Battle of the Year - Zwischen Wettkampf und Ritual: Tanz als globales Verhandlungsfeld
Einleitung
Battle of the Year, erschienen Ende 2013, tritt an der Schnittstelle von Popkultur und Massenkino auf: Er inszeniert den internationalen Wettstreit der B-Boy-Szene als Spektakel, das sowohl sportliche Konkurrenz als auch kulturelle Repräsentation umfasst. Die Relevanz des Films liegt weniger in einer Neuerfindung des Tanzfilms als vielmehr in seinem Versuch, eine reale, transnationale Subkultur in die narrative Sprache des Hollywood-Genres zu übersetzen.
Regisseur Benson Lee, der zuvor mit dokumentarischen Arbeiten die globale Verbreitung von Hip-Hop und Breakdance beobachtet hatte, bringt in Battle of the Year eine Spur von ethnographischer Neugier in das fiktionale Feld. Der Film liest sich als Fortsetzung einer filmischen Beschäftigung mit Bewegung als Identitätsform, als ein Versuch, dokumentarische Authentizität mit den dramatischen Erwartungshaltungen eines Ensemble-Sportfilms zu verbinden.
Im Kontext des frühen 2010er-Jahre-Zeitgeists spiegelt der Film die zunehmende Ökonomisierung und mediale Verwurstung urbaner Subkulturen. Wo Breakdance einst als Gegenkultur entstand, steht es hier in einem Spannungsfeld aus Kommerzialisierung, internationaler Anerkennung und der Suche nach künstlerischer Integrität. Diese Ambivalenz macht Battle of the Year zu einem interessanten Zeitdokument, auch wenn die Form dramatischen Konventionen folgt.
Seriös und feuilletonistisch gelesen, öffnet der Film Fragen nach Authentizität, Repräsentation und der Übersetzbarkeit eines lebendigen sozialen Phänomens in die Logik von Trainingsmontagen, Kaderbildung und Wettbewerbsszenen. Die Dramaturgie folgt bekannten Mustern, doch die Präsenz echter B-Boys und die choreografische Präzision verleihen dem Film eine physische Glaubwürdigkeit, die ihn über bloße Genreklischees hinaushebt.
Kurzüberblick zur Produktion
Battle of the Year wurde von Benson Lee inszeniert, einem Filmemacher, der bereits mit dokumentarischen Arbeiten die internationale Breakdance-Szene ins Bild gesetzt hatte. Diese Vorprägung ist in der Regieführung fühlbar: Lee versucht, den Rhythmus und die kulturellen Codes des B-Boyings in eine narrative Filmstruktur zu integrieren. Produziert als US-Studiofilm mit internationaler Ausrichtung, bewegte sich das Budget im mittleren Bereich großer Tanzproduktionen, was erlaubte, sowohl namhafte Schauspieler als auch professionelle Crews und aufwändige Bühnenbilder zu engagieren.
Die Produktionsumstände zeichnen ein Bild von Kooperationen zwischen Hollywood-Mechanismen und authentischen Vertretern der Szene. Anders als reine Tanzdokumentationen ist dieser Film auf ein breites Publikum angelegt; daher finden sich Elemente typischer Sport- und Ensemblefilme: Trainingssequenzen, internationale Turnierdarstellungen und markante Showdowns. In Benson Lees Gesamtwerk steht Battle of the Year als narrative Übersetzung seiner dokumentarischen Vorerfahrungen - ein filmischer Brückenschlag zwischen Beobachtung und Inszenierung.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Das Ensemble des Films kombiniert vertraute Filmgesichter mit Performerinnen und Performern aus der B-Boy-Szene. An der Spitze steht ein etablierter TV- und Filmdarsteller, der die Rolle des Trainers übernimmt und das Ensemble dramaturgisch zusammenhält. Seine Präsenz dient als Vermittlerfigur zwischen der Welt des kommerziellen Films und der subkulturellen Realität der Tänzer.
Die übrigen Rollen sind eine Mischung aus Schauspielern, die aus populären Serien und Nebenrollen bekannt sind, sowie aus professionellen Tänzern und Popkünstlern, deren Credibility der filmischen Darstellung von Bewegung und Konkurrenz zugutekommt. Diese Besetzungsstrategie erlaubt es dem Film, sowohl dramatische Charakterarbeit zu zeigen als auch choreografische Exzellenz glaubwürdig darzustellen, ohne die Authentizität der tänzerischen Darstellung zu verwässern.
Handlung (spoilerfrei!)
Battle of the Year erzählt die Geschichte eines amerikanischen Teams, das für ein internationales Breakdance-Turnier zusammengestellt wird. Im Zentrum steht die Herausforderung, eine heterogene Gruppe von Tänzern zu einer kohärenten Formation zu formen, die sowohl technisch überzeugt als auch als kollektive Einheit auftritt. Die erzählerische Dynamik entsteht aus dem Aufeinandertreffen individueller Ambitionen, kultureller Differenzen und der äußeren Erwartungshaltung eines Wettbewerbs, der mehr ist als nur ein Tanzwettstreit.
Der dramatische Konflikt entfaltet sich auf mehreren Ebenen: persönliche Eitelkeiten der Teammitglieder, die Lehr- und Lernbeziehung zur Trainerfigur sowie die Spannung zwischen künstlerischem Ausdruck und der Notwendigkeit, im Wettbewerb zu gewinnen. Die zentralen Figuren sind sowohl durch ihre tänzerische Rolle als auch durch biografische Brüche charakterisiert, was dem Ensemblefilm eine menschliche Tiefe verleiht. Tonal bewegt sich der Film zwischen energiegeladener Performance, Trainingshärte und Momenten der Selbstreflexion.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum des Films stehen Fragen nach Authentizität, Repräsentation und der Kommerzialisierung subkultureller Praktiken. Battle of the Year verhandelt, wie eine ursprünglich marginalisierte Kulturform auf globaler Bühne sichtbar wird und wie sich dabei Bedeutungen verschieben. Der Tanz fungiert als Medium kollektiver Identitätsbildung, zugleich aber auch als Anlage für mediale Inszenierung und nationale Repräsentation.
Psychologisch interessiert sich der Film für die Dynamik zwischen Individuum und Gruppe: Wie entsteht Vertrauen in einem Ensemble, das aus sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten besteht? Philosophisch ist die zentrale Frage, ob künstlerische Geste im Kontext von Wettbewerb und Marktwert ihre ursprüngliche Bedeutung verlieren kann. Gesellschaftlich offenbart der Film die Ambivalenz moderner Globalisierung, in der lokale Ausdrucksformen zwar Anerkennung erfahren, zugleich aber einer Verdichtung zu universal verständlichen Bildern unterliegen.
Formal thematisiert der Film die Übersetzung von Bewegung in Bild und Schnitt. Die choreografischen Sequenzen sind nicht nur Selbstaussage der Figuren, sondern auch Prüfstein für die filmische Mittelwahl: Kameraführung, Rhythmus der Montage und Musik werden zu Modulatoren, die über Authentizität und Künstlichkeit entscheiden. So bleibt Battle of the Year weniger ein Lehrstück über Tanztechniken als eine Reflexion darüber, wie kulturelle Praxis in der Logik des Kinos geformt und gelesen wird.
Filmkritik von Michael Kienzl
Amerika steckt in einer Krise. Diesmal dreht es sich jedoch nicht um Krieg oder Wirtschaft, sondern um die mangelnde Pflege der eigenen Kultur. Die Tanzform Breaking – oder Breakdance, wie es hierzulande oft genannt wird – wurde in den Ghettos von New York geboren und feierte anschließend einen Siegeszug durch die ganze Welt. Nur eines macht dem Hip-Hop-Mogul Dante (Laz Alonso) dabei zu schaffen: Während sich Breaking im Ausland nach wie vor großer Popularität erfreut, halten es die Kids im Gründungsland heute nur noch für uncool. Es ist also Zeit, die alte Vormachtstellung wieder zurückzuerobern. Regisseur Benson Lee hat sich bereits in der Dokumentation „Planet B-Boy“ mit dem globalen Phänomen des Breaking auseinandergesetzt. „Battle of the Year“ ist nun die Spielfilmversion davon und erzählt, wie sich die Amerikaner ihre Ehre wieder holen. Und was wäre ein besserer Ort dafür als die titelgebende alljährliche Großveranstaltung, bei der die ganze Welt nach Paris schaut.
Es gibt eine Szene, in der ein Tänzer darauf besteht, dass Breaking kein Sport, sondern eine Kunst sei. Dabei inszeniert Benson „Battle of the Year“ wie einen klassischen Sportfilm. Ein wild zusammengewürfelter Haufen aus undisziplinierten, aber begabten jungen Männern muss innerhalb kürzester Zeit zur perfekt eingespielten Combo werden. Auf dem Weg dorthin absolvieren sie nicht nur ein militärisches Training in einem alten Gefängnis, sie bekommen auch die richtige Einstellung verpasst. In pathetischen Monologen wird ihnen vermittelt, dass sie alles schaffen können, wenn sie es nur versuchen, und dass es kein Ich im Team gibt. Josh Holloway aus der Fernsehserie „Lost“ ist als Klischee eines abgehalfterten Coachs genau der Richtige für so eine Lehrstunde. Er hat zwar keine Ahnung vom Tanzen, kann aber „Menschen gut zusammenbringen“. Und während er seine Mannen mit eiserner Disziplin zum Duell gegen einen übermächtigen Gegner treibt, muss er selbst mit seiner Alkoholsucht und einer persönlichen Tragödie klarkommen.
Auf einem recht bescheidenen Niveau entwickelt diese naiv kitschige Story durchaus einen gewissen Unterhaltungswert, auch weil man ahnt, dass alles nur Staffage für einige beeindruckende Tanzszenen sein wird. Je näher sich „Battle of the Year“ jedoch auf sein Finale zubewegt, desto kruder wirkt er zusammengeschustert. Sogar die Struktur von aktuellen Castingshows lässt Benson in seinen Film mit einfließen. Im Laufe des Trainings muss dann jeden Tag eines der Mitglieder das Camp verlassen. Bei der streckenweise etwas wirren Dramaturgie macht sich beim Zuschauen das Gefühl breit, der Film peile eine Zielgruppe an, deren Filmkonsum nur noch aus Zappen und Skippen besteht. Warum etwa R&B-Sänger Chris Brown als schwer erziehbarer Tänzer erst als eine der Hauptfiguren etabliert wird, nach einem Unfall aber plötzlich im Nirgendwo verschwindet, bleibt eines der großen Geheimnisse von „Battle of the Year“.
Es ist keine große Überraschung, dass ein Film, der sich dem Tanzen widmet, nicht allzu viel Energie für dramaturgische Feinheiten aufwendet. Um gut zu funktionieren, muss er das auch gar nicht. Man gehe nur mal zurück in die 1980er Jahre, als eine regelrechte Breakdance-Welle im Kino ausbrach und auch mit grob geschnitzten Figuren und minimalistischer Handlung Produktionen entstanden, mit denen man ein kurzweiliges Vergnügen haben konnte. Im Vergleich dazu fehlt bei „Battle of the Year“ etwas – etwas von der Begeisterung für den Gegenstand, die man sogar noch rein kommerziellen Produktionen wie „Beat Street“ und „Breakin’“ anmerkt. Sicher, die Zeiten haben sich geändert, und die anfängliche Euphorie ist verschwunden. Hip-Hop-Kultur und ihre verschiedenen Ausdrucksformen sind in den letzten Jahrzehnten ins Unermessliche gewachsen. „Battle of the Year“ ist dafür ein gutes Beispiel. Er sieht anders aus als frühere Filme über Breaking, weil er nicht mehr Ausdruck einer Subkultur ist, sondern eine gigantische Geldmaschinerie am Laufen halten muss. Die Leerstelle, die durch fehlende Persönlichkeit entstanden ist, wird einfach mit Product Placement aufgefüllt.
Wahrscheinlich könnte man auch unter diesen Voraussetzungen noch einen interessanteren Film machen als „Battle of the Year“. Doch obwohl Benson in die Materie eingearbeitet ist, interessiert er sich vor allem für die patriotische Aufstiegsgeschichte. Selbst bei den teilweise dokumentarischen Tanzeinlagen, die im letzten Drittel des Films Überhand nehmen, reicht es nicht zur großen Attraktion; auch nicht in 3D. Im desorientierenden Schnittgewitter lassen sich die einzelnen Darbietungen nur schwer würdigen. Doch natürlich hat die rasante Montage auch Methode: Sie passt sich nicht nur an die heutige Videoästhetik an, sondern kaschiert auch, dass die meisten der amerikanischen Darsteller eben bei weitem nicht so gut tanzen können wie die tatsächlichen südkoreanischen Weltmeister, denen sie im Finale begegnen. Wer sich also wirklich für Breaking interessiert, kann sich den Film sparen und sollte lieber gleich nach Paris zum wirklichen Battle of the Year fahren.

