7 Göttinnen - Sieben Porträts weiblicher Subjektivität im Spannungsfeld von Mythos und Moderne
Einleitung
Mit 7 Göttinnen, veröffentlicht am 16.06.2016, positioniert sich ein Indisch-Deutsches Kooperationsprojekt in jener Strömung des zeitgenössischen Kinos, die Geschlechterfragen nicht als sociologisches Dossier, sondern als ästhetisches Problem begreift. Der Film verhandelt die Spannung zwischen individueller Sehnsucht und kollektivem Symbolbestand und beansprucht damit Relevanz in einer Zeit, in der Debatten über Frauenrechte, urbane Unsicherheit und kulturelle Repräsentation weltweit an Schärfe gewonnen haben.
Die Relevanz des Films liegt weniger in spektakulären Narrationen als in der Versuchsanordnung: ein Ensemble von Figuren, deren persönliche Entscheidungen zugleich soziale Indizes sind. In dieser Form wird 7 Göttinnen zu einem Spiegel jener intellektuellen und politischen Diskurse, die das indische Kino der 2010er Jahre durchziehen - von Fragen nach Autonomie und Sichtbarkeit bis hin zur Aushandlung moderner Identitäten im globalen Kontext.
Die Regieangabe ist in den vorliegenden Informationen nicht angegeben, weshalb eine Einordnung in die Handschrift eines namentlich fassbaren Autorenfilmemachers nicht vorgenommen werden kann. Dennoch lässt sich das Werk stilistisch in eine Linie unabhängiger, international ausgerichteter indischer Produktionen einordnen, die mit leisem, aber präzisem Erzählduktus und einem Ensembleansatz arbeiten. Die Kooperation zwischen indischer Erzählsensibilität und europäischer Produktionsstruktur markiert einen weiteren Schritt in der Transnationalisierung des heutigen Autorenkinos.
Kurzüberblick zur Produktion
7 Göttinnen tritt als grenzüberschreitende Produktion auf, getragen von indischer Erzählkraft und europäischen Koproduktionsmechanismen. Solche Partnerschaften erlauben oft einen Zugang zu internationalen Festivals und einem arthousigen Verbreitungsweg, während sie zugleich beschränkte Budgets und die Notwendigkeit pragmatischer Produktionstechniken mit sich bringen. Im vorliegenden Fall wird die Ensemblebesetzung zum Produktionsprinzip: Mehrere Schauspielerinnen und Schauspieler teilen die narrative Fläche, was intime Dreharbeiten an zahlreichen Schauplätzen nahelegt.
Die filmische Handschrift des Werks arbeitet mit einer Montage, die episodische Lebensentwürfe zusammensetzt, und mit einem Rhythmus, der emotionale Nähe nicht durch dramatische Zuspitzung, sondern durch beharrliche Beobachtung erzeugt. Solche formalen Entscheidungen verorten 7 Göttinnen im Feld eines erzählerischen Minimalismus, der auf atmosphärische Dichte setzt statt auf exzessive Plot-Logik.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Tannishtha Chatterjee zählt zu den international profilierten Gesichtern des indischen Kinos. In unabhängigen und grenzüberschreitenden Produktionen hat sie wiederholt feinsinnige, vielschichtige Frauenfiguren geformt. In 7 Göttinnen trägt sie das Potential, eine der zentralen Protagonistinnen als Innenperspektive zu gestalten - eine Rolle, die auf stille Entschlossenheit und reflektierte Verletzlichkeit setzt.
Adil Hussain gilt als erfahrener Charakterdarsteller mit starkem Theaterhintergrund und internationalen Kollaborationen. Seine Präsenz verspricht eine ruhige, dichte Verankerung dramatischer Konstellationen. Arjun Mathur, in den letzten Jahren zunehmend als sensibler Darsteller in sowohl Kino- als auch Fernsehformaten präsent, bringt die Fähigkeit mit, innere Zerrissenheit präzise abzubilden.
Rajshri Deshpande und Pavleen Gujral gehören zur jüngeren Generation indischer Schauspielerinnen, die sich in unabhängigen Stoffen profilieren. Ihre Arbeit ist häufig von der Bereitschaft geprägt, gesellschaftliche Normen zu thematisieren und ambivalente Figuren zu spielen. Sarah-Jane Dias, Amrit Maghera, Anushka Manchanda und Sandhya Mridul erweitern die Palette um Stimmen aus Mode, Musik und etablierten Medienformen, wodurch der Film seine Ensembleästhetik musikalisch und performativ anreichert. Jeffrey Goldberg und Vikram Kochhar sowie weitere Mitwirkende strukturieren die männlichen Gegenfiguren und Familienkonstellationen, ohne ihnen die narrative Vorherrschaft zu überlassen.
Handlung (spoilerfrei!)
7 Göttinnen entfaltet sich als Ensemble-Drama, das mehrere Lebensentwürfe parallel verfolgt. Der Film erzählt episodisch von Personen, deren Wege sich kreuzen und doch ihre eigenen je konkreten Probleme tragen. Im Zentrum stehen mehrere Frauenfiguren, deren Entscheidungen und Verletzungen als Knotenpunkte gesellschaftlicher Fragen lesbar sind. Der dramatische Konflikt entspringt weniger einem äußeren Gegensatz als der inneren Kollision von Tradition und Selbstbehauptung sowie der kontinuierlichen Aushandlung persönlicher Freiheit in beengten sozialen Rahmungen.
Ton und Atmosphäre sind geprägt von einem stillen, beobachtenden Blick. Dialoge und Blicke erzeugen Spannungen, die der Film nicht auflösen will, sondern als offene Fragen in den Raum stellt. Die Erzählstruktur belässt Raum für Ambivalenzen und lädt das Publikum ein, die Lücken zu füllen - ein Verfahren, das Nähe erzeugt, ohne die Figuren zu vollständig zu erklären.
Zentrale Themen und Motive
Der Titel 7 Göttinnen verweist programmatisch auf eine mythologische Rahmung: Frauen werden nicht nur als Individuen, sondern in Relation zu traditionellen Archetypen gedacht. Der Film nutzt dieses Motiv, um die Diskrepanz zwischen Bild und Wirklichkeit zu thematisieren - zwischen idealisierenden Zuschreibungen und dem komplexen Alltag weiblicher Existenz. Das Motiv der Göttin funktioniert hier als Spiegel und als Kontrastfolie zugleich - es erhöht die Erwartungshaltung, unterminiert sie aber durch die nüchterne Darstellung persönlicher Kämpfe.
Im Zentrum stehen Fragen nach Autonomie, Sichtbarkeit und Verantwortung. Wie formt gesellschaftlicher Druck Identität? Welche Räume stehen Frauen offen, und wie verhalten sie sich in diesen Räumen? Darüber hinaus berührt der Film Themen wie Klassenverhältnisse, urbane Mobilität und die Globalisierung von Lebensstilen - ohne dabei zum programmatischen Gesellschaftspanorama zu werden. Psychologisch interessiert sich das Drehbuch für die kleinen Entschlüsse, die sich gegen größere normative Ordnungen richten - und für die alltäglichen Rituale, die Identität stabilisieren oder erodieren.
Kinematographisch korrespondieren diese Themen oft mit einer zurückgenommenen Bildsprache: Nahaufnahmen als Instrument der Intimität, ruhige Longshots als soziale Kartierungen, und eine Montage, die Gleichzeitigkeit herstellt. Ton und Sounddesign arbeiten häufig assoziativ, um innere Stimmungen zu akzentuieren, statt dramaturgisch zu führen. Insgesamt setzt 7 Göttinnen auf eine reflexive Dramaturgie, die Mythos und Moderne als Spannungsfeld begreift und so einen Beitrag zur Debatte um weibliche Repräsentation im zeitgenössischen Kino leistet.
Filmkritik von Peter Osteried
Ein wichtiger Film für Indien
Auf den ersten Blick mag 7 Göttinnen wie eine indische Version von Brautalarm anmuten. Man fühlt sich zudem auch an Circle-of-Friends-Filme wie Der große Frust erinnert, aber Samsara-Regisseur Pan Nalin hatte etwas ganz anderes im Sinn. Er befasst sich mit seinem neuesten Werk mit der indischen Gesellschaft und wie Frauen in einem repressiven, von Traditionen getragenen System leben. Was erst beschwingt und locker beginnt, nimmt plötzlich eine düstere Wende.
Freida (Sarah-Jane Dias) hat ihre besten Freundinnen nach Goa eingeladen. Hier, in der Umgebung des traumhaften Küstenstaats, will sie heiraten. Ihre Freundinnen könnten nicht unterschiedlicher sein: die Geschäftsfrau Suranjana (Sandhya Mridul), die Schauspielerin Joanna (Amrit Maghera), die nur mäßig erfolgreiche Sängerin Mad (Anushka Manchanda), die Umweltaktivistin Nagris (Tannishtha Chatterjee), die verheiratete Pam (Pavleen Gujral) und das Hausmädchen Laxmi (Rajshri Deshpande). Wen sie heiratet, enthüllt Freida noch nicht, vom Feiern hält sie alle das aber nicht ab. Die Tage vergehen und die Freundinnen sprechen über das, was ihnen auf dem Herzen liegt. Ihre Männer, ihren Sex, ihre Karrieren, ihre Sorgen, aber auch all die Träume, die sich in einem Land, in dem Traditionen und Männer das Sagen haben, verflüchtigt haben.
Tonal ist 7 Göttinnen nicht immer homogen. Ausgelassene Momente der Freude wechseln schlagartig mit ernsthaftem Drama ab. Nicht immer gelingt der Übergang fließend, so manches Mal stolpert man über die holprige Erzählweise, die vor allem von Ambition, aber auch dem Wunsch, Missstände nicht nur zu benennen, sondern richtiggehend anzuprangern, getragen ist. Das macht 7 Göttinnen zu einem ehrenwerten Film. Einem, der in Indien weit mehr Schlagkraft besitzt als in europäischen Gefilden, weil die Erlebniswelten gänzlich andere sind.
Bisweilen mutet es alles etwas viel an. Jeder seiner Hauptfiguren hängt Nalin einen Mühlstein um den Hals. Die eine will Rache für ihren toten Bruder, die andere wird in ihrer Ehe systematisch zerstört, wieder eine andere wollte sich das Leben nehmen – es sind die ganz großen Probleme in ganz großer Ballung, die 7 Göttinnen hier präsentiert. Aber das ist des Guten – oder eher des Schlechten – ein bisschen zu viel. Weniger wäre hier mehr gewesen. Stattdessen hat man das Gefühl, dass Nalin in dieses eine Werk alle Themen versammeln wollte, die ihm auf den Nägeln brennen.
Das ist ein ehrenwertes Unterfangen, auch und besonders, weil 7 Göttinnen in Bereiche vordringt, die mit der Leichtigkeit des ersten Drittels nichts mehr gemein haben, aber hier wird der Holzhammer herausgeholt, um die Botschaft zu transportieren. Sexuelle Gewalt gegen Frauen – das weiß man aus den Nachrichten – ist in Indien keine Seltenheit. Entsprechend befasst sich Nalin auch hiermit, findet dabei jedoch zu einem Ende, das in seiner Konsequenz, aber auch seine Aussage überraschend ist. In Indien wird dies sicher für Diskussionsstoff gesorgt haben, hierzulande wundert man sich eher, wie aus einer leicht-ernsthaften Dramödie plötzlich ein Selbstjustizfilm geworden ist.
Das Ende ist dann pures Arthaus. Offen, aber mit einer Aussage, schweigend, aber beredt. Ein durchaus starker Moment für einen interessanten, aber ultimativ unter seiner Ambition zusammenbrechenden Film, der in Deutschland damit aufgehübscht wurde, dass bekannte Schauspielerinnen wie Emilia Schüle oder Pegah Ferydoni für die Synchronisation verpflichtet wurden.

