Wild Tales - Jeder dreht mal durch: Schwarzer Humor und soziale Zerreißprobe in Episoden
Einleitung
Wild Tales - Jeder dreht mal durch erscheint als ein filmisches Ventil für kollektive Erregung: eine stilisierte Abrechnung mit alltäglichen Provokationen, die zu moralischen Kippmomenten werden. Der Film hat sich seit seinem Erscheinen als ein kulturelles Echo jener Zeit etabliert, in der Wut und Frustration nicht länger private Affekte blieben, sondern zu narrativen Motoren eines populären Kinos wurden. Seine Relevanz ergibt sich weniger aus einer konkreten politischen Agenda als aus der präzisen Beobachtung sozialer Spannungen und der Frage, was passiert, wenn Institutionen und Normen versagen.
Als Episodenfilm verhandelt er eine Vielzahl von Figurenkonstellationen und sozialen Milieus, bleibt dabei jedoch überraschend kohärent in Ton und Idee. Die sukzessiven Eskalationen sind dramaturgisch als Versuch lesbar, Alltägliches zu überdrehen, bis es die Grenzen des Erträglichen sprengt. In diesem Sinn funktioniert Wild Tales als Spiegel für eine Gesellschaft, die sich einerseits an Routinen klammert und andererseits jederzeit am Rand des Ausbruchs steht.
Der Film hat sich dadurch einen Platz nicht nur in der jüngeren argentinischen Filmgeschichte, sondern auch im internationalen Festival- und Arthaus-Kanon erobert. Seine pointierten, oft bitteren Bildlösungen und die sorgfältig komponierten Begegnungen zwischen Opfern und Tätern sprechen eine Ästhetik an, die Humor und Gewalt nicht gegeneinander ausspielt, sondern wechselseitig verstärkt. Dies macht den Film zu einem lesbaren Dokument eines Zeitgeistes, in dem persönliche Würde, bürokratische Ohnmacht und ökonomische Unsicherheit zu wiederkehrenden Erregungsflächen werden.
Kurzüberblick zur Produktion
Wild Tales ist ein argentinisch-spanisches Gemeinschaftsprojekt unter der Leitung von Damián Szifron. Szifron, zuvor vor allem im Fernsehen und mit Kurzfilmen hervorgetreten, nutzte das Format der kurzgeschichtlichen Abfolge, um eine stringente Ästhetik über mehrere Episoden hinweg zu entwickeln. Die Regie zeigt eine Vorliebe für präzise Inszenierung, kontrollierte Eskalation und eine Balance zwischen komödiantischer Pointierung und beunruhigender Radikalität.
Die Produktionsumstände ließen eine sorgfältige Besetzung und eine stringente visuelle Gestaltung zu, die dem Film trotz moderater Budgets eine polierte, fast klinische Kälte verleiht. Als Ensemblewerk ist die Produktion darauf angelegt, starbesetzte Einzelgeschichten in einen größeren Reflexionsraum zu stellen, wodurch einzelne Tableaus zu einem kollektiven Kommentar über soziale Mechanismen verschmelzen. Die breite internationale Resonanz, inklusive einer Nominierung für den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film, bestätigt die Wirkungskraft dieser Herangehensweise.
Im Werk Szifrons markiert Wild Tales einen Wendepunkt: Von der Serien- und Kurzfilmarbeit kommend, gelang ihm hier die kluge Übersetzung einer televisuellen Episodenlogik in ein kinotaugliches Format. Der Film funktioniert sowohl als eigenständiges Kapitel als auch als Scharnier zu weiteren Arbeiten, die sich mit Moral, Schuld und gesellschaftlicher Kommunikation auseinandersetzen.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Die Besetzung vereint einige der markantesten Gesichter des argentinischen und spanischsprachigen Kinos. Ricardo Darín, seit Jahren die Leitfigur des zeitgenössischen argentinischen Autorenfilms, bringt seine bekannte Mischung aus stoischer Präsenz und unterschwelliger Empörung ein. Sein Profil verleiht den Episoden, in denen er auftritt, sofortige dramaturgische Dichte, allein durch die Gewichtung seines Spielens.
Darío Grandinetti und Oscar Martínez stehen für eine Theater- und Filmschule, die ökonomische und moralische Nuancen mit ökonomisch eingesetzten Gesten verhandelt. Erica Rivas liefert eine energiegeladene und zugleich nervöse Präsenz, die besonders in Momenten der Überschreitung sichtbar wird. Leonardo Sbaraglia, Julieta Zylberberg, María Onetto, Rita Cortese, Nancy Dupláa und Osmar Núñez ergänzen das Ensemble mit unterschiedlichen Registern von lakonischer Kühle bis zu eruptiver Verzweiflung.
Viele der Mitwirkenden haben im Laufe ihrer Karrieren prägende Rollen in Film und Fernsehen gespielt und bringen hier gebündelte Erfahrung ein. Die Leistung des Ensembles besteht weniger in großem Gestus als in der Fähigkeit, kleine, glaubwürdige Figuren in kurz angelegten, aber emotional hoch aufgeladenen Situationen zu etablieren.
Handlung (spoilerfrei!)
Wild Tales besteht aus einer Reihe eigenständiger Episoden, die durch das gemeinsame Thema der Eskalation verbunden sind. Jede Episode beginnt mit einer alltäglichen Störung - ein Zwischenfall, eine Beleidigung, ein Fehler - und verfolgt konzentriert die Mechanik, mit der diese Störung in immer radikalere Handlungen überführt wird. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Zusammentreffen persönlicher Grolls und struktureller Offenheiten, die Vergeltung ermöglichen oder geradezu provozieren.
Die Figuren sind zumeist archetypisch konstruiert: der Angegriffene, der Bürokrat, die aus dem Ruder geratene Begegnungsperson. Aus diesen einfachen Setups entwickelt Szifron Komik- und Gewaltbögen, die mal lakonisch, mal theatralisch, oft mit großer Präzision zuschlagen. Tonal bewegt sich der Film zwischen bitterem Witz und beklemmender Zuspitzung; die Atmosphäre bleibt durchgängig geladen, weil die Zuspitzungen das Zuschauerinnenerleben direkt herausfordern.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum des Films steht die Frage nach dem Umgang mit Kränkung und Ungerechtigkeit - privat wie öffentlich. Szifron stellt der Form nach, ob und wie Vergeltung zur Form von Kommunikation werden kann, wenn institutionelle Antworten ausbleiben. Damit berührt der Film Fragen der Verantwortung, der Rechtfertigung von Gewalt und der Sehnsucht nach radikaler Wiedergutmachung.
Wiederkehrende Motive wie Essen, Fahrzeuge, offizielle Formulare und kleine bürokratische Rituale dienen als Triggerflächen, auf denen die Figuren ihre Würde verteidigen oder verlieren. Philosophisch schwingt eine Ambivalenz mit: Der Film bietet eine kathartische Sicht auf die Lust, das Unrecht zu vergelten, zugleich macht er die Kosten solcher Ausbrüche sichtbar. Sozial gesehen liest sich Wild Tales als Analyse kultureller Entladungen - ein Text über den Zerfall von Toleranz und die Funktionsweise sozialer Scham.
Wild Tales bleibt so ein prägnantes Beispiel dafür, wie Kino zeitgenössische Affekte formal erfassen kann, ohne einfache Antworten zu liefern. Es legt die Mechanik der Eskalation frei und zwingt zum Blick auf eine Gesellschaft, die zwischen Normalität und Ausnahmezustand schwankt.
Filmkritik von Peter Osteried
Die Crux der Eskalation: Sechs Geschichten der Extreme
Die offizielle argentinische Einreichung für den Wettbewerb um den Oscar für den besten ausländischen Film hat es wirklich in sich. So viel zu lachen wie in Wild Tales gab es im Kino schon lange nicht mehr – und das vor allem, weil hier das Makabere Trumpf ist.
Eine schöne junge Frau besteigt ein Flugzeug. Dort beginnt sie ein Gespräch mit einem Musikkritiker. Sie erzählt von ihrem ersten Freund, der einst klassische Musik studiert hat. Gabriel Pasternak. Was für ein Zufall, der Musikkritiker kennt ihn, er war seinerzeit in dem Ausschuss, der die Arbeit des jungen Mannes an der Uni bewerten musste. Doch der Zufall wird noch größer. Auch Pasternaks Lehrerin ist da, wegen der er einst sitzen geblieben ist. Und nicht nur das, auch ein ehemaliger Kollege ist im Flugzeug. Es stellt sich schnell heraus, dass alle an Bord des Flugzeugs Menschen sind, gegen die Pasternak einen Groll hegt. Und Pasternak selbst? Der sitzt im Cockpit, weil endlich die Zeit der Abrechnung gekommen ist.
Fragt man sich noch, wie diese Geschichte weitergehen soll, so erkennt man schnell: Das tut sie nicht. Bei Wild Tales ist der Titel Programm, hier wird nicht nur eine Geschichte erzählt, nein, es sind eine ganze Reihe von wilden, den Zuschauer immer wieder überraschenden, durchaus ernsthaften, aber mit einem schwarzen Sinn für Humor aufgeladene Geschichten. In ihnen geht es um Menschen, die sich nicht im Griff haben, um alte Rechnungen, die beglichen werden müssen, um kafkaeske Torturen, denen man in einem bürokratischem System ausgeliefert ist, oder aber auch um Liebende, deren Liebe urplötzlich in Hass umschlägt. Ins Detail zu gehen, hieße, dem Zuschauer die Freude am Entdecken dieses Irrsinns zu nehmen.
Was vom Konzept her ein wenig an die ABCs of Death erinnert, ist in der Umsetzung weit besser, weil jede Geschichte die Laufzeit erhält, die sie benötigt, um zu ihrem konsequenten, meist fiesen Ende zu geraten. Ein verbindendes Element gibt es nicht, allenfalls könnte man sagen, dass in den meisten Geschichten der Hang zur Eskalation steckt. Sie erzählen von Menschen, die sich in entscheidenden Momenten nicht zurücknehmen können, die nicht einen Schritt zurücktreten und überdenken können, was sie gerade tun, weswegen die Ereignisse mit jeder Handlung immer mehr außer Rand und Band geraten.
Der Humor ist in jeder Geschichte vorhanden, manche sind aber auch extrem düster, bisweilen sogar schmerzhaft realistisch, dann aber auch so mit Gewalt angereichert, dass man fast das Gefühl haben könnte, einem Cartoon mit dem Kojoten und dem Roadrunner zuzusehen. Erzählt werden sechs Geschichten, die natürlich übersteigert sind, die wild sind, die aber auch aus einer gänzlich normalen Situation resultieren. Das Ergebnis ist dann extrem, aber im Extremfall, wenn die Emotionen hochkochen, wenn die Ratio dem Instinkt weicht, wenn Wut und Enttäuschung übernehmen, dann kann das Ergebnis so sein, wie hier präsentiert.
Wild Tales ist grandios, komisch, emotional, mitreißend, düster, makaber. Kurz, dies sind die vielleicht besten zwei Stunden, die man in diesem Jahr im Kino verbringen kann!

