A Bigger Splash - Zwischen Eleganz und Verwerfungen des Begehrens im mediterranen Exil
Einleitung
Mit A Bigger Splash, der in Deutschland am 05.05.2016 ankam, liefert Luca Guadagnino einen Film, der sich wie ein sorgfältig arrangiertes Stillleben zwischen Hitze und Spannung entfaltet. Die verblüffend knappe Konstellation aus einer genesenden Musikerin, ihrem jüngeren Partner, einer Assistentin und einem unerwartet eintreffenden Ex-Liebhaber dient dem Regisseur als Bühne für ein Spiel mit Macht, Begierde und Identität. Die Bildlichkeit des Films - sonnendurchflutete Küsten, scharf konturierte Gesichter, Wasserflächen als spiegelnde Fläche und Störung - erinnert daran, warum Guadagnino heute zu den prägnantesten Stimmen im zeitgenössischen europäischen Autorenkino gehört.
A Bigger Splash liest sich als behutsame, aber kalkulierte Variation auf klassische Themen des melodramatischen Spannungsfilms; zugleich ist er ein Kommentar zur medialen und persönlichen Inszenierung von Stimme, Ruhm und Verletzlichkeit. Guadagnino nimmt eklektisch Anleihen - vor allem am Vorbild des französischen Kinos der späten 1960er Jahre - und übersetzt die Ingredienzen von Eifersucht, Rivalität und Lust in eine Gegenwart, in der Öffentlichkeit und Intimität nicht mehr sauber trennbar sind. Die Präsenz von Tilda Swinton, Ralph Fiennes, Matthias Schoenaerts und Dakota Johnson verleiht diesem Kammerspiel eine fast theatralische Intensität.
Der Film ist relevant, weil er an einem Punkt ansetzt, an dem europäisches Autorenkino und international besetzte, kommerziell denkende Produktionen sich überschneiden: Guadagnino nutzt Starbesetzung und formal präzise Inszenierung, um klassische Motive neu zu akzentuieren. In einer Zeit, in der Fragen nach Sichtbarkeit, Genderperformativität und medialer Narration virulent sind, bietet A Bigger Splash keine Antworten, wohl aber ein dichtes Geflecht von Bildern und Figurenkonstellationen, das zum Nachdenken reizt.
Kurzüberblick zur Produktion
Regie bei A Bigger Splash führt Luca Guadagnino, der sich mit Filmen wie I Am Love und später mit Call Me by Your Name einen Ruf als sensibler Formgeber erotischer und sinnesbetonter Geschichten erarbeitet hat. Seine Handschrift zeigt sich auch hier in einer sorgsamen Materialisierung von Temperamenten: Licht und Farbe, Körperlichkeit und Kostüm fungieren als Träger psychologischer Nuancen. Guadagnino arbeitet wiederholt mit einer starken visuellen Ästhetik, die das Private in kunstvoll komponierte Bilder übersetzt und das Emotionale über die Oberfläche organisiert.
Die Produktion ist als italienisch-französische Koproduktion angelegt und wurde überwiegend vor Ort auf der italienischen Insel Pantelleria realisiert. Die Entscheidung für diese mediterrane, fast isolierte Landschaft ist programmatisch: Sie liefert nicht nur eine visuelle Opulenz, sondern erzeugt zugleich die klimatische Enge, die das Drama bedingt. Als Hommage und Revision steht der Film auch in Dialog mit Jacques Derays La Piscine, ohne dessen Vorlage zu replizieren - Guadagnino entwickelt daraus eine eigenständige, zeitgemäße Studie über Rückkehr und Konfrontation.
Innerhalb von Guadagninos Gesamtwerk markiert A Bigger Splash einen Moment der Verdichtung: Die Themen Sehnsucht, Begierde und Verlust treten weniger sentimental als vielmehr analytisch auf, begleitet von einer neuen kühlen Präzision in der Konstruktion von Spannung. Der Film ist Teil einer Entwicklung, in der der Regisseur zunehmend mit konventionellen Genreelementen spielt, ohne seine poetische Handschrift aufzugeben.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Tilda Swinton steht im Zentrum des Films als Marianne Lane, eine international bekannte Sängerin, die sich von einer Stimmbandoperation erholt. Swintons Präsenz ist hier weniger auf die Darstellung eines Popstars als auf die feine Auslotung von Verletzlichkeit und Autorität gerichtet - sie nutzt Minimalität im Gesicht und eine durch die Stimme veränderte Körperlichkeit, um das Verhältnis von Öffentlichkeit und verloren gegangener Intimität sichtbar zu machen. Ralph Fiennes tritt als Harry Hawkes, eine ambivalente Figur aus Mariannes Vergangenheit, auf; Fiennes bringt die Kombination aus Charme und latent bedrohlicher Präsenz, die seine früheren Arbeiten gleichermaßen geprägt hat.
Matthias Schoenaerts spielt Paul, Mariannes jüngeren Begleiter und Produzenten - seine physische Präsenz arbeitet als Gegenpol zu den raffinierten Ambivalenzen der älteren Figuren und markiert eine andere Form von Männlichkeit, roher und doch verletzlich. Dakota Johnson, die in der Besetzung eine jüngere Assistentin verkörpert, liefert eine Figur, deren Sicht auf die Ereignisse den Zuschauer in eine moderne Form von Beobachtung rückt: ihre Naivität, Neugier und distanzierte Teilnahme bilden eine wichtige Perspektive innerhalb des Ensembles.
Die übrigen Schauspielerinnen und Schauspieler wie Aurore Clément, Lily McMenamy, Corrado Guzzanti und Elena Bucci ergänzen das Gefüge und schaffen ein Umfeld, das sowohl mundan als auch geladen wirkt. Ihre Rollen bieten atmosphärische Tiefe und akzentuieren die soziale Welt, in der die zentralen Konfrontationen stattfinden.
Handlung (spoilerfrei!)
A Bigger Splash entfaltet seine Spannung in einer konzentrierten Konstellation: Marianne, die nach einer Operation stumm oder zumindest stimmbandgeschwächt ist, lebt zusammen mit Paul auf Pantelleria, um Ruhe und Erholung zu finden. Zu ihnen stößt Penelope, eine junge Assistentin, deren Anwesenheit zugleich Beobachter- wie Vermittlerfunktionen übernimmt. Die Ruhe wird gestört, als Harry, ein Ex-Liebhaber Mariannes, unerwartet auftaucht. Dieses Ereignis initiiert eine Serie von Provokationen und subtilen Machtspielen, die die fragile Balance zwischen Vergangenheit und Gegenwart bedrohen.
Der dramatische Konflikt entsteht weniger durch spektakuläre Handlungen als durch Verschiebungen in den Verhältnissen - Blicke, Suggestionen, das gezielte Ausspielen von Erinnerungen und Ungewissheiten. Die Spannung ist psychologisch getrieben; die Figuren ringen mit Eifersucht, Verlangen und dem Bedürfnis, narrative Deutungen ihrer eigenen Geschichte zu kontrollieren. Der Ton des Films bewegt sich zwischen sonniger Leichtigkeit und latentem Unbehagen; die Atmosphäre ist zugleich luxuriös und aufgeladen.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum von A Bigger Splash stehen Fragen nach Stimme und Sichtbarkeit - buchstäblich durch Mariannes verletzte Stimme, symbolisch durch die Frage, wer die Erzählung über das eigene Leben bestimmen darf. Der Film thematisiert, wie vergangene Affären und secretos die Gegenwart unterminieren und wie öffentliche Identität mit privat geschürften Wunden kollidiert. Guadagnino erkundet Machtbeziehungen in Beziehungen - nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern auch zwischen Ruhm und Intimität, Beobachter und Beobachtetem.
Weitere Leitmotive betreffen die Medialität von Erinnerung und die Künstlichkeit der Selbstdarstellung. Wasserflächen, Spiegelungen und räumliche Enge fungieren als wiederkehrende Bilder für die brüchige Oberfläche menschlicher Beziehungen - stets schön, oft kalt und niemals unversehrt. Psychologisch interessiert sich der Film für Grenzbereiche: das Alternde versus das Junge, das Sichtbare versus das Verdrängte, die performative Rolle des Begehrens. In der Summe entsteht ein filmisches Gefüge, das weniger narrative Auflösung als ästhetische und ethische Fragen anbietet - ein Kammerspiel der Gegenwart, das die Zuschauerinnen und Zuschauer dazu anregt, über die Mechanismen des Sehens und Erzählens nachzudenken.
Filmkritik von Peter Osteried
Vier Stars und der Bigger Splash
Nach seinem Festivalhit I am Love wollte Regisseur Luca Guadagnino gerne wieder mit Tilda Swinton arbeiten. Es bedurfte nur des richtigen Projekts, das kam, als StudioCanal sich an den Filmemacher wandte. Man suchte nach einem gemeinsamen Projekt und fand im Rechtestock des Verleihers den Klassiker Der Swimmingpool. Guadagnino war von ihm fasziniert, wollte aber kein Remake drehen. Vielmehr ließ er sich von diesem Werk für seinen eigenen Film inspirieren.
Marianne (Tilda Swinton) und Paul (Matthias Schoenaerts) verbringen entspannte Tage im italienischen Pantelleria. Sie erholt sich von einer Stimmband-OP und hofft, dass ihre Stimme zurückkehren wird, ist sie doch ein weltweit gefeierter Pop-Star, er ist ein Dokumentarfilmer, der sie einst durch die Arbeit kennen lernte. Nun hat sich Besuch angekündigt: Harry (Ralph Fiennes), der einst mit Marianne liiert war und sie nun zurückerobern will. Er kommt aber nicht allein, sondern bringt seine Tochter Penelope (Dakota Johnson) mit. Schon bald nehmen die sexuellen Spannungen überhand.
A Bigger Splash atmet den Geist von Der Swimmingpool. Er sieht auch ähnlich betörend aus, übertrifft ihn in der Beziehung sogar, weil die italienische Landschaft noch so viel schöner ist. Aber in einer Beziehung ist er diesem Film dann doch unterlegen: Die charakterliche Entwicklung der Protagonisten ist weit weniger intensiv, weniger vielschichtig, einfach bedeutend weniger mitreißend. Das liegt zum einen daran, dass die Figuren ein wenig im luftleeren Raum existieren, woran auch die gänzlich überflüssigen Rückblicke nichts ändern. Andererseits ist es der Umstand, dass sie nicht erklärt werden. Das mag authentisch erscheinen, unterminiert aber die Narrative, da das gegenwärtige Bild, das man sich von den Figuren macht, nicht mit dem korreliert, was über sie erzählt wird. Besonders gilt dies für Matthias Schoenaerts Figur, von der man erfährt, dass sie vor nicht allzu langer Zeit einen Selbstmordversuch unternommen hat. Aber nichts in seinem jetzigen Leben gibt Aufschluss, warum er sich zu diesem Schritt genötigt sah.
Ähnlich verhält es sich mit den übrigen Figuren, die im Grunde nur deshalb lebendig werden, weil sie von exzellenten Schauspielern porträtiert werden. Das heißt, für drei Figuren des Quartetts gilt das. Dakota Johnsons Leistung fällt im Vergleich zu ihren Ko-Stars deutlich ab. Sie strahlt leider auch nicht den nötigen Sex-Appeal aus, der für eine Geschichte wie diese lebenswichtig ist. Immerhin dreht sich alles darum, dass zwischen den vier Figuren sexuelle Spannungen auftreten, die selbst unkonventionelle Konstellationen nicht ausschließen.
Wären diese Schauspieler nicht, würde A Bigger Splash gänzlich enttäuschen. Aber auch so hat man einigen Leerlauf, mäandernde Momente, die ins Nichts führen und die Geduld strapazieren. Mit einer Laufzeit von über zwei Stunden ist dieser Film schon fast episch – nur der Inhalt wird dem nicht gerecht. Sehenswert ist er nur, wenn man großes Schauspielkino sehen will, aber ignorieren kann, dass der Unterhaltungswert der Geschichte eher marginal ist. Kurios ist zudem auch die Wende nach gut zwei Dritteln des Films, die unvermittelt kommt, unbefriedigend aufgelöst wird und eher Fragen aufwirft, als Antworten gibt. Alles in allem ein Film, der so viel mehr hätte sein können, aber so viel weniger als Der Swimmingpool ist.

