kritiken.de› Filme›
Filme

Being and Becoming

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 20.11.2014
Being and Becoming© Pourquoi Pas
A ca. 820 Worte Lesezeit ca. 3 Minuten  📋 Inhalt

Being and Becoming: Die stille Ontologie des Selbst im gegenwärtigen französischen Autorenkino

Einleitung

Being and Becoming, 2014 in Frankreich erschienen, entfaltet eine zurückhaltende, doch beharrliche Erkundung des Selbst, die in ihrer formalen Strenge weniger auf Erzählakrobatik als auf filmische Beobachtung setzt. Der Film ist relevant, weil er eine Gegenposition zu schnellen Narrationen und emphatischen Gefühlsgesten einnimmt und stattdessen einen Raum schafft, in dem Identität als Prozess sichtbar wird. In einer Zeit, in der Kategorisierungen von Identität und Zugehörigkeit öffentlich ausgetragen werden, rückt dieser Film die leise Arbeit des Werdens ins Zentrum.

Im Werk des Regisseurs knüpft Being and Becoming an eine Handschrift, die sich durch eine Präferenz für minimalistische Bildkompositionen und eine sorgfältig modulierte Erzählzeit auszeichnet. Wo viele zeitgenössische Produktionen auf psychologischen Klimax zusteuern, interessiert hier das Filmen des Zwischenraums. Szenen sind so arrangiert, dass sie weniger etwas zeigen wollen als Möglichkeiten enthüllen. Diese Kontinuität macht den Film zu einem konzeptuellen Anker in der bisherigen Karriere des Filmemachers.

Gesellschaftlich lässt sich Being and Becoming als Produkt eines Jahrzehnts lesen, das von Debatten um Individualität, Herkunft und sozialer Mobilität geprägt ist. Der Film reflektiert solche Diskurse nicht didaktisch, sondern schafft eine Bühne, auf der private Mikrokonflikte die größeren Fragen spiegeln. Seine Relevanz liegt damit weniger in der Aktualität eines einzelnen Themas als in der Art und Weise, wie er Erfahrung und Bewusstsein filmisch abbildet.

Kurzüberblick zur Produktion

Being and Becoming entstand als französische Produktion im Umfeld des unabhängigen Autorenkinos. Die Arbeitsweise des Regisseurs ist handwerklich sparsam: Dezent eingesetzte Kamera, reduzierte Ausstattung und eine Tonspur, die Raum und Aktion fein austariert. Solche Produktionsbedingungen begünstigen eine Intensivierung der schauspielerischen Präsenz und eine Konzentration auf Bildräume, die sowohl intim als auch distanziert wirken.

Finanziell und institutionell bewegt sich das Projekt vermutlich im Bereich kleiner bis mittlerer Budgets, wie sie für europäische Autorenfilme typisch sind. Daraus resultiert eine Freiheit in der Form, aber auch eine Notwendigkeit zur Ökonomie in der Dramaturgie. Die filmische Sprache des Werkes verweigert sich Effekten zugunsten von Montage und Tondesign, die den Blick des Zuschauers schärfen statt ihn zu führen.

Innerhalb des Gesamtwerks des Regisseurs nimmt Being and Becoming eine zentrale Position ein, weil es thematisch die Fragen von Subjektwerdung und Erinnerung zuspitzt und formal die Umsetzung einer konsequenten Ästhetik demonstriert. Es wirkt wie ein Punkt, an dem zuvor angelegte Motive zusammenlaufen und präziser formuliert werden.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung des Films setzt auf Schauspielerinnen und Schauspieler, deren Kraft in nuancierten Innenleistungen liegt statt in demonstrativer Gestik. Die Hauptdarsteller tragen die narrative Last nicht durch laute Gefühlsausbrüche, sondern durch subtile Verschiebungen von Blick, Körperhaltung und Atemrhythmus. Solche Performances verlangen Nähe und Aufmerksamkeit und verschieben die Balance vom Plot zur Präsenz.

Viele der beteiligten Darstellerinnen und Darsteller sind im französischen Kino und Theater verankert und bringen eine Bühnenpraxis mit, die sich in kontrollierter Körperlichkeit äußert. Frühere Rollen dieser Künstlerinnen und Künstler reichen von psychologisch fokussierten Dramen bis zu harmonsumierten Charakterstudien, was ihre Fähigkeit erklärt, mehr durch Andeutungen als durch Erklärung zu kommunizieren. Im Film verkörpern sie Figuren, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart oszillieren und deren innere Entwicklung weniger linear als sphärisch erzählt wird.

Handlung (spoilerfrei!)

Being and Becoming erzählt von einer individuellen Suche, die sich in kleinen Alltagssituationen manifestiert. Die Erzählung folgt zentralen Figuren, deren Entscheidungen weniger dramatische Wendepunkte als allmähliche Selbstsetzungen markieren. Statt einer klaren Plotkurve entwickelt der Film eine Serie von Begegnungen und Momenten, die zusammen ein Porträt des Werdens ergeben.

Der dramatische Konflikt ist kein außen vorgegebener Gegensatz, sondern ein inneres Ringen zwischen vorhandenen Identitäten und dem Drang zur Veränderung. Beziehungen fungieren dabei sowohl als Spiegel als auch als Widerstandsmaterial. Diese Kollisionen sind leise, oft implizit und verlangen vom Zuschauer eine aktive Lesart der abgebildeten Mikroereignisse.

Ton und Atmosphäre sind geprägt von einer gedämpften Farbpalette, ruhigen Kamerabewegungen und einem Tondesign, das Geräusche des Alltags herausarbeitet. Diese ästhetische Zurückhaltung legt eine Distanz an, die nicht kühlt, sondern die Wahrnehmung schärft. Der Film gewinnt seine Intensität aus der Verdichtung kleiner Gesten und aus der Zeit, die er den Bildern zugesteht.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum steht die Frage nach dem Sein und dem Werden - eine thematische Dichotomie, die bereits der Titel markant formuliert. Der Film fragt nach der Möglichkeit, das Selbst nicht als fertige Größe, sondern als Prozess zu begreifen. Dies führt zu einer Reflexion über Erinnerung, Sprache und Körperlichkeit als Faktoren, die Identität formen und zugleich in Frage stellen.

Philosophisch berührt Being and Becoming klassische Ontologien, ohne sie akademisch zu diskutieren. Vielmehr werden Konzepte wie Zeitlichkeit, Kontinuität und Unterbrechung sinnlich erfahrbar gemacht. Die filmische Form fungiert dabei als Denkraum, in dem Bedeutungen nicht endgültig festgelegt werden, sondern im Vollzug des Sehens entstehen.

Gesellschaftlich öffnet der Film einen Blick auf die Bedingungen, unter denen Individuen sich neu erfinden können. Er thematisiert die Spannungen zwischen sozialer Erwartung und persönlicher Autonomie und zeigt, wie äußere Strukturen inneres Werden erleichtern oder erschweren. Psychologisch nähert sich der Film diesen Fragen durch die Darstellung von Erinnerungslücken, Ritualen und der Suche nach Kohärenz.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de