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B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989

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kritiken.de Redaktion 21.05.2015
B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989© Interzone Pictures
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B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989 - Klangräume einer Aufruhrära

Einleitung

B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989, erschienen am 21.05.2015, wirkt weniger wie eine herkömmliche Musikdokumentation als vielmehr wie ein akustisch-visuelles Essay über die Produktion von Stadtmythen. Der Film rekonstruiert eine Dekade, in der West-Berlin als Insel der Experimentierfreude und als magnetisches Zentrum internationaler Pop- und Untergrundkultur fungierte. Seine Relevanz liegt nicht allein in der Chronik von Bands und Partys, sondern in der Reflexion, wie Sound und Bild gesellschaftliche Selbstbilder formten und transportsichere Narrative erzeugten.

Regisseur Stefan Schwietert nähert sich dem Material mit der Präzision eines Archäologen und der Sensibilität eines Komponisten. Statt linearer Biografie bietet der Film eine Montage aus Originalaufnahmen, TV-Clips, Super-8-Fragmenten und Zeitzeugeninterviews, die Wissenslücken nicht kaschiert, sondern produktiv macht. Dadurch entsteht ein Porträt, das zugleich dokumentiert und poetisiert - ein filmischer Raum, in dem Erinnerung zur materiellen Schicht wird.

Die Dekade 1979 bis 1989 steht im Film als soziale und ästhetische Schnittstelle: Wirtschaftliche Unsicherheit, die spezifische Insellage West-Berlins innerhalb des Kalten Krieges und die daraus resultierende kulturelle Freizone prägten eine Szene, die Punk, New Wave, Industrial und frühe elektronische Musik zusammenführte. B-Movie verweist damit auf größere Fragen der Popgeschichte - nach Vergänglichkeit, Kommerzialisierung und dem Verhältnis von Subkultur und Mainstream - ohne in einfache Werturteile zu verfallen.

Kurzüberblick zur Produktion

Unter der Regie von Stefan Schwietert, der sich in seinem Schaffen wiederholt dem Verhältnis von Musik, Bild und Erinnerung widmet, entsteht B-Movie als akribisch geschnittener Archivfilm. Schwieterts Handschrift zeigt sich in der Montage, die weniger chronologisch als assoziativ organisiert ist, sowie in der insistierenden Verbindung von Tondokumenten und Bildmaterial. Der Film arbeitet mit vorhandenem Material, das neu kombiniert und neu vernehmbar gemacht wird - eine Methode, die Schwietert in vergleichbaren Projekten bereits erprobt hat.

Die Produktionsumstände entsprechen dem Genre des Musikdokumentarfilms, der stark von Lizenzierungen, Archivrecherchen und Beteiligungen lokaler Protagonisten lebt. Statt großer Studioinszenierung dominiert eine low-to-midscale-Produktion, die auf die Authentizität historischer Fragmente setzt. Diese Bedingungen erzwingen ästhetische Entscheidungen - die sichtbare Körnung alter Bänder, abrupte Schnitte und der sparsame Einsatz von Nachsynchronisation - und machen so die materiellen Spuren der Zeit zum Thema.

Im Gesamtwerk Schwieterts lässt sich B-Movie als Verdichtung seiner thematischen Interessen lesen: die Dialektik von Erinnerung und Ästhetik, die politische Dimension von Klangräumen und die Frage, wie Kulturgeschichte visuell und auditiv vermittelt werden kann. Der Film funktioniert zugleich als lokales Dokument und als Beitrag zur internationalen Debatte über Popkultur als Geschichtsmedium.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

In einem traditionellen Sinn gibt es in B-Movie keine Schauspieler im Rollenfach - die Personen treten als sich selbst auf, als Protagonisten einer Szene. Mark Reeder, als DJ, Produzent und Chronist der Berliner Post-Punk- und Elektronikszene, übernimmt die Rolle des Vermittlers. Blixa Bargeld erscheint als Stimme der avantgardistischen Klangsphäre, dessen Arbeit mit Einstürzende Neubauten exemplarisch für eine radikale Materialästhetik steht. Gudrun Gut, Initiatorin und Musikerin, verkörpert die DIY-Energie und das Gender-politische Moment der Szene.

Weitere Figuren wie Nick Cave und David Bowie erscheinen in archivalischen Sequenzen und markieren die internationale Resonanz West-Berlins. Annette Humpe steht für die Verschränkung von Popverständnis und künstlerischer Ambition, während Nena die Popularisierung deutscher Popmusik repräsentiert. Namen wie Martin Kippenberger und Jim Rakete verweisen auf die enge Verzahnung von Bildender Kunst und Musikkultur. Personen wie Dr. Motte oder Westbam bringen die Perspektive der elektronischen und cluborientierten Entwicklung ein; Tilda Swinton und Muriel Gray treten als kulturelle Beobachterinnen auf, die die Magnetwirkung der Stadt bezeugen.

Die Figuren verkörpern in B-Movie keine fiktionalen Rollen, sondern fungieren als Erinnerungsinstanzen. Ihre Aussagen, Performances und Blicke werden zur Materialisierung einer Stadtphase, in der Identität, Ausdruck und Markt sich wechselseitig formten.

Handlung (spoilerfrei!)

B-Movie erzählt nicht im klassischen Sinn eine Handlung, sondern fächert eine Dekade in thematische Episoden auf. Der Film beginnt mit den spärlichen, rohen Aufnahmen der späten 1970er Jahre und verfolgt die Ausdifferenzierung von Subkulturen über das Ende der 1980er Jahre. Die Dramaturgie folgt weniger einer äußeren Konfliktlinie als dem inneren Spannungsbogen zwischen kreativer Emanzipation und wachsender Kommerzialisierung.

Im Zentrum stehen die sozialen Aggregatzustände: Proberäume, Clubs, Galerien, Demonstrationen, Radiosendungen und Fernsehmomente. Der dramatische Konflikt ist dadurch ein impliziter - es geht um die Erosion eines freien Raums durch ökonomische und mediale Mechanismen, um die Universität von Avantgarde und Kommerz, um die Frage, wie Widerstand zu Ware werden kann. Zentrale Figuren, sowohl Musiker als auch Produzenten und Künstler, werden zu Mittlern dieser Auseinandersetzung.

Ton und Atmosphäre sind den visuellen Fragmenten entsprechend: rau, pulsierend und manchmal nostalgisch, oft aber auch analytisch-kühl. Der Film bleibt narrativ offen und lädt das Publikum ein, aus den Brüchen der Montage eigene Schlüsse zu ziehen.

Zentrale Themen und Motive

B-Movie stellt Fragen nach der Produktion von Authentizität, nach der politischen Rolle von Pop und nach der Art und Weise, wie Erinnerung medial konstruiert wird. Im Zentrum steht die Untersuchung eines urbanen Ökosystems, das durch Isolation und kosmopolitische Bezüge zugleich bedroht und beflügelt wurde. Der Film thematisiert die Ambivalenz von Szene - als Ort des Widerstands und als Quelle ökonomischer Attraktivität.

Philosophisch rührt der Film an Überlegungen zu Zeitlichkeit und Vergänglichkeit: Wie konserviert Ton das Vergangene, welche Narrative bleiben sichtbar, welche werden durch Selektionsmechanismen ausgelöscht? Gesellschaftspolitisch formuliert B-Movie eine Erinnerung an urbane Möglichkeitsräume und an die Bedingungen, unter denen sie entstehen und vergehen. Psychologisch betrachtet offenbart der Film die Sehnsucht nach kollektiver Zugehörigkeit und die Risikobereitschaft, die kreative Avantgarden hervorbringt.

Insgesamt arbeitet B-Movie mit dem Motiv der Überlagerung: von Klängen, Bildern, Erinnerungen und Interessen. Aus diesen Überlagerungen ergibt sich ein komplexes Panorama einer Stadt, das weniger abschließende Antworten gibt als methodische Werkzeuge, um die Geschichte von Pop und Stadt neu zu denken.

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