keaton, dessen Karriere selbst die Themen des Films spiegelt: ein ehemaliger Superstar des Mainstreams, der als Riggan Thompson eine Karrierekrise durchlebt. Keatons Präsenz im Film operiert auf mehreren Ebenen: als körperliche Performance, als biografischer Kommentar und als Reflex über die Konstellation von Identität und öffentlicher Wahrnehmung. Emma Stone, bekannt geworden durch Rollen, die Witz und Verletzlichkeit verbinden, verkörpert eine junge Frau im Spannungsfeld zwischen Selbstverwirklichung und familiärer Bindung. Ihre Darstellung fungiert als Gegenpol zur zerstörerischen Selbstinszenierung des Protagonisten.
Edward Norton liefert eine performanceintensive Figur, die das theatralische Temperament und die narzisstische Konkurrenzhaltung verkörpert. Naomi Watts, Andrea Riseborough und Zach Galifianakis tragen vielschichtige Nebenrollen, die die Bühne des Stücks erweitern und verschiedenen Facetten von Ruhm, Verlangen und Opportunismus Gestalt geben. Die Besetzung als Ganzes ist auf Intimität angelegt: Schauspieler, die ihr Handwerk nicht hinter Effekten verbergen, sondern es in dichtem, dialogischen Zusammenspiel entfalten.
Handlung (spoilerfrei!)
Birdman erzählt von einem ehemaligen Filmstar, der versucht, sich mit einer Broadway-Produktion als ernsthafter Schauspieler zu rehabilitieren. Der Hauptkonflikt entspringt aus dem Zusammenprall von künstlerischem Ehrgeiz, persönlichen Dämonen und den ökonomischen Realitäten der Unterhaltungsindustrie. Die Handlung spielt überwiegend hinter und auf den Kulissen eines Theaters, wodurch die Grenzen zwischen öffentlicher Show und privatem Zerfall verwischen.
Die Erzählung konzentriert sich auf wenige zentrale Figuren und verlagert die Spannung in die Beziehungen untereinander: Mentor und Herausforderer, Vater und Tochter, Schauspieler und Kritiker. Der Ton ist zugleich komisch und scharf beobachtend; die Atmosphäre oszilliert zwischen schriller Satire und fast tragischer Intimität, wobei die theatralische Enge des Schauplatzes die psychologische Intensität erhöht.
Zentrale Themen und Motive
Im Kern setzt sich der Film mit Fragen der Authentizität auseinander: wer darf spielen, wer darf gelten, und wie konstruiert das Medium Film das Selbst? Die wiederkehrende Gegenüberstellung von Theater und Kino dient nicht nur als ästhetischer Kontrast, sondern als Metapher für verschiedene Formen von Öffentlichkeit und Inszenierung. Ruhm wird nicht nur als äußeres Phänomen, sondern als zum Bestandteil der Identität gewordener Zwang dargestellt.
Weitere thematische Ebenen betreffen die Rolle der Kritik und der Medien im Zirkulationsprozess kultureller Anerkennung sowie die Psychologie des Scheiterns und der Selbsttäuschung. Der Film stellt Fragen nach Verantwortung - gegenüber Kunst, Familie und Publikum - ohne einfache Antworten zu liefern. Stilistisch manifestiert sich diese intellektuelle Verunsicherung in der kontinuierlichen Kameraführung, der perkussiven Klanggestaltung und einer Bühnenästhetik, die das Filmische als performative Praxis begreift.
Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger
Geliebt zu werden, ist ein sehr menschliches und vor allem auch sehr natürliches Bedürfnis. Problematisch ist diese Sehnsucht lediglich dann, wenn das nach Zuneigung strebende Individuum nicht mehr zwischen Anerkennung und Liebe differenzieren kann und die ausnahmslos positive Gesinnung aller Menschen dieser Welt für sich verbuchen möchte. Oder anders formuliert: Es ist die Sucht nach Ruhm und nicht der Wunsch nach Liebe, der uns zum Verhängnis wird.
„Birdman“ von Alejandro González Iñárritu ist nach „Clouds of Sils Maria“ von Olivier Assayas und „Maps to the Stars“ von David Cronenberg bereits der drittel Film der Festivalsaison 2014, der sich auf selbstreflexive Weise mit dem Film- und Schauspielbusiness anhand dieser Überlegungen auseinandersetzt. Wie auch jene Filme, nutzt „Birdman“ Filmographie und Image seiner Schauspieler, um eine Meta-Ebene zu kreieren, auf der sich Fiktion und Realität untrennbar miteinander verweben.
Hauptfigur Riggan Thomson ist hierfür das vermutlich beste Beispiel. Der Ex-Superheldendarsteller, der einst mit dem fiktiven Franchise „Birdman“ Weltruhm erlangte, wird von Michael Keaton verkörpert, der mit „Batman“ und „Batmans Rückkehr“ selbst eine Vergangenheit in diesem Blockbuster-Genre vorzuweisen hat. Dass sich sowohl die Namen der beiden Helden als auch ihre Kostümierung verdächtig ähneln, verleiht dieser Besetzung eine besonders ironische Note. Wie auch Assayas und Cronenberg verhandelt auch Alejandro González Iñárritu den vermeintlichen Kontrast zwischen Pop- und Hochkultur, denn Riggan möchte sich vom breitenwirksamen Kino verabschieden und mit einer Broadway-Inszenierung ein künstlerisches Werk von wahrem Wert erschaffen. Emma Stone übernimmt als Riggans Tochter Sam in „Birdman“ die Rolle, die Kristen Stewart in „Clouds of Sils Maria“ innehatte. Nicht nur, dass auch sie als Assistentin der Hauptfigur auftritt, sie verkörpert zudem wie Stewart bei Assayas die Social-Media-Generation, die Twitter und YouTube nicht als der Realitätsflucht dienende Spielereien, sondern als festen Bestandteil der heutigen Wirklichkeit begreift, mit dem sich der Mensch des 21. Jahrhunderts auseinandersetzen muss. Damit einher geht wieder einmal die Infragestellung der von der älteren Generation postulierten Unterscheidbarkeit von „wahrer Kunst“ und Entertainment.
Alejandro González Iñárritu kann selbstverständlich nichts dafür, dass er mit seinem Film an dritter Position im Festivalkalender wenig originell wirkt. Glücklicher Weise hat „Birdman“ deutlich mehr zu bieten als nur die Verhandlung dieser zurzeit offenbar besonders prominenten Themen. Er begeistert mit einer Inszenierung, die bis auf eine kurze Montagesequenz am Ende des Films keine sichtbaren Schnitte aufweist und damit der insgesamt sehr dialoglastigen Handlung eine immense Dynamik verleiht. Alles ist im Fluss in diesem Film, vielleicht ein wenig wie auf einer Theaterbühne, die ihre Szenenwechsel und Zeitsprünge durch Verdunkelungen und Spielortwechsel markieren muss. Da sich „Birdman“ auch inhaltlich um eine Bühneninszenierung dreht und fast ausschließlich in einem Theater spielt, ergibt sich hier eine weitere Meta-Ebene, die der auffälligen und beeindruckenden Kameraarbeit eine weitere Funktion verleiht.
Auch auf der Handlungsebene selbst doppeln sich die Motive. Während das Schauspiel-Ensemble (Naomi Watts, Edward Norton, Andrea Riseborough und Keaton) ein Beziehungsdrama einstudiert, entspinnt sich auch zwischen den Leinwandcharakteren ein zunehmend komplexeres Netz aus Liebeleien, Affären und Konflikten, in das schließlich auch die junge Sam involviert wird. Dabei scheint das zu Beginn des Films formulierte Ziel, geliebt zu werden, ihnen allen gemein zu sein.
Doch welche Haltung nimmt Alejandro González Iñárritu selbst zu dieser Sehnsucht ein? Es ist vielleicht eine der größten Schwächen dieses Films, dass diese Frage nur schwer zu beantworten ist. Riggans Selbstfindungskrise nimmt mehr und mehr die Form einer Psychose an, die Iñárritu nur stellenweise als solche entlarvt. Letztlich bleibt er in seiner Darstellung ambivalent und überlässt es dem Zuschauer, inwiefern Riggans Alter Ego, der „Birdman“, tatsächlich einen Teil seiner Persönlichkeit darstellt oder vollständig imaginiert ist. Mit dieser Ambivalenz beraubt sich der Film jedoch auch seiner kritischen Position. Von satirischem Humor durchzogen, rangiert „Birdman“ zuweilen selbst an der thematisierten Grenze zwischen Unterhaltungsfilm und Kinokunst. Der mit dem mahnenden Zeigefinger portraitierte Starkult, der vom tatsächlichen Talent einer Person vollkommen isoliert scheint, bleibt am Ende alternativlos und das geradezu „fantastische“ Ende sägt schließlich kräftig am Realismus der Inszenierung.
Was ist denn nun aber mit der Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung? Welches sind denn die Menschen, deren Zuneigung uns etwas bedeuten sollte und welchen Wert hat die Anzahl von Twitter-Followern und YouTube-Clicks nun wirklich? Alejandro González Iñárritu überlässt es dem Zuschauer, Antworten auf diese Fragen zu finden. Auch die Theaterinszenierung, die nur durch ihre Wendung zum Spektakel Ruhm erlangen kann, verwischt die Grenzen zwischen Entertainment und Kunst mehr als dass sie sie definieren würde. Der Frust, den diese Unklarheiten beim Zuschauer hinterlassen, ist wohl kalkuliert. Auf komplexe Fragen, gibt es eben keine simplen Antworten. Was wir als Kunst empfinden und was nicht, müssen wir ebenso für uns selbst klären wie die Frage, wessen Liebe wir zum Leben brauchen. Und – so scheint „Birdman“ uns mit auf den Weg zu geben - jede Antwort ist „richtig“.
