Aus dem Nichts: Ein filmisches Urteil zwischen Trauer, Wut und staatlicher Ohnmacht
Einleitung
Aus dem Nichts tritt nicht als konventioneller Prozessfilm an, sondern als ästhetisch gelagerte Annäherung an Verlust, Verantwortung und die Schwierigkeit, Gewalt sprachlich und juristisch zu fassen. Fatih Akins Film gewann internationale Aufmerksamkeit nicht nur wegen seiner thematischen Brisanz, sondern auch wegen der kompromisslosen Fokussierung auf eine individuelle Erfahrung von Leid, die zugleich auf gesellschaftliche Bruchlinien verweist. Die Präsenz dieser Thematik im deutschen Kino macht den Film zu einem relevanten Beitrag einer kulturellen Debatte, die nach Antworten auf Radikalisierung, Rechtsextremismus und institutionelles Versagen sucht.
Im Werk des Regisseurs markiert Aus dem Nichts eine Fortführung und zugleich eine Zuspitzung von Motiven, die Akin seit Beginn seiner Karriere begleiten: Migrationserfahrungen, die Konflikte zwischen Zugehörigkeit und Ausgrenzung, und die musikalische wie visuelle Verdichtung emotionaler Zustände. Anders als die frühe, oft impulsive Wucht von Gegen die Wand oder die familiär verästelten Erzählungen von Auf der anderen Seite, setzt dieser Film auf eine nüchterne, fast forensische Beobachtung der Folgen von Gewalt.
Der Film entstand in einer Zeit, in der Deutschland und Europa erneut mit Fragen nach politischer Radikalisierung und dem Umgang mit Opfern traumatischer Gewalt ringen. Öffentliche Prozesse, mediale Inszenierungen und das Ringen um Sprache für das Unfassbare bilden den Zeitgeist, in dem dieser Film verankert ist. Akin erzählt nicht nur eine individuelle Geschichte, er spiegelt auch die Unsicherheiten einer Gesellschaft, die zwischen Anspruch auf Gerechtigkeit und dem Zögern staatlicher Institutionen hin- und hergerissen ist.
Kurzüberblick zur Produktion
Aus dem Nichts ist eine deutschsprachige Produktion, die bei den Filmfestspielen von Cannes 2017 uraufgeführt wurde und dort besondere Beachtung fand. Die Entscheidung, den Film in einer präzisen, kontrollierten Regie zu realisieren, spiegelt Akins Repertoire wider: ein Gespür für musikalische Untermalung, eine Vorliebe für klare Figurenkonstellationen und eine Bereitschaft, gesellschaftliche Tabus zu thematisieren. Produktionsseitig bewegt sich der Film im Feld ambitionierter Autorenkinos mit entsprechenden Förderstrukturen, die es erlauben, politisch geladene Stoffe mit künstlerischer Strenge zu bearbeiten.
Akin setzt seine Handschrift in der formalen Reduktion und in der emotionalen Präzision. Die Bildsprache verzichtet auf voyeuristische Effekte; Montage und Kameraführung dienen weniger dem Sensationsgehalt als der Möglichkeit, Schmerz und Entfremdung sichtbar zu machen. In der filmischen Chronologie seines Gesamtwerks stellt Aus dem Nichts eine der sachlichsten und zugleich persönlichsten Auseinandersetzungen mit Gewaltfolgen dar und zeigt Akin als einen Regisseur, der bereit ist, seine populäreren Erzählweisen zugunsten einer rigorosen Dringlichkeit zu überdenken.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Diane Kruger, die internationale Bekanntheit durch Rollen in Hollywoodproduktionen erlangte, steht im Zentrum des Films. Ihre Karriere reicht von historischen Epen bis zu arthouse-kompatiblen Figuren, und hier übernimmt sie die Rolle einer Frau, die in die Sphäre extremer persönlicher Verluste und institutioneller Distanz gerät. Krugers Darstellung ist das dramaturgische Zentrum, ihre Mimik und Körpersprache fungieren als primäres Narrativmittel.
Ulrich Tukur bringt seine Erfahrung als profilierter Charakterdarsteller in die Nebenrollen ein. Er ist in der Lage, komplexe, ambivalente Figuren aus dem deutschen Film- und Theaterkosmos glaubhaft zu machen und verleiht seiner Rolle eine nüchterne, oft bedrohlich-bodenständige Kontur. Johannes Krisch und Denis Moschitto treten als kontrastierende Figuren in Erscheinung; sie repräsentieren unterschiedliche gesellschaftliche Milieus und institutionelle Funktionen im Gefüge der Erzählung. Numan Acar, mit einer Karriere, die internationale Serien- und Filmauftritte einschließt, agiert in einem Ensemble, das zwischen privaten Traumaschilderungen und öffentlichen Verhandlungsräumen vermittelt.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film folgt einer zentralen Figur, deren Leben durch ein traumatisches Ereignis aus der Bahn geworfen wird. Diese private Katastrophe entfaltet sich nicht isoliert, sondern wird unmittelbar mit staatlichen Abläufen, polizeilichen Ermittlungen und einem juristischen Prozess verknüpft. Aus dem Nichts setzt auf eine stringente, linear erzählte Dramaturgie, die Raum lässt für stille Beobachtungen und emotionale Eskalationen.
Im Mittelpunkt steht der dramatische Konflikt zwischen dem Bedürfnis nach Gerechtigkeit und der Kälte bürokratischer Abläufe. Die Protagonistin wird zur Stimme ihres eigenen Schmerzes, während um sie herum eine Vielzahl institutioneller Akteure agiert - Anwälte, Ermittler und die mediale Öffentlichkeit. Tonal ist der Film eher kühl und präzise, doch zugleich dichte Atmosphäre und eine latent drohende Spannung tragen die Handlung voran.
Zentrale Themen und Motive
Aus dem Nichts fragt nach den Grenzen von Recht und Rache und nach der Fähigkeit einer liberalen Gesellschaft, Opfer und Täter in ihren institutionellen Mechanismen zu greifen. Der Film thematisiert die Schwierigkeit, individuelles Leid angemessen zu adressieren, wenn die Sprache der Öffentlichkeit und die Sprache des Rechts auseinanderdriften. Dabei geht es nicht nur um juristische Schuldzuweisung, sondern um die symbolische Anerkennung von Verlust und die Sichtbarmachung von Ursachen sozialer Gewalt.
Auf philosophischer Ebene wirft der Film Fragen nach Legitimität von Gegengewalt und nach der moralischen Belastbarkeit staatlicher Ordnung auf. Auf gesellschaftlicher Ebene werden Themen wie Fremdenfeindlichkeit, die Instrumentalisierung von Angst und das Versagen alltäglicher Solidarität in den Blick genommen. Psychologisch betrachtet erkundet der Film die Prozesse von Trauer, Entfremdung und das Ringen um eine neue Identität, nachdem die gewohnte Welt zerstört wurde. In dieser Mischung aus persönlicher Tragödie und öffentlicher Verhandlung entsteht ein filmisches Feld, das sowohl analytische als auch emotionale Reflexionen provoziert.
Filmkritik von Peter Osteried
„Aus dem Nichts“: Wenn eine Bombe alles vernichtet …
Regisseur Fatih Akin beschäftigt sich heute mit Stoffen, die auch einen türkischen Einschlag haben. Das kann mal mehr wie bei Gegen die Wand, mal weniger wie bei The Cut funktionieren, interessant sind seine Filme aber praktisch immer. Das gilt auch für Aus dem Nichts, der in Teilen von den NSU-Vorkommnissen inspiriert zu sein scheint.
Katjas Mann und Sohn werden bei einem Bombenanschlag getötet. Noch in der ersten Nacht kann Katja der Polizei der Beschreibung einer verdächtigen Frau geben. Die Ermittlungen gehen jedoch auch in die Richtung, dass untersucht wird, ob ihr Mann vielleicht in krumme Geschäfte verwickelt war. Dann werden die Täter jedoch festgenommen und der Prozess beginnt. Aber werden die Täter auch wirklich bestraft?
Aus dem Nichts ist eine kühle, in drei Teilen – „Die Familie“, „Gerechtigkeit“ und „Das Meer“ – erzählte Geschichte, die einen dokumentarischen, sehr minimalistischen Ansatz pflegt. Das zeigt sich schon an der Kühle der Farben, der Tristesse der Realität, aber auch an der sterilen Art der Darbietung, was insbesondere bei dem Gerichtsprozess zum Tragen kommt. Denn hier nutzt man auch die Mechanismen typischen Juristen-Sprechs, was dazu beiträgt, den Film unzugänglicher werden zu lassen, ihn damit aber auch in Realismus verankert.
Das funktioniert lange – erst im dritten Teil der Erzählung gerät das Ganze etwas aus dem Ruder. Weil man das Gefühl hat, dass Akin hier urplötzlich eine Art Vendetta-Geschichte erzählt, das aber in Form eines Arthaus-Films darbietet. Das beißt sich etwas, auch wenn man das Ende nur als konsequent bezeichnen kann.
In erster Linie lebt Aus dem Nichts von Diane Kruger, die einmal mehr eine grandiose, vielschichtige Darstellung abliefert. Und das über den ganzen Film hinweg, da sie eine Frau darstellt, die von dem immensen Schmerz innerlich zerrissen wird und nicht mehr weiß, wie sie damit zurechtkommen soll. Das ist eine Leistung, die man nicht genug loben kann und die es auch ist, die dafür sorgt, dass der Film letzten Endes mehr als nur solide ist. Die Art der Geschichte ist etwas mondän, aber Kruger macht sehr viel daraus. Umso mehr fällt auf, dass nicht jeder ihrer Kollegen auf demselben Niveau agiert, was insbesondere für die leiernde Darstellung des Hauptkommissars gilt.
Vielleicht hätte man bei dem Film noch stärker den NSU-Aspekt betonen sollen. Er kommt hier nur kurz zum Tragen, wenn die Polizei dahingehend ermittelt, dass das Opfer vielleicht ein Opfer wurde, weil es auch in Verbrechen verwickelt war. Aber dieser Aspekt wird sehr schnell beiseitegelegt, um sich stattdessen auf den Prozess an sich zu konzentrieren.
Aus dem Nichts ist kein Meisterwerk, aber ein durchaus interessanter Film, der zwar niemals spannend ist, dessen Wirkung man sich aber auch nicht entziehen kann.

