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Der große Trip - Wild

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kritiken.de Redaktion 15.01.2015
Der große Trip - Wild© Fox Deutschland
A ca. 2439 Worte Lesezeit ca. 9 Minuten  📋 Inhalt

Der große Trip - Wild als existenzielle Reise: Selbstfindung, Natur und filmische Reduktion

Einleitung

Der Kinoerfolg Der große Trip - Wild von 2015 präsentiert sich nicht nur als Biopic einer persönlichen Odyssee, sondern als ein filmisches Laboratorium für Fragen nach Identität, Schuld und körperlicher Erlösung. Die Verfilmung von Cheryl Strayeds gleichnamiger Memoiren trifft einen Ton zwischen nüchterner Dokumentation und poetischer Selbstvermessung, der sie in die Reihe zeitgenössischer Filme stellt, die das Individuum gegen die Weite der Natur ausspielen. Ihre Relevanz ergibt sich daraus, dass sie nicht allein eine individuelle Therapeutik beschreibt, sondern das Verhältnis moderner Subjektivität zur Umwelt und zur eigenen Geschichte befragt.

Regie führte Jean-Marc Vallée, dessen Arbeit seit C.R.A.Z.Y. und Dallas Buyers Club eine Vorliebe für intime Bildfindungen, episodische Montage und eine Nähe zur schauspielerischen Textur erkennen lässt. In Der große Trip - Wild bündelt er diese Handschrift zu einer reduzierten Erzählweise, die Nähe und Distanz zugleich erzeugt: Die Kamera verbleibt oft unmittelbar bei der Protagonistin, aber der Film wehrt sich gegen einfache Katharsismechanismen. So entsteht eine künstlerische Spannung zwischen Erzählfluss und innerer Fragmentierung.

Der gesellschaftliche Hintergrund des Films ist mehrschichtig. In einer Zeit, in der Selbstoptimierung, Therapiekultur und die Suche nach Sinn ebenfalls medialisierte Praktiken sind, fungiert das Bild der langen Wanderung als populäres Sinnbild. Zugleich verweist der Film auf brüchige Familienverhältnisse und persönliche Krisen, die aus dem amerikanischen Kulturraum kaum wegzudenken sind. Diese Verortung macht das Werk zu einem Dokument seiner Zeit ohne belehrend zu werden.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie: Jean-Marc Vallée. Vallées Handschrift ist geprägt von einem lakonischen Realismus, der sich in langen Close-ups, einer oft assoziativen Montage und der Temperierung von Emotionen in kleinen Gesten zeigt. Er arbeitet bevorzugt mit Schauspielern, die psychische Komplexität im Blickkontakt zu transportieren wissen, und vermeidet dabei pathetische Gesten zugunsten einer körperlich erfahrbaren Darstellung.

Der große Trip - Wild entstand als Studio-Independent-Koproduktion und profitierte von einer vergleichsweise konzentrierten Finanzierung, die dem Film erlaubt, auf opulente Effekte zu verzichten und stattdessen in Authentizität zu investieren. Die Dreharbeiten nutzten reale Landschaften des Pacific Crest Trail und umliegender Regionen, um eine ästhetische Nähe zur Natur herzustellen, die der Erzählung ihren Wirklichkeitsanspruch verleiht. Die Adaption des Buches durch Drehbuchautor Nick Hornby überträgt innere Monologe und Rückblenden in eine filmische Struktur, die episodisch und doch stringent bleibt.

Im Werk Vallées nimmt Der große Trip - Wild eine Position ein, die seine Neigung zu charakterschärfenden Porträts bestätigt, gleichzeitig aber eine neue Minimalität ausprobiert. Er fungiert als eine Brücke zwischen kompositorischer Intimität und narrativer Klarheit.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Reese Witherspoon steht im Zentrum des Films und liefert eine performance, die weniger durch Show als durch Substanz wirkt. Bekannt geworden durch Rollen wie in Walk the Line, bringt sie hier die Mischung aus Verletzlichkeit und Willenskraft, die Cheryl Strayed als Figur konstituiert. Witherspoons Spiel basiert auf feinen Temperaturschwankungen der Mimik und einem körperlichen Commitment, das die Strapazen der Wanderung spürbar macht.

Laura Dern, eine prägende Figur des amerikanischen Autorenkinos mit Stationen bei David Lynch und vielfachen Charakterrollen, übernimmt die Partie der Mutter. Ihre Präsenz bleibt im Film eine emotionale Messlatte - eine Figur, deren Abwesenheit und Nachwirkung den inneren Antrieb der Protagonistin mitbestimmen. Michiel Huisman, zuletzt einem breiteren Publikum aus Serien wie Game of Thrones bekannt, verkörpert einen flüchtigen Begleiter auf der Route und fungiert als Spiegel und Kontrapunkt für die Protagonistin. Gaby Hoffmann und weitere Nebendarsteller strukturieren die Begegnungsräume: Sie personifizieren die episodische Vielfalt des Trails und zeigen, wie Begegnungen temporär Halt, Herausforderung oder Erinnerung erzeugen.

Handlung (spoilerfrei!)

Der große Trip - Wild erzählt von einer Frau, die sich nach persönlichen Verlusten und einer Phase selbstzerstörerischer Entscheidungen auf eine weitreichende Wanderung begibt. Die äußere Reise über lange Distanzen ist gleichsam eine innere Route, die Erinnerungen, Schuldgefühle und Sehnsüchte ans Licht bringt. Der dramatische Konflikt entsteht weniger aus einem antagonistisches Gegenüber als aus dem Spannungsfeld zwischen körperlicher Belastung, emotionalen Zuschreibungen und der Suche nach einem neuen Selbstentwurf.

Im Zentrum stehen die Etappen der Wanderung, die Begegnungen am Wegesrand und Rückblenden, die Bruchstücke der Vorgeschichte in die Gegenwart verwoben. Ton und Atmosphäre wechseln zwischen rauer Naturrealität, stiller Andacht und bitterer Selbstreflexion; der Film hält sich dabei an eine leisere, eher kontemplative Gangart als an actiongeladene Abenteerschilderungen.

Zentrale Themen und Motive

Kernfragen des Films kreisen um Verantwortung, Verlust und die Möglichkeit von Selbsttransformation. Dabei stellt Der große Trip - Wild die Frage, inwiefern physische Anstrengung als Medium psychischer Verarbeitung funktionieren kann. Die Natur wird nicht romantisiert; sie ist Bühne, Bedrohung und Spiegel zugleich. In dieser Dreifaltigkeit offenbart der Film, wie Landschaft zur psychologischen Metapher wird - weitläufigkeit als Raum für Neubeginn, aber auch als Ort, der die eigene Verwundbarkeit offensichtlich macht.

Weitere Themen sind das Erinnern und das Erzählen der eigenen Biografie. Rückblenden und innere Monologe zeigen, wie Vergangenheit die Gegenwart durchdringt und wie narrative Kohärenz gegen fragmentarische Erfahrung gewonnen werden muss. Psychologisch interessiert sich der Film für das Verhältnis von Scham und Selbstannahme, für die Schwierigkeit, in der Gegenwart die Risse der Vergangenheit zu akzeptieren.

Schließlich arbeitet der Film mit Motiven von Grenze und Durchquerung - nicht nur geografisch, sondern auch symbolisch: Grenzen zwischen alt und neu, zwischen Selbsttäuschung und Klarheit. Vallées filmische Reduktion erlaubt es, diese Motive ohne Pathos zu verhandeln und den Zuschauenden in eine Beobachterposition zu versetzen, die empathisch, aber nicht bevormundend ist.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Eine Reise in die Ferne und zu sich selbst – dieses Plotkonzept kennen wir nicht nur aus der Literatur, sondern ebenso aus dem Kino. „On the Road“, „Eat, Pray, Love“, „Into the Wild“ – die Beispiele sind zahllos und sie alle basieren auf dem tatsächlichen Leben einer realen Person, nämlich dem Verfasser bzw. der Verfasserin des zu Grunde liegenden Romans. So auch im Fall von „Der große Trip – Wild“, der zwar von „Dallas Buyers Club“-Regisseur Jean-Marc Vallée und nach einem Drehbuch von Nick Hornby entstanden ist, jedoch auf dem autobiographischen Reisebericht von Hauptfigur Cheryl Strayed basiert. Die wahre Geschichte einer realen Person also.

Umso irritierender ist, dass die Leinwand-Cheryl, verkörpert von Reese Witherspoon, einfach nicht recht zum Leben erwachen will. Sie bleibt bis zum Ende eine konstruiert wirkende Figur, mit der kaum eine Identifikation möglich ist. Da sind einfach zu viele Klischees, die in den assoziativen Rückblenden heraufbeschworen werden: häusliche Gewalt, das Aufwachsen ohne Vater, der frühe Tod der Mutter, Promiskuität und später Drogensucht als Bewältigungsstrategie, eine tränenreiche Scheidung und ungewollte Schwangerschaft – nichts wird ausgelassen. Cheryl gerät in eine – bereits durch zahlreiche TV-Dramen vorgezeichnete - Abwärtsspirale, aus der sie sich nur durch ihre lebensgefährliche Wanderung entlang des Pacific Crest Trails zu befreien können glaubt. Lebensgefährlich deshalb, weil Cheryl über keinerlei Outdoor-Erfahrung verfügt. Ganz abgesehen davon, dass die Drogensucht ihrem Körper mit Sicherheit die Energiereserven geraubt hat, auch wenn man der Figur diese physischen Begleiterscheinungen ihres Lebenswandels merkwürdiger Weise nicht ansieht.

Und so tut sich mit der Besetzung bereits der erste Stolperstein auf der Wanderstrecke dieses Films auf. Die wahre Cheryl Strayed war zum Zeitpunkt ihrer Wanderung blutjunge 26 Jahre alt, ein Lebensabschnitt, den wir ohne Weiteres mit Adoleszenzkrisen und abenteuerlicher Selbstfindung assoziieren. Frau Witherspoon jedoch geht strammen Schrittes auf die 40 zu, lässt es sich aber natürlich nicht nehmen, ihre Filmfigur auch in den Highschool-Jahren zu verkörpern. Das führt zu anhaltenden Irritationen hinsichtlich ihres Alters in der Haupthandlung. Was für eine Frau haben wir hier eigentlich vor uns? Eine Mittzwanzigerin, die erstmals fokussiert ihren Weg sucht, oder vielleicht doch eine Frau im zweiten Lebensdrittel, die in der gefährlichen Wanderung ihre letzte Chance für eine neue und bessere Zukunft sieht?

Wo ein Klischee das nächste jagt, ohne dass die Handlung imstande wäre, Cheryl als komplexen Charakter anstatt als Typ zu begreifen, bleibt kein Raum für eine Charakterstudie. Und wo wir als Zuschauer Cheryl nicht ergründen können, bleibt auch ihre eigene Selbsterkenntnis eine reine Behauptung, die nicht nachempfunden werden kann. So wie sich die unbeholfene Wanderin mit ihrem Rucksack in Mini-Etappen durch die Wildnis schleppt, zieht sich auch der Film spürbar in die Länge, entbehrt er doch eben jener Abenteuer wie sie die eingangs erwähnten Reisefilme zu erzählen wussten. Die Dramatik beschränkt sich hier nahezu ausschließlich auf die Rückblenden, während die Gegenwartshandlung ereignisarm vor sich hinplätschert. Das pathetische Voice Over mit druckreifen Gedankentexten – vermutlich Auszügen aus dem zu Grunde liegenden Roman – stellt hierbei keine Brücke zur Hauptfigur, sondern vielmehr eine weitere Sperre dar.

Während Reese Witherspoon nicht nur fehlbesetzt, sondern auch völlig ausdruckslos wirkt, stellt die nicht mal 10 Jahre ältere Laura Dern in der Rolle von Cheryls Mutter Bobbi (hier wird einmal mehr die absurde Besetzung Witherspoons in der Hauptrolle deutlich) ein echtes Highlight dar. Nicht nur, weil Dern ihren Part mit spürbarer Energie und Herzblut spielt, sondern vor allem deshalb, weil ihre Figur im Grunde die interessantere darstellt. Trotz der Gewalterfahrungen in ihrer Ehe und fehlender Bildung, bleibt Bobbi bis zum Schluss eine lebensbejahende und kraftvolle Figur, ein Beweis für weibliche Unabhängigkeit und Stärke, wie ihn Cheryl trotz ihrer Wanderung niemals erbringen kann. Auch wenn die Heldin dieser Geschichte sich im Laufe der Handlung als Feministin outet, kann „Der große Trip – Wild“ doch in keinem Fall als feministischer Film bezeichnet werden. Zwar geben sich Vallée und Hornby sichtbar Mühe, dem Publikum die besonderen Herausforderungen allein reisender Frauen vor Augen zu führen, doch verstricken sie sich dennoch in zahlreichen Geschlechterklischees.

Mit ihrem völlig überladenen, weil sinnlos gepackten Rucksack-Monster wirkt Cheryl in erster Linie lächerlich. In der fehlenden Vorbereitung ihrer anspruchsvollen Reise liegt eine zudem große Portion stereotyper Naivität, die es erschwert, für die Heldin und ihr Unternehmen Respekt zu entwickeln. Auch kann Cheryl ihre Reise letztlich nur durch die tatkräftige Unterstützung männlicher Zufallsbekanntschaften bewältigen. Mit dem Ende, das freilich nicht verraten werden soll, setzen die Filmemacher dem Ganzen dann noch die Krone auf: Am Ziel einer jeden weiblichen Selbsterkenntnis, so postuliert es „Der große Trip – Wild“ recht deutlich, steht immer ein Mann.

Doch auch wer ohne emanzipatorische Ansprüche ins Kino geht, dürfte von den 120 Minuten ereignisarmer Landschaftswanderung und überzeichneter Rückblenden schnell gelangweilt sein.

Filmkritik von Tim Lindemann

?Der Weg ist das Ziel? ist das ewige Mantra des Roadmovies – mit physischer Bewegung über einen längeren Zeitraum geht im Film immer auch mentale Umstrukturierung einher. Wenn das Ende des Trips meist auch ganz anders aussieht, als es sich die Reisenden vorgestellt haben, so durchlaufen sie und wir als Beobachter doch immer einen gewissen Entwicklungsprozess. Das gilt selbst dann, wenn dieser letztendlich symbolisch in der Auslöschung endet, siehe ?Thelma & Louise? oder ?Badlands?. Post-moderne Roadmovies funktionieren genauso und doch ein wenig anders: Hier begeben sich die Protagonisten oft bewusst auf Reisen, um die gewünschte Transformation in Gang zu setzen – sie haben die Mechanismen des Genres bereits selbst verstanden. Aktuelle Beispiele für diese Spielart sind etwa ?Into The Wild? oder ?Spuren? mit Mia Wasikowska. Besonders mit letzterem hat ?Wild?, der neue Film von Jean-Marc Vallée einiges gemeinsam – weibliche Protagonistin, endlose Weiten, Reise als Flucht vor und Suche nach dem Selbst.

In ?Wild? schlüpft in die Rolle der Reisenden Cheryl ausgerechnet Reese Witherspoon – eine Schauspielerin, die in ihrem Star-Image selbst einen interessanten Weg zurückgelegt hat: von der mädchenhaften Tussi in ?Natürlich Blond?, über ihre Oscar-prämierte Leistung in ?Walk The Line? bis hin zu aktuellen, uneitleren Performances wie in Jeff Nichols ?Mud? und Produzentinnen-Credits in Finchers ?Gone Girl?. Hier spielt sie eine ehemals schwer drogenabhängige junge Frau, die der frühe Krebstod ihrer Mutter in eine schwere Depression gestürzt hat. Die Reise – eine zweimonatige Wanderung entlang des berüchtigten Pacific Crest Trails – soll ihre Wiederauferstehung herbeiführen und sie, so beschreibt sie es selbst im Off-Kommentar - ?zu der Frau machen, von der meine Mutter immer glaubte, dass ich sie bin.?

Regisseur Jean-Marc Vallée hat erst vor kurzem mit ?The Dallas Buyers Club? einen beeindruckenden Film über die Selbstfindung eines Mannes kurz vor dem körperlichen Kollaps gedreht. Sein Protagonist fand dort neuen Lebensmut durch die Aufgabe seines selbst-zentrierten, zerstörerischen Lebenswandels und der gleichzeitigen Aufopferung für seine Mitmenschen. ?Wild? funktioniert gewissermaßen als weiblicher Parallelfilm zum Vorgänger, wenn Witherspoons Cheryl hier auch einen anderen Weg geht: Sie muss der ungesunden Spirale aus anonymem Sex und verzweifelten Drogenexzessen durch vollkommene Einsamkeit und Konzentration auf das Ich entkommen.

Visuell inszeniert Vallée das durch einen ständigen Wechsel zwischen Postkarten-würdigen Naturaufnahmen und pastellfarbenen Rückblenden. Er verknüpft Gegenwart und Vergangenheit dabei rein erzähltechnisch clever durch assoziativ geleitete Schnitte: Ein alter Song im Radio etwa führt Cheryl zurück in eine bestimmte Kindheitserinnerung, eine Verletzung am Arm fördert Bilder ihrer Heroinsucht an die Oberfläche. Das ist an und für sich ein sehr gelungener, weil nachvollziehbarer inszenatorischer Kniff. Leider kommen die Rückblenden in immer kürzeren Abständen, bis Cheryls gegenwärtige Wanderung beinahe vollständig in den Hintergrund rückt. Das ist sicherlich genauso beabsichtigt, entzieht dem Film aber seine notwendige Physis: Die Wanderung entlang des Trails durch reißende Flüsse und schneebedeckte Berge wird zum rein episodenhaften Spaziergang; um uns die körperliche Herausforderung näher zu bringen, hätte es einiger längerer Sequenzen der Verausgabung bedurft.

Für das Drehbuch zeichnet sich Popliterat Nick Hornby verantwortlich, dem es nicht gelingt, die zentrale Figur Cheryl glaubwürdig zu konstruieren. Angesichts der Motivation ihrer Reise – der eigenen Mutter wieder ähnlicher zu werden – ist dafür vor allem die kitschige Charakterisierung der Mutterfigur verantwortlich zu machen. Cheryls Mutter, gespielt von Laura Dern, ist eine singende, tanzende Alleinerziehende, die Sonnenuntergänge liebt und trotz aller Hindernisse nie die gute Laune verliert – bis der Krebs sie in Windeseile dahinrafft. Das ist als penetranter, manipulativer Druck auf die Tränendrüse leider kaum zu ertragen. Auch wenn der Film natürlich Cheryls subjektive Perspektive annimmt, wirkt diese Stilisierung der Mutter zu einer Art Heiligenfigur zu einseitig. Cheryls anschließender Absturz in die Sucht ist ebenso schablonenhaft: Der Übergang von bloßer Trauer zu systematischer Selbstzerstörung wird nicht glaubwürdig vermittelt, ganz plötzlich liegt die zuvor strebsame Berkeley-Studentin im typisch dekorierten Junkie-Zimmer auf der schimmligen Matratze und spritzt sich Heroin.

?Wild? beruht zwar auf der Autobiographie der realen Cheryl Strayed, hat aber durchgehend den Anstrich eines klischeehaft moralischen Selbstfindungsmärchens. Warum etwa müssen Vallée und Hornby einen hochnotpeinlichen CGI-Fuchs als spirituellen Begleiter Cheryls einbauen? Warum muss an mindestens vier verschiedenen Stellen auf fragwürdige Weise künstlich Spannung durch die Frage erzeugt werden, ob die Hauptfigur gleich vergewaltigt wird? Die Ausgangsstory des Films ist spannend genug und der oben genannte ?Spuren? hat bewiesen, dass es keiner großen visuellen oder narrativen Spielereien bedarf, um eine solche Geschichte packend zu inszenieren. Zuletzt muss außerdem festgestellt werden, dass Witherspoon der schauspielerischen Mammutaufgabe (noch?) nicht gewachsen ist. Im Gegensatz zur viel jüngeren Mia Wasikowska in ?Spuren? fehlt ihr die Bereitschaft zur absoluten Hin- und Aufgabe der eigenen Person in die Rolle, die für ein solch intensives Portrait von Nöten wäre. Schließlich endet der Film trotz zweistündiger Spielzeit abrupt irgendwo auf halber Strecke – als Roadmovie ist er damit endgültig gescheitert.

Die Vorführung fand beim "London Film Festival" statt.

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