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Ad Astra

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kritiken.de Redaktion 20.09.2019
Ad Astra
A ca. 787 Worte Lesezeit ca. 3 Minuten  📋 Inhalt

Ad Astra - Kosmische Einsamkeit und der spätmoderne Mythos des entfremdeten Helden im Kino

Einleitung

Ad Astra ist ein beherrschter, nachdenklicher Beitrag zum modernen Science-Fiction-Kino, der weniger auf Spektakel als auf die innere Landschaft eines Protagonisten setzt. In einer Zeit, in der das Weltraumkino zwischen nostalgischer Retro-Faszination und technologischer Showmanship oszilliert, verlangt James Grays Film nach einer anderen Lesart: Raumfahrt wird hier zur Projektionsfläche für existentielle Fragen über Herkunft, Verantwortung und die Suche nach Sinn.

Die Relevanz des Films liegt weniger in seiner narrativen Erfindung als in seiner Formel: ein persönliches Drama in einem technisch imaginierten Umfeld. Ad Astra tritt in einen Diskurs, der sich seit Jahrzehnten durch das Genre zieht - die Konfrontation des Individuums mit der Leere des Alls als Spiegel der inneren Leere. Dadurch spricht der Film nicht nur genreaffine Zuschauer an, sondern auch ein Publikum, das an psychologischen Porträts interessiert ist.

Im Werk seines Regisseurs markiert der Film eine konsequente Fortführung eines thematischen Interesses. James Gray, bislang bekannt für beklemmende Familiendramen und moralisch aufgeladene Charakterstudien, verlagert seine Anliegen auf eine größere, kosmische Bühne, ohne den Fokus auf intime, psychologische Beobachtung aufzugeben. Ad Astra liest sich deshalb als Versuch, Grays persistente Themen - Vaterschaft, Schuld, Männlichkeit - in eine Ikonographie zu übersetzen, die das Kino des 21. Jahrhunderts reflektiert.

Kurzüberblick zur Produktion

Ad Astra entstand als amerikanische Studioproduktion unter Beteiligung von 20th Century Fox und New Regency und bewegte sich mit einem gut bemessenen Budget zwischen Bühne und Effekten. James Gray agierte dabei als Autor und Regisseur, was dem Projekt seine klare, kohärente Handschrift verleiht. Die Produktion kombinierte aufwändige visuelle Effekte mit praktischer Gestaltung von Sets, um einen glaubwürdigen, fast dokumentarischen Ton zu erzeugen.

Die Zusammenarbeit mit dem Kameramann Hoyte van Hoytema verleiht dem Film eine visuelle Strenge, die Erinnerung an andere zeitgenössische Weltraumwerke wachruft und zugleich ihre eigene Bildwelt entwickelt. Die sparsam eingesetzte, aber prägnante Musik sorgt für eine tonale Balance zwischen innerer Spannung und äußerer Kälte. In Grays Gesamtwerk nimmt Ad Astra eine Sonderstellung ein - es ist sein ambitioniertestes Projekt in puncto Schauwerte, bleibt aber in seiner Erzählung und Intention verwurzelt im kleinen, persönlichen Drama.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Brad Pitt trägt die zentrale Rolle des Roy McBride und schlägt in dieser Figur einen Ton an, der in Grays Kosmos häufig vorkommt: zurückgenommen, körperlich präsent, innerlich zerrissen. Pittoresk wäre die falsche Erwartung - statt Effekthascherei dominiert hier eine kontrollierte, fast minimalistische Darstellung, die auf subtile Gesten und Einschränkungen im Ausdruck setzt. Pitts Karriere, geprägt von Wandlungsfähigkeit in Filmen wie Fight Club, The Tree of Life oder Seven, liefert das Rückgrat für eine Darstellung, die von Schweigen und Blicken lebt.

Tommy Lee Jones erscheint als das relevante Gegenbild in Gestalt einer älteren, mythisch aufgeladenen Vatergestalt, deren Bedeutung mehr im symbolischen Gewicht als im expositorischen Dialog liegt. Seine Präsenz bringt die Themen von Alter, Versagen und wissenschaftlicher Hybris in den Vordergrund. Ruth Negga fungiert als emotionaler und intellektueller Pol im Umfeld des Protagonisten - eine Figur, die sowohl als Komplizin wie als ethische Instanz fungiert, ohne jedoch die inneren Konflikte des Helden zu nivellieren.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Geschichte begleitet einen Astronauten auf einer Reise, die sowohl konkret als auch metaphorisch angelegt ist. Ausgangspunkt ist die Annahme einer drohenden Gefahr aus dem Weltall, verbunden mit einer persönlichen Mission, die den Protagonisten in entlegene Winkel des Sonnensystems führt. Diese doppelte Anlage - öffentliche Verantwortung versus private Suche - erzeugt den zentralen dramatischen Konflikt des Films.

Im Zentrum steht die Figur des Roy McBride, dessen äußere Mission mit einer inneren Reise korreliert. Dabei werden andere Figuren vornehmlich in ihrer Beziehung zu ihm und zur übergeordneten Fragestellung platziert, sodass der Film weniger ein Ensembledrama als ein Charakterstück bleibt. Tonal ist Ad Astra zurückgenommen, oft lakonisch, geprägt von langen Einstellungen und einer Atmosphäre, die zwischen klinischer Präzision und melancholischer Weite oszilliert.

Zentrale Themen und Motive

Ad Astra stellt Fragen nach Zugehörigkeit und Entfremdung, nach dem Preis, den individueller Ehrgeiz und staatliche Ambitionen fordern. Die Suche nach einem fehlenden Vater ist nur die narrative Projektionsfläche für eine tiefere Erkundung von Identität, Schuld und Vergeblichkeit. Der Film konfrontiert den Zuschauer mit der Idee, dass technischer Fortschritt und menschliche Bedürftigkeit nicht automatisch in Harmonie stehen - Raumfahrt wird zum Spiegel für Beziehungsfähigkeit und moralische Orientierung.

Visuell und dramaturgisch arbeitet Ad Astra mit wiederkehrenden Motiven: dem Schweigen des Alls als akustischer und metaphorischer Leerstelle, der Größe der Natur gegenüber der Kleinheit des Menschenbildes und der Kommunikationstechnik als Mittel und Barriere. Philosophisch tritt der Film in die Tradition jener Werke, die das Kosmische als Bühne für existenzielle Fragestellungen nutzen - nicht als Flucht, sondern als Präzisierung menschlicher Unruhe. In dieser Perspektive öffnet Ad Astra den Blick auf einen spätmodernen Zeitgeist, der zwischen technischer Machbarkeit und der Sehnsucht nach Sinn hin- und hergerissen ist.

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